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Klemens Pilsl

Kulturmanager, Soziologe, Texter.

Seit 2012 auch als stv. Geschäftsführer der Kulturplattform OÖ tätig; seit 2017 auch Lehrgangsleiter (LG Kunst- & Kulturmanagement) am BFI.
Textproduktionen für OÖNachrichten, Versorgerin, The Gap, Kulturrisse, KAPUzine, Mole, IG Kultur Österreich und viele andere.
Langjähriger Redakteur der KUPFzeitung.

Website: https://torial.com/klemens.pilsl

Klaus Luger: Wie stimmt sich Linz mit dem Land OÖ ab?

Immer wieder betont das Land OÖ, dass es in Belangen der Kulturpolitik eine engere Abstimmung mit Linz anstrebe. Wir haben den SPÖ-Bürgermeister der Landeshauptstadt um vier kurze Positionierungen gebeten.

Abendland, Lederhosen, Balkanroute: Eine Kultur des Reaktionären breitet sich aus. Wie sollen Städte und ihre BewohnerInnen damit umgehen?

Klaus Luger: Städte sollen aus meiner Sicht Zentren der kulturellen Vielfalt sein. Im urbanen Raum muss es möglich sein, dass Unterschiedliches Platz findet. Festivals und Konzerte, Straßenkunst, Open Airs, Klassik, elektronische Musik, aber auch Volkstümliches und vieles mehr zeichnet Linz aus. Daher sehe ich in unserer Stadt keinen Einzug der Kultur des Reaktionären.

Das Land Oberösterreich spart ein – auch bei Kunst und Kultur. Dürfen zusammengekürzte Initiativen aus Linz auf finanziellen Support durch die Stadt hoffen?

Klaus Luger: Den Großteil der frei verfügbaren Mittel für Institutionen und Vereine werden auf drei Jahre vergeben. Das ermöglicht den einzelnen Partnern Planungssicherheit. Diese Mittel sind bis Ende 2018 gebunden. Erst dann ist es uns möglich, die finanziellen Mittel neu aufzuteilen.

Auch in Linz ächzen freie wie städtische Player wegen stagnierenden Förderungen. Wie wird sich das Kulturbudget unter dem Finanzreferenten Luger entwickeln?

Klaus Luger: Das Kulturbudget für das Jahr 2018 wird nicht gekürzt, es wird sich sogar erhöhen.

Auch die städtischen Kultureinrichtungen sollen möglicherweise neu aufgestellt werden. In welche Richtung soll es Ihrem Wunsch nach gehen?

Klaus Luger: Die Neugestaltung des Brucknerfestes sowie die Programmgestaltung des Brucknerhauses steht für mich derzeit an vorderster Stelle. Darüber hinaus diskutieren wir auch über eine intensivere, auch strukturelle Zusammenarbeit der städtischen Museen mit den Landeseinrichtungen. Ich hielte das für sinnvoll.

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Anschwellen

Was macht ihr eigentlich? Bürokolumne von Klemens Pilsl

Man möge sich das KUPFbüro derzeit als gut durchbluteten Schwellkörper vorstellen. Gut durchblutete Schwellkörper neigen zum Anschwellen (mind the Sexkolumne). So auch das KUPFbüro. In seiner aktuellen Lage. Damit gemeint: Einerseits unsere stolzgeschwellten Brustkörbe. Vor allem aber das Büroteam in seiner Quantität. Unlängst grad noch zu eineinhalbt, sitzen wir nun zu dreieinhalbt im Hauptquartier. Also: Zu fünft! Aktion 20.000 und Staatskünstlerpraktikum sei Dank! Rauschhaft kampagnisieren wir nach vorn – where boldly no KUPF has gone before. Retten ein ganzes Kulturland, womöglich sogar die Welt. Im Hinterkopf bescheidene Lebenserfahrung: Auf das Anschwellen folgt das Abschwellen. Immer! Hier und jetzt: Wo Kulturgeld gekürzt wird, kürzt man das Kulturpersonal. Wir haben uns intern schon geeinigt: Wir regeln das dann per Schere-Stein-Papier.

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Geteiltes Wissen

Interview zum Lehrgang Kunst­ und Kulturmanagement.

KUPF und BFI OÖ bieten ab Dezember 2017 den Lehrgang Kunst- und Kulturmanagement an. Das Freie Radio Salzkammergut hat die KUPF dazu befragt. Der Anspruch der KUPF an ihren Lehrgang ist die qualitätsvolle Weiterbildung von Menschen, die im Kunst­ & Kulturbetrieb arbeiten und Verantwortung übernehmen: TeilnehmerInnen werden mit administrativen, organisatorischen und inhaltlichen Herausforderungen vertraut gemacht. Im August 2017 hat Radioredakteur Jörg Stöger (Freies Radio Salzkammergut) ein Interview mit Klemens Pilsl (Kulturplattform Oberösterreich) dazu geführt. Ein Auszug aus dem Gespräch:

Jörg Stöger: An wen richtet sich dieses Weiterbildungsangebot?

Klemens Pilsl: Es geht uns um Menschen, die bereits im Kunst­/Kulturbetrieb irgendwie Fuß gefasst haben. Wir denken primär an Menschen, die in Kulturinitiativen der Freien Szene arbeiten; ehrenamtlich arbeitende Menschen oder solche, die hauptberuflich im Kulturbetrieb arbeiten. Meine große Hoffnung ist aber, und wir haben den Lehrgang danach ausgerichtet, dass wir auch Menschen finden, die im sogenannten institutionellen Kulturbetrieb arbeiten. Und am allerschönsten wäre es, wenn wir Menschen aus der Volkskultur erreichten.

Jörg Stöger: Welche Lehrangebote werdet ihr konkret anbieten?

Klemens Pilsl: Einerseits das, was man halt für Kunst und Kultur aus betriebswirtschaftlicher Sicht braucht. Das heißt, wir werden tageweise die Basics von BWL, Projektmanagement, Juristerei, Kulturfinanzierung usw. abhandeln. Die anderen Module sind dann inhaltlicher Natur. Es ist ein KUPF Lehrgang – wir haben großes Interesse daran, dass der auch von unserer Sichtweise, unseren Erkenntnissen geprägt ist. Das heißt, da geht es um Kunst­ und Kulturvermittlung, da geht es auch um Marketing, um zeitgenössische Themenschwerpunkte von Kulturarbeit.

Jörg Stöger: Wie ist der Lehrgang organisatorisch aufgebaut?

Klemens Pilsl: Man kann sich noch bis Oktober anmelden. Start ist Anfang Dezember. Dann gibt es ca. einmal im Monat ein geblocktes Wochenende, an dem meistens zwei Workshops zusammengefasst sind. Im Rahmen dessen gibt es zudem Exkursionen, wir werden Gespräche mit ExpertInnen aus dem Kulturbereich organisieren.

Jörg Stöger: Was kostet die Teilnahme?

Klemens Pilsl: Er wird für die meisten Menschen ca. 786 Euro kosten. Es kommt ein wenig darauf an, ob man Arbeiterkammer­Mitglied ist und ob man Anspruch auf das oberösterreichische Bildungskonto hat. Das BFI hilft beim Abklären der Anspruchsberechtigungen.


Das Radiointerview in voller Länge und schriftlich findet sich hier: lehrgang.kupf.at/interview-lehrgangsleitung

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Kulturhauptstadt werden wollen

Bad Ischl möchte samt dem Salzkammergut die Europäische Kulturhauptstadt 2024 werden. Gut so – andere Städte resignieren nämlich oft im Vornherein. Zu schwer und polarisierend, so sinniert man in den Amtsstuben, sei schon der Weg zur Bewerbung. Wie sollte man da ein Kulturhauptstadtjahr stemmen? Dabei gilt auch hier eine goldene Regel der Kulturarbeit: Der Weg ist das Ziel. Ein Plädoyer von Klemens Pilsl.

Regionale oder kommunale Bewerbungsprozesse sind zugegeben kein Pappenstiel. Gilt es doch, den gesamten Körper gründlich abzutasten (auch dort, wo man nicht so gern hinschaut) und sich selbst zu erkennen. Sich als Kulturhauptstadt bewerben zu wollen heißt nämlich, die eigene Identität zu hinterfragen, das kulturelle Selbstbild über Bord zu werfen und sich dem schmerzhaften Prozess einer Neuerfindung und Positionierung hinzugeben. Doch beginnen wir von vorne.

Kulturhauptstadt aus Mangel

So ein Kulturhauptstadtjahr ist per se kein Tourismusprojekt. Es ist ein kommunales Entwicklungswerkzeug und eine Möglichkeit, sich aus einer schwierigen Situation heraus neu zu definieren, zu branden, zu positionieren. Kulturhauptstadt ist nicht unbedingt für kulturell „hochentwickelte“ Kommunen gedacht, sondern auch für solche, die Mängel in ihrer Positionierung erkannt haben und Kultur als Treibstoff von städtischer oder regionaler Entwicklung erkennen.

Kultur und Teilhabe

Don‘t believe the hype: Kultur ist kein Allheilmittel und keine Garantie für boomende Standorte. Aber Kultur und Kulturarbeit haben ein hohes Potential zu gesellschaftlicher Partizipation. Kunst und Kultur können, so sie klug agieren, Menschen an Bord holen, die sich eigentlich kaum noch für das Schiff interessieren. Sie können Diskurse anregen, Polarisierungen abdämpfen oder, basal aber wunderbar, die Menschen zum Nachdenken, Streiten, Versöhnen und Träumen anregen.

Kultur mit allen

Wer die Themen „Kulturarbeit“ und „Kulturhauptstadt“ ernst nimmt – und die EU tut das interessanterweise – kommt nicht umhin, sich bereits im Bewerbungsprozess mit allen Stakeholdern auseinanderzusetzen. Kulturhauptstadt plant man nicht im Rathaus, im Stadtentwicklungs- oder im Tourismusbüro. Kulturhauptstadt heißt bereits bei der Bewerbung, dass man alle Gruppen anhört und mitdenkt: Die Gewerbetreibenden und die KünstlerInnen, die Flüchtlinge und die Wutbürger, die Kinder und die Alten. Die, die nichts damit zu tun haben wollen und auch die, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben will. Kulturhauptstadt ist für alle.

Selbstverständnis finden

UnternehmerInnen wissen, wie schwer das Finden einer Corporate Identity oder eines Leitbildes sein kann. Glauben Sie mir, eine Bewerbung für die Kulturhauptstadt ist schwieriger: Gilt es doch, gemeinsam mit allen Playern die Historie, die Stärken und nicht zuletzt Schwächen der eigenen Region zu benennen. Gilt es doch, eine gemeinsame Vision von Zukunft zu finden – oder zumindest eine, in der sich alle halbwegs finden können. Gilt es doch, Tradition und Aufbruch neu zu denken, liebgewonnene Selbstbilder zu verlieren und sich auf kollektive Prozesse einzulassen. Das verlangt nicht zuletzt von den BürgermeisterInnen und anderen MeinungsbildnerInnen großen Mut, ist aber eine ausgezeichnete Lektion in Sachen demokratische Prozesse.

Sich einbringen

Mancher/m TourismuschefIn, BürgermeisterIn oder RegionalentwicklerIn scheint der Gedanke an eine Kulturhauptstadt und die damit einhergehenden Kapitalflüsse, Medienberichte, Touris und Fame zu verführerisch – da passen die QuerulantInnen nicht ins Bild der Bewerbung. Hier kommt die Zivilgesellschaft ins Spiel: KünstlerInnen, Kulturschaffende, Medien, Gewerkschaften, Kirchen, Kammern, Sport- & Sozialvereine sind allesamt Player einer potentiellen Kulturhauptstadt und müssen sich von Beginn an in die Prozesse reklamieren. Die Zivilgesellschaft kann Motor eines breit angelegten Bewerbungsprozesses sein, der möglichst viele Menschen via Medien, Workshops, Konferenzen, Projektideen und mehr einbindet. Und es ist eindeutig der Job der Stadt/Region, dies bestmöglich zu fördern. Und ja, das kostet Zeit, Nerven und eine ganze Stange Geld.

Wofür das Ganze?

Auch der offenste und selbstkritischste Bewerbungsprozess ist kein Garant für die Zusage – jede Menge professionelle KulturmanagerInnen würden sogar das Gegenteil behaupten, aber ich bleibe da stur. Nur: Ein demokratischer Prozess wie der von mir skizzierte ist nie umsonst. Im Gegenteil, er ist ein Akt der politischen Selbstermächtigung einer Stadt/Region und ein gewaltiger Schritt Richtung Zukunftsfähigkeit. Und ich sage das nicht nur als linker Utopist und Kulturaktivist, sondern denke dabei durchaus auch an wirtschaftliche Kennzahlen und Standortmarketings: Die intensive und kollektive Beschäftigung mit sich selbst und seiner Umwelt ist nicht nur eine kulturpolitische Herausforderung, sondern ein ziemlich cooles Framing der gesamtgesellschaftlichen Möglichkeiten. Und, obwohl wir Kulturfuzzis das oft gar nicht gerne hören wollen, ein ökonomischer Wachstumsfaktor. Regionale Selbstverständnisse und Klarheiten eröffnen wirtschaftliche Strategien und Investitionsmöglichkeiten – auch ganz abseits der vielzitierten „kreativen Klasse“. Sogar dann, wenn es mit der Kulturhauptstadt nichts werden sollte.

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FAQ: Kulturhauptstadt

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema:
 

Was ist eine Kulturhauptstadt?

„Kulturhauptstadt Europas“ ist ein Titel, der jährlich von der Europäischen Union an mindestens zwei Städte vergeben wird. Er soll einerseits die Vielfalt der Kulturen und ihr gegenseitiges Verständnis in Europa befördern; andererseits zielt er stark auf Stadterneuerung und die Stärkung des internationalen Profils von Städten ab.
 
Wieso wird 2024 eine österreichische Stadt zur Kulturhauptstadt?

Die nationale Verteilung der Kulturhauptstädte ist auf Jahre im Vorhinein festgelegt. Österreich wurde bereits 2003 (Graz) und 2009 (Linz) bedacht und kommt 2024 wieder an die Reihe.
 
Welche österreichischen Städte wollen sich bewerben?

Offiziell werden die bislang bewerbungswilligen Städte und Regionen Mitte Juni präsentiert. Man darf mit einigen Fixstarterinnen rechnen (zB mit Baden, den Rheintalstädten Bregenz, Dornbirn, Hohenems und Feldkirch oder auch der Murtal-Region), andere Städte ringen noch mit der Entscheidung (St. Pölten, Salzburg, Villach).
 
Und was ist mit Oberösterreich?

Tatsächlich: Bad lschl und die Salzkammergut-Gemeinden lassen sich auf den Bewerbungsprozess ein. Das Vorhaben wird unterschiedlich bewertet, vor allem beim Land OÖ scheint man hinter vorgehaltener Hand wenig erfreut; eine offizielle Positionierung durch den neuen Kulturreferenten Stelzer steht aber noch aus. In der Region selbst gibt man sich optimistisch.
Als weiterer möglicher Kandidat wird medial immer wieder auch Wels kolportiert, offiziell steht die Stadt dem aber eher skeptisch gegenüber.
 
Sind diese Kommunen nicht recht klein?

Die Zeit der „großen“ Kulturhauptstädte scheint vorbei, der Titel wurde zuletzt für „Second Cities“ und noch deutlich kleinere Einheiten attraktiv – und für Metropolen eher uninteressant. Immer öfter bewerben sich auch ganze Regionen zusammen mit einer Stadt um den Titel, auch länderübergreifende Einreichungen sind möglich.
 
Was kostet eine Kulturhauptstadt eigentlich?

Die Bandbreite geht von einigen wenigen Millionen Euro Budget (Patros 2017: 8,5 Mio.) bis zu
dreistelligen Millionenbeträgen (Istanbul 2010: 288 Mio.). Für Österreich empfehlen manche ExpertInnen ein Minimum von 12 bis 20 Millionen, andere veranschlagen mindestens 60 Millionen Euro. Letztendlich gibt es aber keine Vorgabe. Nicht zu unterschätzen sind auch die Kosten für den ungewissen Bewerbungsprozess.
 
Und wer zahlt das?

Die EU zahlt in der Regel nur einen Minimalbeitrag, der Rest muss national finanziert werden. Das 60-Millionen-Budget von Linz09 wurde zu je einem Drittel von Stadt, Land und Bund gestemmt, zusätzlich wurden noch einige Millionen an Drittmittel erwirtschaftet (Sponsoring, Ticketing, …). Im Falle der Salzkammergut-Bewerbung könnte sich als günstig erweisen, dass sich die Region über drei Bundesländer erstreckt (neben OÖ auch Salzburg und Steiermark).
 
Wer entscheidet über die Kulturhauptstadt 2024?

Das Bundeskanzleramt betreut und begleitet die BewerberInnen, die endgültige Entscheidung liegt aber bei einer EU-Jury. Diese beurteilt die Bewerbungen anhand definierter Kriterien (Langzeitstrategie, europäische Dimension, kulturelle Inhalte, Realisierbarkeit, gesellschaftliche Teilhabe, Verwaltung) und wählt eine Stadt aus.
 
Wann wissen wir, wer Kulturhauptstadt 2024 wird?

Wenn alles klappt wird im Dezember 2019 die „Gewinnerin“ des Bewerbungsprozesses präsentiert. Theoretisch kann die EU auch sämtliche Bewerbungen als unzureichend zurückweisen und auf die Titelvergabe verzichten. Das scheint aber politisch kaum denkbar.

 

Referenzierter Artikel:

4 Fragen an Kathrin Kneissel. Kathrin Kneissel ist Leiterin der Abteilung für Europäische und internationale Kulturpolitik im BKA. Wir haben sie zum Kulturhauptstadtprogramm befragt:

 

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… Kathrin Kneissel zur europäischen Kulturhauptstadt

Kathrin Kneissel ist Leiterin der Abteilung für Europäische und internationale Kulturpolitik im BKA. Wir haben sie zum Kulturhauptstadtprogramm befragt:

Frau Kneissel, was muss die künftige Kulturhauptstadt 2024 können?

K. Kneissel

Die künftige Kulturhauptstadt sollte offen mit ihren Problemen und Schwächen umgehen. Nur wer sich diesen Herausforderungen stellt, kann den Titel optimal nützen. Linz09 beispielsweise hat die Verbindung mit der Nazizeit aufgegriffen und die Stadt Liverpool behandelte 2008 ihre Rolle im Sklavenhandel.
Die übergeordnete Vision einer Kulturhauptstadt sollte europäisch sein. Es sollten nicht nur die Gemeinsamkeiten, sondern auch die Vielfalt der Kulturen in Europa in der Kulturstrategie Platz finden.
Jeder Bewerberstadt muss klar sein, dass es sich bei der Europäischen Kulturhauptstadt um ein Langzeitprojekt handelt. Das Geheimnis ist, dass sich die Städte klar werden, was der Ist-Zustand ist und was sie daraus machen wollen.
 
Und was muss sie vermeiden?

Man sollte vermeiden, den Titel einzig und allein als Tourismusmaschine anzusehen. Natürlich haben viele Kulturhauptstädte auch wirtschaftliche und soziale Vorteile durch den Titel erhalten. Es wurde oft in Infrastruktur investiert und am Image gebastelt. Im besten Falle profitieren die Städte auch wirtschaftlich langfristig. Jedoch ist das eigentliche Ziel der Kulturhauptstadt, ihr internationales Profil durch Kultur zu stärken und sich auf die Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung zu konzentrieren.
Es ist wichtig, dass sich die angehende Kulturhauptstadt 2024 nicht in ihren Zielen überschätzt. Man muss keine riesige Anzahl an Events und Projekten haben. Wichtig ist, dass sich die Stadt ihrer Möglichkeiten bewusst ist.
 
Auffallend ist, dass sich in den letzten Jahren etliche kleinere Städte und auch Regionen um den Titel bemühen. Kann eine Region eigentlich Kulturhauptstadt werden?

Eine Region an sich kann keine Kulturhauptstadt werden. Für die Bewerbung ist es nötig, eine Stadt zu bestimmen, die dann die umliegende Region mit ihren Städten miteinbeziehen kann. Beispielsweise hat Marseille dies 2013 mit der Region Provence gemacht. Wichtig ist auch, dass sich die Region bewusst ist, welchen Mehrwert sie im Gegensatz zu einer einzelnen Stadt mitbringt.
 
Das Verhältnis zwischen Kulturhauptstädten und ihren Freien Szenen scheint oft angespannt. Was empfehlen Sie den freischaffenden Kulturschaffenden im Umgang mit „Kulturhauptstadt“?

Die Freie Szene ist immer ein wichtiger Impulsgeber für die Kultur eines Landes bzw. einer Region. Ich würde die Frage daher umdrehen und den Kulturhauptstadtverantwortlichen dazu raten, diesen innovativen und beispielgebenden Bereich von Anfang an aktiv einzubeziehen.
 

Referenzierter Artikel:

FAQ Kulturhauptstadt. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

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Eigentum & Eigentor

Neues aus dem KUPF-Büro

Das muss man sich einmal vorstellen: Wir wären da fast drauf reingefallen. Wir! Eine Blamage wäre das gewesen. Haben wir doch einen Autor, also so einen mit vielen Veröffentlichungen, mit Verlag und akademischen Titeln, um einen Beitrag gebeten. Und, was uns sehr gefreut hat, auch gekriegt. Und eher zufällig als sonstwas stolpert die Chefin über den Diebstahl: Hat der gute Mann doch tatsächlich seinen Text aus Versatzstücken fremder Texte zusammengegoogelt, diese geschickt montiert und uns als seinen Erguß anzudrehen versucht. WTF!?
Und sonst? Ah ja: Wir haben bald einen Haufen neuer KollegInnen. Ja, hier, in meinem Büro. Lassen sie sich davon nicht verunsichern, dann bemühe ich mich auch um Ruhe. Projektbezogene Stützkräfte, AMS-Flüchtlinge, KarenzvertreterInnen. Was halt das 21. Jahrhundert so mit sich bringt. Man lernt nie aus: Kulturarbeit ist eben auch nur Arbeit.
 

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Das Hochamt

Aktuelles von der Brücke

Mitgliederversammlung. Hochamt der Vereinsmeierei, Nexus von Vereinsrecht und Partizipation. Nächtliche Geister suchen mich vorab heim, trinken Schnaps, fläzen sich auf meiner Brust: Die einen wollen Dienstleistung, Service, Kämmerei! Die anderen scheinbar Essenzielles: Kulturpolitik, Förderpolitik, Reinheit der Lehre! Die dritten endlich feministische Agitation im eigenen Feld, die vierten die interkulturelle Offensive.

Die einen wollen eine öffentlichkeitswirksame Medienanstalt, die anderen eine hintergründige Lobbying-Agentur. Von hinten ein Sozialwissenschaftsgespenst: Studien, Studien, Studien! Eine Gestalt rät mir zu subkultureller Authentizität und wird von den schick gekleideten Geistern aus dem PR-Lehrgang niedergebrüllt. Ich wache schweißgebadet auf.

Stunden später, KAPU: Filterkaffee, Gugelhupf, Flaschenbier. Das Hochamt dann seltsam fröhlich, beschaulich, rückenstärkend. Die Nachtgeister wissen schon, was sie aneinander haben.

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The Rise and Fall of the Kulturleitbild OÖ

Manche mögen es tatsächlich vergessen haben, andere wollen es wohl vergessen machen: Das Kulturleitbild Oberösterreich. Seit 2009 durch einen einstimmigen Beschluss des Landtags in Kraft gesetzt, sollte es eine Handlungsorientierung für die Kulturpolitik, die Kulturverwaltung und die Kulturentwicklung in Oberösterreich darstellen.

Im Kulturleitbild OÖ (KLB) sind auf fast 50 Seiten Ziele, Zielgruppen und kulturpolitische Maßnahmen für die oberösterreichische Kulturpolitik erfasst. Überaus umfassend beschreibt es die Player und die Perspektiven des Kulturlandes, bekennt sich zu Gender Mainstreaming, initiativer Kulturarbeit, kulturellem Erbe und Kulturvermittlung; es verhandelt Volks- bis Hochkultur, denkt an Institutionen und Ehrenamtliche, erkennt Zusammenhänge zwischen Demokratie, Kultur, Globalisierung, Identitäten und Wirtschaft.

Was interessiert?

Von besonderem Interesse für die KUPF ist, dass das KLB eben nicht nur Landesmusikschulwerk, Musiktheater und Volkskultur benennt, sondern weit darüber hinausgeht. Es verwehrt sich gegen Rassismus, betont die Relevanz migrantischer Kulturarbeit, kultureller Nahversorgung und lobt die Rolle der Kulturinitiativen bei gesellschaftspolitischen Fragestellungen und der Regionalentwicklung. Es spricht sogar von HipHop-Communities und der KUPF.

Beim genauen Lesen fällt aber schnell auf: Die Freie Szene und ihre hohe Relevanz werden vor allem in den vollmundigen und deskriptiven ersten Kapiteln angesprochen. Bei den darauf folgenden konkreten Umsetzungsmaßnahmen kommt sie hingegen kaum vor. Sprich: Die Freie Szene wird seitenlang gestreichelt, um dann bei den Maßnahmen (dort wo die Sache konkret wird und es ums Geld geht) kaum noch aufzutauchen.

Anders bei den landeseigenen Einrichtungen – hier spricht das KLB sehr konkret von der „Errichtung eines Neuen Musiktheaters“ (check), dem „Neubau der Bruckner-Privatuniversität“ (check), dem „Ausbau der Landesbibliothek“ (check), der „Errichtung der Kunstsammlung Artothek des Landes“ (check) und so weiter und so fort.

Schauen wir uns anhand von vier Beispielen an, welche der im KLB geplanten Maßnahmen die Freie Szene betreffen sollten und was davon umgesetzt ist.

1. Kulturinitiativen und regionale Kulturhäuser

Das KLB betont die hohe Bedeutung der kulturellen Initiativen, Vereine und Kulturzentren und bekennt sich zu dezentraler Kulturarbeit. Es intendiert die „Stärkung dieser regionalen Zentren“, nachhaltige strukturelle Stärkung von KIs und die Vernetzung von diesbezüglichen Projekten. Das KLB kündigt die Entwicklung eines Vernetzungskonzepts für regionale Kulturhäuser an sowie die Förderung von Bildungsmaßnahmen für ehrenamtliche KulturarbeiterInnen. Lauter Punkte also, von denen sich zurecht auch die Freie Szene, also die zeitgenössischen Initiativen abseits der Institutionen und Körperschaften, angesprochen fühlen.

Es mag sein, dass das Land OÖ die Investitionen in die Landesmusikschulen als „Stärkung der regionalen Zentren“ auffasst – bei den unabhängigen Kulturzentren der Regionen, also etwa bei einem RÖDA Steyr, bei waschaecht Wels, oder bei der KAPU Linz und den anderen wurde diese „Stärkung“ nicht wahrgenommen. Die KUPF beziffert die Entwicklung des stagnierenden Budgetpostens für freie Kulturinitiativen, wenn man die inflationsbedingte Entwertung miteinbezieht, mit minus 20%. Wer die angekündigte „längerfristige Unterstützung der strukturellen Basis“ von Kulturinitiativen mit mehrjährigen Förderverträgen oder finanziellen Zuwächsen assoziiert, mag zwar Recht haben – umgesetzt ist aber nichts davon. Auch die angekündigten „Vernetzungsprojekte“ für Kulturinitiativen lassen auf sich warten. Ebenso wie die „besseren Serviceleistungen für bestehende Kulturarbeit“ und „die Weiterbildungsmaßnahmen für ehrenamtliche KulturarbeiterInnen“ werden sie allenfalls von der KUPF betrieben – wie schon vor dem KLB auch.

2. Freie Medien und Medienpädagogik

In den letzten Jahren hat sich neben der Begrifflichkeit der Freien Szene auch jene der Freien Medien etabliert. Gemeint ist meist subventioniertes, werbefreies und offen zugängliches Community- bzw. BürgerInnen-Radio oder -TV. Im KLB bekennt sich das Land, durchaus bezugnehmend auf die Freien Medien, zu einer pluralistischen Medienlandschaft, zur „Förderung nichtkommerzieller Medienprojekte, … [welche] lokale Kulturproduktion unterstützen“ und kündigt die „Einrichtung eines eigenen Förderprogramms für innovative Kultur- & Medienprojekte“ an sowie einen „Förderungsschwerpunkt für medienpädagogische Initiativen“.

Diesbezüglich geschehen ist wenig – wenn man von einer Neuausrichtung des von der Landeskulturdirektion monatlich herausgegebenen „Kulturbericht“ absieht. Weder hat das Land mit der dynamischen Entwicklung des Sektors der Freien Medien (mit stolzen vier Radios und einem TV-Sender hat unser Bundesland die höchste Dichte an Freien Medien in Österreich) mitgehalten, noch hat es die finanzielle Basis dieser Player auf nachhaltige Beine gestellt. Auf entsprechende Kritik im Landtag antwortete Kulturreferent Pühringer noch 2013, also vier Jahre nach Inkrafttreten des KLB, sinngemäß: die Freien Medien erhielten ohnehin eine Basisförderung aus der Presseabteilung, bei Interesse können auch gerne andere Ressorts projektbezogene Subventionen verteilen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

3. Frauen und Kulturbetrieb

Im KLB wird mehrmals die umzusetzende Gleichstellung der Geschlechter thematisiert, das Land macht daraus ein konkretes Vorhaben: „Zu den kulturpolitischen Zielsetzungen des Landes Oberösterreich gehört die völlige Gleichstellung der Geschlechter im Kultur- und Kunstbereich.“ Das KLB kündigt dazu die „regelmäßige Umsetzung von frauenspezifischen Schwerpunkten bei Großveranstaltungen“ sowie „Förderung von Maßnahmen, die Projekte von … weiblichen Kulturschaffenden unterstützen“ an.

Zumindest an der Oberfläche hat sich im männerdominierten Kulturleben aber seit 2009 nichts verbessert: Die Top-Jobs sind fast ausnahmslos in der Hand von Männern, frauenspezifische Ausschreibungen oder gezielte Frauenförderungsprogramme wird man vergeblich suchen. Die ertragreichen „großen“ Landeskulturpreise gehen nach wie vor an Männer – wobei sich das Land dabei tatsächlich an Empfehlungen der paritätisch besetzten Jurys hält, detto bei den viel kritisierten Vergaben der Kunst am Bau–Aufträge. Der Wurm liegt tiefer begraben, und wer die Ansprüche des KLB tatsächlich erfüllen möchte, kommt um folgende Fragen nicht herum: Warum scheinen die bestehenden Kriterien, Muster und Anforderungen fast nur von Männern erfüllbar? Welche langfristigen Maßnahmen sind notwendig, um die „völlige Gleichstellung der Geschlechter im Kultur- und Kunstbereich“ tatsächlich zu erreichen?

Wir sprechen in realitas also einmal mehr von den unbeliebten, aber recht praxistauglichen Quotenregelungen, vom Thematisieren und Zerschlagen der gläsernen Decken und von gezielter Frauenförderung. Alles Themen, die in der aktuellen Kulturpolitik keine merkbare Rolle spielen.

4. Kunst am Bau

Kunst am Bau meint in der Regel die Aufwendung eines Teils öffentlicher Bauausgaben für Kunst, zumeist für Kunstinstallationen in öffentlich finanzierten Bauten. Kunst am Bau kann man in und auf diversen Genossenschaftshäuser-Fassaden, Schulen, im Linzer Wissensturm oder Musiktheater besichtigen. Das KLB erkennt diese (seit langem kritisch diskutierte) Praxis als suboptimal und gelobt die „Weiterentwicklung und Erweiterung des Aufgabenfeldes Kunst am Bau“, es intendiert folgerichtig auch die „Neuregelung von Kunst am Bau im Sinne einer Erweiterung zu Kunst im öffentlichen Raum“. Speziell für freischaffende KünstlerInnen und Kollektive bieten Kunst am Bau-Töpfe wichtige Arbeitsmöglichkeiten. Umso dringlicher erscheint angesichts diverser Prekariatsstudien die sorgfältige Ausrichtung derartiger Töpfe. Die KUPF hat in der letzten Ausgabe dieser Zeitung als Alternative zum hiesigen Modell (1,5 % der Baukosten sind für künstlerische Gestaltung aufzuwenden) das ungleich erfolgreichere niederösterreichische Modell vorgestellt. Dieses hat die Kunst am Bau-Gelder von konkreten Bauvorhaben losgelöst und in einen zentralen Topf für Kunst im öffentlichen Raum gesteckt, aus dem jährlich etwa 20 Projekte von KünstlerInnen realisiert werden – oft in Zusammenarbeit mit Gemeinden oder Initiativen. Kein perfektes Modell, aber sicher einen Blick wert und deutlich näher am KLB als die oö. Praxis. Eine konsequente Umsetzung würde große Geldsummen im zeitgenössischen Kunstbereich umschichten, die dann von kuratierenden ExpertInnen vergeben werden könnten.

Parlamentarische Kontrolle

Seit der Beschlussfassung im Landtag sind sieben Jahre verronnen. Die Umsetzungsberichte, die der Kulturausschuss des Landtags dem Landesparlament dazu vorzulegen hat, tragen die Handschrift von Volkspartei sowie Landeskulturdirektion und sind weniger vom Geist der kritischen Selbstreflexion als von einer unbestimmten Rechtfertigungshaltung getragen. So wird darin etwa die jährliche Kulturumfrage, welche die Meinung und Zufriedenheit der Bevölkerung zum Kulturleben in OÖ abfragt, als Indiz für eine erfolgreiche Umsetzung des Kulturleitbildes angeführt. Der Zusammenhang scheint dürftig – schließlich thematisiert diese Studie in keiner Weise die erfolgte politische Umsetzung eines Leitbildes, sondern die Stimmung der Befragten. Die Umsetzungsberichte geben keinerlei Auskünfte über wissenschaftliche oder budgetäre Kennzahlen, keinerlei Anhaltspunkte über budgetäre, strategische, personelle oder inhaltliche Folgen des KLB. Sie verweisen stolz auf die „größte kulturelle Bauoffensive in der Geschichte des Landes“ (richtig: Musiktheater!) und zählen Unternehmungen, Ausstellungsformate und BesucherInnenzahlen der Landeseinrichtungen auf.

Dahingehend sind die Umsetzungsberichte zumindest ehrlich: Sie versuchen erst gar nicht, etwaige Fortschritte oder Verbesserungen für nicht-institutionelles Kulturschaffen im Lande zu behaupten oder die großen Themen (Frauenförderung, Medienförderung, budgetäre Umverteilungen), … auch nur anzuschneiden. Aber selbst der/die gelernte KulturarbeiterIn (sprich: jemand ohne große Erwartungen) bleibt nach der Lektüre der Umsetzungsberichte ernüchtert zurück: Das soll alles gewesen sein?

Politische Konsequenzen

Dennoch möchte ich das KLB nicht als wertloses Papier verteufeln, dennoch warne ich davor, das KLB als weiteren Ziegelstein der kulturarbeiterischen Politverdrossenheit zu betrachten. Warum?
Das KLB ist erst sieben Jahre alt. Eine lange Zeit für Kulturpolitik, möchte man meinen, aber allenfalls Halbzeit für ein derartig großes Kulturentwicklungs-Projekt; ExpertInnen sprechen derartigen Leitbildern eine Haltbarkeit von 10 bis 15 Jahren zu, mit etwas gutem Willen sprechen wir also derzeit von erst einer absolvierten Halbzeit, die noch viel Platz und Luft für die zweite Spielhälfte ließe. Es liegt an der Kulturpolitik und -verwaltung, die nicht- und teilinstitutionellen Zielsetzungen des KLB nun aktiv anzugehen. Nicht zuletzt die roten und grüner KulturpolitikerInnen könnten in ihrer oppositionellen Haltung zur schwarz-blauen Koalition in OÖ das KLB intensiv studieren und damit Politik betreiben. Das KLB birgt viele kulturpolitische Argumente und Zielsetzungen, die in den kulturpolitischen Debatten, aber auch in den anstehenden Verteilungskämpfen zum Einsatz kommen können. Das Kulturleitbild ist neben dem Kulturfördergesetz eine der wenigen rechtlichen Grundlagen für öffentliche Kulturfinanzierung und bildet verbindliche Argumentationsbasen für Kulturschaffende, was besseres kommt vorerst nicht nach. Die erstarkte FPOÖ möchte wohl das Kulturleitbild, ebenso wie das Integrationsleitbild, am liebsten ganz neu aufstellen oder gar abschaffen. Wir könnten uns in diesem Falle noch wundern, was alles geht.

Das Kulturleitbild steht auf der Website des Land OÖ zum Download bereit.

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Klinkenputzen

Lobbying? Interessenvertretung? Hautevolee im Haifischkragen! Da steigen die Blutdrücke. Auf den Leserbriefseiten, im Forum, auf Facebook. Aber nicht bei uns! Ha! Wir sind selber welche! LobbyistInnen nämlich.

Stalking in the name of the lord! Klinkenputzen. Unterlagen aufbereiten. Argumente, Gründe, Fakten haben. Grafiken basteln. Buzzwords finden. Rollenspiele, Gesprächstaktiken, coffein overload. Assistenten, Referenten, Lakaien, Hintergrundchecker (immer ohne -Innen!) bearbeiten. Visitenkarten tauschen, Beamte nerven, PolitikerInnen beschwatzen. Charaktere teilen sich wie das rote Meer, die KUPF wachelt hektisch mit der Fächermappe: Die einen haben keine Ahnung, die einen haben keine Visionen, die einen haben keine Macht. Die anderen wollen partout nicht unserer Meinung sein. Wollen stattdessen Dankbarkeit, dass sie nicht kürzen! Scheiß Job. Wie hat der Strasser das eigentlich damals hingekriegt?

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Personalia

Bürokolumne von Klemens Pilsl

Personalia. Die Spatzen tweeten es vom Elfenbeinturm: Wir brauchen eineN neueN GeschäftsführerIn. Nein, wir haben nicht gestritten; ja, wir haben uns noch lieb. Neue Nasen finden ist schwer. Aber. Natürlich. Wir sind gut vorbereitet. Und wir sind Awareness-Maschinen. Gender hier, Interkultur da, Alter dort, alles irgendwo. Wir bilden eine Personalkommission, durchquotiert, konstruierte Korrektheit auf zehn Beinen! Ziehen eine externe Beraterin hinzu. Feilen Profile, präparieren Supervisionen und reflektieren Vorurteile, Vergangenheiten, Anziehungen. Erkennen uns als Befangenheitsmaschinen. Erschüttern und rocken ist eben doch nicht das selbe. Bewerten quantitativ, qualitativ. Lesen rein, hören zu. Hinterfragen uns, hinterfragen BewerberInnen, hinterfragen alles. Wir wachsen, erkennen uns selbst, sehen uns mit anderen Augen. Zitternd, schwitzend schicken wir spät abends endlich Einladungen zu Hearings aus. Und dann ist Redaktionsschluss!

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Medien machen

Wir kanalisieren (projizieren?) unser gesteigertes Aktivismusbedürfnis in der Regel in die KUPFzeitung. Und die ist ja das aufregendste, was unser Büroalltag so her gibt: jede Menge Fristen, Hintergrundgespräche, Redaktionslisten-Emails, Cloud-Aktivitäten, Ratlosigkeiten, Ideenzündungen, Zeichenüberschreitungen und gut gemeinte Ratschläge. Um in zeitgemäßen Serien- Analogien zu sprechen: Wir fühlen uns Borgen, aber eher schon die dritte Staffel, also Opposition und so. Im Büro fliegen derweil die Deadlines, dass einem schwindlig wird. Ich flüchte eine Woche nach Hamburg. Von 400 ungelesenen Emails stammen 500 von der Kollegin und thematisieren meine Produktivleistung im redaktionellen Kontext. Ich eile! Ich ahne: Ohne sie wäre die KUPFzeitung eine Spatzenpost und ich nur Facebook-Poster. Der Kollege fängt routiniert meine Stimmungen auf und lockt mich mit Faschingskrapfen an. Sie nennen mich Diva, aber meine Texte wollen sie dann doch! Im Kopf plane ich rauschhaft schon die nächsten drei Ausgaben. I like it.

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Erste Schritte

Interessant, wo einen Gespräche und Verhandlungen mit PolitikerInnen so hinführen: Landtagsklubs, Parteibüros, Traditionskaffeehäuser. Wer dem rauen Clubleben entstammt, freut sich über derartige Einblicke und beurteilt Parteien plötzlich anders: Wo kriegt man den besseren Kaffee? Wer lässt uns warten, wer erwartet uns schon? Sind die immer so angezogen? Meinen die das wirklich so? Gehört das zur Inszenierung? Dieses Lobbying-Ding ist wohl auch kein Honiglecken. Anyway: Wir bohren harte Bretter. Hart: Rahmenbedingungen Kulturarbeit. Härter: Lustbarkeitsabgaben- und Veranstaltungssicherheitsgesetz. Am Härtesten: Budget Zeitkultur. Wir sind aber selber auch abgehärtet (vom rauen Clubleben) und ahnen: die wirklich wichtigen Dinge entscheiden sich meist in letzter Minute, wenn alle andern schon heimgegangen sind. Also zum Beispiel nach den Landtagswahlen, in den Selbstfindungsprozessen der KoalitionsprogrammverhandlerInnen und Oppositionsempowermentrunden.
Also bleiben wir dran und bestellen noch eine Runde für alle. Im schlimmsten Fall werden wir wohl die Zeche prellen müssen.

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Kulturhauptstadt, again!

2024 kommt wieder eine österreichische Stadt zum Zug: Europäische Kulturhauptstadt! Von Bad Ischl bis Bregenz, von Mistelbach bis Villach: Derzeit spielen etliche Städte und Regionen lautstark mit dem Gedanken einer Bewerbung für diesen Titel. Dazu ein Statement von Klemens Pilsl und vier Antworten von Elisabeth Leitner.

In Oberösterreich, aber speziell in Linz horcht man auf. Kulturhauptstadt? Schon wieder? Zu nahe scheint das Linzer Kulturhauptstadt-Abenteuer 2009, über das viele aus der lokalen Kunstszene und politischen Klasse lieber schweigen wollen.

Zu Unrecht, wie ich sechs Jahre danach meine: 2009 gelang es immerhin, kulturpolitische Diskurse, Bekenntnisse, Konfrontationen, Grenzziehungen und Positionierungen zu erleben. Ein Hochgefühl, das uns seitdem verwehrt bleibt. 2009 bot vielen die Chance auf Kritik, auf Geld, Teilhabe oder Erfahrungen. Man konnte mitmachen, dagegen sein, partizipieren und verweigern. Kurz gesagt: Kulturpolitik was in the house und Distinktionsarbeit tat not. Ich vermisse das, zugegeben.

Kulturhauptstadt als Werkzeug

Die aktuell aufkeimende Debatte über die nächste Kulturhauptstadt in Österreich führt oftmals zu einer reflexartigen Frage, die in den letzten Wochen von potentiell Betroffenen auch der KUPF gestellt wurde: Kulturhauptstadt als Chance oder als Gefahr für alternative und freie Kulturschaffende? Eine voreilige, ohnmächtige Fragestellung.! Sinnvoller scheint es mir, die „Kulturhauptstadt“ nicht als unberechenbare Naturgewalt, die über uns Kunstfuzzis hereinbricht, zu sehen, sondern sie nüchtern zu benennen: Kulturhauptstadt ist kein Kunstförderinstrument, kein Kulturentwicklungsplan und keine Tourismus-Erfindung. Kulturhauptstadt ist ein Stadtentwicklungstool, ein Werkzeug zur politischen Lenkung von urbanen Selbstverständnissen, Dynamiken, Brandings und Wandel. Kulturhauptstadt ist ein Steuerungstriebwerk, das ein Jahr lang Schub gibt und im besten Falle die Trägheit eines kommunalen Körpers in eine bestimmte Stoßrichtung lenkt. Es ist ein grobes Werkzeug für urbane Selbstfindungsprozesse. Nicht mehr, aber halt auch nicht weniger!

Wer Kulturhauptstadt als Werkzeug erkennt, hat die Wahl: Wollen wir dieses Werkzeug dem Tourismusverband, dem Bürgermeister und hoch- bis tiefkulturellen EventmanagerInnen überlassen? Oder es selber (mit-)nutzen? Ich plädiere für zweiteres: Stadt- und Regionalentwicklung sind zentrale Themen zeitgenössischer Kulturarbeit, und eine Kulturhauptstadt-Debatte bringt weite Möglichkeiten, sich einzubringen, Begriffe zu besetzen, Diskurse einzuspielen und Forderungen zu formulieren.

Die Frage ist also weniger eine nach „dafür“ oder „dagegen“, sondern eine nach dem „wie“. Dabei kann man sich dem Kulturhauptstadttreiben selbst durchaus verweigern (manchmal brauchen KIs z. B. keinen groben Hammer, sondern mikrochirurgische Laser) oder whatever. Aber mit dem Kopf im Sand wird man bestenfalls überrollt und schlimmstenfalls vereinnahmt.

Wir haben das Know-how

Meine Empfehlung also an potentielle Betroffene aus dem Kulturbetrieb: nicht fürchten, sondern sich von Anfang an grundsätzlich einbringen. Wir wissen ja, worum es geht.

Erstens: Kunst- und Kulturarbeit sind keine Behübschung für Touris und WählerInnen, sondern zentrale Faktoren in kommunalen und regionalen Entwicklungsprozessen. Sie spielen eine unerlässliche Rolle als Reflexionsmaschinen unserer Gesellschaft, als Möglichkeitsräume und als Labore kleiner wie großer Alternativen oder Narrative. Sie funktionieren als ästhetische wie politische Heterotopien und als Framing für bessere Lesarten des Vergangenen. Kunst und Kultur müssen (auch in einer Kulturhauptstadt!) schmerzen dürfen, sie sollen Unausgesprochenes aussprechen und scheitern, anecken oder auch gerne die Welt erobern. Sie sind unzweifelhafte Bestandteile städtischer Entwicklungen.

Und wir kennen, zweitens, auch die formalen Notwendigkeiten, die es selbst für den Entscheidungsprozess einzufordern gilt: Partizipationsflächen, angemessene Anteile für zeitgenössiche Kultur, Geschlechtersensibilität, interkulturelle Kompetenz, transparente Gebarungen, inhaltliche Offenheit, Einhaltung von Kulturleitbildern etc.

Was mir heute undenkbar erscheint: Eine Kulturhauptstadt, die sich der Tradition, dem Autochthonen, dem destillierten Tourismus hingibt. Womöglich ist es der Job der Kulturschaffenden, dafür zu sorgen, dass Kulturhauptstadt den Zeichen der Zeit entgegen geht und die heißen Themen der nahen Zukunft unserer umbrechenden Gesellschaft anfasst. Die künftige Kulturhauptstadt wird sich auch daran messen müssen, wie sehr sie Themen wie Migration, Klima- bis Medienwandel sowie die diversen Krisen- und Systemfragen angeht.

Kulturhauptstadt nach OÖ?

Zum Schluss noch eine Anmerkung zu potentiellen Kulturhauptstädten in OÖ: In Wels und Linz wird ein wenig herum geeiert, richtig Lust hat dort (vorerst) wohl niemand. Spannender und ernst zu nehmender ist das Interesse der Region Salzkammergut mit der Kurstadt Bad Ischl als Flaggschiff.  Natürlich darf man da im ersten Moment etwas schmunzeln, aber es spräche einiges dafür.

Das oft angestaubt wirkende Salzkammergut hat sicher besonderen Bedarf an Kulturhauptstadt als Instrumentarium des Wandels und brächte die große (und schmerzhafte) Chance, sich endlich von der Beschränkung auf das versalzene Weltkulturerbe und den revisionistischen Kaiser-Kitsch zu befreien. Zwischen Lehar-Festival und Grubenhund ist hier viel Platz für eine radikale, partizipative und nachhaltig zukunftsfähige Neuerfindung. Aber will die regionale Politik das überhaupt? Und könnte sie sich ein teures Kulturhauptstadtjahr überhaupt leisten?

Doch auch hier ließe sich ein Pro-Argument finden: Das auf drei Bundesländer aufgeteilte Salzkammergut hätte womöglich eine breitere (Länder-)Finanzierungsbasis als andere Städte / Regionen. In der oö. Landeskulturdirektion weiß man offiziell von gar nichts, rollt aber auf meine diesbezügliche Nachfrage vielsagend mit den Augen, und die Beamtin vom Bundeskanzleramt verweist kryptisch auf die angedachte Gruppenbewerbung einiger Vorarlberger Städte – gegen eine solche hätte wohl kaum jemand eine Chance. Aber fix sei das auch nicht.

Es bleibt also eh spannend.


Weiterlesen: 4 Fragen an … Elisabeth Leitner, die Initiatorin der Diskussionsplattform kulturhauptstadt2024

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How to oö. Veranstaltungssicherheitsgesetz?

Mit Hilfe des Künstlerinnen-Duos System Jaquelinde versuchen wir den Umgang mit dem oö. Veranstaltungssicherheitsgesetz zu erleichtern:

Entscheidungsbaum der durch die Punkte des oö. Veranstaltungssicherheitsgesetzes führt.

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Kulturarbeit und Marktwirtschaft

Die KUPF ist eine große Verfechterin der Kulturförderung durch die öffentliche Hand und setzt sich vehement für den Erhalt und Ausbau von Subventionen für den Kulturbetrieb ein. Dem diametral entgegengesetzt steht der neoliberale Zeitgeist: Die Rede vom schlanken Staat, die Ideologie vom ständigen Sparen und die Praxis der Kürzung von Kulturbudgets sind allgegenwärtig. Die Kulturinitiativen gehen damit pragmatisch um – und scheuen mangels adäquater Förderungen auch die private Finanzakquise am „freien Markt“ nicht. Wir stellen drei Beispiele vor.

Crowdfunding für das Raumschiff

Als die populäre Kunst- & Kulturinitiative im Juni 2015 ihren zentralen Standort am Linzer Hauptplatz verlassen musste, gingen die Wogen hoch – und das Raumschiff bekam von der Stadt eine neue Location am Pfarrplatz mietfrei angetragen. Dafür musste der Verein die Adaptierung aber alleine stemmen. Für die Stadt ein Pionierprojekt, mit der die leidige «Leerstandsthematik» nun angegangen werden soll. Dem Raumschiff blieben wenig Alternativen zur Drittmittelfinanzierung, es entschied sich konkret für eine Crowdfunding-Kampagne über das Startnext-Webportal. Initiatorin Katharina Kloibhofer beschreibt das Vorhaben als sehr intensiv: «Man muss alles geben und voll überzeugt sein. Der Zeit- und Ressourcenaufwand ist sehr groß.» Gleichzeitig hat sie die große mediale Aufmerksamkeit, die die Kampagne begleitete, als großen Vorteil erlebt: «Es ist zugleich eine Riesen-Marketingaktion».

Letztendlich hat die Überzeugung der MacherInnen und die gute Verankerung des Raumschiffs in der Linzer Szene zum erfolgreichen Abschluss der Crowdfunding-Aktion geführt: Mehr als 11.000 Euro konnten für die Sanierung und den Umbau eingenommen werden, die Geldgebenden erhielten für ihre Spenden kleine Aufmerksamkeiten, zum Beispiel Getränke-Bons oder selbst bedruckte Stoffsackerl. «Die Menge an Leuten, die das Raumschiff kennen, mögen und bereit sind, privat einen kleinen Beitrag zu leisten, war groß genug für eine Crowdfunding-Aktion.» Ob sie es weiterempfehle? Katharina Kloibhofer ist da recht eindeutig: «Ja, wir würden es schon weiterempfehlen – aber letztendlich kann jede Initiative selbst am Besten beurteilen, wie wahrscheinlich ein Erfolg ist. Gute Vorbereitung ist jedenfalls das A und O. Ich hätte da schon noch ein paar gute Tipps.»

raum-schiff.at

Direktkredite für das habiTat

Direktkredite sind Darlehen von privaten Personen, welche ihr Geld statt bei einer Bank bei einem Projekt ihres Vertrauens «anlegen». Diese Kredite bieten privaten InvestorInnen eine «alternative» Möglichkeit, Geld «sinnstiftend» zu parken. Der oö. Kulturverein habiTat beispielsweise hat mittels Direktkredite den Ankauf eines gemeinnützigen Wohn- und Kulturhauses (Haus Willy*Fred) in Linz finanziert – wobei diese Kredite natürlich zurückgezahlt werden müssen. Direktkredite eignen sich also im Kulturbereich für nur sehr wenige, sehr spezielle Projektvorhaben, die auf langfristige Einnahmemöglichkeiten angewiesen sind. Im Falle Willy*Fred sollen die KreditgeberInnen ihr Geld samt Zinsen im Laufe der kommenden Jahre zurück gezahlt bekommen; die Rückzahlungen werden finanziert durch Mieteinnahmen, die Willy*Fred von privaten und institutionellen MieterInnen lukriert.

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«Für den Hauskauf benötigten wir über eine Million Euro an Eigenkapital», erklärt Elisabeth Ertl vom habiTat, «welche wir über Direktkredite finanziert bekommen haben. Diese Form der Finanzierung ist in unserem Fall eine wichtige Säule, sonst wäre schlichtweg der Kauf des Hauses nicht möglich gewesen. Da es ja ein Mietshaus ist und unsere MieterInnen über keine Eigenmittel verfügen müssen, wurde das Grundkapital der GmbH anderweitig organisiert. Das hat zusätzlich den positiven Nebeneffekt, dass alle BewohnerInnen auf Augenhöhe dieselben Mitbestimmungsmöglichkeiten besitzen und sich diese nicht nach der kapitalmäßigen Einlage richten.» Das Direktkredit-System ist durchaus in der Logik des Kapitalismus verankert – der Kreditgebende profitiert schließlich von den Zinszahlungen des Kreditnehmenden – das habiTat bemüht sich aber um Abgrenzung: «Im Gegenzug zu profitorientierten Unternehmen spekulieren wir nicht mit dem Geld der AnlegerInnen.»

habitat.servus.at

Wirtschaftsbetrieb für die KAPU

Die Linzer KAPU finanziert sich seit 1984 klassisch: öffentliche Kulturförderung auf der einen Seite, Veranstaltungseinnahmen auf der anderen Seite. Dazu kam über viele Jahren eine eher symbolische Einnahmequelle durch die Verpachtung des Beisls im Haus an einen Gastronomen. Seit 2015 ist das anders. Die KAPU betreibt das Beisl nun selbst: «Die KAPU hat sich entschieden, eine Bar zu führen, um diesen Raum selbst definieren und bespielen zu können. Wir wollten, dass die Bar ein integrierter Bestandteil der KAPU wird, ein neuer Raum für kulturelle Nutzbarkeit», erzählen die Geschäftsführer Christian und Günther. Aber das war nicht der einzige Grund: «In Zeiten stagnierender Kultursubventionen ist es für Initiativen wie unsere fast unabdingbar, weitere Einnahmen zu lukrieren, um die gemeinnützigen, kulturellen Ziele umsetzen zu können.» Ein Schritt, den ähnliche Player scheuen – immerhin wird ein Gastronomiebetrieb von den Finanzbehörden als «begünstigungsschädlicher» Wirtschaftsbetrieb eingestuft.

kapu

Christian und Günther führen das aus: «Die KAPU bleibt weiter ein gemeinnütziger Kulturverein. Aber sie ist nun zusätzlich Betreiberin eines Gewerbebetriebs. Dieser unterliegt den gleichen gesetzlichen Grundlagen und Steuerpflichten wie jeder andere, dient aber dazu – entgegengesetzt zu den gewinnorientierten Interessen der Privatwirtschaft – gemeinnützige und kulturelle Agenden zu ermöglichen. Jeder erwirtschaftete Cent fließt in unsere gemeinnützige Kulturarbeit und nicht auf ein privates Bankkonto.» Klingt gut, ist aber kein Konzept für neuen Reichtum in der KAPU: «Ohne öffentliche Subventionen wäre ein Verein wie die KAPU nicht möglich. Ein Bar-Betrieb wie der unsere führt bestenfalls zur Ausbesserung der fehlenden Inflationsanpassung durch die Fördergeber.»

kapu.or.at

Klemens Pilsl hat für die KUPF bei den Initiativen nachgefragt.

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Reminder: Innovationstopf

Die Ausschreibung zum aktuellen „Innovationstopf“ läuft bis 17. April. Zur Anregung für interessierte EinreicherInnen haben wir drei IT-ProjektträgerInnen der letzten Jahre um ihre Geschichten gebeten.

Ende Februar hat die KUPF wieder den „Innovationstopf“ ausgeschrieben. Bis zum 17. April können Kulturinitiativen Projektideen zum Thema „Grenzen“ einreichen. Der Innovationstopf („IT“) ist eine Herzensangelegenheit der KUPF. Die themenbezogenen Ausschreibungen sollen sowohl Kulturschaffende als auch den Finanzier, das Land Oö, herausfordern und inhaltliche Neuerungen anregen. Intendiert ist die themenspezifische Entwicklung von initiativen Projekten, die im „normalen“ Kultur-& Subventionsbetrieb wohl wenig Chancen auf Realisierung hätten: Die organisatorische Abwicklung des IT liegt zur Gänze bei der KUPF, die Auswahl der Projekte trifft eine unabhängige Jury in einer öffentlichen (!) Sitzung. Das hat zur Folge, dass auch recht experimentierfreudige Projekte zum Zug kommen, die die Option des Scheiterns in sich tragen dürfen.
Zur Anregung für interessierte EinreicherInnen haben wir drei IT-ProjektträgerInnen der letzten Jahre um ihre Geschichten gebeten.

 

IT2009: Die Glöcklerinnen

Dass nur Männer am traditionellen Ebenseer Glöcklerlauf teilnehmen dürfen, war bis 2009 ungeschriebenes Gesetz. Bis der Innovationstopf, mit dem Ausschreibungsthema «Abseits» den Weg des Frauenforums Salzkammergut kreuzte. Die Gründung einer «Glöcklerinnen-Passe» wurde von unserem Verein als Projekt eingereicht und von der Jury mit den Worten «Super Projekt, total passend zur Intention des Innovationstopfes; Brauchtum wird ernst genommen und trotzdem verändert» prämiert.

Daraufhin geriet Ebensee in einen zwölfmonatigen Ausnahmezustand, der es als Nachricht bis in die ZIB2 schaffte. Die Fronten gingen durch die gesamte Bevölkerung. Frauen und Männer waren auf beiden Seiten zu finden. Es war ein hart erkämpfter Schritt heraus aus dem ABSEITS hinein in die Mitte des Brauchtums, aber das Ziel, Strukturen zu verändern, die Frauen systematisch ausschließen und / oder behindern, wurde erreicht. Die ganze Region wurde durch unser Projekt in den «Gender-Gap-Sog» gezogen und im Fasching 2010 waren Herren-Goldhauben-Gruppen genauso wie Vögelfängerinnen zu beobachten. Am 5. Jänner 2016 lief die Frauenglöcklerpasse übrigens schon zum siebten Mal mit; als wäre sie schon immer dabei gewesen. Dass innovative Projekte, die radikal an Strukturen nagen, nur schwer in die regulären Förderschemata der öffentlichen Hand passen, haben wir alle schon erlebt und genau hier liegt die (Spreng-)Kraft des KUPF Innovationstopfes. Es ist grandios, dass das Land Oö die Einrichtung dieses Topfes ermöglicht.

                

IT2012: Bäuerin.Macht.Image

Sabine Traxler, Freies Radio Freistadt (Foto: Privat)Johannes Bauer-Marschallinger (Foto: privat)

Unser Projekt Bäuerin.Macht.Image beschäftigt sich mit den Rollenbildern in der österreichischen Landwirtschaft. Unser Ziel war es, einen Diskussionsprozess über die Verteilung und Bewertung der Arbeit von Bauern und Bäuerinnen in Gang zu setzen. Das schafften wir vor allem durch Filmgespräche, Radiosendungen und unsere Webseite www.baeuerin-macht-image.at. Die Dokumentation mit dem gleichnamigen Titel führte bei den im Anschluss an den Film geführten Diskussionen mit dem Publikum zu regem Austausch und Rückmeldungen. Die Thematik der Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern wurde dabei durchaus kontrovers diskutiert.

Eine Erkenntnis des Projekts ist, dass es «die Bäuerin» nicht gibt, sondern eine Vielzahl an individuellen Herangehensweisen, die aber nur selten offen und unvoreingenommen entstanden sind. Darüber hinaus trat deutlich hervor, dass in vielen Köpfen ein Bild der «richtigen Landwirtschaft» existiert, das aufgrund seiner Widersprüchlichkeit unerreichbar ist: schöne große moderne Betriebe mit hohem Ertrag, die gleichzeitig klein strukturiert sind, Landschaftspflege betreiben und biologische Lebensmittel mit höchster Qualität ausschließlich regional erzeugen.

Eigentlich hat uns erst die Ausschreibung des Innovationstopfes 2012 zum Thema «Der gläserne Boden» dazu animiert, das Thema der Rollenverteilung in der Landwirtschaft näher zu beleuchten. Die Auseinandersetzung über ein Kulturprojekt hat uns die Freiheit gegeben, kritisch an das Thema heranzugehen und abseits von bäuerlichen Interessenvertretungen eine Position zu bekleiden.

 

IT2007: Platz!
 

Klemens Pilsl

Damals privatisierte die Stadt Linz die Litfaßsäulen im Stadtzentrum, um die «Wildplakatiererei» abzudrehen. Kurz darauf schrieb die KUPF den Innovationstopf aus und wir entwickelten eine Idee, mit der wir nicht nur auf diese problemhafte Privatisierung des öffentlichen Raums hinweisen, sondern auch die uneinsichtigen Politfritzen vom Magistrat ärgern wollten: wir planten, der symbolträchtigen privatisierten Litfaßsäule am Linzer Hauptplatz eine eigene Säule aus Holz überzustülpen, versehen mit Infos zur Problematik und Plakaten freier Initiativen. «Wir sind uns der potentiellen Kriminalisierung unseres Projektes bewusst, sehen dieses aber als notwendige Kunst- und Politaktion, um ein gesamtgesellschaftlich relevantes Problem zu thematisieren», schrieb ich damals großspurig und kalkulierte die zu erwartenden Strafen sowie Anwaltskosten sorgsam ins Projektbudget ein.

Die Aktion setzten wir dann bald nach der Jurierung wie geplant um, bastelten ein Video und Pressetexte, feierten einen kleinen medialen Erfolg und ernteten unerwarteten Fame. Irgendein Wiener Journalist interviewte uns, die Arena und das EKH solidarisierten sich, die freien Radios und Indymedia sprangen auf. Der Vize-Bürgermeister hat sich zu unserem Gaudium tatsächlich recht geärgert, aber mitgeteilt, dass er «uns nicht die Freude mache, uns dafür auch noch anzuzeigen». Nach ein paar Tagen entfernen Magistrats-Hackler die Säule und wir haben nie wieder etwas davon gehört.

Dass dieses juvenile Projekt von der Jury ausgesucht und vom Land ohne Murren finanziert wurde, erstaunt mich bis heute und spricht für die Einzigartigkeit des IT. Dass ich ihn heute selbst mitbetreue, gehört zu den lustigen Zufällen im Leben und wäre mir damals unvorstellbar gewesen.»

 

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Ausschreibung und Details zum KUPF Innovationstopf 2016:
innovationstopf.at

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Parteien und Positionen

Die alte Tante KUPF! Im Rahmen ihrer Wahlkampfbegleitungen folgt sie alle paar Jahre einer sorgfältigen Liturgie des Fragen-Stellens. Ein wohl durchdachter Fragenkatalog erging auch heuer an die antretenden Parteien – es kommen also auch die KP und Neos zu Wort, nur auf die Christen hat die KUPF vergessen. Blitz hat sie deshalb aber noch keiner getroffen.

Fünfzehn Fragen zur oberösterreichischen Kulturpolitik hat die KUPF zusammengestellt und prüft damit den kulturpolitischen Stand der Dinge der Parteien. Von einem verklausuliertem „Was macht ihr eigentlich?“ bis zu „Was wollt ihr eigentlich?“ ist alles darin versteckt, Standpunkte zu mehrjährigen Förderverträgen, Freien Medien und Regionalentwicklung werden abgeklopft. Die Beantwortung der Fragen erstreckt sich meist über mehrere A4-Seiten und ist somit für den Abdruck an dieser Stelle untauglich. Connaisseusen seien also auf die KUPF-Website verwiesen, wo sich die vollständigen Antworten finden, hier bieten wir eine kurze, bruchstückhafte Vorausschau.

Erfolge und Aussichten
Es sagt viel aus, dass die ÖVP zuallererst das Musiktheater, die Grünen das novellierte Kulturfördergesetz und die SPÖ den parteieigenen Kulturverein als größte Erfolge der letzten Legislaturperiode herausstreichen. Erfrischend ehrlich die FPÖ: Kulturpolitik versteht sie als „Erhalt der Volkskultur sowie die Förderung von Brauchtumsveranstaltungen und Heimatvereinen“ – wobei die F bei der Beantwortung der Fragen überhaupt durch eine lobenswerte Knappheit und Unverblümtheit heraussticht und sich, das muss man ohne Zynismus anerkennen, der blumigen Wahlkampfsprache der anderen Parteien entzieht. Bei der VP hingegen ist eine gewisse Affinität zur eigenen Macht nicht zu leugnen: Es gäbe in OÖ keine kulturpolitischen Versäumnisse, sondern allenfalls noch nicht erreichte Ziele! Darth Vader könnte es nicht besser formulieren.

Geld oder Leben
Des Pudels Kern ist natürlich die Sache mit dem Cash. Das wissen auch Parteien im Wahlkampf: Fast alle versichern der KUPF, das Budget für Zeitkultur eh erhöhen zu wollen – wobei die ÖVP dies ausdrücklich von der Konjunkturlage abhängig macht. Ausnahme sind die Freiheitlichen, die das oö Kulturbudget für „ausreichend dotiert“ halten. Die Grünen preschen am weitesten vor, sie wollen erhöhte Strukturfinanzierungen für die Freie Szene dezidiert zum Thema allfälliger Koalitionsverhandlungen machen.
Wobei Geld nicht gleich Geld ist: Während die ÖVP wenig Freude mit hauptberuflichen freien KulturarbeiterInnen bzw. deren öffentlicher Finanzierung hat und die FPÖ diesen empfiehlt, gegebenenfalls „einer anderen Beschäftigung nachzugehen“, wollen SP, Grüne, KP ausreichende Basisfinanzierung für die Anstellung dieser Menschen ermöglichen. Die Neos umschiffen diese Frage, flechten dafür aber in die Debatte rund ums Budget Reizworte wie „Evaluierung“, „Förderoptimierung“ und „Zielvereinbarungen“ ein und bemängeln fehlende steuerliche Absetzmöglichkeiten für MäzenInnen.
Wenn es um Geld für migrantische Kulturarbeit geht, bemühen sich alle um humanen Anstrich, sogar die ÖVP will hier Schwerpunkte setzen. Während die Neos in diesem Kontext die „Integration“ von ZuwanderInnen durch „Feste der Kulturen“ fördern wollen, setzen Grüne, KP und SP auf interkulturelle Konzepte – wobei die KPÖ dezidiert von politischem Antirassismus spricht. Die FPÖ wünscht sich hingegen die Integration von MigrantInnen in hiesige Heimat- und Brauchtumsvereine.

Freie Medienszene
Die Freien Medien (unter diesem Label firmieren vor allem die freien Radios sowie Dorf-TV) in Oberösterreich waren der KUPF sogar zwei Fragen wert. An ihrer Sinnhaftigkeit zweifelt zumindest offiziell niemand mehr (allerdings hat die KUPF auch nicht danach gefragt) – sehr wohl aber an der KUPF’schen Suggestivdiagnose vom Rückzug der etablierten Medien aus der Kulturberichterstattung: FPÖ und SPÖ bezweifeln diese ausdrücklich. Die FPÖ lehnt eine Erhöhung der Mittel ab, die ÖVP sieht wohl keinen großen Bedarf, signalisiert aber anstandshalber eine gewisse Diskussionsbereitschaft. Euphorisch Grüne und Rote, die sich klar für eine Erhöhung der Mittel in der nächsten Legislaturperiode einsetzen wollen. Am interessantesten auch hier eindeutig die Neos: Sie gestehen, noch keine Position zu den Freien Medien in OÖ zu haben, verweisen aber auf das eigene Rundfunk-Verständnis. So wollen die Neos etwa den ORF als Sender abschaffen („vertikal desintegrieren“), ihn aber als Produzenten von „public values“ erhalten – diese öffentlichen Inhalte sollen dann von privaten Sendern ausgestrahlt werden. Privaten Medienanbietern wollen die Neos durch Abschaffung der Werbeabgabe unter die Arme greifen – für die werbefreien BürgerInnen-Radios bliebe dies freilich zwecklos.
 
Aus- und Einblicke
Insgesamt triefen viele Antworten vom Schmalz des Wahlkampfes! Die gelernte KulturarbeiterIn ahnt: Nach der Wahl schauts anders aus. Dennoch ermöglicht die Lektüre der Antworten tiefe Einblicke in das kulturpolitische Verständnis der jeweiligen Player. Der große Nutzen derartiger Frage-Antwort-Spiele liegt wohl im Prozess an sich: Parteien werden gezwungen, politisch Stellung zu beziehen. Man wird sie zur rechten Zeit an ihre Versprechungen erinnern müssen.

 

 

Alle Fragen und Antworten online unter
kupf.at/wahl2015

 

 

Comic von Stephan Gasser

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Entlastungen für Kulturvereine

Factbox zu den aktuellen Reformen: Veranstaltungssicherheitsgesetz & Lustbarkeitsabgabe.

Die KUPF setzt sich konsequent für geeignete Rahmenbedingungen im Kulturbereich und damit auch für Entlastungen ein. Der Oö Landtag hat in seiner Julisitzung 2015 – wohl nicht zufällig vor der Wahl – zwei aus unserer Sicht begrüßenswerte Gesetzesreformen auf den Weg gebracht, die wir im Folgenden zusammenfassen:

Veranstaltungssicherheitsgesetz neu

Allgemein lässt sich feststellen, dass der ursprünglich sehr strenge Zugang zur Materie „gelockert“ und neue Zielbestimmungen vorgegeben werden (Abzielen auf erwartbare Gefährdungen statt Generalvorsicht, etc.) Deswegen werden einige Muss-Bestimmungen nun in Kann-Bestimmungen umgewandelt (vgl. §4 Abs. 3 – Jugendschutzbänder können, müssen aber nicht mehr vorgeschrieben werden).

Kleinveranstaltungen sind „Veranstaltungen, zu denen nicht mehr als 300 Personen erwartet werden und bei denen keine Gefährdung oder unzumutbare Beeinträchtigung […] zu erwarten ist“ (§2 Z 6). Diese neue Kategorie schafft insbesondere im Kontext freier Kulturarbeit eine administrative Entlastung, da derartige Veranstaltungen zukünftig nicht mehr mittels Formular „angezeigt“, sondern lediglich (wie bei Veranstaltungsstätten) mittels Schreiben an die zuständige Behörde „gemeldet“ werden müssen – allerdings inkl. Kenntnisbestätigung des Landesgesetzes (§7 Abs. 2 Z 5+6).

Weitere, ausgewählte Änderungen:

  • Für regelmäßige und weiterhin anzeigepflichtige Veranstaltungen – bsp. jährliche Festivals – gibt es die Möglichkeit, dass die vereinbarten Auflagen für max. drei Jahre ohne neuem Verfahren gelten: Hierfür muss allerdings schriftlich erklärt werden, dass sich die „sicherheitsrechtlichen Aspekte“ nicht verändert haben (§7 Abs. 5 Z 6)
  • Bewilligte Veranstaltungsstätten müssen zukünftig nicht mehr alle 5, sondern alle 10 Jahre überprüft werden (§12 Abs. 1).
  • Bisher waren Gemeinden für alle Veranstaltungen bzw. Veranstaltungsstätten bis zu 2.000 Gästen verantwortlich – diese Zahl wird auf 2.500 erhöht (§14)
  • Erweiterung des Ausnahmekatalogs (§1 Abs. 2 – vor allem im Bereich Brauchtum und Religion), Reduzierung der persönlichen Voraussetzungen als VeranstalterIn (§5 Abs. 2)

Das Gesetz ist mit 30. Juli in Kraft getreten.
 

Lustbarkeitsabgabengesetz neu

Die KUPF ist seit Jahrzehnten für eine Reform der bestehenden Bestimmungen eingetreten, darum das Wichtigste vorweg: Das Land hat die verpflichtende Lustbarkeitsabgabe (LA) in ihrer bisherigen Form abgeschafft!

Die Einhebung der LA auf Kulturtickets wird damit zukünftig den Gemeinden freigestellt. Dieser Schritt schafft zwar strukturelle Klarheit, schützt aber leider nicht vor der Besteuerung von Gemeinnützigen. Das heißt, Gemeinden können auf Grundlage des Finanzausgleichsgesetzes nach wie vor bis zu 25% bzw. bei Filmvorführungen bis zu 10% des Eintrittsgeldes einheben. Auf dahingehende Nachfrage der KUPF betont der zuständige Landesrat Hiegelsberger, dass die „Befreiungstatbestände nicht gleichheitswidrig oder unsachlich“ sein dürfen und eine Ausnahme von der LA für Veranstaltungen mit gemeinnützigen Zwecken oder ohne Gewinnerzielungsabsicht möglich sein wird.

Das Gesetz wurde mit 31. August kundgemacht und wird nach einer Übergangsfrist von 6 Monaten am 1. März 2016 in Kraft treten. Damit haben die Gemeinden Zeit, ihre Bestimmungen anzupassen bzw. auslaufen zu lassen.

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Naturkatastrophe im KUPFbüro

Das erste Quartal macht uns hudeln. Nicht, weil wir eine Brüssel-Exkursion aufreißen (ahja, wir machen jetzt nebenbei ein EU-Projekt zu Kultur- & Regionalentwicklung). Nicht, dass uns diese Förderliturgie nicht leicht von der Hand ginge (es gibt uns wohl noch ein weiteres Jahr). Nicht, weil wir unsere schlauen Ideen zur Rettung der Freien Szene in zahllosen Einzelgesprächen an die Politik bringen möchten (wir haben uns da echt was überlegt, Lobbying und so). Nicht, weil wir uns auf den Zeitungsschwerpunkt «Kulturförderungen im Vergleich» für die KUPFzeitung eingelassen haben (die Früchte halten Sie in Händen). Nein, all das und noch viel mehr können wir da’stehen: Wir sind das KUPFbüro! Was uns dann aber doch ins Wanken bringt: der dritte Wasserrohrbruch in drei Jahren. Feuerwehr, Cops, Einsturzszenarien, Gerüche und acht lautstarke Radiatoren, die für mehrere Wochen unser staubig-nasses Büro beblasen. Kulturarbeit ist eben kein Honiglecken.

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Us, Our Action, Our People: Getting Fired Up

Unter diesem Motto stand Anfang Februar ein Treffen europäischer KulturarbeiterInnen in Brüssel, veranstaltet vom ENCC. Vicy Schuster hat für die KUPF daran teilgenommen, wir haben sie dazu befragt.

Was ist eigentlich das ENCC?

Das ENCC ist ein Netzwerk von Kulturzentren: European Network of Cultural Centres. In meiner Wahrnehmung ist es eher eine Vernetzungsplattform als eine Interessenvertretung, es organisiert internationale Kongresse, initiiert gemeinsame Projekte und bietet auch ein Austauschprogramm für europäische KulturarbeiterInnen an. Die KUPF ist via IG Kultur Österreich am ENCC beteiligt.

Was hast du dort gemacht?

Es hat dort verschiedene Arbeitsgruppen gegeben, die sich an aktuellen Themen der Kulturarbeit abgearbeitet haben: In einer ist es um Kulturarbeit mit Personen mit besonderen Bedürfnissen gegangen, in einer anderen um Datenerhebung im Kulturbereich. Meine Arbeitsgruppe hat Vital Village geheißen, da ist es um Vernetzung von Kulturinitiativen im ländlichen Raum gegangen. Das interessiert mich sehr, da ich in Ottensheim in diesem Bereich aktiv bin.

Die KUPF ist nun Teil eines europäischen Kulturprojektes – wie das?

In unserer Arbeitsgruppe waren Leute aus Dänemark, Belgien, Lettland, Polen, Deutschland und Österreich. Am Anfang haben wir eigentlich hauptsächlich gesprochen, erzählt, gesudert, gelobt und alles, was halt so dazwischen ist. Wir haben unsere eigenen Hintergründe und Projekte vorgestellt – ein befruchtender Austausch!
Wir haben uns wichtigen Fragen genähert: Was heißt eigentlich ländliche Kulturarbeit? Was heißt das in Belgien, wo die Regionen einen anderen Zusammenschluss haben als jene in Dänemark oder in Lettland? Schließlich sind wir bei einer sehr konkreten Projektidee von Beate Kegler[1] gelandet und haben dann im weiteren Schritt an einem Projektantrag gearbeitet, haben unsere Wünsche, Ziele, Bedenken formuliert. In der Projekteinreichung geht es um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Strukturen und Methoden ländlicher Kulturarbeit. Gemeinsam mit WissenschafterInnen der Universität Hildesheim und der Universität Antwerpen, die beide Projektpartner sind, wollen wir in einem mehrjährigen Prozess verschiedene Regionen untersuchen. Das Ziel ist ein wissenschaftlicher Leitfaden zu ländlicher Kulturarbeit in Europa.

Für KulturpolitikerInnen oder eher für die AktivistInnen?

Sowohl als auch. Die wissenschaftliche Arbeit soll die Weitläufigkeit und Relevanz von Kulturarbeit untersuchen und auch untermauern.
Ich glaube, regionale Kulturarbeit ist in manchen Ländern sogar noch wichtiger als bei uns. Dänemark überlegt, ganze Dörfer zu schließen! Ich habe in diesem Austausch vor Augen geführt bekommen, wie privilegiert ich bin, dass ich als Ottensheimerin in einem Ort leben darf, in dem im Vergleich zu anderen Orten ähnlicher Größe extrem viel passiert.
Die KUPF malt immer das schiache Bild von den einsamen Jugendlichen am Lande, die mangels Jobs und Wirtshäusern nur mehr abwandern oder bei der Bushaltestelle saufen können. Die Kulturarbeit kann da unglaublich viel retten, soziale Dynamiken vorantreiben, Identitätsbildung auf höchstem Niveau schaffen!

Wie wird dies in anderen Ländern gesehen?

Ich glaube, dass dieser Diskurs um Regional- & Kulturentwicklung, den wir in der KUPF in den letzten Jahren recht intensiv geführt haben, nicht nur in Österreich sehr präsent ist, sondern in ganz Europa. Ich glaube auch, dass derartige EU-Projekte zunehmend gefördert werden.
Kulturarbeit beschränkt sich ja nicht auf den eigentlichen  Gegenstand, dass irgendein Konzert passiert oder dergleichen, sondern intendiert soziale Dynamiken, die wie in Kaskaden gesellschaftliche Impulse vorantreiben. Das ist auch Teil unserer Forschungsfrage: Wie kann man das messen? Was sind Indikatoren erfolgreicher Kulturarbeit?
Ob wir das Projekt tatschlich bewilligt bekommen, wissen wir aber erst in etlichen Monaten!

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[1] Beate Kegler: deutsche Kulturarwissenschafterin/-arbeiterin; siehe Interview in KUPFzeitung #149

 

Victoria Schuster, arbeitet neben ihrer Profession als Sozialpädagogin auch als Kulturarbeiterin, unter anderem bei KOMA Ottensheim und Crossing Europe Filmfestival. Seit 2012 ist sie Vorständin der KUPF.
 

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Stadt, Land, Kunst

Der Linzer Kulturdirektor Julius Stieber im Gespräch mit Klemens Pilsl.

Nirgendwo in Oberösterreich („Kulturland“) gibt es so viele kulturelle Initiativen und Institutionen wie in Linz („Kulturstadt“). Die Landeshauptstadt beherbergt nicht nur einige stattliche städtische Institutionen wie Lentos, Posthof oder Ars Electronica Center, auch alle großen Einrichtungen der Landeskultur wie Musiktheater, Offenes Kulturhaus oder Landesmuseum sind hier beheimatet. Fast ein Drittel der KUPF-Initiativen stammt aus Linz und einige der umtriebigsten Player der freien Szene kommen von hier. Alles Anlass genug, um mit dem städtischen Kulturdirektor Julius Stieber über den Stand der Dinge in der Linzer Kulturentwicklung zu sprechen.
 

Klemens Pilsl: Der neue Linzer Kulturentwicklungsplan (KEP) wird jetzt bald 2 Jahre alt. Ich habe ihn nun noch einmal genau gelesen, er gilt ja als das Maß der Dinge in der städtischen Kulturpolitik. Eine darin niedergeschriebene zentrale Maßnahme für die freie Szene, die ja viel Energie und Hoffnung in den KEP investiert hat, ist die Erhöhung der Fördergelder. Heuer, im zweiten Jahr nach KEP, ist die gegenteilige Geschichte passiert: eine Kürzung des Budgets. Wie ernst kann die freie Szene den KEP noch nehmen?

Julius Stieber: Ja, das ist eine zentrale Forderung der freien Szene, aber sie ist im Gesamtkontext des neuen KEP nur eine Maßnahme von vielen. Wir haben ja den neuen KEP bewusst nicht darauf aufgebaut, dass bei unseren Umsetzungsschritten immer mehr Geld notwendig ist, sondern wir sind sehr ins Thematische hineingegangen: Ins Synergien heben, ins Verknüpfungen schaffen, ins Interdisziplinäre und ins institutionenübergreifende Agieren. Auch die Verknüpfung zwischen freier Szene und den Institutionen haben wir sehr betont. Die Zusammenarbeit zwischen Tourismus und Kultur, aber auch zwischen Bildung und Kultur war uns ein Anliegen. Aber natürlich sind im KEP auch Maßnahmen formuliert, bei denen es um Geld geht. Eine davon ist die Forderung nach mehr Geld für die Förderung der freien Szene. Bereits im KEP-Prozess wurde aber klar formuliert, dass dies nur mittelfristig, sozusagen als Ziel formuliert werden kann und – angesichts der Budgetkonsolidierungsmaßnahmen der Stadt – nicht kurzfristig. Diese Forderung ist ein mittelfristiges Ziel, an dem wir nach wie vor festhalten.

 

Mittelfristig hieße bei einem Projekt, dass wie der KEP auf 10 Jahre angelegt ist, etwa fünf Jahre. Wir haben jetzt im zweiten Jahr schon eine Kürzung. Wie realistisch ist es, dass es in den nächsten drei Jahren zu einer Erhöhung kommt?

Aus meiner Sicht ist es in den nächsten drei Jahren nicht realistisch. Der KEP läuft mindestens zehn Jahre und am Ende dieser Periode wird dann Bilanz gezogen. Das ist das Zeitmaß, an dem man sich orientieren sollte.
 

Eine zweite, für die freie Szene ganz zentrale Maßnahme des KEP lautet, dass die Kulturverwaltung „in Abstimmung mit der freien Szene“ einen Kriterienkatalog zur Bewertung von Fördereinreichungen erstellt. Gibt es dazu schon Pläne?

Es gibt ja die bereits bestehenden, harten Förderkriterien aus dem alten KEP, die man ein bisschen adaptieren kann. Es wird zudem neue Kriterien geben, die aufbauend auf den KEP-Ergebnissen dazukommen. Problematisch ist dabei: Wenn wir zu viele Kriterien anlegen, die unabdingbar erforderlich sind, wird kaum ein Förderwerber die Kriterien erfüllen können. Das heißt, es wird harte und weiche Kriterien geben, die bei der Bewertung der einzelnen Förderungen eine Rolle spielen. Wir haben diese weichen Förderkriterien nun schon einmal vorformuliert, da geht es um Themen wie Chancengleichheit, Barrierefreiheit, Interkulturalität usw. Dann werden wir im nächsten Schritt den Stadtkulturbeirat damit befassen. Der Stadtkulturbeirat ist für uns das Regulativ, die legitimierte Institution, mit der wir dann den Förderkriterienkatalog festlegen.

Erfüllt das für Sie die Formulierung „in Abstimmung mit der freien Szene“?

Aus meiner Sicht ja, weil im Stadtkulturbeirat wesentliche Vertreter der freien Szene sind und für mich die Frage des legitimierten Organs entscheidend ist.

Keine Workshops wie beim KEP-Prozess? Keine gemeinsamen Gesprächsrunden, zu denen VertreterInnen der freien Szene, die Institutionen und EinzelkünstlerInnen geladen sind?

Die Förderkriterien werden sich am KEP orientieren. Und der KEP war ein vorbildlich organisierter partizipativer Prozess. Ich habe jetzt kein Problem, dass wir auf Basis dessen etwas formulieren und das mit dem SKB beschließen. Der SKB ist für mich das legitimierte Organ. Bei der freien Szene ist das Problem, dass wir eigentlich keine Ansprechpartner haben, hinter denen eine Legitimation steht.
 

Eine Szene ist ja auch keine Institution.

Im SKB haben wir eine breite Repräsentanz der freien Szene. Der SKB ist aus meiner Sicht auch vom Vorsitz her eindeutig, nämlich zu hundert Prozent, der freien Szene zuzuordnen, wenn ich mir die drei Vorsitzenden anschaue. Da können wir sehr eingehend auch in Arbeitsgruppen diskutieren, da scheue ich auch nicht vor Workshops und wirklich intensiven Diskussionen zurück. Aber es ist aus Sicht der Verwaltung notwendig, legitimierte Partner zu haben.
 

Wo sehen Sie die Baustellen und Herausforderungen, die Linz im Kontext zeitgenössischen Kulturschaffens in den nächsten paar Jahren vor sich hat?

Es ist ein wichtiges Thema, sogar ein Schwerpunkt im KEP, Kunst und Kultur öffentlich zu machen. Da geht es um zwei Aspekte: Das eine ist Kunst im öffentlichen Raum. Da geht es um temporäre Eingriffe im öffentlichen Raum, aber auch darum, dass man gemeinsam mit der freien Szene Kulturentwicklung betreibt, dass man die in der Stadt tätigen Menschen auch befähigt, im öffentlichen Raum stärker aktiv zu werden. Und der zweite wichtige Aspekt ist die Öffentlichkeitsarbeit, also dass man auch das Tun der freien Szene sichtbarer macht. Da braucht es natürlich Medien. Wir haben eine gute Basis mit DorfTV, Radio FRO und der Versorgerin, aber man braucht natürlich auch Formate, die man entwickelt, um dieses «sichtbar machen» zu konkretisieren und zu gewährleisten. Ich stelle mir das so vor, dass die Verwaltung da auch Beauftragungen gibt in Richtung freie Szene – dahingehend, dass man die Kompetenzen der freien Szene nicht nur abruft, sondern auch bezahlt. Das ist, glaub ich, ganz wichtig und ein ganz großes Kapitel, welches wir sehr ernst nehmen und weiter verfolgen. Ein weiterer großer Themenblock ist für mich die Interkulturalität. Ich glaube, dass sich da viel tun muss, von den Beiräten bis hin auch zur konkreten Förderpolitik. Wir fördern bereits jetzt über unsere Stadt der Kulturen-Förderschiene die Kooperationen zwischen interkulturellen Vereinen und der Kulturszene und den Kulturinstitutionen. Das ist ein Weg, den man sicher noch ausbauen muss. Und es gibt auch Handlungsbedarf, was die freie Theaterszene angeht, etwa bezüglich den Probenräumen und den Infrastrukturen.
 

Sie waren ja sowohl am Land Oö als auch bei der Stadt Linz in der Kulturverwaltung tätig. Sind das zwei verschiedene Schulen, wie man mit Kultur förderung und Kulturpolitik umgeht?

Ich sehe nicht so viele Unterschiede wie die Kulturverwaltung beim Land und in der Stadt tickt. Verwaltung ist Verwaltung, es hat bestimmte Abläufe, es ist das Zusammenspiel mit der Politik ähnlich gestaltet. Es ist in der Stadt sicher so, dass sie zeitgenössischer orientiert ist. Das ist beim Land ein anderer Ansatz, aber auch ein anderer Auftrag, das muss man dazusagen. Das Land ist eben auch der Denkmalpflege in anderer Weise verpflichtet.
 

Aber tickt der gemeine Kulturbeamte beim Land anders als der von der Stadt Linz?

Es gibt in beiden Verwaltungen ein generelles Interesse an den KünstlerInnen, am Kulturschaffen im Land. Das legt dann jeder einzelne Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin ein bisschen anders aus. Das ist dann eher ein Persönlichkeitsproblem als ein generelles.

Momentan wird hier in der Stadt viel verhandelt über die Neustrukturierung der Personalagenden. Gibt es in drei oder fünf Jahren überhaupt noch einen Kulturdirektor? Wird es Ihren Job noch geben?

Das ist jetzt eine Frage, die ich nicht zu entscheiden habe. Ich bin sehr gerne Kulturdirektor der Stadt Linz und möchte das auch bleiben.
 

 

2015 wird der Kulturdirektor auf Landesebene nachbesetzt. Dafür bringen Sie sich nicht ins Spiel?

Ich habe mich nicht beworben.

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Anm.: Mittlerweile ist bekannt, dass Reinhold Kräter (ÖVP) die Kulturdirektion Oö übernimmt.
 

Julius Stieber absolvierte das Lehramtsstudium Geschichte und Germanistik und arbeitete 4 Jahre als Pflichtschullehrer, anschließend Doktorat Germanistik. Ab 1996 Mit arbeiter in der Kulturverwaltung Oö, u.a. verantwortlich für das Theaterfestival SCHÄXPIR. Seit 2010 Kulturdirektor der Stadt Linz, in dieser Rolle auch Mitglied im Aufsichtsrat von Ars Electronica Center und LIVA sowie Universitätsrat an der Johannes-Kepler-Universität.

Klemens Pilsl ist Mitarbeiter der KUPF.

 

KEP: Der Linzer Kulturentwicklungsplan neu („KEP“) ist in einem zweijährigem partizipativen Prozess unter Beteiligung vieler Kunstund Kulturschaffender, aber auch WissenschafterInnen, Beamter und FunktionärInnen, entstanden und wurde Anfang 2013 im Gemeinderat beschlossen. Der KEP beschreibt Zielsetzungen der Linzer Kulturpolitik und formuliert zahlreiche Maßnahmen zu deren Erreichung. Er versteht sich als „verbindliches, auf breiter Basis erstelltes Strategiepapier, um die kulturelle Dynamik in der Stadt für die kommenden Jahre zu garantieren.“

 

SKB: Der Linzer Stadtkulturbeirat („SKB“) wurde 2001 als kulturpolitisches Beratungsgremium von der Stadt Linz installiert. Er besteht aus max. 24 Mitgliedern, vorranging Kunst- und Kulturschaffende und WissenschafterInnen und verfügt über eine 4-jährige Funktionsperiode. Aktueller Vorsitzender seit 2013 ist Thomas Diesenreiter (→ siehe Artikel S. 6), seine StellvetreterInnen sind Silke Grabinger und Otto Tremetzberger. Der SKB soll einen „ständigen Diskurs über die kulturelle Entwicklung in Linz führen und eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Anpassung an die Anforderungen zeitgemäßer Kulturarbeit initiieren.“

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Regiotopia

Beobachtungen zur Regionalentwicklung in Oberösterreich

Die KUPF beschäftigt sich nach wie vor intensiv mit den Strukturfonds der EU, insbesondere mit dem LEADER-Programm. Diese Beschäftigung trägt Früchte – neben großem Interesse aus der Szene wurde die KUPF unter anderem zu einer Enquete in das Parlament, aber auch zu Inputs in LEADER-Regionen eingeladen. Die Kulturplattform betont dabei vor allem neben finanziellen Möglichkeiten die inhaltlichen Chancen, welche Kulturarbeit der Regionalentwicklung eröffnet – und vice versa (siehe KUPFzeitung Nr. 149 + 150). Im laufenden Jahr bildeten sich in ganz Oö neue Felder der Regionalentwicklung, vor allem neue und erneuerte LEADER-Regionen. Das große Versprechen, diesmal ganz besonders auf Einbindung der lokalen Zivilgesellschaft zu setzen, wurde aber bislang nur bedingt erfüllt. Dies ist besonders prekär, da die EU die parteipolitische Verfilzung hiesiger LEADER-Projekte bereits kritisch bemängelte und der Bund die einzelnen Regionen mit Quoten (zB. «50 % Zivilgesellschaft ») zur Einhaltung der partizipativen LEADER- Auflagen drängte. AktivistInnen aus der freien Kulturarbeit gelang es aber auch, Teilhabe zu erkämpfen.

Standortfaktor Kultur

Ein Beispiel aus der Praxis: In der LEADER-Region «Kulturerbe Salzkammergut (regis)» reklamierten KulturarbeiterInnen ihre Teilhabe am Entwurf der lokalen Entwicklungsstrategie und dann klappte es auch mit dem Zugang zu Informationen. Im Vorfeld des darauf folgenden Workshop der LEADER-Region, der die Einbindung der Kulturszene gewährleisten sollte, zeigten sich große Differenzen zwischen KuturarbeiterInnen, dem Regionalmanagement und der regionalen Politik. In Folge wurde nach durchaus hitzigen Momenten noch im Rahmen des Workshops begonnen, gemeinsam mit dem LEADER-Team die Potentiale von KulturarbeiterInnen für die Region herauszuarbeiten.

Es gelang, eine wachsende Gruppe an AktivistInnen und Ehrenamtlichen für das LEADER-Management sichtbar zu machen und als ExpertInnen in den Prozess einzubinden. Im Anschluss wurden KulturaktivistInnen (u.a. aus dem KUPF-Vorstand und den freien Radios) eingeladen, ihre Standpunkte direkt den politischen VertreterInnen vor Ort zu präsentieren und Kultur als wesentlichen und nachhaltigen «Standortfaktor» zu vermitteln. Die inhaltliche Vorarbeit der KUPF und das im Frühjahr veröffentlichte Positionspapier zum Thema halfen, Kulturarbeit überzeugend als probates Werkzeug für ländliche Regionen zu präsentieren – etwa um Abwanderung zu reduzieren, wertvolle «Inseln der Urbanität» zu schaffen und die Teilhabe an internationalen Diskursen zu ermöglichen.

Dieser durchaus kontroverse regionale Prozess hat gezeigt, dass freie Kulturarbeit mit ein wenig Engagement und Know-How politische Erfolge und Teilhabe erringen kann. Es zeigt aber auch, dass es seitens der KulturarbeiterInnen immer wieder der Begriffsklärung gegenüber politischen EntscheidungsträgerInnen bedarf, um «Kultur» nicht als klassische Querschnittmaterie im Sinne einer Verwertungslogik zwischen den Bereichen Landwirtschaft, Tourismus oder Wirtschaft verkümmern zu lassen. Problematisch wird eine solche Unklarheit gerade dann, wenn die Vielfalt an Zeitkultur (und ihre Begrifflichkeiten) nicht in festgesetzte Fördersysteme schubladisiert oder mit einer vereinheitlichenden Erklärung abgehandelt werden können. Auch das war – nicht nur im Inneren Salzkammergut – in der vergangenen LEADER Periode 2007 – 2013 ein oft problematischer Umstand. Aus dem genannten Beispiel aus dem Salzkammergut lässt sich nicht zuletzt eine schöne Erkenntnis ableiten: Ein gemeinsames Engagement von RegionalentwicklerInnen, KulturaktivistInnen und auch LokalpolitikerInnen ist bei entsprechender Offenheit nicht nur möglich, sondern auch sehr fruchtbar für alle Beteiligten und die gesamte Region.

Auf Augenhöhe

Bei Förderprogrammen und deren klar definierten Umsetzungsformen handelt es sich oftmals um ExpertInnenhaltungen, die nach unten hin umgesetzt werden. In den jeweiligen Regionen würde es für eine sinnvolle Umsetzung zudem einen ökonomischen und soziokulturellen Plan benötigen. Ein roter Faden ist hier aber nicht erkennbar. Geschuldet ist dies nicht nur der Komplexität der Materie, sondern auch dem auf zu vielen urbanen Parametern basierenden Wissenstransfer.

Genauso entscheidend wie diese Strategien sind regionale Perspektiven für die neuen Verhandlungsund Aushandlungsprozesse, wie sie die neugebildeten LEADER-Regionen erfordern. Das zeigt etwa die rege Teilhabe am gemeinsamen Entwickeln des Leitbildes der LEADER Region Traunstein – mit entsprechendem Know-How gelang es dort, ein offenes und demokratisches Verfahren rund um «Kultur » zu etablieren.

Für die politische Kultur, sowohl regional und kommunal als auch auf Landes- und Bundesebene, wird in Zukunft die große Herausforderung darin bestehen, partizipative Prozesse so zu ermöglichen, dass sie in weiterer Folge auch Wirksamkeit erlangen. Damit nicht Kultur rund um Fördertöpfe gebaut, sondern effektive Unterstützung für das Kulturschaffen gestaltet wird, muss beständig beobachtet und angekurbelt werden, wie Politik, Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf Augenhöhe gemeinsam Entwicklungen in die Wege leiten können.

Gestaltungsfreiraum

Als Perspektive für die Regionalentwicklung ist dies nur unter Einbindung möglichst vieler in einer Region lebenden Personen möglich und denkbar. Gestaltungsfreiraum kann nicht durch die Arbeit eines Gemeinderates ersetzt, sondern muss von der Bevölkerung selbst umgesetzt werden. Es geht darum, sich zu vernetzen, zu kommunizieren und gemeinsam ins «Tun» zu gehen. Manche Projekte aus dem KUPF-Netzwerk belegen dies: etwa das Offene Kulturhaus Vöcklabruck (OKH), das mit Leidenschaft und hohem Partizipationspotential für die lokale Jugend Raum und Diskursmacht erobert und mittlerweile aus dem Kulturleben der Stadt und wohl auch aus dem der LEADER-Region Vöckla-Ager nicht mehr wegzudenken ist. Diese Projekte entsprechen somit in hohem Maße den Anforderungen europäischer Strukturfonds sowie den Ansprüchen moderner Regionalentwicklung.

Stadt, Land, Leader

Auf kommunaler Ebene beginnt die Politik langsam, aber doch bemerkbar, diese Idee zu begreifen: Kommunen benötigen auch (reale wie diskursive) Entwicklungsräume zur Zukunftsgestaltung. Das zeigen nicht nur die genannten LEADER-Prozesse, sondern wird etwa in den Otelos, den Offenen Technologielaboren, erfolgreich praktiziert. Und es scheint, als würde es dafür in der regionalen Politik mehr Offenheit als auf Landesebene geben, wo Regionalentwicklung ein Top-Down-Verfahren darstellt – ein beinahe sicherer Garant, die Menschen aus Teilhabe- Prozessen fernzuhalten oder zu vertreiben. Kulturelle Regionalentwicklung baut aber vor allem auf dem Ermöglichen kreativer Entwicklungsprozesse, durch Schaffung der Rahmenbedingungen für AktivistInnen (vgl. Kornbergers Themen, dass erfolgreiche, nachhaltige Kulturarbeit Sicherheit, Strukturen, Autonomie und Chancengleichheit braucht) und einer maßvollen, vorausschauender Richtungsweisung von politischer Seite. Gerade in unserer durchstrukturierten und perfekt verwalteten Gesellschaft stellt es sich als eine Schwierigkeit heraus, etwas bedingungsfrei und chancengleich zu entfalten. Autonomiebestrebungen beanspruchen eben auch den organisatorischen Freiraum, der nicht in herkömmliche Struktur- oder Verwaltungsmuster passt.

Damit Kultur innerhalb der Regionalentwicklung nachhaltig arbeiten kann, müssen diese Sichtweisen immer wieder transparent gemacht werden. Das ist Aufgabe der zivilgesellschaftlichen AktivistInnen vor Ort. Dass es soweit kommt, erfordert eine einschließende Haltung seitens der politischen und bürokratischen EntscheidungsträgerInnen, welche bewusst die Gemeinsamkeiten und Vielfältigkeiten der regionalen AkteurInnen als Stärken anerkennen.

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Dieser Artikel basiert u. a. auf den Inhalten, die bei folgenden Veranstaltungen diskutiert und den Prozessen, die dadurch in Gang gesetzt wurden: „Gibt es Perspektiven für Kunst, Kultur und Wissenschaft in der Traunsteinregion“: Diskussion mit Anton Zeilinger, Xenia Hausner, Martin Hollinetz und Peter Assmann am 7. August 2014 in Traunkirchen; Zukunftskonferenz der Leader Region Traunstein am 6. Februar 2014 in Vorchdorf; Workshop der Regionalentwicklung Inneres Salzkammergut (regis) für KulturarbeiterInnen am 23. April 2014 in Bad Ischl.

Verwendetes Material: Franz Kornberger, Vortrag zum Thema „Regionale Kulturentwicklung“ im Rahmen des Projektes „Kultur vor Ort“ der TKI, nachzuhören im KUPFPodcast → cba.fro.at

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Die Ränder der Kulturarbeit

less rock more talk: In der zeitgenössischen, initiativen Kulturarbeit manifestieren sich neue Inhalte und neue Player, die „fast ohne Kultur“ auskommen. Doch ist es sinnvoll, die neuen Initiativen rund um Ökologie, Medien und Nachhaltigkeit als Kulturarbeit zu vereinnahmen? Im Zweifel ja, findet Jürgen Lüpke. Die Ränder der Kulturarbeit eröffnen uns nämlich mögliche Zukünfte.

Tendenzen
Wer den KUPFsonntag im Februar 2014 oder ein paar Wochen später die Jurysitzung zum KUPF Innovationstopf besucht hat, wer sich die Radioshows der IG Kultur und die Newsletter der TKI reinzieht, entdeckt möglicherweise Tendenzen: viele junge Initiativen und viele aktuelle Projekte / Kollektive, so scheint es, unterscheiden sich von den mittlerweile «klassischen» Kulturinitiaiven des letzten Jahrhunderts. Sie produzieren oder vermitteln (politische) Kultur nicht indirekt über das «Veranstalten» von Musik, Kunst, Theater, sondern arbeiten sich unmittelbar an kulturellen Begriffen und Gegebenheiten ab: Raum, Technologie, Arbeit und so weiter – ganz ohne Umwege über Konzerte, Kabarettabende oder Vernissagen.

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„Kulturarbeit stand für partizipative, politisch engagierte Arbeit im kulturellen Feld und/oder mit kulturellen bis künstlerischen Mitteln […] Der Ansatz der klassischen Avantgarde, die Trennung zwischen „Kunst und Leben“ aufzuheben, sollte wieder belebt werden. [… Es] ging nicht um die Schaffung neuer Werke, sondern auch darum, kulturelle Produktionen etc. […] zu veranstalten.“
Monika Mokre / Elisabeth Mayrhofer

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Kings of the road & drama queens
Die meisten Initiativen, die in der KUPF organisiert sind, veranstalten die künstlerischen Outputs anderer. Es gibt dazu viele Motive, spontan scheinen mir zwei generalisierbar: die Liebe zur jeweiligen Sparte, zum konkreten Genre sowie die unmittelbare Chance, sich und seine Umwelt einzubringen, zu bearbeiten und gesellschaftlich relevant zu sein. Das «Veranstalten» ist oft Vehikel für dahinterliegende Notwendigkeiten: Utopie-Produktion, kulturelle Nahversorgung, selbstbestimmtes Arbeiten, Teilhabe sind die dazugehörigen Schlagworte. Je nach Initiative verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Artists und Audience, je nach Gruppe ausgeprägt ist auch die politische Motivation und Wirksamkeit: manche wollen bloß mal anständige Mucke aufs Dorf holen, andere an einer neuen Welt bauen.
Letzteres teilen sie definitiv mit den «neuen» Initiativen: diese beschäftigen sich mit Kultur abseits künstlerischer Aufladung – sie beschäftigen sich mit den Grundlagen unserer Kultur im dramatischen Sinne des zivilisatorischen Zusammenhalts: sie errichten vertikale Gärten in den Zentren und Community Gardens in der Peripherie, sie reparieren kaputte Elektrogeräte in OTELOs und errichten freie Radiosender in Afrika. Sie vermitteln juristisches Wissen zu Hausbesetzungen wie -genossenschaften, betreiben biologische Landwirtschaft ganz ohne Romantik. Kurz: Da tut sich was neues.

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„[…] Den explizit politischen Anspruch haben heute nur einige Initiativen. Wir unterstellen aber, dass sie natürlich alle politisch agieren in ihrer Organisationsform, indem wie sie an einem Ort agieren. Sie sind sich oft der politischen Relevanz nicht bewusst.“
Stefan Haslinger
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Nicht aufregen!
Natürlich ist weder das eine altvaterisch noch das andere ein Novum. Viele veranstaltende Initiativen sind höchst politisch und gesellschaftlich aktiv, speziell errungene Kulturzentren (KAPU, Schl8hof, …) sind Kristallisationspunkte für politisches Engagement und Widerständigkeit. Nicht zuletzt durch subkulturelle Aufladungen geschieht dort Politisierung und unschätzbar wichtige gesellschaftliche Arbeit. Und speziell in Netzwerken wie der KUPF finden sich viele, deren Motivation für das Kulturschaffen primär politisch ist: maiz, die freien Radios und die Solidarwerkstatt oder auch fiftutu% seien hier als Beispiele vorgebracht. Die KUPF und viele andere nennen das mit berechtigtem Stolz initiative Kulturarbeit – kritische Arbeit an und mit zeitgenössischer Kultur. Aber: Fortschritt verlangt nach Dynamiken, und «Kulturarbeit» ist ein dehnbarer Begriff: der Linzer luft*raum oder die Leondinger urbanfarm bearbeiten Kultur deutlich unmittelbarer: sie beschäftigen sich sehr praktisch mit Alternativen zur herrschenden Ökonomie oder mit den Folgen europäischer Migrationspolitik – zwei Felder, die stark die europäische Gegenwartskultur prägen und repräsentieren. «Kultur» wird also nicht künstlerisch aufgeladen oder soll «vermittelt» werden, sondern wird nüchtern-soziologisch als unser Umgang miteinander und unserer Umwelt gesehen. Auffallend ist der Impact mancher dieser Initaitiven: Sie arbeiten, durchaus szene-untypisch, mit Wohlwollen und Einbindung der Menschen und Mainstream-Medien und schaffen mitunter erstaunliche Tatsachen.

Bobos, Dreamer, Neohippies?
Wohin sich die kulturarbeiterischen DIY-Werkstätten, Radl-Reparierer und Öko-Aktivistinnen entwickeln werden, ist noch nicht abzuschätzen. Im schlimmsten Fall eine kleine Blase der Naivität mit raschem Ablaufdatum, ein wenig alter Wein in neuen Schläuchen, und im besten Fall die ProtagonistInnen einer Post-Wachstums-Wirtschaft. Whatever, nix is fix! Gegenwärtig jedenfalls ist interessant und augenfällig, dass viele der ProtagonistInnen aus der «klassischen» freien Kulturszene kommen und sich selbst auch dort verorten. Auch das Interesse derartiger Initiativen an der vielzitierten «alten Tante» KUPF ist erstaunlich. Fast 25 (alte und junge!) KIs sind in den letzten beiden Jahren der Kulturplattform beigetreten. Was vor ein paar Jahren möglicherweise als «zivilgesellschaftliches Engagement» oder APO eingeschätzt wurde, fühlt sich heute als Kulturarbeit an. Und agiert auch so.

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„Boomt Kulturarbeit deswegen, weil die „Linke“ im weitesten Sinne sich zunehmend in kulturlinke Positionen und Zusammenhänge zurückzieht? Ist die „Linke“ auf einem Rückzugskampf und die Kulturarbeit unser Dschungel, wohin wir uns zurückziehen?“
Klemens Pilsl

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Chancen, Gefahren, Irrtümer
Für die alte Tante mag das Gutes bedeuten: eine Frischblutinjektion nach der anderen treibt ihr jugendliche Röte in die Wangen. Das Interesse der «neuen Initiativen» am Netzwerk und dem akkumulierten Know-How schmeichelt wohl. Auch der KUPF-Schaffensschwerpunkt der letzten beiden Jahre, die intensive Auseinandersetzung mit Regionalentwicklungen und entsprechenden Fördertöpfen, ist dem geschuldet. Aber: Ist das eigentlich Kulturarbeit, wenn man neue Taschen aus alten Kleidern bastelt oder drei alte Fahrräder zu einem Zombiebike zusammenschmeißt? Eine berechtigte, aber gefährliche Frage, da sie eine «echte Kulturarbeit » impliziert, die die anderen bestenfalls faken. Schlagend wird die Frage aber spätestens beim Drängeln am Trog: ist doch ohnehin für die bestehende Freie Szene nicht genug Fördergeld vorhanden, wird es mit jedem neuen Player noch enger – und sollten Kulturförderungen wirklich auch noch auf 3D-Drucker, GenossenschaftsgründerInnen und ErnährungsaktivistInnen verteilt werden?
Die alten Hasen seien beruhigt ! Das Senioritätsprinzip scheint derzeit kaum gefährdet. Die Förderkürzungen im Kulturbereich sind nicht den «Jungen», den «Neuen» oder gar dem «Fremden» geschuldet, sondern dem Sparwahn der PolitikerInnen. Die KUPF beobachten schon lange, dass es junge Initiativen zugunsten der Bewährten kaum zu Basisförderungen schaffen. Und ähnlich wie beim Verhältnis der initiativen Kulturarbeit zur Kreativwirtschaft schaut es auch bei dem zu den «neuen Initiativen» aus: Diese finanzieren sich kaum aus bestehenden Kulturtöpfen, sondern setzen ganz woanders an: Sie saugen Geld zum Beispiel aus den grüneren Wirtschaftstöpfen des Landes, sie beanspruchen europäische Regionalentwicklungsgelder, lassen sich mit Umweltschutz-Geldern prämieren, beantragen Sozial- & Bildungsgelder oder teilfinanzieren sich – siehe die freien Radios im KUPF-Netzwerk – sogar über Pressetöpfe.

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„Kulturarbeit steht in starker Verbindung mit Bildungsarbeit, […] ist nicht getrennt zu denken von unseren Tätigkeiten im sozialen Bereich. Und damit ist sie nicht getrennt von politischem Aktionismus zu denken.“
Rubia Salgado
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Das mag zwar nur eine Momentaufnahme sein, aber das Problem liegt natürlich weniger im kulturellen Feld als im verwaltungspolitischen: Die historisch gewachsene Ressortaufteilung in den Körperschaften (Kultur, Soziales, Bildung, Jugend, …) scheint nicht ewig dem Stand der Gesellschaft entsprechend. In ferner Zukunft entscheidet möglicherweise – man wird noch träumen dürfen – eine Fördergeberin vorab prinzipiell über die Förderwürdigkeit und macht sich erst dann Gedanken, welches inhaltliche Ressort welchen Beitrag zur Fördersumme leistet. Momentan müssen die bittstellenden EinreicherInnen viel Energie dafür aufwenden, die jeweiligen konkurrierenden Ressorts einzeln abzuklappern und zu überzeugen.

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„Seit längerem ist nicht klar, was Kulturarbeit ausmacht und was sie von anderen Aktivitäten im kulturellen Feld unterscheidet. Gehen wir also davon aus, dass Kulturarbeit noch immer wichtig ist, so gilt es, diesen Begriff zu überdenken, zu diskutieren oder auch um ihn zu streiten.
Monika Mokre / Elisabeth Mayrhofer
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Binsenweisheiten und 21st century Kulturarbeit
Peripherien haben schon immer die Zentren beeinf lusst und manchmal sogar abgelöst. Auch die Ränder der Kulturarbeit bewirken eine Zukunftsfähigkeit der Kulturarbeit. Sie sitzen an den Schnittstellen zur Sozial- , Bildungs- und Medienarbeit, sie agieren volkswirtschaftlich oder auch ökosozial. Sie sind kein Visionäre, VerführerInnen oder Superwuzzis, einige reden Topfen, manche werden mit wehenden Fahnen untergehen und andere groß rauskommen. Aber sie sind weder Ressourcenvergeudung noch Bedrohung, sondern eine Chance im besten dialektischen Sinne. Sie erweitern die Wirkmächtigkeit des initiativen Kulturbetriebs zumindest temporär weit in die Zivilgesellschaft und erobern diskursive Deutungshoheiten für die Kulturarbeit. Sie eröffnen der initiativen Kulturarbeit neue Felder, neue Distinktionsflächen, neue Handlungsräume, Heterotopien und im besten Falle sogar ein bisschen Zukunft. 21st century Kulturarbeit eben. Ŧ

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Sämtliche angeführten Zitate stammen aus dem KUPF-Online-Fundus, konkret aus der Publikation „Kultur, Arbeit, Misere“, 2008  → kupf.at/node/2080

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Kulturarbeit entwickelt Regionen

Die KUPF arbeitet seit zwei Jahren sehr intensiv und mit ersten Erfolgen an der Öffnung von Struktur- und Regionalentwicklungsfonds für initiative Kulturarbeit. Intention ist nicht nur eine nachhaltige Erweiterung bestehender Kulturförderungen, sondern auch eine inhaltliche Bereicherung regionaler Prozesse durch freie KulturarbeiterInnen.

Seit 2012 beschäftigt sich die KUPF wieder gezielt mit dem europäischen LEADER-Programm. Obwohl von der EU (auch) als zivilgesellschaftlicher Partizipationsprozess intendiert, gelang es in der letzten Leader -Periode in Oberösterreich (2007–2013) nur wenigen Playern der freien Szene, Projektgelder zu lukrieren. Die KUPF hat sich daher intensiv bei der inhaltlichen und formalen Neuausrichtung der nun beginnenden LEADER-Periode ab 2014 eingebracht. Neben der Notwendigkeit, kapitalstarke Ergänzungen zum stagnierenden Kulturbudget zu lukrieren, treiben aber vor allem die inhaltlichen Chancen an. Doch wie kommt die KUPF nach Brüssel und die Kulturarbeit zur Regionalentwicklung?

Europäische Entwicklungen und Kulturarbeit

Die Europäische Union schreibt mit dem Jahr 2014 sowohl ihre Strukturfonds zur nachhaltigen Regionalentwicklung (LEADER, EFRE, etc.) als auch das Kulturförderprogramm Creative Europe neu aus.

Der veränderte Sprachduktus in den neuen EU-Programmen weist dabei auf eine Neuausrichtung des Kulturbegriffs hin. Diese zielt auf Marktorientierung und ein instrumentelles Kulturverständnis ab. Gleichzeitig ist aber auch die Praxis des europäischen Kulturbetriebs im Wandel begriffen: Gemeinnützige Kulturarbeit und kreativwirtschaftliche Selbstständigkeit verquicken sich in der Arbeitswelt vieler ProtagonistInnen. Das Feld der Kulturarbeit und der Kreativität gilt andererseits zunehmend als zivilgesellschaftliches Labor für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaften – etwa für gemeinschaftlich verwendete Ressourcen, für interdisziplinäre Projekte oder schlicht für ein gutes und nachhaltiges Leben vor Ort.

Es lässt sich bei vielen AkteurInnen selbst (sowohl bei den Kulturschaffenden als auch bei manchen FördergeberInnen [1]) also eine der Ökonomisierung entgegenstehende Kulturpraxis feststellen – diese beinhaltet eine Sensibilisierung für gesellschaftliche Partizipation und Nachhaltigkeit jenseits von unmittelbarem Profit.

LEADER etwa ist ein europäischer Topf, dessen Gelder überwiegend aus Brüssel stammen, aber von den politischen Regionen verteilt werden. Der Topf soll ganzheitliche, nachhaltige und von der Bevölkerung intendierte («bottom up») Prozesse und Projekte unterstützen. Genutzt wurde er oft genug aber nur für touristische oder regionalökonomische Zwecke, oft unterstellt wurde eine «politische» Vergabe vor Ort. Die KUPF hat über beinahe zwei Jahre hinweg auf mehreren Ebenen der Verwaltung und der Politik Überzeugungsarbeit geleistet, LEADER gezielt für initiative Kulturarbeit zu öffnen und tatsächlich die Zivilgesellschaft einzubinden. Mittlerweile hat das Land erneuerte Richtlinien, die dies begünstigen, an die LEADER-Regionen und verantwortlichen BürgermeisterInnen ausgegeben. Damit können regionale Kulturinitiativen finanziell als auch inhaltlich vollkommen neue Horizonte anstreben, so sie diese beschreiten wollen und können – Engagement, Bürokratiebegabung und Wille zur Pionierarbeit vorausgesetzt.

Kulturarbeit und regionale Entwicklungen

Doch wie sieht die genannte Überzeugungsarbeit aus, die sowohl KUPF als auch lokale Player leisten mussten und weiter müssen? Die KUPF argumentiert mit einem Kulturverständnis, das anstelle kapitalorientierter Marktvorteile einen «Möglichkeitsraum» im Sinne regionaler kultureller Vielfalt [2] gewährleistet. Denn Kulturarbeit kann und soll jenseits von Verwertungslogik und Ortsverschönerung operieren. Ökonomische Aufwertung oder Rentabilität ist zwar nicht per se ausgeschlossen, aber keinesfalls maßgeblich. Vor allem in der ländlichen Entwicklung erbringt die Arbeit von Kulturinitiativen und Kulturschaffenden solche gesellschaftlichen Mehrwerte. Wenn Kultur auch als spezifische Form der Sinnstiftung und der Selbstartikulation und Kulturarbeit als Entwicklungsprozess, der durch Beteiligung entsteht, dessen Kräfte in die Gesellschaft hineinstrahlen und zu nachhaltigem Wandel führen [3] erkannt wird, hat initiative Kulturarbeit nachweisbar positive Effekte für ländliche Gebiete [4]. Diese lassen sich vortrefflich in Argumente gegenüber den Verantwortlichen pressen.

Ein Ankerpunkt ist dabei die Tatsache, dass viele ländliche Regionen besonders stark von Zersiedelung, Abwanderung, Individualisierung, Vergreisung und Verarmung betroffen sind. Kulturarbeit kann dagegen halten!
 

  • Kultur ist ein lokales Bindemittel zwischen den Menschen [5]. Kulturarbeit gewährleistet dezentrale kulturelle Nahversorgung. Sie regt zur zivil-gesellschaftlichen Beteiligung an, sie ermöglicht aktive Teilhabe an der Gemeinschaft und trägt so zum guten Funktionieren des Gemeinwesens bei. Kulturarbeit stimmt also überein mit den bottom-up-Ansprüchen einer partizipativen Regionalentwicklung, wie sie bei Agenda21 und im LEADER-Programm beschrieben sind. Sie bringt auf gut oberösterreichisch d’Leit z’amm und schafft Chancen auf wechselseitige Verantwortung und Zusammengehörigkeit in ländlichen Gemeinden.
  • Kulturarbeit besetzt Räume, setzt diese instand und pflegt sie. Dies können etwa Leerstände, schlecht genutzte öffentliche Plätze oder «Unräume » und «Unplätze» sein. Physische Räume und Kulturhäuser mit zeitgenössischer Nutzung und Experimentiermöglichkeiten stellen zudem wesentliche Anker- und Bezugspunkte für junge Menschen in den Regionen dar. Angesichts von alarmierenden regionalen Abwanderungstendenzen («Brain Drain») nimmt die Bedeutung solcher «Inseln der Urbanität» stark zu. Mit Blick auf die demografische Entwicklung bieten solche «Möglichkeitsräume » die Chance, endogenen Wandel und eine nachhaltige Attraktivierung der Regionen für die Menschen herbeizuführen.
  • Kulturarbeit hält Händchen mit der Kreativwirtschaft: Oft bereitet Kulturschaffen den kreativen Boden, der sich als besonders fruchtbar und innovativ erweist – auch für wirtschaftliche und politische Entwicklungen. Angesichts der Tatsache, dass sich kreativwirtschaftliches und gemeinnütziges Kulturschaffen zunehmend überschneiden, können die gehypten «Creative Communities» nicht ohne Kulturarbeit gedacht werden.

Forderungen

Nicht zuletzt der Zeitgeist fördert momentan das offene Ohr bei denen, die uns vor wenigen Jahren noch kein Gehör schenkten. Die Krise schafft also tatsächlich Möglichkeiten – diese sind vom Diskurs in die Praxis zu führen. Aus der Praxis der Kulturinitiativen und einem gesteigerten Interesse an einer nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaften operiert die KUPF derzeit also mit zwei publiken Forderungen gegenüber Beamten, PolitikerInnen und sonstigen ProtagonistInnen – diese Forderungen sind basal, je nach Region und Körperschaft ergeben sich weitere, modulare Erfordernisse.
 

  • Öffentlicher Zugang zu regionalen Entwicklungsprojekten: Der Zugang der BürgerInnen zu sämtlichen Regionalentwicklungsprojekten muss nicht nur am Papier, sondern seitens Politik/Verwaltung auch aktiv durch Information, Öffnung und echte Teilhabe in der Praxis gewährleistet sein. Das gilt vor allem dort, wo dies bereits seitens der EU verordnet ist, aber regional nicht umgesetzt wurde. Die Mindeststandards für zivilgesellschaftliche Teilhabe im neuen Oö LEADER-Programm (mindestens 51 % Zivilgesellschaft, mindestens 33 % Frauen in den Entscheidungsgremien) sind ein wesentlicher, erster Schritt in diese Richtung.
  • Öffentliche Verfahrensstandards und Finanzsicherheit: Privates Engagement ist in vielen gesellschaftlichen Belangen unumgänglich. Auch Kulturinitiativen und zivilgesellschaftliche Gruppierungen arbeiten überwiegend ehrenamtlich, weswegen für sie die bürokratische Abwicklung und lange Verfahren bei Projektenentwicklungen oft frustrierend und existenzbedrohend sein können. Hier gilt es, mit planbaren und transparenten Verfahrensstandards sowie mit einem «Zwischenfinanzierungstopf » Abhilfe zu schaffen.

 

Für die KUPF ergaben sich aus dem LEADER-Engagement vollkommen neue, ressourcenintensive Herausforderungen und auch viele Lernerfahrungen. Im Sinne einer selbstorganisierten Plattform eines Teils der freien Szene in Oö ist es natürlich ihre Aufgabe, neue finanzielle Horizonte aufzutun. Das Engagement, das ist wichtig, ist aber nicht auf finanzielle Motive reduzierbar. Regionalentwicklung ist aus Sicht der KUPF eine tatsächliche Chance für Kulturinitiativen, mit großer Wirkmächtigkeit Partizipation und Nachhaltigkeit in ihre jeweilige Region zu tragen und neue Stellenwerte in den Kommunen zu erobern.

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[1] Ratzenböck, Veronika: „Österreichische Kulturdokumentation“ Vortrag, 4.7.12
[2] UNESCO Konvention zur kulturellen Vielfalt, 2007.
[3] Vgl. Tasos Zembylas, Meena Lang: „Gut sein, besser werden. Kulturförderung als normative und administrative Herausforderung“, 2009
[4] Laut einer Untersuchung der EU Kommission leistet Kultur „einen wesentlichen und direkten Beitrag zur Wirtschaft und Gesellschaft in Bezug
auf Einkommen und Beschäftigung. Sie fördert zugleich maßgeblich das soziale Klima sowie die Entwicklung und Pflege des sozialen Kapitals.
(…) Kultur wird eine wesentliche Rolle bei Versuchen zugeschrieben, hochqualifizierte Mitarbeiter anzuziehen und dauerhaft zu beschäftigen.“
Zit. nach Alton, Juliane: „Kultur vor Ort“. In: MOLE #08, 2012
[5] Zembylas/Lang

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Kulturarbeit in Ostfriesland

Ein spielerischer Befähigungsansatz mit Mehrwert

Das European Network of Cultural Centres (ENCC) lud Ende 2013 zur Jahreskonferenz nach Murcia-Spanien. Vicy Schuster und Klemens Pilsl von der KUPF unterhielten sich am Rande des Treffens mit der ostfriesischen Kulturwissenschafterin Beate Kegler, die am Kongress eine Keynote zu ländlicher Kulturarbeit präsentierte. Im Rahmen des Interviews gab die profunde Expertin Einsicht in ein Leben zwischen Wissenschaft, Kulturarbeit sowie Familie und skizziert dabei ein Bild ländlicher Kulturarbeit, das durchaus repräsentativ für viele europäische Regionen scheint. Im folgenden ein Auszug aus dem Gespräch, eine Audiofassung des gesamten Interviews ist via CBA anhörbar.

Magst du dich bitte kurz vorstellen?

Beate Kegler, ich komme aus Ostfriesland und arbeite da seit ungefähr zwei Millionen Jahren in der freien Kulturszene, überwiegend im Management. Vor allem in einem Gebiet mit 19 ganz kleinen Dörfern mit 100 bis 500 EinwohnerInnen, vor allem in dezentral organisierter Form. Meine KollegInnen und ich sind in die Dörfer gegangen, um mit den Menschen über den Horizont zu fliegen und gemeinsam zu sehen, was vor Ort gemacht werden kann. Außerdem haben wir zusammen mit den Menschen viele internationale Projekte gemacht.
Im Moment arbeite ich die halbe Woche bezahlt und die halbe Woche unbezahlt für eine Kulturorganisation in einer kleinen Stadt, die mit behinderten und nicht behinderten Menschen Kulturarbeit macht. Wir haben soeben ein großes EU-Projekt beendet, waren mit vielen Leuten in Kontakt, haben viel gelernt und hatten viel Erfolg. Im Nachhinein werden wir auf einmal ernst genommen – wenn wir Geld von Europa bekommen, dann muss das wohl was Gutes sein. Nebenbei promoviere ich zum Thema Sozio-Kultur in ländlichen Räumen.

Was sind die speziellen Eigenheiten von Kulturarbeit am Land im Vergleich zu Städten oder Metropolen?

Hauptunterschied ist, dass man am Land ganz dicht am Leben der Menschen ist. Nicht nur an deren kulturellen Interessen, sondern wirklich am ganzen Leben. Die Prozesse, die am Land in diesen sozialen Gemeinschaften passieren, bewirken viel mehr –  wenn da 50 Leute woanders einen Arbeitsplatz suchen müssen und das Dorf verlassen, dann ist die ganze Sozialstruktur verändert!
Ich glaube, dass sich eine neue Aufgabenstellung für ländliche Kulturarbeit ergibt, sobald man sich innerhalb dieses Mikrokosmos der Sozialstruktur bewegt. Die Kulturarbeit in den Dörfern hat die Möglichkeit stabilisierend und gestalterisch zu wirken. Man kann die Menschen befähigen, darüber nachzudenken, in welcher Gesellschaft man leben möchte. Also Kulturarbeit als Befähigungsansatz, das geht weit über Veranstaltungsprogramme hinaus.
Wenn ich mir die Kulturzentren der freien Szene in Deutschland ansehe, dann passiert da viel im Veranstaltungs- und Party-Bereich oder auch nur noch in Projektarbeit. Das sind längst keine Keimzellen von gesellschaftlicher Veränderung mehr, da finden viele Partys statt, damit die Häuser sich überhaupt halten können.
Derartige Zwänge haben die ländlichen Kulturzentren oft gar nicht so. Sie müssen natürlich auch ums Geld kämpfen, aber sie haben einfach eine ganz andere Aufgabenstellung. Bei uns in der Region gibt es keine Schule mehr im Dorf, allenfalls die Bushaltestelle, wo man sich zum Vorglühen trifft. Aber mehr ist da an Kommunikation auch nicht. Wenn es keine Kulturorganisationen gäbe, säßen wir in einer Neubausiedlung am Rande des Dorfes und würden in den Fernseher gucken. Es ist eine große Aufgabe, das gesellschaftliche Leben mitzugestalten, den Wandel zu begleiten oder überhaupt das einzige Angebot an Aktivierung und ein Motor für Partizipation zu sein.
Das Mittel der Kulturarbeit ist natürlich passend für all diese Aufgaben. Ich kann es natürlich auch mit politischer Bildung versuchen, aber da kommt ja freiwillig keineR hin. Wenn ich aber dabei Spaß haben, feiern und auf der Bühne stehen kann und sich hier echt was richtig Tolles bewegt – dann ist das sehr viel positivere als darüber nachzudenken, welche Partei ich wählen könnte.

Die gesellschaftlichen Funktionen, die du von Kulturarbeit skizziert hast, haben vor wenigen Jahrzehnten tatsächlich noch Kirchen, Parteien, der Stammtisch und der Sportverein inne gehabt. Wird es die Kulturarbeit besser machen?

Anders. Kulturarbeit ist spielerischer. Man kann mit Möglichkeiten spielen, ohne sich auf eine Richtung festlegen zu müssen. Man muss das nicht so ernsthaft betreiben.
An einem Beispiel: Wir hatten ein Projekt, da ging es um Auswanderung nach Iowa. So Neunzehnhundert-irgendwas sind nämlich viele Ostfriesen nach Iowa ausgewandert und haben da bis heute ostfriesische Gesellschaften, spielen mit ihrer regionalen Identität und sind sehr traditionell. Wir haben dazu ein Musical produziert und sind mit über 100 Leuten nach Iowa geflogen, um es vor diesen traditionellen Ostfriesen aufzuführen.
Das hatte den Effekt, dass man sich damit beschäftigt, warum Menschen aus ihrer Heimat weggehen. Und was bedeutet Heimat? Was bedeutet vor allem Heimat, wenn ich woanders bin? Und plötzlich änderte sich das Bild der Zugezogenen in Deutschland, der Deutschrussen oder der Kosovo-Albaner, die auch aufs Land kamen. Warum sprechen die ihre Sprache? Na ja, das ist ja in Iowa auch nichts anderes, die sprechen bis heute Plattdeutsch und sind stolz drauf.
So kann man durch spielerischen Zugang ganz neue Welten eröffnen. Das ist beim Fußball oder beim Stammtisch nicht so leicht möglich – dort bewegst du dich in einem relativ festen Raum, der wenig Platz für neues Denken zulässt.  

Wie ist die Politik der freien Kulturszene gegenüber eingestellt?

Also je schwarz, desto schwierig. Wir haben jetzt in Niedersachsen eine rot-grüne Regierung, da öffnen sich viele Türen. Aber bereits die Vorgängerregierung hat erstmalig den Nutzen von Sozio-Kultur erkannt.
Wir sind es gewohnt, dass man das Geld immer selber beschaffen muss und dass man mit einem Minimum an Ausstattung zurechtkommt, oder auch ohne. Und selbst dann noch Projekte macht, wenn man nicht mehr weiß, wie der Kühlschrank zu füllen ist. Das ist natürlich insgesamt billiger, als wenn man die Staatstheater und die Hochkultur fördert. Das war auch den Schwarzen klar, dass das nicht so schlecht ist. Außerdem werden sie ja zunehmend konfrontiert mit sozialen Problemen. Und man hat in der Kulturarbeit, also in der Sozio-Kultur jemand gefunden, der sich seit Jahren dieser Probleme annimmt.
Wenn ein Bürgermeister das Gefühl hat, es kommt mit Kulturarbeit zur Geltung, seine Kinder sind eingebunden oder er oder sie selbst steht mit auf der Bühne – dann ist alles relativ einfach. Aber wenn jemand den Stammtisch besser findet und mit Kultur nicht viel am Hut hat, dann kann es manchmal schwierig sein.
In Deutschland sind ganz viele kleine Kommunen im Entschuldungsprogramm, die dürfen nichts ausgeben. Da die Kulturarbeit überwiegend von den Kommunen gefördert wird, gibt es dann auch kein Geld. Das Land sagt wieder: Projektförderung ja, aber institutionelle Förderung nein. Wir haben daher immer versucht, den Bürgermeistern eine Rolle im Theaterstück zu geben, damit sie uns gut finden. Oder zumindest die Frau oder den Gatten oder die Kinder mit einzubinden, das sind ganz menschliche Dinge.  

Du bist einerseits angestellt, andererseits viele Stunden ehrenamtlich tätig. Woher nimmst du die Motivation für dein Engagement und dein besonderes Lebenskonzept?

Es ist so, dass wir in unserer Familie schon mehrere Modelle gelebt haben. Und wir haben gesehen, dass wir am glücklichsten Leben, wenn wir von dem überzeugt sind, was wir tun. Und wenn wir das mit Herzblut tun können und sich das auf die Familie auswirkt! Das ist immer dann passiert, wenn wir das Gefühl hatten, etwas bewegen zu können.
Wir hatten einen Kongress, da ging es um die Motivationen ländlicher Kulturarbeit. Das hat ein bisschen was mit „In der Provinz bin ich der Prinz“ zu tun – denn da sehe ich, was ich bewege. Das ist ein gutes Gefühl. Ich muss am Land nicht durch 1000 Instanzen, ich muss nicht 1000 Menschen überzeugen, sondern ich kann im ganz Kleinen anfangen und viel ausprobieren. Wenn sich Menschen dafür begeistern, dann wird das weitergehen. Das ist in der freien Kulturszene viel einfacher als in gesettelten Institutionen.
Mir und meiner Familie hat das immer großen Spass gemacht – alle meine Kinder und mein Mann und auch Oma und Opa waren ja immer mit einbezogen. Es gibt bei uns keine Trennung zwischen bezahlt und nicht bezahlt. Wenn etwas gerade wichtig ist, dann machen wir das und hoffen, dass irgendwie das Geld woanders herkommt. Das ist nicht immer leicht, aber anders möchte ich nicht mehr arbeiten. Es gibt natürlich auch Tage, an denen es schön wäre, wenn ich Geld für andere Dinge hätte und den Kindern problemlos die Klassenfahrt zahlen könnte. Aber Kulturarbeit ist eben so eine Herzblut-Geschichte.  

Das gesamte Interview als Audiofile im Podcast: http://cba.fro.at/254088

 

 

Als Reaktion auf dieses Interview hat uns am 29. Mai 2014 eine Gegendarstellung des Vorstands und der künstlerischen Leitung von Theartic erreicht.

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IT 2014: Ressource mit Änderungspotential

Drei Menschen aus der KUPF haben sich in der aktuellen KUPFzeitung #148 Gedanken über Ressource, das Thema des KUPF-Innovationstopfes 2014 gemacht. Der Text gilt als Anregung, Erläuterung und Weiterentwicklung der aktuellen Ausschreibung.

 

Einmal ist nicht die Rede von Erdöl, wenn es um den Begriff Ressource geht. Der KUPF Innovationstopf 2014 befördert die künstlerische und k ulturarbeiterische Auseinandersetzung mit ganz anderen Kapazitäten: Beleuchtet werden die Fähigkeiten und Grenzen des Kollektivs und neue Zusammenschlüsse von Menschen, die aus gemeinsamen Bedürfnissen heraus agieren, Ideen produzieren und Organisationen und Strukturen gemeinschaftlich entwickeln. 

Es gibt so einiges, das wir immer schon gern ändern würden. Wir haben Ideen, die wir für klug halten und Ideologien, an die wir glauben. Darüber können wir diskutieren. Wir können uns beklagen, raunzen und Schönmalerei betreiben.

Etwas anderes ist es da, abseits der theoretischen Ebene tatsächlich aktiv zu werden und sich für ein konkretes Anliegen zu engagieren. Trauen wir uns das zu? Was kann entstehen, wenn wir im Bestreben, etwas real zu verändern, nicht mehr allein dastehen, sondern es plötzlich gleich eine ganze Handvoll Menschen (oder noch mehr) gibt, die bereit sind, mit der gleichen Überzeugung an der Umsetzung von Ideen zu arbeiten? Wenn sich dann die jeweiligen Motivationen der Menschen kraftvoll addieren und eine Vision in greifbare Nähe rückt?

 

Vom gemeinsamen Netzwerkln

Menschen, die Fremdsprachen lernen, die Torten dekorieren, die Bienen züchten, die einen gemeinsamen Sport betreiben, die sich nachbarschaftlich Hilfe leisten, die Ausstellungsprojekte organisieren oder die gemeinsam eine Musikcrew gründen – sie finden sich mehr denn je über offene und einfach zugängliche Plattformen zusammen. Besonders Internetforen und zahlreiche «Soziale Netzwerke» erreichen mehr und mehr Menschen und ermöglichen einen vergleichsweise einfachen Einstieg in diverse Interessensgruppen. Ständig entstehen neue Formen und Nischen im Bereich des Noch-nicht-Vor-handenen; aus neuen Situationen und Bedürfnissen heraus entwickeln sich Ideen und Ansätze, die ihre Realisierung etwa in offenen Ateliers und La-boren, in Denkwerkstätten oder Creative Communities finden. Kollektive, die sich im Netzwerk zusammenfinden, reagieren auf fehlende Möglichkeiten, um diese für ihre eigenen Bedürfnisse selbst zu or ganisieren.

Verwirklichen diese Menschen in ihren Initiativen ein Stück autonomer Freiheit? Hält das Versprechen von Selbstbestimmung, Kreativität und Interaktion das, was es verspricht?

Viele offene Interessensgruppen möchten als mög lichst barrierefreie Plattformen für alle zugänglich sein. Umrühren und Aufkochen ist nicht nur gestat tet, sondern auch höchst erwünscht. Das Verspre chen der Zusammenschlüsse liegt darin, nicht von EntscheidungsträgerInnen in Wirtschaft oder Politik abhängig, zu sein, sondern vom Willen und Engagement einzelner Menschen, die sich organisieren. Mitsprache und Freiheit für eigene Anliegen wird Realität, ohne erst Ansuchen und Anträge stellen zu müssen.

 

Frischer Wind in die alten Getriebe!

Menschen, die sich aus großer Überzeugung zusammenschließen, um mit eigenem Einsatz Neues voranzutreiben, machen auf sich aufmerksam und beeindrucken nachhaltig. Diese Fähigkeit, auf einfachem Weg miteinander in Kontakt zu kommen, um gemeinsam reale Veränderungen in unserem Umfeld zu bewirken, beginnt erst eben, an den Rahmen altbekannter Strukturen und Systeme zu rütteln.

Wo liegen die Grenzen gemeinschaftlichen Agierens? Wie tragfähig sind die neuen Modelle der Kooperation?

 

Kunst und Kultur: Initiative ergreifen

Was für eine Gelegenheit, im Rahmen des Innovationstopf 2014 mit den Mitteln der Kunst oder Kulturarbeit diese Ressource freudig oder kritisch zu untersuchen, sie zu vermessen oder sie gar zu nutzen – die Ressource des Kollektivs, mit einem Gemeinsamdenken und -arbeiten, mit Kommunikation und Austausch!

Es gilt, den Blick für das Umfeld zu schärfen, für Menschen rund um uns, für bestehende Gruppen, Räume, Welten … Was hat eine physische oder virtuelle Umgebung zu bieten, wie funktioniert sie, wo gibt es Schwachstellen, was sollte ganz anders laufen und was können Kunst und Kultur dabei leisten? Gesellschaftliche Entwicklung kann hier mit den Mitteln der Kunst und Kulturarbeit entscheidend gemeinsam beeinflusst und gestaltet werden. Für uns bieten sich hier Möglichkeiten, unbequem zu werden für abgenützte Strukturen und Mechanismen sowie wirkungsvoll auf Neues aufmerksam zu machen und freien Meinungsaustausch zu betreiben. Der Innovationstopf 2014 lädt dazu ein, Initiative zu ergreifen, sich auf vernetztes Denken und Tun einzulassen und aus der Dynamik des Gemeinsamen neue Erfahrungen zu ziehen. Weiterraunzen können wir immer, aber es ist durchaus einen Versuch wert, gemeinsam in unserem Umfeld etwas zu verändern!

 

 

 

Der KUPF-Innovationstopf

Der KUPF-Innovationstopf wurde 1995 von der Kulturplattform ins Leben gerufen. Ziel dieses Fördertopfes war und ist es, oberösterreichischen Kulturinitiativen sowie Kultur- und Kunst schaffenden die Möglichkeit zu geben, neue kritische Impulse zu setzen. Die themenbezogenen Ausschreibungen sollen sowohl Kunst-/Kulturschaff ende als auch den Finanzier, das Land Oö, herausfordern und inhaltliche Neuerungen anregen. Die organisatorische Abwicklung des IT liegt zur Gänze bei der KUPF, die Auswahl der Projekte trifft eine unabhängige Jury in einer öff entlichen (!) Sitzung. Die Jury, welche sich aus ExpertInnen des Kunst- & Kulturbetriebs zusammensetzt, ist angehalten, alle ihre Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen. Mit diesem transparenten und nachhaltigen Modell der Subventionsvergabe setzt die KUPF neue Standards in der hiesigen Förderpolitik und bietet ein Best-Practice-Beispiel für fortschrittliche Kulturpolitik.

Der KUPF-Innovationstopf wird alle zwei Jahre ausgeschrieben. 2014 wird er von der Landeskulturdirektion mit voraussichtlich 75.000 Euro Projektgeld ausgest attet. Zusätzlich unterstützt die Abteilung Soziales des Landes Oö den IT mit 15.000 Euro. Aktuell lädt der IT ein, sich künstlerisch oder mit den Mitteln der Kulturarbeit der «Ressource» anzunähern – inhaltliche Details sind in der beigelegten Auschr eibung zu finden sowie unter:

www.innovationstopf.at

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Der Kulturinitiativen-Beirat

Ein Interview mit Brigitte Vasicek über ihre Arbeit als Beirätin der Abteilung „Regionale Kulturinitiativen und -zentren“ im Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur.

Wo anderswo noch Beamte über die künstlerische und inhaltliche Qualität von Förderansuchen entscheiden, gibt es auf Bundesebene sogenannte Beiräte, die diese Aufgabe übernehmen. Die Linzer Künstlerin, Aktivistin und Universitätsprofessorin Brigitte Vasicek schied 2013 nach mehreren Jahren aus dem sogenannten Kulturinitiativenbeirat aus und hat mit Klemens Pilsl über Chancen und Tücken dieses Fördervariante geplaudert.

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Infobox: Der Kulturinitiativen-Beirat beim BMUKK

Der §9 des Kunstförderungsgesetzes von 1988 sieht die Möglichkeit vor, zur Vorbereitung und Vorberatung von Förderangelegenheiten sogenannte «Beiräte» einzusetzen. Diese Beiräte setzen sich aus ExpertInnen der verschiedenen Kunstsparten zusammen. Ein Beiratsmitglied hat die Aufgabe, aufgrund seines Fachwissens sachverständige Empfehlungen abzugeben, es fungiert als kulturpolitisches Beratungsgremium für das BMUKK. Derzeit unterstützen 13 Fachbeiräte die Kunstsektion bei der Vergabe von Fördermitteln: Es gibt z.B. einen Beirat für Bildende Kunst, einen für Architektur & Design usw. Und natürlich gibt es auch einen Beirat für die Abteilung «Regionale Kulturinitiativen.» Diese Abteilung subventioniert auch einige KUPF-Initiativen, wie etwa die KAPU in Linz, das Kino Ebensee und etliche andere. Der Kulturinitiativenbeirat besteht aus sieben Beiratsmitgliedern, die aus sieben verschiedenen Bundesländern stammen. Eine Funktionsperiode dauert drei Jahre – mit Verlängerungsmöglichkeit bis maximal sechs Jahre – wobei bei jeder Neubestellung auch auf eine «ausgeglichene Bundesländerverteilung» geachtet wird.

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Klemens Pilsl: Wie funktioniert die konkrete Arbeit im Beirat?

Gitti Vasicek: Der Bund übermittelt den Beiratsmitglieder die aufbereiteten Förderanträge der EinreicherInnen. Meist vierzig, fünfundvierzig Anträge. Die Beiräte lesen diese Anträge sehr genau, denn in der Regel gibt bei den folgenden Beiratssitzungen immer rege Diskussionen zu jeder Förderempfehlung – im Beirat sind ja sieben Mitglieder mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten.

JedeR im Beirat hat eine gewisse Haltung. Eine Kollegin etwa, die kommt vom Vorarlberger Frauenmuseum, studiert die Anträge bezüglich Gender-Problematik – die liegt ja bei ganz vielen Kulturvereinen noch sehr schief. Die Diskussion ist meist aber nicht hitzig, sondern man hört sich Meinungen an und wiegt ab. Und manchmal bittet man eine Kulturinitiative, ihren Antrag noch etwas nachzujustieren.

 

Sagt dieser gar nicht so seltene Bedarf am „Nachjustieren“ etwas über die inhaltliche Qualität der Einreichungen aus? Und lässt sich der Beirat auch von formalen Dingen beeinflussen?

Formale Dinge beeinflussen immer, alles andere wäre gelogen. Die inhaltliche Qualität ist sehr unterschiedlich. Das reicht von fokussierten Themen, die inhaltlich gut recherchiert und aufbereitet sind, bis zu Anträgen, die ein Gefühl von Copy & Paste des Vorjahres vermitteln. Manche vergessen sogar, die Jahreszahl zu ändern.

 

Fühlt man sich da verarscht?

Manchmal ist es schon ärgerlich, weil man ja weiß, dass diese oder jene Region dringend Unterstützung bräuchte. Aber verarscht bin ich mir nie vorgekommen – ich habe immer versucht mir vorzustellen, unter welchen Umständen und Bedingungen die Leute arbeiten, welches Feedback sie von der Region oder der Politik bekommen. Und dadurch sehen manchmal Dinge so aus, wie sie aussehen.

 

Man entwickelt ein gewisses Verständnis, wenn man erahnt, dass die EinreicherInnen sehr prekär, über-ehrenamtlich und unter großem Druck arbeiten?

Dadurch, dass alle Beiratsmitglieder sehr viel mit Kulturinitiativen zu tun haben, kennen sie diese Hintergründe. Bei Kulturförderungen geht es aber auch um ästhetische, künstlerische, inhaltliche Qualitäten. Diese sind schwierig zu bewerten, es gibt keine klassische Skala dafür.

 

Kulturinitiativen werden meist aus einer Notwendigkeit heraus, politische oder gesellschaftliche Themen aufzugreifen, gegründet. Sie richten den Scheinwerfer auf Themen, die andere nicht abdecken können und bereiten neuen Boden auf. Dadurch wirken sie ja oft unbequem. Meine persönlichen Kriterien sind also gewesen: Kann jemand etwas aufzeigen, Sachen auf den Kopf stellen, Vielschichtigkeiten und differente Sichtweisen erzeugen?

Problematisch fand ich immer so reine «Buchungsgeschichten», wenn wer berühmte Komiker oder Austropop-Sänger veranstaltet. Natürlich muss das Haus einmal voll werden, aber wenn das Überhand gewinnt, dann frage ich mich schon, ob man die Kulturgelder tatsächlich in diese Wirtschaft reinschmeißen soll?

 

Gibt es dazu gänzlich konträre Haltungen im Beirat ? Dass jemand sehr touristisch oder kreativwirtschaftlich denkt?

Der Kulturinitiativen-Beirat setzt sich tatsächlich aus dem Kunst- und Kulturbetrieb zusammen. Es ist ein Beirat, der sich ganz klar von Tourismusveranstaltungen und reiner Unterhaltung abgrenzt. Dazu kommen die Leute viel zu sehr aus der Kunstszene.

 

Hast du Tipps für die Antragstellung?

Ich persönlich mag diese typischen Kulturmanagement-Anträge nicht. Diese gewisse angelernte Wortwahl … da frage ich mich nach der Kraft dahinter. Dieses Leidenschaftslose mag ich nicht. Mich interessieren ganz andere Fragen in den Anträgen: Was brennt euch unter den Fingernägeln? Was ist wirklich dringend in eurer Region? Was sind die Probleme, was sind die Geschichten? Und schreibt rein, womit die Leute kämpfen! Das macht viel mehr her als ein schön formulierter, aber pseudo-politischer Antrag.

 

Eine Idee hinter dem Beiratssystem ist ja, dass man „künstlerische“ Entscheidungen nicht einem Kulturbeamten überlassen möchte, sondern auf die Schultern von ExpertInnen legt. Ist deiner Ansicht  nach das Förderwesen dadurch besser geworden?

Da habe ich keinen Vergleich. Der wichtigste Unterschied zum Kulturbeamten ist, dass ein Beirat nicht weisungsgebunden ist. Er muss kein politisches Programm berücksichtigen. Ich weiß nicht, warum und mit welcher Motivation ein Kulturbeamter im Kulturamt sitzt …

 

… ist er freiwillig dort, ist er gar strafversetzt worden … ?

Genau. Das wissen wir nicht. Es gibt aber immer wieder auch Entscheidungen des Beirats, die beim BMUKK kein Gehör finden. Manchmal lehnt das Ministerium eine Empfehlung ab oder manchmal geben wir keine Empfehlung und es fördert dennoch.

 

Hat das ideologische Gründe? Oder fühlt man sich im BMUKK manchmal verpflichtet?

Der Beirat bekommt da keine Informationen.

 

Ihr wisst also nicht, ob das eine Abteilungsleiterin bestimmt oder ob das von ganz oben kommt?

Ich glaube, es kommt ganz oben aus dem Kunstministerium. Das Sekretariat bestimmt das nicht.

 

Ist das frustrierend für den Beirat?

Sagen wir so: Es ist nicht ganz fesch für den Beirat. Aber ich kann nicht sagen, dass das sehr oft vorkommt. Aber wenn es passiert, dann ist es natürlich nicht lustig.

 

Die Kupf fordert ja in den Zumutungen auch für Oö einen fixen Förderbeirat. Kannst du mit deinen Erfahrungen aus dem Bund sagen: Ja, das Land Oberösterreich wäre gut beraten.

Absolut.

 

Es wird regional wie kommunal argumentiert, dass erstens die Kulturbeamten sehr hoch qualifiziert seien, eine Infrage-Stellung ihrer Entscheidungsqualifikation also beleidigend sei. Zweitens, dass ja allein durch die personelle Zusammensetzung einer Jury schon Manipulation möglich sei. Und drittens, dass das eine unglaubliche Hock’n ist.

Ich wäre nicht beleidigt, wenn ich eine zusätzliche Meinung und Sichtweise bekomme. Es wäre komisch, würde man glauben, alle Genres und Perspektiven selbst abdecken zu können.

 

Siehst du allgemein den Subjektivismus in der Kunstförderung als problematisch?

Subjektivität gibt es immer. Ich habe eine Haltung zu Politik oder zu Kulturinitiativen, wie ich sie mir vorstelle, aus dieser Haltung heraus argumentiere ich. Das Problem bei den Förderentscheidungen liegt ja anderswo: Es gibt einen gewissen Kuchen, und der ist seit Jahren aufgeteilt. Da wird es schwierig für Neuzugänge.

 

Das nennen wir Senioritätsprinzip: Wer immer am Trog war, wird nicht abgewiesen. Für die Jungen ist es hingegen schwierig.

Genau, es gibt sehr gute und wirklich spannende Junge. Der Beirat versucht, innerhalb des kleinen Rahmens, diesen einen guten Start zu ermöglichen, eben einen gewissen Impuls zu geben. Und dann sieht man, ob sich das entwickelt.

 

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Gitti Vasicek: Statement für www.bmukk.at

„Freie Kulturarbeit beinhaltet die Herausforderung, Freiräume aufzuzeigen bzw. zu eröffnen und verfügbar zu machen. Sie ist eine Konfrontation mit Neuem, stellt differente Sichtweisen dar oder einfach gewohnte Verhältnisse auf den Kopf. Und das im Sinne von Initiative, Unabhängigkeit, unbequem praktizierter Eigenverantwortung, programmiertem Chaos usw. Sie ist durchaus ein Narrenschiff der Gefühle und Atmosphären. Nach diesem Verständnis mündet Kulturarbeit nicht einfach in Veranstaltungen, die Kulturkonsum bieten, sondern setzt die Veranstaltungen selbst in einen erweiterten und inspirierenden Rahmen, sodass sie zu künstlerischen und kulturellen Ereigniswerken werden. Regionale Kulturarbeit nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein, weil sie die Möglichkeit der Gestaltung des eigenen kulturellen Lebensraumes schafft.“

 

 

 

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Bildung, Gender, Aktionismus

Im November 2013 ist die KUPFakademie wieder Teil der Vortragsreihe FEMfocus an der Linzer Volkshochschule. An vier Abenden dreht sich diesmal alles um den hochaktuellen Themenkomplex Geschlecht & Bildung. Verschiedene Aspekte wie Bubenarbeit oder migrantische Positionen werden dabei ausgeleuchtet. Zur Einstimmung bringt die KUPFzeitung einen Gesprächsauszug mit Bildungsexpertin Kristina Botka über die (verpassten) Chancen der Elementarpädagogik.  

Kristina Botka beeindruckt: nicht nur mit ihrer unzweifelhaften fachlichen Expertise, ihren großflächigen Peckerln und dem guten Spruch, sondern auch mit ihrer aktionistischen Vergangenheit. Die gelernte Kindergartenpädagogin und studierte Politikwissenschafterin war Mitbegründerin des Kollektivs Kindergartenaufstand, das sich massiv für die Verbesserung der unwürdigen Situation der „KindergärtnerInnen“ einsetzte. Sie verärgerte blaue Recken mit einer kritischen Kampagne zu stereotypen Faschingsverkleidungen und diplomierte zu „Staat und Geschlechterverhältnisse“. Mittlerweile ist die Ohlsdorferin wieder in OÖ gelandet und arbeitet bei den Kinderfreunden. Am 6.November wird sie im Rahmen vom FEMfocus öffentlich über geschlechtersensible Elementarpädagogik diskutieren, vorab hat sie sich bereits mit Klemens Pilsl darüber unterhalten.

Was war der Kindergartenaufstand?

Das Kollektiv Kindergartenaufstand hat sich beinahe zeitgleich zur Uni brennt – Bewegungi entwickelt: Drei Pädagoginnen aus  verschiedenen Trägervereinen haben festgestellt, dass die strukturellen Probleme in vielen Kindergärten gleich sind – Unterbezahlung, schlechte Betreungsverhältnisse, veraltete Konzepte. Also haben wir  bei einer Demo im März 2009 in Wien einen Kindergartenblock gemacht. Überraschenderweise waren dann gleich 60 Kindergartenpädagoginnen auf der Demonstration. Das bekam, gemeinsam mit Uni brennt, eine ziemliche Dynamik. Es folgten viele Medienberichte über die Konditionen in den Kindergärten. Aber auch Probleme mit der Gewerkschaft.
Als Erfolg werte ich die öffentliche Diskussion und persönliche Weiterentwicklung bzgl. des politischen Aktionismus. Es gab auch Lohnerhöhungen bei manchen Trägervereinen.
Inzwischen hat sich das Kollektiv nach drei Jahren intensiver Aktivität verlaufen – von den drei Pädagoginnen arbeitet keine mehr im Kindergarten.

Woran scheitert die tatsächliche Verbesserung der Umstände? Die Notwendigkeit von fairer Entlohnung, kleineren Gruppen, besserer Ausbildung usw. sind ja eigentlich unumstritten.

Am Ende jeder Debatte über die Rahmenbedingungen der Kindergärten steht die Unlust, da Geld reinstecken zu müssen. Vor zwei Jahren gab es etwa eine konkrete Debatte darüber, dass die Ausbildung der Kindergartenpädagoginnen an die Hochschulen gehen soll. Und dann waren die Medien voll mit den grausigen Meldungen von Gemeindepolitikern – von wegen: Die Frau Kindergartenpädagogin macht das ja eh gut und nett.
Im Nachhinein ist noch zu sagen, dass es im Kollektiv Kindergartenaufstand auch große Enttäuschung über das mangelnde Interesse seitens der Gewerkschaft gab.

Wie wichtig ist das Thema „geschlechtergerechte Bildung“ im Kindergarten tatsächlich?

Bildungsarbeit hat in diesem Alter eine geniale Chance! Die Kinder lernen ja durch ihre Beschäftigung  mit der Welt. Es ist schön zu sehen, wie einfach man die Erfahrungsspektren der Kindergartenkinder erweitern kann, wie viel Freude es bereitet, wenn sie sehen: Es gibt nicht nur die Hälfte aller Möglichkeiten auf der Welt, sondern alle! Diese Chance sollte man nicht verpassen!
Die Erfahrungen aus der Praxis sind super: Wenn man sieht, wie stolz Mädchen auf dem Skateboard flitzen oder einen Laptop zerlegen. Wenn die Burschen fasziniert sind von Glitzerkleber. Das sind Dinge, die man Kindern wegnimmt, wenn man sagt, dass es Burschen eh nicht interessiert, Blumengirlanden zu machen. In Wahrheit sind sie aber stolz. Es ist unfair, Kindern diese Erfahrungen zu nehmen.

Wie reagieren die PädagogInnen auf  Ansätze, Geschlechtersensibilität schon im Kindergarten zu verankern?

Pädagoginnen sind gewohnt, sich jedes Jahr auf neue Schwerpunkte einzulassen, es gibt ja von den Trägervereinen gewisse Ansprüche und diese Arbeit verlangt natürlich Offenheit und Neugierde.
Ich führe etwa Schulungen durch, in denen viele Fotoberichte gezeigt werden – um gleich im Vornherein die Angst zu nehmen, dass eine wahnsinnige Hirnmasturbation nötig wäre, um das mit den Geschlechterrollen und so zu verstehen. Viele haben ohnehin schon Dinge ausprobiert, ohne dass diese bewusst den Stempel „geschlechtssensible Pädagogik“ trugen. Da gab es zum Beispiel eine Hortpädagogin, die hat den Nähmaschinen-Führerschein eingeführt – und Burschen und Mädchen haben sich mit gleicher Begeisterung ans Nähen gemacht.
Natürlich gibt es Leute, auch PädagogInnen, die fühlen sich bei dem Thema schnell persönlich angegriffen. Weil sie denken: OK, das betrifft mich persönlich, ich bin auch nicht diese superreflektierte Frau oder der Mann, der da verlangt wird. Man muss die eigenen Vorstellungen stark reflektieren. Und das ist nichts, was man von einem Tag auf den anderen machen kann.

Es gibt also ein offenes Ohr, so lang es nicht zu kompliziert wird und mit einfachen Mitteln umzusetzen ist, aber auch Skepsis und Widerstände? Ähnlich geht’s ja der KUPF in ihren Versuchen, feministischen Content bei ihren Initiativen zu verankern. Lippenbekenntnisse kommen schnell, aber in der Praxis ändert sich abgesehen von kosmetischen Maßnahmen eigentlich sehr wenig.

Von PädagogInnen wird da eindeutig mehr verlangt – wir sind dabei, klare Qualitätsstandards zu geschlechtssensibler Pädagogik in Kindergärten zu entwickeln. Es gibt den Einfluss des Arbeitgebers, der inhaltliche Prioritäten festlegt.

Es reicht also nicht der Appell an die Vernunft, sondern es braucht sanfte strukturelle Zwänge.  

So soll das nicht klingen; PädagogInnen brauchen keine Zwänge, sondern sind wirklich angehalten, kritisches Denken zu üben. Anders geht es auf keinen Fall.
Es bedarf aber dazu bereits in der Ausbildung mehr Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen. Derzeit hört man sich fünf Stunden lang an, dass Buben eh mit Puppen und Mädchen auch mit Autos spielen dürfen, das war’s dann.
Da versagt eindeutig die Bildungspolitik. Einfach anzufangen wäre beim Lehrplan der Ausbildungsstätten. Es gab vor einigen Jahren sogar den Auftrag an den Verein Efeu aus Wien, feministische Unterrichtsprinzipien zu implementieren. Der durfte dann aber nur ein paar Vorschläge machen, und das Bildungsministerium hat dann erst recht wieder bestimmt, was wie weit gehen kann – eine Farce!

Es gibt also auch ideologische Widerstände?

Natürlich. Und je weiter rechts, umso mehr hat man Angst, dass die Gesellschaft verändert werden könnte. Man sieht das gerade bei den Reaktionen der FPÖ auf die „Spielen wie es mir gefällt“-Kampagne im letzten Faschingii. Da gibt es tatsächlich die Angst, dass die Burschen schwul gemacht werden könnten und ähnliche homophobe Vorstellungen!
 

 

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  • Kristina Botka. Kindergartenpädagogin, Politikwissenschafterin und Angestellte der SP-nahen Interessensvertretung Kinderfreunde/Rote Falken.

www.kindergartenaufstand.at

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Genderismus und Menschinnen

Die Gender Studies als wissenschaftliche Disziplin haben in den letzten 20 Jahren eine gewaltige Leistung vollbracht – sowohl betreffend Forschung und Erkenntnis als auch hinsichtlich der Institutionalisierung an den Universitäten. Die Gender Studies sind zur etablierten Disziplin erwachsen – soweit so gut.
Dennoch müssen sie sich in den letzten Jahren verstärkt rechtfertigen: Von Seiten rechtsextremer Burschenschaften und Männerrechtler wird nachhaltig kampagnisiert, dass „Gender“ eine Erfindung linkslinker Wichtigmacherinnen wäre, die lediglich feministische Ideologie durchzusetzen versuchten. Zuletzt sprangen auch Journalisten vom Spiegel oder der Zeit auf diesen Zug auf. Gender Studies werden demnach mit „Voodoo“ (Harald Martenstein) verglichen und als Instrument zur Durchsetzung der „Menschinnen“ (Barabara Rosenkranz) verunglimpft.
Der vorliegende Reader der Böll-Stiftung macht sich die atemberaubende Mühe, dieser Kritik grundsätzlich entgegenzutreten („Was ist Ideologie?“) und die Scheinargumente der Maskulinisten Schritt für Schritt zu entlarven – als politische Kampagne zur Delegitimierung unliebsamer Wissenschaft. Lesenswert und vor allem praktisch als argumentatives Handbuch!

Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie
Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse
Von Regina Frey, Marc Gärtner, Manfred Köhnen und Sebastian Scheele
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin, Juni 2013, 72 Seiten
E-Book kostenlos downloadbar, Print erscheint im Herbst 2013

 

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Neue Stars in der Manege

Die KUPF lebt im Wandel der Jahreszeiten, und spätestens im Februar vermehrt sie sich. In kulturpolitisch frostigen Zeiten übrigens deutlich schneller als in Zeiten des Überflusses! Insgesamt 12 neue Initiativen wurden Anfang Februar ins KUPFnetzwerk aufgenommen, die KUPF verweist hiermit  auf stolze 134 Mitgliedsinitiativen und ist offenbar noch immer weit entfernt  von den Grenzen des Wachstums.

 

NH10

Die «Neue Heimat» ist der titelgebende Stadtteil im Linzer Süden, in dem diese Initiaitive werkt – kein leichtes Pflaster für KünstlerInnen… NH10 kümmert sich hier um die kulturelle Nahversorgung und organisiert Workshops (Malerei, Percussion, …), Gemeinschaftsausstellungen lokaler Kunstschaffender sowie Konzerte, Lesungen und weitere Veranstaltungen. Heimstätte von NH10 ist ein Vereinslokal in der Schererstraße, veranstaltet wird in Parks, Pfarrsälen und Volkshäusern. «Wir sind offen, herzlich und grenzenlos.»

→ enhazehn.at

OTELO Ottensheim

Für die KUPF ist Ottensheim ohnehin seit geraumer Zeit ein faszinierendes, soziokulturelles Gravitationsfeld. Kein Wunder, dass sich auch dort die OTELO Idee von offenen Räumen im alten Rathaus eingenistet hat und seit über einem Jahr einen «regional wirksamen Freiraum» zum «Teilen, Austauschen, Beleben» ermöglicht wird. Mit anderen Worten: Gravitationsfeld trifft expandierendes OTELO-Universum und das versetzt nicht nur Trekkies ins Staunen, oder? Ob Kost-Nix laden, 3D-Druck oder – besonders schön – «Radio Froheim» (Außenstelle von Radio FRO); die Otelistas wissen – frei nach Frithjof  Bergmann – was sie wirklich, wirklich wollen…

→ otelo.or.at

 

PA Events

Eins vorweg: das «PA» im Vereinsnamen steht nach eigenen Angaben für «Party Animals» und ist somit durchaus  programmgebend zu verstehen. Dementsprechend veranstalten die jungen MacherInnen seit 6 Jahren im Großraum Enns diverseste Partys: Da darf dann sogar mal ein gewisser Insulin Junky auflegen. Darüber hinaus ist der Verein aber für seine Kabarett-Schiene (Stichwort «Ennser Kleinkunstkartoffel») bekannt. Mit 2013 docken PA Events übrigens an die Location eines anderen KUPF-Mitglied an: Die Ennser Zuckerfabrik wird von nun auch von PA Events bespielt.

→ pa-events.at

S.O.U.L. FLAVOUR

Der Verein zur Förderung der Urbanen Kultur und des Querdenkens bespielt sämtliche Urban Arts (Breaking, Parcour, Street Arts, Graffiti, …). Das preisverwöhnte und hiphop-affine Ladies-Kollektiv aus Linz vermittelt jungen Menschen (insbesondere Mädchen und jungen Frauen) in Form von Workshops und Projekten kreative Skills sowie kritisches Denken. Im Rahmen aller Veranstaltungen gibt es Raum für reflektierte Auseinandersetzungen mit gesellschaftsrelevanten Themen.  S.O.U.L. FLAVOUR ist hochaktiv, erstaunlich hip und bringt jede Menge Soul in die KUPF.

→ soulflavour.at

 

Original Linzer Worte

Ein großer Verein mit nur vier Mitgliedern: Präsidentin Dominika Meindl, die erfolgreiche Jungautorin (und KUPF- Kolumnistin!) Anna Weidenholzer, der Journalist Klaus Buttinger und der Slammer Rene Monet veranstalten regelmäßig  «Lesebühnen ». Die Lesebühne verhält sich zum Poetry Slam wie die Special Olympics zu den Olympischen Spielen. «Wir sind die Waldorfschule der Literatur: Es gibt keine Benotung, das Publikum darf seine Meinung spontan und unbürokratisch kundtun – ohne Aufzeigen. Sogar Instrumente und Requisiten sind erlaubt.»

→ linzerworte.blogspot.com

 

KuR – Kraut & Ruam

Das Innviertel ist für die KUPF ja nicht gerade das, was man gemeinhin unter einem fruchtbaren Boden für Kulturarbeit  versteht. Dass dort aber sehr wohl etwas wachsen und gedeihen kann, beweist aufs Neue «KuR – Kraut & Ruam». Dieser Kulturverein macht seinen Namen zum Programm und veranstaltet von «Kabarett über elektronische Tanzveranstaltungen, Vernissagen, Konzerte und Festivals alles, was der Förderung junger Künstler*innen dient.» Apropos Festival: Das größte  Projekt ist das heuer zum zweiten Mal stattfindende «FreeTreeOpenair» in Taiskirchen. So wertvoll und lecker kann Gemüse sein, willkommen!

→ kraut-ruam.at

 

Bongo Flavour

Bongo-Flava Rapper sind eine progressive Jugendbewegung in Tansania und Namensgeber für ein jährliches Benefiz in Frankenburg /Redleiten, dessen Einnahmen die Trägervereine Kwetu ni Kwenu, Papo Frankenburg und Azubi Kibwigwa für ihre gemeinnützigen Projekte in Tansania verwenden. Unter dem Motto «Musik, Solidarität und Nachhaltigkeit» ist das  Bongo Flavour ein «Freiraum kreativer Solidarität» mit dem die Veranstalterinnen nicht nur helfen, sondern auch die Kulturlandschaft ihrer Region beleben wollen. Für die nachhaltige Umsetzung wurden sie sogar vom Klimabündnis Oberösterreich als «Green Event 2011» ausgezeichnet. Das Bongo Flavour findet heuer am 30. August statt. Herzlich willkommen in der KUPF!

→ bongoflavour.org

 

EF.KK — Eferdinger Kultur Klub

Im Eferdinger Becken gibts seit 2011 nicht mehr nur Gurkerl zu ernten, sondern feine musikalische Gustostückerl, serviert von 10 engagierten Mitgliedern des Eferdinger Kultur Klub, für die ihr Werken mehr «Berufung» als Hobby ist. Ihr Rezept: «zukunftsorientierte Kunst und Kultur» im Raum Eferding fördern, und damit der ebenso flachen wie tristen Welt der  Zeltfeste und Chartmusik-Buden etwas entgegenzusetzen. Bei so einer Mission lassen sich auch die Stars nicht lumpen. Gleich im Gründungsjahr gastierten z.B. unsere Freunde von Attwenger im Eferdinger Stadtsaal und zeigten der Welt, dass nur Idioten bei Eferding sofort an Gurkerl denken. Die KUPF freut sich auf viele tolle Partys!

→ efkk.at

 

KIA — Kulturinitiative Aurach

Der hiesige Dialekt legt den phonetischen Kurzschluss nahe, hinter dem Kürzel «KIA» würden sich Wiederkäuer verbergen.

In der Tat mangelt es in der beschaulichen Gemeinde in unmittelbarer Nähe zum Attersee nicht an Wiederkäuern, bis vor kurzem allerdings sehr wohl an initiativer Kulturarbeit. Genau darin liegt auch die Motivation dieser kulturellen Nahversorgerin, welche konsequenterweise «Schönes säen und Unerträgliches ausmisten » zum Motto erklärt. Insofern überrascht es auch nicht, dass KIA schon bald auf sich aufmerksam machte und mit dem eigenen Flugblatt «Hongarhirsch» (richtig, auch Hirsche sind Wiederkäuer) gar für einige Wochen zum politischen Thema Nummer 1 in der Gemeinde aufstieg. Toi, Toi, Toi beim weiteren «Widerkauen»!

→ facebook.com/pages/Kulturinitiative-Aurach/394238913959783

 

KEK — Krenglbach erlebt Kultur

Krenglbach gehört zum erweiterten Speckgürtel von Wels und ist vor allem auch jungen Dino-Fans ein Begriff, die im dortigen Vogelpark Schmiding ihrer Faszination nachgehen können. Mindestens so keck wie manch schlaue Krähe gibt sich die Initiative «Krenglbach erlebt Kultur». Die Initiative nimmt sich nämlich vor, «jährlich etwa vier ‹nachhaltige› Kulturveranstaltungen in Krenglbach durchzuführen. » Heißt in diesem Fall: Kulturarbeit so gut wie möglich mit ökologischen sowie sozialen Themen zu kombinieren und sich dabei nicht entmutigen zu lassen. Da kann es schon mal vorkommen, dass eine geplante Radtour zum Ottensheim-Open-Air wegen strömenden Regens eben alleine angetreten wird. Hut ab!

→ facebook.com/KrenglbachErlebtKulturKEK

 

OTELO Vöcklabruck

Eine Idee geht um in Oberösterreich. Bereits an sechs Standorten schaffen Menschen offene Räume für technische und kreative Aktivitäten. Werkstätten und Kleinlabore, wo jede/r die/der möchte neue Ideen diskutieren und ausprobieren kann. Den Anfang nahm die Expansion der Offenen Technologielabore 2010 in Vöcklabruck, wo der Verein in der alten Landesmusikschule untergebracht ist. Wer sich zum Beispiel für Freie Medien, Open Hardware und regionale Community-Prozesse interessiert, ist dort bestens aufgehoben. Wer eigene und völlig andere Ideen einbringen möchte mindestens genauso. Seit 2012 ist OTELO Vöcklabruck als eigenständiger Verein organisiert und schon heuer dürfen wir ihn als  KUPFMitglied begrüßen.

→ otelo.or.at

 

OTELO Vorchdorf

Die OTELO-Idee ist von Vöcklabruck auch auf Vorchdorf übergesprungen und im Herbst 2012 konnte im Schulzentrum das

Offene Technologielabor Vorchdorf eröffnet werden. Es versteht sich als «Begegnungsraum und Werkstätte», als Freiraum, wo Menschen auf ~ 200 m2 «mit ihren eigenen Fähigkeiten und Interessen experimentieren können». Von Drechseln und Stricken, über Veranstaltungen zu Gemeinschaftsgärten und nachhaltiger Lebensmittelproduktion, bis hin zu  Kunstgeschichte-Workshops: OTELO Vorchdorf hat bereits wenige Monate nach der Gründung viel zu bieten. Werkraum, Küche und EDV-Raum der Schule stehen ebenfalls zur Verfügung. Wir freuen über eine weitere Mitgliedsinitiative aus Vorchdorf und wünschen alles Gute!

→ otelo.or.at

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Vom Elend der Organisierung

Ein Appetithappen für eine Veranstaltung im April von Klemens Pilsl.

Politisch werden ist nicht schwer, politisch sein hingegen sehr: In postmodernen Zeiten ist der Gedanke an eine verbindliche Organisierung den meisten Aktiven in Kunst, Kultur & Politik ein Graus. Die Angst vor Stillstand, Vereinnahmung, Stigmatisierung oder Klubzwang schreckt viele ab. Die Alternativen: One-Person-Armys, lose Kollektive oder temporäre Assoziationen, die kurzfristig und anlassbezogen aktiv werden. Die Notwendigkeiten und Modelle von Organisierung und Aktivismus werden am 16. April im Kepler Salon in Linz verhandelt.

Aus dem kleinen 1×1 der Politikwissenschaft und Soziologie: Soziale Bewegungen und ihre Akteurinnen neigen zur Institutionalisierung. Hausbesetzungen werden zu Genossenschaften, aus radikalen Party-People werden Kulturvereine und aus religiösen Neuerungen werden Amtskirchen. Arbeitskämpfe mutieren zu Gewerkschaftsblöcken, Kunstvereinigungen werden Dienstleistungsbetriebe. Diese Entwicklung zur Institution ist per se weder schlecht noch gut: Einerseits gewinnen solche Institutionen im Idealfall an politischer Relevanz, sie werden offizielle Ansprechpartner für Behörden, Medien und Politik. Sie können ihre Macht zur Durchsetzung gesellschaftlicher Ziele einsetzen und kontinuierliche soziale, politische und kulturelle Arbeit leisten. Andererseits fördert das Verfestigen von Strukturen auch die Bürokratisierung, die Hierarchisierung und den Verlust von Radikalität. Ursprüngliche Forderungen verlieren an Schärfe, Aktivistinnen werden zu Funktionärinnen. Aktenordner stapeln sich, Sympathien verfliegen.

Dieselbe Uneindeutigkeit gilt im Gegenzug auch für das „nicht-institutionalisierte“ Feld der Agitation: Einzelkämpferinnen, spontane Zusammenschlüsse oder natürlich auch Bewegungen, wie z.B. Occupy Wall Street in New York, mögen oft fernab der komplexen Behäbigkeiten der großen Player (egal ob nationale Kunstbetriebe, Parteien oder Majors) agieren, ihre Existenz hängt aber oft am seidenen Faden: Ohne halbwegs berechenbare Ressourcen, Gelder, Aktive und Erfahrungen reichen oft kleine Widrigkeiten oder auch nur der Zahn der Zeit, um das Aufbegehren zu ersticken.

Natürlich gibt es zwischen den Extrempolen der Institution, der Person und der Bewegung jede Menge Graustufen, vermutlich bedingen sich diese Pole sogar gegenseitig und jeder Organisationsgrad hat seine Vor- und Nachteile. Fähigkeit oder Zwang zur Institutionalisierung sind dabei nicht nur vom Charakter der Bewegung und der Aktivistinnen abhängig, sondern auch von äußeren Umständen: Wie wirken die mediale, ökonomische und politische Umwelt ein?

Um solche Umstände zu klären, werden im April KUPF-Geschäftsführer Stefan Haslinger (für die Gruppe „Institution“) und die Kunst- und Politaktivistin Tina Leisch (für das Team „Temporäre Assoziation“) das Thema beleuchten: Welche Organisationsform dient welchem Zweck? Wie sieht die Organisationsform der Zukunft aus? Wieso neigen wir zur Vereinsmeierei? Wann machen temporäre Assoziationen Sinn, wann die politische Institutionalisierung? Wie kann man als Künstlerin, Aktivistin oder Politikerin die Mühen der organisatorischen Ebenen minimieren?

Stefan Haslinger: seit 1990 hauptals auch ehrenamtlich in der freien Kulturarbeit tätig (u.a. waschaecht, KUPF). Die KUPF hat sich vor 25 Jahren als Dachverband freien Kulturinitiativen gegründet. Die Institutionalisierung hat viel Kontinuität und Erfahrung zur Thematik produziert.

Tina Leisch: Journalistin & Regisseurin, u.a. Mitbegründerin des Volxtheaters Favoriten und Kustodin des Museum Peršmanhof, Museum des antifaschistischen Widerstandes in Kärnten. Betreibt durchaus politische Kunstund Kulturarbeit in vielen Feldern, u.a. in temporären, zweckgebundenen Kooperationen.

 

 

 

Kunst, Politik und Aktivismus. Wie sollen wir uns organisieren?

Am Montag, 16. April 2012, 19.30 Uhr, im Kepler Salon (Linz)

 

Eine Kooperation von Kepler Salon, KUPFakademie

Gefördert von der Gesellschaft für politische Bildung

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Weiterspinnen!

Tick, Trick & Track über die neu aufgenommenen KI’s.

Was man beim milden Lächeln über Basisdemokratie, Vereinsmeierei und Bürokratie leicht vergisst: So eine KUPF-Jahreshauptversammlung ist eine durchaus beeindruckende Anhäufung von Intellekt, Know-How und Aktivismus. Einmal im Jahr treffen sich unterschiedlichste Kulturaktivistinnen aus dem ganzen Bundesland, essen Strudel und tauschen sich aus — auf hohem Niveau! Zuletzt im Jänner im Medienkulturhaus Wels. Dabei wird auch den jüngst verschiedenen Initiativen ein wenig nachgetrauert, vor allem aber werden neue KI’s in die KUPF aufgenommen. Hier eine kurze Vorstellung der Frischlinge.

Reizend!
Wenn politisches Engagement und künstlerisch/kulturelle Praxis aufeinander prallen, kann es passieren, dass: a) Die Kunst die Überhand gewinnt, und die Ästhetik den Inhalt bestimmt, oder dass: b) Der Inhalt die Ausdrucksform unter sich begräbt, oder dass: c) Reizend! aktiv ist. Die „Waffe“ von Reizend! sind die Medien. Von Film (wie beim Projekt miss:handelt) zum Print (eine Beilage zum Welser Amtsblatt) ist alles erlaubt und erwünscht. Und Reizend! motiviert! Motiviert Menschen sich zu beteiligen, sich auseinander zusetzen und motiviert Fragen zu stellen. Zuletzt machte Reizend! Protestkultur(en) zum Thema. In der Veranstaltung „Run Against“ wurdne aktuelle und historische Protestbewegungen gegenübergestellt, diskutiert und reflektiert. Vielleicht ist das überhaupt das Wort für Reizend! – Reflektiert! Sowohl als Verb als auch als Adjektiv beschreibt es den Zugang und die Arbeit dieses Vereins. Inhaltlich erarbeitete Reizend! – bislang – Projekte zu den Themen Gendergerechtigkeit, Frauenpolitiken und Interkulturalität. Und es werden noch viele folgen – watch out!

SILK — FLUEGGE
Und weiter geht es im Tanzreigen, der letztes Jahr mit der Aufnahme von Red Sapata begonnen hat. Silk – Flu egge ist eine Company, die von Silke Grabinger gegründet wurde und sowohl in den Bereichen zeitgenössischer Tanz, als auch bildende Kunst aber auch (und vor allem) Jugendförderung tätig ist. „Ja, aber“, rufen jetzt die Menschen, „wo ist denn hier der initiative Gedanke, um den es der KUPF geht? Oder nehmt ihr jetzt auch Tanzschulen auf?“ „Ruhig Brauner“, streicheln wir den Menschen über den Kopf. Denn Silk ist mehr als ein sich der Tanzkunst verschreibendes Kollektiv. Silk – Flu egge arbeitet und vernetzt sich gezielt mit jungen Menschen, mit einem Schwerpunkt auf Mädchenarbeit. Silk – Fluegge schafft dadurch ein empanzipatorisches Umfeld, und leitet zum Empowerment an. Es geht nicht um ein bloßes Konsumieren bei Silk – Flu egge. Es geht darum, sich einzumischen und Position zu beziehen. Ganz im Sinne der KUPF.

Young & culture
Politikerinnen und Niedergangsherbeirederinnen sprechen ja gerne davon, dass die Jugend von heute zu nichts mehr zu bewegen ist und keine Initiativen mehr setzt. Pustekuchen! Young and Culture aus Vöcklabruck beweisen, dass – wenn der Missmut groß genug ist – Jugendliche das Ruder selbst in die Hand nehmen. Einzig dem Umstand geschuldet, dass die Strukturen für Jugendliche in Vöcklabruck unzureichend sind, beschlossen die Protagonistinnen von Young and Culture, selbst zu veranstalten, sich zu vernetzen und dadurch nachhaltige Akzente in der Stadt zu setzen. 2.000 Besucherinnen konnten 2011 mit den Veranstaltungen erreicht werden und auch wenn es der KUPF widerstrebt die Legitimation über Veranstaltungskennzahlen herzustellen, kann hier nur ein von Herzen kommendes „Hut ab!“ formuliert werden. Aber Young and culture betreibt nicht nur Veranstaltungswesen, sondern beweist sich auch als vorbildlich wenn es um Vernetzung geht. Es ist doch wirklich so: Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens!

:kult — das neue Mühlfestival
Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich ein erprobtes und denoch mutiges Unterfangen: Seit 2011 organisiert diese Initiative jährlich ein Kunstfestival von besonderer Vielfalt im Mühlviertel. Theater, Musik, Bildende Kunst, Film und weitere Sparten werden an zwei Sommerwochen prominent auf über 3000 m² Spielfläche präsentiert. Das dreiköpfige (zuagroaste) Leitungsteam, das sowohl Verein als auch Festival schupft, führt dabei internationale wie regionale Akteurinnen zusammen. Der Austragungsort Freistadt, gelegen zwischen der Provinzhauptstadt Linz im Süden und der tschechischen Grenze im Norden, bietet hier als mehrfaches Grenzgebiet einen ebenso passenden wie herausfordernden Schauplatz. Ziel ist die Etablierung des Festivals vor Ort und Festigung seiner überregionalen Relevanz bei hoher künstlerischer Qualität.

OTELO
An der Schnittstelle zwischen Technologie, Bildung und Kultur arbeitend, liegt OTELO am Puls der Zeit und im Zentrum des Diskurses. Es ist also eine von jenen Kulturinitiativen, denen die Zukunft gehören könnte. Das Offene Technologie Labor bietet niederschwellig Raum, Infrastruktur und Know-How für offene Zugänge zu Naturwissenschaften, Technik und Kunst an. Jenseits von Veranstaltungsdienstleistungen oder Leistungsdruck werden Wissen, Strategien und Erfahrungen erarbeitet und vermittelt. Konkret heißt das, dass bei OTELO z.B. Kinder das Löten lernen und auch mal an den Laser dürfen, die Großen Radio-Skills und Improtheater aufsaugen und die Nerds an 3D-Druckern arbeiten, welche wiederum andere 3D-Drucker ausdrucken sollen. Die Termine haben dann auch so schöne Namen wie „Laser ab 12+“ oder „Vermöbeln“. Was die KUPF noch beeindruckt: OTELO, ursprünglich eine Vöcklabrucker Angelegenheit, hat sich mittlerweile schwarmartig auch nach Ottensheim, Kremstal, Gmunden und Kirchdorf ausgedehnt und kooperiert auch ganz unverschämt mit großen Playern wie z.B. der Ar s Electronica oder dem einen oder anderen Stahlkonzern. Respekt!

BACKLAB
Backlab ist noch nicht bei der KUPF? Nun, seit Januar ist es das endlich und die Freude darüber ist groß. Denn Backl ab ist allein schon numerisch eine große Verstärkung. Ein Kollektiv, das als ein Netzwerk funktioniert und beinahe alle Genres künstlerischer Tätigkeit abdeckt. Kommuniziert wird im Netz und das dutzende Mitglieder umfassende Kollektiv hat es schnell zum „Power User“ bei servus.at geschafft. Neben dem diskursiven Austausch geht es vor allem darum, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsame Projekte zu realisieren. Zumindest einmal im Jahr – beim sommerlichen Rootlab – treffen die vielen Teile auch physisch zusammen. In den letzten Jahren wurde das Kollektiv verstärkt auch kulturpolitisch wahrgenommen und der KUPF-Beitritt ist als klares politisches Bekenntnis zur freien Szene zu verstehen. Das Statement kommt zum richtigen Zeitpunkt, denn angesichts des um sich greifenden Sparwahns ist Zusammenrücken angesagt. Backl ab will die KUPF als gemeinsame Interessensvertretung stärken und ich spüre, dass das gelingen wird.

Medien Kultur Haus Wels
Als ich das erste Mal dort war hat mich der Neid gefressen. Ein wunderschönes Schlösschen mitten in der Stadt. Ideal um es mit Kreativität zu fluten und die Fahne der freien Szene auf dem schmucken Türmchen zu hissen. Gemeinsam mit dem Alt en Schlachthof bildet das Medien Kultur Haus das Rückgrat einer eng vernetzten und höchst aktiven Kunst- und Kulturszene in Wels. Das MKH sieht sich selbst als ein multifunktionales Kulturzentrum, in dem Jugendliche mit professioneller Unterstützung Ideen umsetzen können. Alles dreht sich um Medien und es findet sich kaum ein Aspekt, der nicht thematisiert wird. Die Menschen im MKH reflektieren, produzieren und vermitteln. Und das auf höchstem Niveau. Der Verein zur Förderung von Jugendkultur ist nun der KUPF beigetreten, weil es dem Kulturverständnis des Hauses entspricht, Teil dieses Netzwerks zu sein. Was ihn auf Anhieb sympathisch macht: Auch im MKH gibt es keine fertige Definition von „freier Szene“ und schon alleine deswegen passt der Verein hervorragend zur KUPF. Willkommen!

Tick (Haslinger), Trick (Pilsl) und Track (Diabl) sind treue Vasallen der KUPFredaktion.
 
 

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Kulturhauptstadt Anderswo

Wenn man von Finnland kommend in Tallinn die Fähre verlässt, fallen einem vor allem die bis zur Entmenschung besoffenen skandinavischen Touris auf: Prohibition schult eben nicht gerade die Fähigkeit zur eigenverantwortlichen Intoxikation, wie’s scheint. Andererseits sind auch die Baltinnen dem Rauschigen nicht abgeneigt, wie wir noch feststellen werden. Klemens Pilsl besucht die aktuelle Europäische Kulturhauptstadt Tallinn2011 in Estland.

Der Hafen liegt fast direkt an der historischen Altstadt, die auch das Zentrum der kulturhauptstädtischen Aktivitäten darstellt. Und es ist nur ein halber Zufall: Schon wenige Stunden nach unserer Ankunft laufen wir Oberösterreichern über den Weg. Zwei Freunde haben die Hörstadt nach Tallinn gebracht und dort vorgestellt, jetzt gehen wir gemeinsam Essen und Trinken. Zuerst sind wir alle beeindruckt von der riesigen, mittelalterlichen Altstadt. Aber was anfangs recht charmant wirkt, entpuppt sich bald als touristischer Kulturhauptstadtterror: Burgfräulein wollen vor allem die Herren auf Getränke entführen, Herolde brüllen uns Speisekarten ins Gesicht, Ritter wollen uns zum Bogenschießen überreden. Sandalenfilm- Impressionen. Wir landen schließlich weit weg in einer alternativen Strandbar, die an der Rückseite eines ehemaligen Häf’n gelegen ist, welches uns noch einen Tag versauen wird.

Service

Ein anderer Tag: Wir beschließen, brave Kulturtouristinnen zu sein und suchen den offiziellen Infopoint von Tallinn2011. Aufschlussreich: Als wir versehentlich in der offiziellen Touri-Info landen, weist man uns pikiert darauf hin, dass wir hier falsch wären. Kulturhauptstadt ist woanders. Wir packen trotzdem jede Menge Touri-Propaganda ein und finden später ins echte Tallinn2011-Infobüro. Auch dort versucht man, uns mit Hochglanzbroschüren zuzuscheißen. Erfolgreich. Dennoch wollen wir es wissen – laufen aktuell gerade künstlerische Projekte oder gibt es Anknüpfungspunkte zur Alternativkultur? Irgendwas jenseits der Mittelaltershow? Die freundliche Dame weiß nicht recht viel mit uns anzufangen – aber ja, es gäbe Theateraufführungen, die manchmal auch in englischer Sprache laufen. Nur halt diese Woche nicht. Und ja, im Herbst gibt es eine Oper mit Tom Waits. Und Reggae. Und wenn wir wirklich moderne Kunst suchen gibt es ein Museum. Sollte ich bei Gelegenheit doch den Reisefüher durchblättern?

Gefängnis

Ein anderer Tag: Wir radeln aus dem Zentrum raus und suchen noch einmal das Gefängnis auf. Diesmal ab durch die Mitte: Eine alte Frau lässt uns für € 2,– ins Innere des Gebäudes. Die ehemalige Seefestung wurde von 1920 bis 2005 als Haftanstalt genutzt, hat also sämtlichen Regimen gedient. Wir tapsen durch die Höfe und Räume, die ohne jedes Leit- oder gar Vermittlungssystem nackt vor uns liegen. Gerade dieses unbegleitete und unvorbereitete Erkunden macht den Schrecken fast unerträglich. Schwarze, schimmlige Zellen, alte Operationstische, ein Hinrichtungsraum mit Bodenklappe, unfassbar kleine Käfige unter freiem Himmel, besteigbare Wachtürme. Aber auch Partyspuren, ein knutschendes Pärchen und die strahlende Sonne. Die Spuren dieses Besuches verfolgen uns noch den ganzen Tag, plötzlich wirkt ganz Tallinn trist und grausam. Wir radeln durch die Außenbezirke zurück und lernen das andere Tallinn kennen. Neben der herausgeputzen Altstadt und den verspiegelten Hotels sehen wir plötzlich halb verfallene, aber bewohnte Häuser, verwahrloste Menschen und überall den Sorgentröster Alkohol. Eine alte Frau schiebt ihren Rock und Slip hoch und brunzt vor uns auf die Straße. Die Wände haben Löcher.

In der Innenstadt erlebten wir die erfolgreiche, neue Mittelschicht; jene Menschen, die vom Systemwechsel profitierten. In den Außenbezirken treffen wir die anderen, die beim Wechsel der Systeme nicht mitkonnten, für die kein Platz ist im neoliberalen Aufsteigerstaat. Es sind viele alte Menschen, es sind viele Angehörige der russischen Minderheit, welche nach der Unabhängigkeit Estlands stark diskriminiert wird. „Die Leistung des estnischen Wohlfahrtsstaats kommt disproportional den Wohlhabenden zugute” (OECD). Ich brauche, um den Satz zu verstehen. Wir suchen unser Glück woanders.

Kunst…

Ein anderer Tag: Wir entschließen uns zur Kunst. Das Thema, das die Stadt für ihr Tallinn2011-Programm gewählt hat, trägt den Titel „Geschichten von der Meeresküste“ und widmet sich den Legenden und der Inspiration, die die See unzähligen Generationen von Esten gegeben hat (Promotext Tallin2011). Das klingt natürlich fürchterlich, aber das KUMU scheint damit nichts zu tun zu haben. Das KUMU ist das Museum für estonische Kunst und zeigt auch sehr viele moderne und zeitgenössische Arbeiten. Die Museumsarchitektur ist zugegeben gewaltig, und auch das Innenleben beeindruckt. Mir bleibt eine Scuba Sculpture im Gedächtnis hängen, wir finden aktuelle Medien- und Netzkunst ebenso wie diverse recht amüsante Schulen des sowjetischen Realismus. Arbeiterklassenkunst. Und subversive Arbeiterklassenkunst. Popart für das Proletariat und sonstige revolutionär Suspekte. Ich mag das. Geile Kunstshow.

… und Gegenkunst

Unsere Freundin Margit schickt uns anderntags eine Email mit dem richtigen Hinweis: Das Polymer ist eine riesige, alternative und gegenkulturelle Kulturinstitution. Ausstellungen, Festivals, a bissl wie KAPU oder Stadtwerkstatt, schreibt sie, und wir fahren hin. Eine riesige Anlage, viele Graffitis und ein paar Punks drängen sich ins Bild. Wir wagen uns ins dunkle Stiegenhaus und haben Glück: Im ersten Stock treffen wir Tanel, einen der Verantwortlichen. Er lebt und arbeitet hier, hat abenteuerlichen Bartwuchs und nimmt sich Zeit für uns: Nein, diese Anlage ist nicht besetzt, sie ist gegen geringes Entgelt angemietet und finanziert sich selbst. Sie dient als Produktions- und Ausstellungsfläche, verfügt über Ateliers und ist Anlaufstelle für viele Künstlerinnen aus dem Ausland. Nicht zuletzt wegen eines speziellen Residency-Programmes. Die Räume sind von unterschiedlicher Größe und unterschiedlichem Zustand, es erinnert mich ans Tacheles. Riesige, niedrige Hallen für Techno- und Drogenpartys. Selbstgemachte, furchteinflößende Öfen in allen Ateliers, um die eisigen Winter durchzustehen. Kunst, Basteleien, Trash. Tanel interessiert sich nicht besonders für unseren Background, aber er erzählt uns viel. Als wir am Ende der Hausführung auf einer Dachterasse stehen, die von „jungen Russinnen“ liebevoll in einen Garten umgewandelt wurde, fragen wir nach dem Verhältnis des Polymer zur Kulturhauptstadt. Wie überall: Tanel erzählt, wie die Macherinnen von Tallinn2011 die Szenestrukturen unter Druck setzen, dass das Geld in den Tourismus fließe und dass ihm das ganze Getue ordentlich auf die Eier gehe. Überhaupt wolle er von dem Scheiß eigentlich nichts mehr wissen.

Sibirien

Irgendwie scheint das Kulturhauptstadtprogramm nicht so viel herzugeben, nach wenigen Tagen suchen wir schon etwas verzweifelt nach Aktivitäten, zum Glück finden wir noch ein paar kleine Guzzis. Zum Beispiel den Drehort des Sowjet-Klassikers Stalker. Wir trinken jeden Abend mehr Wein, ich überlege ernsthaft, eine Pediküre machen zu lassen. Je genauer wir hinsehen, desto offensichtlicher wird auch das wuchernde Rotlichtmilieu in der Stadt: In jedem Kulturhauptstadtheftl, in jeder Touri-Broschüre scheinen Anzeigen von Bordellen und Clubs auf. Auch in der touristisch aufbereiteten Altstadt sind zahlreiche Etablissements nicht zu übersehen. Wollte die junge Dame etwa doch nicht nur tanzen gehen? Wir konzentrieren uns weiterhin auf Kunst und Kultur oberhalb der Gürtellinie und finden tatsächlich noch ein Highlight: Das historische Museum lässt tiefe Einblicke in das Nation-Building des jungen Staates zu. Estland war in seiner Geschichte deutsch, schwedisch, dänisch, russisch. Vor allem die Sowjets sind noch in guter Erinnerung, aufgeblasene Bilder massakrierter Leichen nehmen viel Platz ein. Man kann das nicht verübeln: In den sowjetischen Terrorwellen nach 1940 und dann wieder ab 1944/45 wurde insgesamt jeder fünfzehnte Este ermordet und jeder siebzehnte zumindest für zehn Jahre nach Sibirien verschleppt (Wikipedia). In der Wiese hinter dem Museum entdecken wir jede Menge gigantomanische Stalin- und Lenin-Statuen, die man unmittelbar nach der Wende abgerissen hat. Es ist natürlich lustig, auf den finsteren Zügen Stalins zu sitzen und den Lenin raufzukraxeln. Ich würde mir auch sofort so einen steinernen Riesenrevoluzzer in den Garten legen.

Ein anderer Tag: Im Flugzeug ab Riga, dass mich zurück nach Wien bringt, sitze ich neben estonischen Systemgewinnerinnen wie aus einem Deix-Comic. Schampusschlürfende, goldberingte und laut rülpsende Fettberge. Oder kündigt sich nur die Heimat an? Ich fürchte, zur finalen Bewertung des Stadtentwicklungstools „Kulturhauptstadt“ fühle ich mich immer noch nicht bereit. Aber zu meinen Standpunkten bezüglich Linz09 fügt sich ein neuer hinzu: Es hätte offenbar viel schlimmer kommen können.

 

 

 

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Kulturpessimismus für Fortgeschrittene

Der 25. Geburtstag der KUPF ist eine schöne Sache. Aber zwischen Schulterklopfen, Longdrinks und Zufriedenheit nimmt sich die KUPF auch etwas Zeit zur Reflexion. Klemens Pilsl hat zu diesem Zwecke den KUPF-Vorstand, Kulturund Medienaktivisten Richard Schachinger zum Gespräch gebeten: It’s a dirty job but someone’s got to do it.

KUPF: 25 Jahre KUPF – eine Erfolgsgeschichte?

Richard Schachinger: Ja. Gerade die ersten Jahre lassen sich als Erfolgsstory bezeichnen, große Brocken an Rahmenbedingen für die KIs (Kulturinitiativen) und die freie Kulturarbeit wurden erreicht. Um 1990 wurden die Subventionskriterien der KUPF weitestgehend vom Land OÖ im Zeitkulturbereich übernommen. Anders schaut es aber aus mit den ZuMUTungen, einem weiteren Forderungskatalog, der nicht durchgesetzt wurde. Die KUPF war Vorreiterin, andere Landesverbände gründeten sich erst später. Nicht zuletzt eine Frage des Zeitgeistes – der soziokulturelle Kontext spielte da eine große Rolle: progressiver Aufbruch auch in den Regionen.

KUPF: Man nutzt also den Zeitgeist, um die Grundbedingungen zu schaffen. Weiteres wurde dann von den Ämtern aber erfolgreich abgeschmettert?

R.S.: Mehr oder weniger erfolgreich. Die KUPF hat sich dann darauf konzentriert, Projekte wie den Innovationstopf voranzutreiben, der sehr wichtig für die KUPF geworden ist. Ein Wechselbad der Gefühle: punktuell sind wir nach wie vor erfolgreich, aber wir laufen auch gegen verschlossene Türen.

Ermächtigung

KUPF: Zur politischen Macht der KUPF: Du nennst den von der KUPF erkämpften Innovationstopf ein Erfolgsbeispiel – 2010 wurden aber erstmals politisch unliebsame Projekte seitens des Landes OÖ nicht akzeptiert und wegzensiert, zudem wird der IT zukünftig jedes zweite Jahr ausgesetzt.

R.S.: Die KUPF verhandelt dazu derzeit mit dem Land OÖ. Es stimmt, das der Innovationstopf dann nur mehr biennal ausgeschrieben wird.

KUPF: Da hat man verloren: Einerseits konnte die politische Unabhängigkeit der Projekte nicht gewährleistet werden, andererseits konnte man nicht einmal die paar 1000 Euro, die der IT dem Land kostet, halten. Und weder die mediale Öffentlichkeit noch die vielgerühmte Basis der KUPF schien sich recht dafür zu interessieren.

R.S.: Da möchte ich widersprechen. Es gab ein beachtliches Medienecho. Es hat auch eine Basismobilisierung stattgefunden, die ich als positiv erlebt habe. Anhand des IT lassen sich die kulturpolitischen Verflechtungen, mit denen sich die KUPF beschäftigen muss, gut ablesen: Es gab nie eine schriftliche Abmachung mit dem Land bezüglich dem IT, lediglich eine auf der berühmten Handschlagqualität beruhende Vereinbarung. Jetzt, wenn es heikel wird, sieht man natürlich deutlich, wer da am längeren Ast sitzt.

Basiswapplerinnen

KUPF: Bei der KUPF scheint es einen Gap zu geben: Die Basisaktivistinnen vom Lande schütteln den Kopf über die Intellektuellen, die da im Büro sitzen und g’scheit reden, aber keine Ahnung von der Kulturarbeit am Land haben. Andererseits weiß ich, dass sich andere wieder über das Desinteresse mancher ländlicher KIs ärgern, über deren angebliche Theoriefeindlichkeit. Wie dramatisch ist dieser Konflikt?

R.S.: Dieser sogenannte Konflikt ist ein Charakteristikum der KUPF. Diese Widersprüche sind alt, kommen immer wieder und müssen immer wieder behandelt werden. Das Problem ist der vielfältigen, heterogenen Basis der KUPF geschuldet. Aber es gibt andere Aspekte, die eine wichtige Rolle spielen: zum Beispiel das Service der KUPF für ihre Mitglieder, welches sehr wohl in Anspruch genommen wird und den Großteil der KUPF-Arbeit ausmacht.

KUPF: Dieser Service-Gedanke ist doch Ausdruck der Entpolitisierung. Die KUPF teilt dieses Problem mit der ÖH, den Gewerkschaften und anderen, die von ihren Mitgliedern als Service-Einrichtungen wahrgenommen werden. Eine bedenkliche Entwicklung.

R.S.: Man muss aber auch sehen: Die Initiativen mit ihren Experimentierräumen spielen eine demokratiepolitisch enorm wichtige Rolle. Das sind keine riesigen Partizipationserfolge, aber ein wichtiges Durchlüften. Es gibt sicher Vereine, die sich ihrer gesellschaftspolitischen Funktion nicht bewusst sind, diese Aufgabe aber dennoch leisten. Und es gibt Initiativen, die sich als politische Kollektive verstehen und die politische Akzente setzen. Das geschieht in unterschiedlichen Intensitäten.

Personalsuche

KUPF: Ein weiterer struktureller Gegensatz innerhalb der KUPF ist die Relation von Vorstand zu Geschäftsführung. Gibt es da ähnliche Konflikte wie zwischen Basis und Dachverband? Ich bin mir z.B. nicht immer sicher, ob sich die Vorstände des Politischen ihrer Funktion bewusst sind und genau deswegen die Geschäftsführung sehr eigenständig handeln muss. Ein demokratiepolitisch fragwürdiges Gefüge innerhalb der KUPF?

R.S.: Der Vorstand der KUPF ist kein präsidiales, sondern ein strategisches Gremium. Auffallend ist der große Unterschied bezüglich Know-How zwischen Geschäftsführung und Vorstand. Und es gibt im Vorstand tatsächlich Mängel in der kulturpolitischen und theoretischen Kontinuität.

KUPF: Gibt es denn zu wenige Aktivistinnen in OÖ?

R.S.: Den Eindruck hatte ich nach den Widerständen gegen Schwarz-Blau nicht. Es gibt auch viele neue Kulturinitiativen, die zur KUPF wollen. Politisches Engagement hat nicht generell abgenommen. Ich verweise auch auf die Auseinandersetzungen rund um Uni-brennt, an den arabischen Raum oder Spanien. Da tut sich was.

KUPF: Aber dieses Engagement läuft jenseits klassischer politischer Institutionen. In Arabien jenseits der Parteien, bei Uni-brennt jenseits der ÖH. Ist vielleicht die KUPF auch eine jener alten Institutionen, die jungen Aktivistinnen nicht mehr relevant

erscheint?

R.S.: Gute Frage. Wie weit gelingt es der KUPF, bei derartigen Politisierungsschüben ihre Rolle wahrzunehmen? Da hat die KUPF einiges verspielt, denn in ihren Anfangstagen waren die Motive der gründenden Initiativen sehr wohl politische.

Klassenk(r)ampf

KUPF: Die KUPF betont gerne ihre gewerkschaftliche Funktion. Gewerkschaftsarbeit dreht sich oft um Lohnpolitik. Genau diese Funktion nimmt die KUPF aber nur teilweise wahr. Sie fordert zwar von Subventionsgeberinnen mehr Geld für Personalkosten, aber die eigentlichen Arbeitgeberinnen im Kulturbereich werden nicht angesprochen: nämlich die Kulturvereine, die ihre Angestellten unterbezahlen. Immer mit dem Argument, das wir auch von klassischen Unternehmen zu hören bekommen: Es ist kein Geld da. Angst vor den eigenen Mitgliedern?

R.S.: Vereine als Arbeitgeberin, das ist oft recht paradox. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Grenze zwischen Haupt- und Ehrenamt. Die KUPF beteiligt sich gegenwärtig auch an der fair pay-Kampagne der IG Kultur. Man hütet sich aber davor, bei den eigenen KIs Polizei zu spielen. Das betrifft nicht nur Lohnpolitik, sondern auch Teilhabemöglichkeiten, Antisexismus und Antirassismus, die ganzen großen Themen. Da versucht die KUPF auf sanfte Weise einzuwirken und nicht mit dem Vorschlaghammer zu kommen. Aber ich kenne auch keinen Fall, in dem sich ein Angestellter einer Kulturinitiative an die KUPF gewandt hätte zur Durchsetzung fairer Löhne.

KUPF: So materialistisch Kulturarbeiterinnen in ihrer Analyse oft sind, so idealistisch sind sie in ihrem Arbeitsverhalten: Selbstausbeutung gehört zum guten Ton. Die Leute sind in Folge überarbeitet und frustriert, und genau dann bleibt das politische und intellektuelle Engagement auf der Strecke.

R.S.: Es sind, um das zurecht zu rücken, aber insgesamt nur ganz wenige Menschen in der freien Szene angestellt, vor allem außerhalb von Linz. Eine Anstellung im Sinne einer strukturellen Absicherung ist in der Regel nicht gegeben. Die KUPF kämpft um strukturelle Rahmenbedingungen, die Anstellungen erst ermöglichen. Auch um Ressourcen für theoretische Überlegungen zu schaffen.

Zukunftsmusik

KUPF: Also erstmal kleine Brötchen backen. Das wirft kein gutes Licht auf meine Eingangsfrage bezüglich der politischen Macht der KUPF: Sie kann sich einerseits gegen externe Widersacherinnen wie das Land OÖ nicht durchsetzen, andererseits kann sie auch intern die Mitglieder nur in geringem Maße beeinflussen. Wird die KUPF sich zukünftig mehr auf den Dienstleistungsgedanken konzentrieren? Oder gibt es Chancen auf eine politische Ermächtigung?

R.S.: Die KUPF hat mit den angesprochenen Kämpfen um den Innovationstopf bereits eine Übung absolviert. Diese Kämpfe werden in der Zukunft wohl zunehmen, der neoliberale Druck auf Kulturpolitik und das Wohlfahrtstaatliche überhaupt wird steigen. Man braucht sich keine Illusionen darüber zu machen, wo da das Land OÖ und andere stehen werden: Die werden die eigenen Betriebe abzusichern versuchen. Es wird neue Bündnisse brauchen, ähnlich der steirischen Plattform 25. Da ist Potential vorhanden. Diese Prozesse werden auch durchaus förderlich sein,

die angesprochenen politischen Defizite und Widersprüche zu verbessern – da kommt der Leidensdruck ins Spiel. Strategisch ist es sicher notwendig, Bewusstseinsbildung zu verfolgen und auch auf lokaler Ebene Bündnispartnerinnen zu finden, in den letzten Jahren sind ja da einige neue Player aufgetreten. Aber natürlich ist es eine große Herausforderung, die Akteurinnen aus den sozialen, globalisierungskritischen oder bildungspolitischen Zusammenhängen zusammen zu bringen. Da ist auch die KUPF gefordert.

Download des gesamten Gesprächs als Audiofile: cba.fro.at

 

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Das politische Rad

Klemens Pilsl und Christian Diabl haben zwei Menschen aus dem Organisationsteam des Cyclocamp, Zwili und Max, zum Gesprächgebeten.

Ende Juli treffen fahrradbewegte Aktivistinnen aus ganz Europa in der schönen Donaugemeinde Ottensheim zum Cyclocamp 2011 zusammen, um sich über ihre gemeinsame politische und kulturelle Arbeit auszutauschen. In Workshops, Diskussionen und Partys wollen sich die Protagonistinnen verschiedener Bike Cultures kennen lernen und vernetzen.

 Das Rahmenprogramm wird dabei nicht vorgegeben, sondern in guter, alter DIYManier von allen Teilnehmerinnen eigenverantwortlich und kollektiv entwickelt und umgesetzt.

KUPF: Was sind eigentlich Bike Cultures?

Max: Darunter versteht man die verschiedensten Initiativen, die sich um das Zentralthema Fahrradfahren entwickelt haben und im Kontext von reclaim the streets stehen. Verwandt sind sie etwa mit Guerilla Gardening oder der Wagenplatzbewegung, es besteht also ein enger Zusammenhang zum öffentlichen Raum.

Zwili: Es geht natürlich darum, Fahrradfahren zu erleichtern. Aber eben nicht nur auf einer rein politischen Ebene: Fahrradfahren ist nicht nur das ökologischere und das gesündere Verkehrsmittel, sondern es macht letztendlich auch mehr Spaß.

M: Ein Beispiel ist etwa die Critical Mass. Dabei fahren möglichst viele Fahrradfahrerinnen nebeneinander und bringen den Autoverkehr zum Stillstand. Ziel ist aber nicht die Störung des Autoverkehrs, sondern ein Fahrradfahren in einer fahrradfreundlichen Umgebung zu ermöglichen. Dabei fahren auch viele Räder mit, die mit »normalen« verkehrstauglichen Rädern wenig zu tun haben. Damit in Verbindung stehen die Bike Kitchens, das sind Fahrrad-Selbsthilfe-Einrichtungen, wo zum Beispiel Tallbikes, Lastenräder oder auch einfach nur lustige Räder gebaut werden. Genauso wie die Autofahrerinnen ihre Autos auf GTI pimpen, ist die Critical Mass auch ein GTI-Treffen für Fahrradfahrerinnen.

KUPF: Fahrradfahren wird in der Öffentlichkeit hauptsächlich als Sportart wahrgenommen. Warum ist Fahrradfahren ein

Politikum?

Z: Es geht darum, öffentlichen Raum zurückzuerobern. Wer darf öffentlichen Raum nutzen, wer nicht? Das ist eine immanent politische Frage! In der Praxis wird es natürlich auch politisch, wenn es um die daraus resultierenden Auseinandersetzungen geht: mit Autofahrerinnen, mit der Polizei, mit der öffentlichen Verwaltung.

KUPF: Sind alle Autofahrerinnen Arschlöcher und alle Radlerinnen leiwand?

M: Natürlich nicht! Aber der Knoflacher1 sagt immer: das Auto ist eine Gehirnwaschmaschine, die einen daran gewöhnt, sich bequem und ohne Aufwand von A nach B zu bewegen. Aber so einfach ist das nicht, man nutzt schließlich Ressourcen, die nur sehr begrenzt zur Verfügung stehen. Da ist Radfahren natürlich die adäquatere und nachhaltigere Fortbewegungsart, und Leute, die sich bewusst dafür entscheiden, sind tendenziell weniger Arschlöcher als Leute, denen das wurscht ist.

KUPF: Die klassischen Organisationsformen der außerparlamentarischen Linken waren ja etwa besetzte Häuser, Infoläden oder auch Parteien. Diese bauen stark ab, neuere Organisationsformen wie jene aus den Bike Cultures gewinnen aber zunehmend an Bedeutung. Seht ihr euch in der linken Bewegungstradition? Oder frönt der Bike-Aktivismus eher einem lustbetonten Lebensgefühl jenseits solcher Altlasten?

Z: Für die Wiener Bike Kitchen kann ich sagen, dass sich der Großteil der Menschen als Teil der Linken begreift. Das zeigt sich durch unsere Teilnahme an Demos, an Antifa-Vernetzungen und unserer antisexistischen Arbeit, etwa rund um den männlich tradierten Werkstattkontext. Im Unterschied zur traditionellen Linken sehen wir uns aber in einem recht entspannten Kontext.

M: Auch unsere Preispolitik, die bei uns auf Spendenbasis beruht, ist Resultat unseres politischen Verständnisses. Vor allem finde ich die BK aber deswegen politisch, weil sie viele Menschen politisiert, die eigentlich nur wegen dem Radeln dazugestoßen sind. Es gibt ja gerade in der breiten Fahrradkultur-Szene viele Fixie-Fahrerinnen oder Botinnen, die sich mit der Thematik nie kritisch auseinandergesetzt haben. Da geben wir sicher wichtige Anstöße.

KUPF: Nun aber zum Cyclocamp, worum geht es dabei?

M: Das Cyclocamp ist ein Vernetzungstreffen von Fahrrad-Selbsthilfewerkstätten aus ganz Europa. Es kommen Leute aus Rom, Barcelona, Prag, Budapest, Zagreb und so weiter. Es geht darum, sich über bestimmte gemeinsame Herausforderungen auszutauschen, sich kennen zu lernen und gemeinsam Spaß zu haben

Z: Unter der Woche wird es hauptsächlich Workshops sowie informellen Austausch geben, am Wochenende werden wir das in Party überführen. Mit Konzerten, Filmvorführungen und was sonst noch dazugehört.

KUPF: Wer sind die Veranstalterinnen desCyclocamp? Mit welchen Erwartungenwird es veranstaltet?

Z: Veranstaltet wird es von den Bike Kitchens aus Linz, Graz und Wien. Wir erwarten uns Erfahrungsaustausch etwa zu folgenden Fragen: wie gehen wir mit der Preispolitik in Bike Kitchens um? Wie können wir antisexistische Arbeit voranbringen? Wie können wir Lobbying-Arbeit fürs Fahrradfahren leisten? Da erwarten uns schon Erkenntnisse aus der Diskussion mit anderen Ländern und Städten.

M: Wir sind auch für alle offen, die sich für genau diese Fragen interessieren und uns kennenlernen wollen. Wir machen aber kein Festival mit Konzerten, Zelten, Party. Es ist ein Do-It-Yourself-Festival, das heißt jede Teilnehmerin ist aufgefordert, aktiv mitzuarbeiten.

 Danke für das Gespräch.

 Cyclocamp 2011

26. – 31. Juli 2011

am Rodlgelände in Ottensheim bei Linz

Infos und Anmeldung:

www.cyclocamp.org

 

1 Anm. Red: Prof.em. Hermann Koflacher: österr.

 Zivilingineur und Verkehrsplaner, TU Wien

 

 

 

 

Zwili und Max sind Aktivisten der Bike Kitchen Wien.

 

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4takt Gemisch!

Tick, Trick und Track widmen sich der Zahlenmystik und begrüssen die neuen Mitgliedsvereine der KUPF!

 

Homosexuelle Tänzerinnen machen Papier im Tempel! Oder: Tempelmusen tanzen papierene Homosexuelle! Oder: Tanzendes Papier trifft auf Homosexuelle im Museumstempel! Oder: Was ganz anderes! Praktisch für dieses (doch etwas witzlose) Witzchen gestaltet es sich, dass die KUPF bei ihrem jährlichen Aufnahmespiel nur vier Vereine aufgenommen hat. Denn somit sind die Kombinationsmöglichkeiten für das Eingangswitzchen (das wirklich ziemlich witzlos ist) enden wollend. Biologische, astronomische Erklärungen standen schon als Einleitung für die Vorstellung der neuen Mitglieder. Heute wollen wir uns der Zahl(enmystik) die Zahl vier betreffend widmen und erfahren in wikipedia: „Die Besonderheit der 4 ist, dass sowohl 2 + 2 = 4 als auch 2 * 2 = 4 und somit 22 = 4 gilt“. Wir erfahren auch (ebendort), dass die in der Desoxyribonukleinsäure gespeicherte Information des Genoms allen irdischen Lebens in Triplett-Sequenzen codiert ist, die aus vier verschiedenen Grundeinheiten bestehen: den Nukleobasen Adenin (A), Thymin (T), Guanin (G) und Cytosin (C). Alle vier eigentlich Spitzennamen für Kulturvereine. Von den heuer aufgenommen heißt keiner so!

Red Sapata „Tanz, tanz, tanz, den Apocalypso!“ Da werden Erinnerungen wach. Spitalo Fatalo, das zweite und beste Album der EAV. Das war es auch schon wieder mit der Assoziation. Red Sapata in einem Atemzug mit der EAV zu erwähnen ist nicht erlaubt. Wirft man die Suchmaschine an, findet man über die Namensherkunft nichts heraus, nur bald nach der Initiative selbst, wird das „S“ zum „Z“ und es kommt die mexikanische Revolution. Und bei Revolution können wir schon ein wenig bei Red Sapata verharren, denn – wenn es so gesagt werden darf – planen Red Sapata eine kleine Revolution. Sie wollen Linz zur „Tanzstadt“ machen. Moderner Tanz ist ihr Metier und mit dem vereinseigenen Lokal am Linzer Hauptplatz verfügen sie auch über die Räumlichkeiten, um ihre Workshops und teilweise auch Aufführungen durchzuführen. Was aber Red Sapata neben der künstlerisch, produktiven Ebene noch so interessant macht, ist ihr umfassender Anspruch, ein Netzwerk von Gleichgesinnten, ähnlich Tickenden zu schaffen. Moderner Tanz soll in Linz eine dauerhafte Heimat finden, wenn es nach Red Sapata geht. Und Red Sapata beschreitet den Weg der dorthin führen wird konsequent und unnachgiebig! www.redsapata.com

Österreichisches Papiermachermuseum Häh? Was wird das jetzt? Ein Museum bei der KUPF. Muss die KUPF mit 25 Jahren auf dem Buckel schon in der Museumslandschaft graben, um noch Mitglieder zu bekommen? Still! Die KUPF weiß sehr wohl noch, wen sie aufnimmt und das Österreichische Papiermachermuseum passt genau. Angesiedelt im schönen Steyrermühl (47° 59′ N, 13° 49′ O), werden dort Veranstaltungen aus den Sparten Kabarett, Lesung und Konzert durchgeführt, Vernissagen organisiert, welche den Bezug zum Papier innehaben. Das Museum selbst ist ein Teil des Vereins und hier geht es vorallem um die Verbreitung des Wissens der Papiermacherinnen. Ein besonderes Steckenpferd des Vereins ist die Veranstaltungsreihe „Literatur aus der Gegend!“, die es sich zum Ziel gesetzt hat, regionalen Literatinnen eine Auftrittsmöglichkeit zu bieten. Was das Papiermachermuseum darüber hinaus so wichtig – auch für die KUPF – macht, ist die regionale Verankerung. Der Verein gehört fix in die Region, die handelnden Personen arbeiten in diesem Wissen, ohne aber durch Scheuklappen eingeengt zu sein und holen internationale Kunst nach Steyrermühl. Es ist alles da, was das KUPFherz begehrt. Und wie uns wikipedia verrät, stammt sogar der ehemalige Bundespräsident Kirchschläger aus dem Ort. www.musentempel-linz.at

HOSI Linz goes culture Politik und Kultur passen gut zusammen. Besonders wenn erstere Veränderungsanspruch erhebt. Innerhalb der etablierten Parteien, Gewerkschaften und anderen Organisationen findet sich der schon lange nicht mehr. Überhaupt ist Veränderung für die Durchschnittsösterreicherin eher etwas Befremdliches oder gar Unanständiges. Die Homosexuelle Initiative Linz (HOSI Linz) hat in ihrer Geschichte schon viel erreicht. Je erfolgreicher eine Bewegung wird, desto größer ist aber auch die Gefahr, zu einem Teil des veränderungsmüden Systems zu werden. Kunst und Kultur können da helfen. Schon alleine aus diesem Grund freuen wir uns, die HOSI Linz in unserer Mitte begrüßen zu dürfen. Doch warum gleich der KUPF beitreten? Eigentlich wird die HOSI Linz in erster Linie als gut funktionierende Interessensvertretung wahrgenommen. Eine Lobbyorganisation, die sich für die immer noch “ausbaufähigen” Rechte homosexueller Menschen einsetzt. Mit der Übersiedlung aus der engen Schubertstraße in das extra errichtetet Haus in der Kaisergasse haben sich aber neue Möglichkeiten aufgetan. Neben dem Café Julius verfügt der Verein nun über einen modernen Veranstaltungssaal. Und der will natürlich genutzt werden. Kabarett, Feste, Konzerte, Ausstellungen und Literaturlesungen – die ganze Bandbreite kulturellen Schaffens soll im neuen HOSI-Zentrum Platz finden. Das Haus ist offen, der Saal steht somit allen zur Verfügung, die ihn für Kulturveranstaltungen brauchen. Die Freie Szene genießt dort durchaus einen guten Ruf: “Da entsteht in permanenter Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Zuständen laufend Neues, das die gesellschaftlichen und politischen Umstände reflektiert und sichtbar macht.” Herzlich willkommen, und ich denke, wir dürfen gespannt sein! www.hosilinz.at

Tick, Trick und Track Tick (Haslinger), Trick (Pilsl) und Track (Diabl) sind treue Vasallen der KUPFredaktion.

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Die bewachte Stadt

Klemens Pilsl im Gespräch mit Michael Schmida*, einem Initiator der Bürgerinneninitiative gegen die Linzer Stadtwache.

 

 

»Wer hätte gedacht, dass die Sozialdemokraten so umfallen?« Im Herbst 2009 beschließen in Linz SPÖ, ÖVP und FPÖ, zusätzlich zur Polizei eine sogenannte Stadtwache einzuführen. Dieses Vorhaben sorgte für einigen Widerstand, der vor allem in einer Initiative namens »Linz braucht keine Stadtwache« kulminierte. Und im Vorhaben, ein in der Linzer Stadtordnung verstecktes Mittel der direkten Demokratie, die »Bürgerinneninitiative«, gegen die Stadtwache zu versuchen. Dieses Vorhaben scheiterte letztendlich an mangelnder Beteiligung, produzierte aber einiges an Wirbel, durchaus auch Hoffnung und vor allem jede Menge Erfahrungen. Ausschnitt eines Gesprächs mit Michael Schmida, einem der Initiatoren der Bürgerinneninitiative.

KUPF: Eure Initiative hat sich ja für eine besonderes Instrument des Widerstandes gegen die Einführung der Stadtwache entschieden, nämlich eine Art Volksbegehren auf kommunaler Ebene. Ich als Linzer wusste gar nicht, dass es diese Möglichkeit in meiner Stadt gibt

Michael Schmida: Es gibt auf kommunaler Ebene zwei Instrumente der direkten Demokratie. Zum einen die Volksbefragung, die nur vom Stadtparlament ausgehend initiiert werden darf, zum anderen eben Bürgerinneninitiativen. Formalbürokratisch braucht man 800 Unterschriften wahlberechtigter Linzerinnen, um als Bürgerinneninitiative anerkannt zu werden, diese Unterschriften kann man auch auf der Straße einfach so sammeln. Wenn diese Hürde genommen ist, müssen innerhalb eines Monats 3000 Unterschriften persönlich am Magistrat oder den Bürgerinnenservicestellen geleistet werden. Ist das geschafft, muss der Gemeinderat den Antrag der Initiative behandeln. Das heißt natürlich nicht, dass der Antrag angenommen ist bzw. die kritisierten Beschlüsse zurückgenommen werden, sondern lediglich, dass der Gemeinderat sich erneut damit auseinandersetzen muss. Der persönliche Gang zum Magistrat ist natürlich eine große Hürde, die wir kritisieren. Es sollte eigentlich reichen, wenn man die notwendigen 3000 oder auch 4000 Unterschriften auf der Straße sammelt. Das ist auch eine Forderung, die sich jetzt aus unseren Erfahrungen ergibt.

KUPF: Ihr habt ja problemlos die Hürde zur Anerkennung als Bürgerinneninitiative geschafft, nicht aber die zur Behandlung im Geimeinderat. Wie knapp war es denn?

M.S.: Es waren 1816 Unterschriften. Wir haben das eine Ziel, 3000 Unterschriften zu sammeln, eindeutig nicht erreicht. Wir haben uns aber auch keinen Illusionen hingegeben, dass bei 3000 Unterschriften die SPÖ noch einmal umfallen würde und plötzlich wieder gegen eine Stadtwache ist. Aber es wäre natürlich ein schönes Zeichen gewesen, diese Zahl zu schaffen. Es gibt mehrere Gründe für diesen Ausgang. Zum einen etwa, dass der Linzer Gemeinderat noch während der Phase des Unterschriftensammelns die Stadtwache fixiert und abgesegnet hat. Es wurde uns dann auch von Passantinnen gesagt, dass es ja jetzt eh nichts mehr bringen würde. Kleine Anekdote: eine Parkplatzwächterin erzählte mir, dass sie unterschreiben wollte, weil sie aufgrund der eigenen Erfahrungen um die schlechte Ausbildung solcher Stadtwächterinnen wisse. Aber zufällig hat sie den Bürgermeister getroffen und diesen um seine Meinung gebeten. Das bringe doch nichts mehr, meinte dieser, die Stadtwache sei ja nun schon beschlossen. Zum anderen ist es nicht gelungen, die Breite und die positive Dynamik aus der Gründungsphase in den weiteren Verlauf der Bürgerinneninitiative zu verlängern. Ich würde die kritische Szene und den politisierten Teil der Linzer Bevölkerung größer einschätzen, als es diese 1800 Unterschriften nahe legen. Es ist aber nicht gelungen, dieses Potential umzusetzen. Es ist nicht gelungen, in der Szene ein Gefühl für die Wichtigkeit dieses einen Themas, abseits der eigenen Arbeit, zu entwickeln. Auch in jener Kulturszene, die einen politischen Anspruch artikuliert. Das blieb hinter unseren Erwartungen. Ein Projekt wie die Bürgerinneninitiative benötigt immer auch Prominente, Testimonials. Nicht zuletzt für die Medien, aber auch als Multiplikatorinnen. Das ist uns anfangs auch gelungen, wir bekamen Unterstützung von Gerhard Haderer, Günther Trübswasser oder Rainer Zendron. Es ist uns aber nicht gelungen, das zu halten oder gar auszubauen: bekannte Personen des Stadtlebens, die öffentlich für die Bürgerinneninitiative stehen.

KUPF: Wenn du ansprichst, dass Teile einer politisierten Kulturszene nicht längerfristig mobilisierbar waren, spricht das natürlich nicht für diese Szene. Kann es nicht auch sein, dass es eine gewisse Skepsis gegen dieses neue Instrument der Bürgerinneninitiative gegeben hat? Immerhin klinkt man sich dabei persönlich wie namentlich in einen institutionalisierten Prozess ein, der kaum mit den sonst gewohnten, sehr unverbindlichen Widerstandsartikulationen vergleichbar ist.

M.S.: Das kann wirklich sein. Dennoch glaube ich, dass der Großteil dieses Spektrums unterschrieben hat, aber nicht darüber hinausgegangen ist.

KUPF: Auch wenn die notwendigen Unterschriften nicht erreicht wurden – ihr habt in den letzten Wochen viele Erfahrungen mit diesem Instrument der direkten Demokratie gemacht. Überwiegt die Frustration oder die Freude über das Erreichte?

M.S.: Sehr wohl die Freude. Es gibt ja diesen sehr klassischen, sogar traditionellen Spruch: Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren. Und es ergeben sich ja nun sehr positive Erfahrungen und Erkenntnisse aus dieser Arbeit. Etwa resultierend aus der Breite des Bündnisses, das diesmal nicht nur mit Menschen aus politischen Parteien besetzt war, sondern auch etwa mit solchen aus der Freien Szene. Zumal ja das Thema Stadtwache noch nicht gegessen ist. Sobald diese installiert ist, wird es weitere Aktivitäten dagegen geben. Wir haben dahingehend Aufbauarbeit geleistet, die lässt sich nutzen. Auch unsere Erfahrungen mit dem Mittel der Bürgerinneninitiative: wie schafft man es, dass sich Bürgerinnen in ihre Stadt einmischen? Es liegt ja einiges im Argen, wenn ein Vorhaben wie die Stadtwache auf einen derart fruchtbaren Boden fällt. Diese Mentalität, dass man Konflikte nicht selbst lösen möchte, sondern etwa an eine Stadtwache delegiert. Das Sich-Selbst- Einbringen ist sehr unterentwickelt in dieser Stadt.

KUPF:: Wenn du von Aufbauarbeit sprichst – kannst du dann eine Vorausschau auf weitere Widerstände gegen die Stadtwache geben?

M.S.: Es gibt Überlegungen, im Herbst etwa ein Symposium zu veranstalten. Es weiter mit der direkten Demokratie und Bürgerinnenbeteiligung zu versuchen. Abseits davon gibt’s auch anderes: unter den Preisträgerinnen des heurigen KUPFInnovationstopfes finden sich mehrere Projekte, die sich mit der Thematik sehr kritisch auseinandersetzen. Wir werden auch selbst als Initiative weiter aktiv bleiben, wir haben ja jetzt die Strukturen und die Personen dazu. Im September, wenn die Stadtwache loslegt, wird´s schon wieder was geben. Aber jetzt haben wir erst mal eine Phase abgeschlossen, über den Sommer werden wir uns das dann überlegen.

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*Michael Schmida: von Beruf Lehrer, politisch u.a. in der Kommunistischen Partei (KPÖ) aktiv, unterhielt sich mit Klemens Pilsl weiters über linke Alternativen zu Grünen und Sozialdemokratie, Linzer Augen, deutsche Gewerkschaften und warum eine zukünftige parlamentarische Linke nicht im Gewande der KPÖ auftreten müsse. Nachzuhören im KUPF-Radio via http://cba.fro.at

Klemens Pilsl ist gescheiterter Raumfahrer, Musiker und Drachentöter.Muss sich derzeit als selbstständiger Kulturarbeiter durchschlagen.

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Friedliche Feuer

das Buch zum Jubiläum: »Peace And Fire. Fünfundzwanzig Jahre Alter Schl8hof« hat Klemens Pilsl für Sie gelesen.

 

Der Welser Schlachthof muss schon 1985 alt gewesen sein, als er unter dem Namen »Alter Schl8hof« irgendwie zum soziokulturellen Hotspot der Gegend geworden ist. 25 Jahre später ist er also schon mindestens ein »Sehr Alter Schlachthof«, hat sich aber zweifelsohne einen gewissen juvenilen Charme bewahrt. Soeben erschienen – das Buch zum Jubiläum: »Peace And Fire. Fünfundzwanzig Jahre Alter Schl8hof«.

Ich weiß nicht, warum wir Kulturfuzzis so auf Jubiläumsschriften stehen. Gießen sie doch eigentlich die Institutionalisierung, die uns das Alter so bringt, noch einmal extra in Beton und laufen immer Gefahr, sich dem Nostalgischen hinzugeben. Ich stehe jedenfalls drauf, und irgendwann wird’s auch ein KAPU-Buch geben (ich arbeite seit Jahren daran und hoffe, dass die nächste Dekade den Durchbruch bringen möge).

Der Welser Schl8hof ist sich der Gefahren wohl bewusst und hat zu seinem Jubiläum die altbekannte Mischung aus klassen Fotos, Selbstdarstellungen und Fremdansichten inklusive Grußbotschaften veröffentlicht. Und das auf hohem Niveau! Wasserbauer´sche Anekdoten, Wassermair´sche Nostalgika und waschaechte Hintergrundinfos. Eingebettet in ein bisschen historische Sozialforschung von Robert Foltin und anderen. Lediglich das Abbild des »geschäftsführenden Vorstandes seit 2009« ist irgendwie spooky – zwischen all den anderen Bildern von jugendkulturellen Aktivistinnen, schwitzenden Gitarrenmenschen und ekstatischen Performern wirken die Herrschaft en zumindest überraschend. Wobei die fotogene Wandlung des derzeitigen KUPF-Geschäftsführers und ewigen waschaecht-Aktivisten Stefan Haslinger beträchtlich ist – ich hätte mir da eigentlich eine eigene Fotostrecke gewünscht.

So what: geiles Buch, die Latte für´s zukünftige KAPU-Pamphlet liegt also schon wieder etwas höher. Als besondere Empfehlung für dieses unbedingt querzulesende Druckwerk: das Interview mit Hasi, Wawo und Neulinger, die geopolitische Verortung von Huckey und die Fotos von Jazz Gitti, Distelmeyer sowie der »Proberaumlegende« Surrender.

»Peace And Fire. Fünfundzwanzig Jahre Alter Schl8hof« 176 Seiten und um € 25,- im gut sortierten Fachhandel wie z.B.: Buchhandlung Alex (www.deralex.at), wahn&sinn (www.wahn-und-sinn.at), Schl8chthof Wels (www.schl8hof.wels.at) und im Infoladen Wels(www.infoladen-wels.at), erhältlich.

 

Klemens Pilsl ist gescheiterter Raumfahrer, Musiker und Drachentöter. Muss sich derzeit als selbstständiger Kulturarbeiter durchschlagen.

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Ein stetiges Wachsen

Tick, Trick und Track begrüßen die 8 neuen Mitgliedsvereine der KUPF.

 

Die KUPF etwa als angreifendes Bakterium oder gar als ansteckenden Körperwurm abzutun, das klingt erstmal nicht schön. Aber als Bild nicht ganz unpassend: unter einer Infektion, umgangssprachlich „Ansteckung”, versteht Wikipedia das aktive oder passive Eindringen, Anhaften und Vermehren von Erregern in einen Makro-Organismus. Symptome können vielfältig sein, vom kleinen Juckreiz über die schwelende Eiterbeule bis (im besten oder schlimmsten Fall, je nach Perspektive) zur komplette Übernahme oder gar Mutation des Makroorganismus. Wenn eine Infektion keine Symptome zeigen sollte, spräche man von einer inapparenten Infektion. Damit das im Falle der KUPF nicht eintritt, sorgt sie in ihrem natürlichen Jahreszyklus für beständige Zufuhr frischer DNA in ihre eigenen Reihen, um sich mit neuen kulturellen Techniken und Verbindungen dem dunklen Imperium zu stellen. Hier eine Kurzvorstellung der neuen Mitgliedsinitiativen.

Palette Kunstforum OÖ Lehen 20 4615 Holzhausen www.palette-ooe.at

Holzhausen, werden Sie jetzt sagen, genau! Holzhausen, da ist doch …! Nein, sie liegen falsch. Holzhausen liegt auf 329m Seehöhe und zählt ca. 720 Einwohnerinnen. Holzhausen ist in der Nähe von Marchtrenk. Für diejenigen, die im oberösterreichischen Sachkundeunterricht nicht geschlafen haben, dürfte nun zumindest die geographische Lage klar sein, allen anderen kann Holzhausen zum Begriff werden. Denn die KUPF kann die Palette Kunstforum OÖ als neues Mitglied begrüßen. Zweiter Stolperstein (nach Holzhausen) gefällig? bitte sehr: Was tut ein „Kunstforum” in der KUPF? Die KUPF ist doch für Kulturarbeit zuständig. Es ist schon richtig, dass die Palette stark auf Künstlerinnen fokussiert, wobei hier das Spektrum der Sparten sehr breit ist. Richtig und wichtig ist aber auch, dass die Palette eine Plattform bietet, ein Netzwerk schafft in einer Gegend, die kulturarbeiterisch weitgehend unbeleckt erscheint. Palette ist das, was wir im KUPFjargon eine kulturellen Nahversorgerin nennen. Für die KUPF wird einmal mehr ein blinder Fleck auf der Landkarte sehend und die Vielfalt des Netzwerks größer!

Kitzmantelfabrik Vorchdorf Laudachweg 15 4655 Vorchdorf www.kitzmantelfabrik.at

Gleich vorweg! Wir sprechen von der Kitzmantelfabrik. Nicht Kitzi oder Fabrik oder die Kitzmantel. Die Betreiberinnen haben schon bei der Eröffnung größten Wert darauf gelegt, als Kitzmantelfabrik tituliert zu werden. (Dass LH Pühringer dann trotzdem das Kulturzentrum Kitzmantel eröffnete, soll hier nur am Rande erwähnt werden). Sie können jetzt fragen, ob es denn notwendig ist, dass ein Ort mit ca. 7.400 Einwohnerinnen ein eigenes Kulturzentrum braucht. Die KUPF sagt ja. Nicht zuletzt deshalb, weil an der Entstehung zwei Mitgliedsvereine der KUPF (Guten Morgen Vorchdorf, Dezibel) maßgeblich beteiligt waren. Die Kitzmantelfabrik bietet sowohl Infrastruktur für ortsansässige Vereine, veranstaltet auch selbst und schafft darüber hinaus etwas, was vielleicht seltsam anmutet, in diesem Fall aber konkret und notwendig ist. Die Rede ist davon, dass sich der Vorstand nicht nur aus dem Feld der initiativen Kulturarbeit rekrutiert, sondern auch Vertreterinnen von Traditionskulturvereinen Sitz und Stimme haben. Aber der Umstand, dass diese Personen gemeinsam mit freien Kulturarbeiterinnen an der Schaffung eines innovativen Zentrums in Vorchdorf arbeiten und eine gegenseitige Befruchtung forciert wird, stellt im KUPFuniversum etwas Neues und Spannendes dar!

Charismart Untervisnitz 7 4210 Wartberg www.freistadt.at/fantastika

Und jetzt Straßenkunst. Wahrlich, die KUPF hat nun einen Verein als Mitglied, der das Hauptaugenmerk Hauptaugenmerk seiner Arbeit auf das Feld der Straßenkunst legt. Nur um keine Verwechslungen aufkommen zu lassen (an alle, die schon mal ihre wikipedia angeworfen haben): Wir sprechen nicht von Graffiti oder ähnlichem, nein, wir sprechen von Gauklerinnen, Jongleurinnen, Straßenmusikantinnen usw. CharismART veranstaltet in Freistadt ein Festival der Straßenkunst, die Fantastika. Dabei geht es nicht um die regionale Ausgabe des Linzer Pflasterspektakels, es geht darum, durch Kulturarbeit eine Stadt lebenswerter zu gestalten. Die Arbeit von CharismART kann also auch als ein direktes Eingreifen in vorhandene Strukturen verstanden werden. Ein Impetus freier Kulturarbeit, wie die KUPF sie definiert. Es ergeben sich zwar durchaus erwünschte Synergien mit dem Linzer Pendant, aber es passiert grundlegend unter anderen, eigenen, nicht verwalteten Bedingungen. Es macht nicht die Stadt, sondern ein Verein, der daran arbeitet, Ausdrucksformen zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum zu präsentieren.

Verein KulturquartierTabakwerke Lüfteneggerstraße 10/15 A-4020 Linz www.kuqua.at

Nach österreichischen Maßstäben sollte dieser Verein eigentlich nicht in die KUPF, sondern zur Ärztin gehen: er hat nämlich eine Vision! Konkret kämpft er für die Umsetzung kulturpolitischer Lippenbekenntnisse, will er doch die Linzer Räumlichkeiten der Tabakwerke Kulturschaffenden zur Verfügung stellen. Der Verein Kulturquartier Tabakwerke fordert die zumindest partielle Überlassung der Tschickbude zur Nutzung durch Kultur, möchte also Ateliers, Proberäume, Büros, Bühnen … schaffen. Gerne in Zusammenarbeit mit bestehenden Einrichtungen und Festivals, aber offensichtlich nicht zur Freude der lokalen Politprominenz. Das heißt, dass der Verein Kulturquartier Tabakwerke keine beliebige veranstaltende KI ist, sondern eine politische Task Force in the name of Kulturarbeit von unten. Und da brauchts natürlich nicht nur eine Ärztin, sondern auch die KUPF.

Elements of Style Waldeggestr. 97 4020 Linz www.elementsofstyle.at

Elements of Style ist ein Verein zur Förderung und Vermittlung der Hip Hop Kultur. Der Verein bezweckt einerseits, Jugendlichen und Interessierten die Hip Hop Kultur näher zu bringen, und andererseits auch die Infrastruktur der bereits bestehenden Szene zu fördern. Hip Hop wird medial mittlerweile beinahe ausnahmslos als hirnlose Gangstermusik mit frauenfeindlichen Texten und peinlichen Autos transportiert. Das liegt an den Medien, aber eben nicht nur. Dass es auch anders geht, versucht der junge Verein Elements of Style beweisen. Ziel ist es, eine Hip Hop Kultur vermitteln, die seit jeher durch die Vielfalt von Menschen unterschiedlichster Herkünfte und durch den künstlerischen und kulturellen Austausch, unabhängig von lästigen Details wie Hautfarbe oder Nationalität, geprägt ist. Hier ist angewandter Hip Hop quasi das Tool zur Entwicklung, Stärkung und Durchsetzung einer eigenständigen Persönlichkeit. Eine Möglichkeit, die eigene Kreativität zu leben. Nicht zuletzt deshalb ist dem Verein Elements of Style auch die Arbeit mit migrantischen Kindern und Jugendlichen und mit Mädchen ein großes Anliegen. Aktuell bietet der Verein Workshops zu Breakdance, Rap, Dj-ing und Graffiti an und organisiert die Veranstaltungsreihe Queen/King of Style Breakdance-Battle.

Junq.at Baumbachstr. 15 4020 Linz junq.at

Die Junqies mischen seit 2008 in der ohnehin so kargen Medienlandschaft unseres Landes mit, eine Plattform für jungen Journalismus, die neben dem Online-Magazin „Subtext.at” auch das Printmagazin „frischluft” herausgibt. Das Projekt soll jungen Menschen den Umgang mit Medien näherbringen, und das geht bekanntlich am besten, wenn man diese selbst schafft. Journalistisches Arbeiten bedeutet für junq.at „Anwältin der Leserinnen” zu sein, wir dürfen gespannt sein. Für kulturelle Erlebnisse abseits von Buchstaben und Bildern sorgt die dritte Schiene des Vereins. Die Veranstaltrungsreihe Qlash fördert junge Kunst und das abseits von kommerziellen Interessen und Konsumzwang. Vernetzung ist den Aktivistinnen besonders wichtig, darum auch der Beitritt zur KUPF, von der sie sich auch den einen oder anderen Tipp bei Förderansuchen erhoffen. Interessierte sind herzlich eingeladen mitzuarbeiten. Als KUPF-Blogger freue ich mich schon auf den digitalen Meinungsaustausch mit junq.at.

Jugendbewegung Mischwald Markt 9 4364 St. Thomas am Blasenstein www.mischwald.at

Was passiert, wenn ein kleiner Kreis musikbegeisteter Freundinnen auf eigene Faust Partys auf einem verlassenen Bauernhof im tiefsten Mühlviertel veranstaltet und es den Leuten gefällt? Genau – eines ergibt das andere, ein Verein wird gegründet und schon ist man in die KUPF-Familie aufgenommen. Die Aktivistinnen kommen nicht nur aus St. Thomas am Blasenstein, sondern auch aus Pierbach, Perg, Linz und Bad Zell, eine gemischte Truppe also, die wie der Mischwald in der Natur flexibel, bunt und jeder Monokultur überlegen ist. „Locker, unkompliziert, mit Hausverstand, am Boden bleibend, Qualität, bunt gemischt, für alles Gute offen, regional, erdig und ausgeflippt”, so das vielseitige Selbstverständnis des Vereins. Höhepunkte der Saison sind die Partys auf der Burgruine Ruttenstein und das schon traditionelle „aufgmischt´s” in St.Thomas am Blasenstein. Die Erlöse fließen in soziale Projekte im In- und Ausland. Feine Sache – herzlich willkommen in der KUPF!

m-Arts Pram 4 4770 Andorf www.m-arts.at

Andorf hat einiges zu bieten: „Erholung im romantischen Pramtal”, Radwanderwege, das Freilichtmuseum „Brunnbauerhof ” und die „Andorfer Knödelvariationen”. Was noch fehlt, ist zeitgenössische experimentelle Kunst, dachten sich drei Brüder, als sie zum ersten Mal den Biobauernhof ihrer Eltern adaptierten und zur Kreativzone erklärten. Das Programm reicht von Workshops, experimentellen und traditionellen Vorstellungen, Konzerten, Afterparties bis zu Kinderprogramm und einem Biofair-Fest, das biologische Produkte zu einem fairen Preis für die Bauern propagiert. All das passiert im Rahmen des Festivals „Heimspiel”, das vom 25. bis 27. Juli stattfindet. „Tanz, Musik und Performance, Yoga, Pilates, Tango und biologische Verköstigung werden in Raum und Zeit zueinander finden”, so die Intention der Veranstalterinnen. Wichtig ist den Aktivistinnen auch, den Austausch und Dialog zwischen Künstlerinnen und Publikum zu fördern, sogenannte Aftertalks nach den Vorstellungen sollen dazu Gelegenheit bieten.

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3 Fragen an den KUPF Vorstand

Stellten Klemens Pilsl und Eva Immervoll

 

1) Deine kulturtäterische Vorgeschichte? 2) Wieso tust du dir das an? 3) Wenn ich einmal gross bin, will ich …werden.

 

DAVID GUTTNER 1) Deine kulturtäterische Vorgeschichte? Eine Autofahrt. Eine lange Fahrt, von irgendwo nach Klagenfurt, in einem damals schon alten, roten Simca. Am Steuer meine Mutter. Ich, eingewickelt in einer Decke am Rücksitz liegend, lasse mich von der vorbeifahrenden Nacht aus dem Autofenster ziehen. Immer wieder schiebt sich der nicht ganz volle Mond zwischen die festgeklebten Wolken, und, wenn nicht, beleuchtet er die im ägyptischen Profil hingeklecksten Dunstfische aus sicherer Distanz. Meine Mutter lässt zum wiederholten Mal Astor Piazolla sein Bandoneon aus dem Autoradio ziehen und quetschen, und ich drehe meinen ersten Film. Besser mein erstes und nicht letztes Mind-Movie, zu richtigen Filmen hat es bislang nicht gereicht. Wie zu so vielem nicht. Zu vielem dann doch. Jedenfalls war mir damals, mit vielleicht fünf Jahren klar, dass ich so etwas machen wollte und müsste: Sitzen, liegen, stehen; beobachten, hören, still sein, versinken, verstehen oder noch besser: interpretieren! Und dann darüber berichten, davon erzählen, vielleicht auch die Geschichten ganz für mich behalten – je nach Situation. Und das versuche ich seitdem zu machen.

2) Wieso tust du dir das an? Eine Autofahrt. Eine lange Fahrt, die die KUPF großzügig vergütet.

3) Wenn ich gross bin, möchte ich… klein …werden.

 

RICHARD SCHACHINGER 1) Deine kulturtäterische Vorgeschichte? Nicht alle Wege führen nach Rom, weswegen ich zwischen Tierkörperverwertung, Raiffeisenbank und Gardeheim mein Schülerdasein in Regau fristete. Politisch interessiert, kulturell unwissend und mit einer gehörigen Portion Naivität ausgestattet, war dieser Ort die ideale Mauer, um sich den Kopf zu stoßen. Und wie aus dem Nichts fragte mich ein mir bis dahin unbekannter Kulturmensch, ob ich bei einer geplanten Freakshow namens „Stonerock”-Festival in der Schottergrube nebenan mitwirken möchte. Damit war der erste Schritt in die totale Abhängigkeit – von Kulturarbeit versteht sich – also gesetzt, mein Soziologiestudium bot zusätzliches, thematisches Unterfutter. Auch wenn aus dem Festival nichts wurde (Überraschung!), lernte ich die Splitter einer motivierten Szene im Bezirk kennen. Es folgte als Vernetzungsschub zwei Jahre später die erste Auflage des Bock Ma’s Benefizfestivals 2005 in Timelkam: Austausch, Spaß und inhaltliche Auseinandersetzung. All das unvergesslich und prägend. Darum hab ich von nun an die unterschiedlichsten Felder der freien Kultur- und Medienarbeit mitbeackert.

2) Wieso tust du dir das an? Zusatzfrage: Warum tu’ ich das den anderen an? 😉 Nun, Kulturarbeit ist Arbeit, ist aber auch Teamwork, Spaß und gesellschaftliches Umschanzen. Damit ergibt sich die Antwort (beinahe) von selbst.

3) Wenn ich groß bin, möchte ich weder Feuermann und schon gar nicht Politiker werden.

 

PAMELA NEUWIRTH 1) Deine kulturtäterische Vorgeschichte? Was die Täterschaft betrifft: ich habe nur selten etwas angestellt! Brav und bescheiden setzte und setze ich mich dem Schlachtfeld Kulturarbeit aus und sehe mich mittlerweile mehr als Schlachtfeldarchäologin.

2) Wieso tust du dir das an? Vermutlich habe ich eine masochistische Ader … viel Arbeit, weniger Geld; und anscheinend ist das ein Weg in die Zukunft. Aktuelle sozialwissenschaftliche Studien legen es nahe: Kulturarbeit zeigt bereits heute auf, wie die Arbeit von Morgen organisiert sein könnte. Es geht vielfach um die entscheidende Frage: Freiheit (Selbstermächtigung) oder Sicherheit (Nicht-prekär). Eine Wahl zwischen den beiden Bereichen fällt mir nicht sonderlich schwer, auch wenn man sich immer wieder im kulturpolitischen Dickicht verfilzen wird, weil man ja schauen muss, wo man bleibt.

3) Wenn ich einmal gross bin, will ich…alt …werden.

SABINE FUNK 1 )Deine kulturtäterische Vorgeschichte? Durch das damalige Defizite im spartenübergreifenden Austausch während meines Studiums an der Architektur in Linz wurde ich als Kulturreferentin der ÖH initiativ und gründete 1998, gemeinsam mit Astrid Hager, die Atelierplattform Labor 3. Um einen realen Austausch zu beleben, war die Notwendigkeit einer medialen Vernetzung über Internet (Newsletter Labor3) und die Kontaktsuche zu Künstlerinneninitiativen, freien Kunstproduzentinnen und größeren Kulturinitiativen logisch und in meiner weiteren Kulturarbeit immer eine Selbstverständlichkeit (2000- 2003: Co-Organisatorin des Raums für erweiterten Kunst- und Theorieaustausch transpublic). Neben meiner Tätigkeit als Ausstellungsgestalterin (Ars Electronica Festival OK 2000, Festival der Regionen 2001) und der kuratorischen Tätigkeit im Bezug zu architekturtheoretischen Themen (2000-2004: Vorstandsmitglied Architekturforum Oberösterreich) war auch ein durchgängig begleitendes Thema die Nutzung städtischer Brachen und die Belebung stillgelegter Räume (seit 2004: Mitinitiatorin der Architekturdiskursplattform zeroLab; 2004 – 2007 Mitglied des Stadtkulturbeirates Linz; seit 2005: Initiierung der Gruppierung „A.ORT.A. – Architektur. Ort. Analyse” gemeinsam mit Christoph Weidinger; seit 2006: Mitbegründerin des Beherbungsprojektes Pixel Hotel und Mitherausgeberin der Zeitung spotsZ).

2) Wieso tust du dir das an? Die Frage beantwortet sich aus eben meiner kulturtäterischen Geschichte, wie oben beschrieben. Die KUPF stellt ein Erfahrungsund Wissenspool zu Verfügung, in das ich auch gern meine kulturelle Erfahrungsgrütze hinein schmeißen, verdiskutieren und dann zum Gebrauch anbieten möchte.

3)Wenn ich gross bin, möchte ich… wieder klein …werden.

SABINE STULLER 1) Deine kulturtäterische Vorgeschichte? Kulturtäterin und Künstlerin zu werden war eigentlich nicht mein Plan. Geschichte, was ich unbedingt studieren wollte, war ein kombinationspflichtiges Fach, und da ich mich auch nicht zur Lehrerin berufen fühlte, nahm ich mangels besserer Ideen Kulturmanagement dazu. Daneben besuchte ich einen Lehrgang für Museums-, Ausstellungs- und Projektvermittlung an der Grazer Pädak. Dies und zahlreiche Nebenjobs bei Ausstellungen und Kunstinstitutionen in Graz weckten mein Verlangen nach mehr und so begann ich in Linz an der Kunstuniversität zu studieren. Seit 1998 war ich somit auf dem Weg, Künstlerin zu werden. 2002 schloss ich mich dem KünstlerInnenkollektiv a.s.a.p. und dem Institut für erweiterte Kunst (IFEK) an, wo ich viele Projekte und künstlerische Aktionen organisierte und realisierte und bald auch Vorstandsmitglied wurde. Seit 2006 bin ich Geschäftsführerin des vom Verein IFEK betriebenen Lokals „Grand Café zum Rothen Krebsen”. In den Vorstand der KUPF wurde ich erstmals 2007 gewählt und erfülle seitdem mit großer Motivation diese Tätigkeit.

2) Wieso tust du dir das an? Neben der Rolle als Plattform oö. KIs und deren Informations- und Servicestelle, bin ich davon überzeugt, dass die KUPF als ihre Vertretung eine gewichtige Rolle bei der Reglementierung von kulturpolitisch Verantwortlichen hat. Sie weist auf Missstände und Problematiken hin und bietet Lösungsvorschläge an. Aus diesen Gründen finde ich die Arbeit der KUPF nur unterstützenswert und stelle ihr daher meine Ressourcen zur Verfügung.

3)Wenn ich gross bin, möchte ich… Walforscherin …werden.

 

INGO LEINDECKER 1) Deine kulturtäterische Vorgeschichte? 1997 gebe ich eine monatliche Schülerzeitung heraus, für die ich Sponsoren suche. Keine Bank will mein schwarz-weiß-kopiertes Vorhaben finanzieren. Nach einem halben Jahr erfolgloser Suche lande ich bei der HOSI und beim Kanal Schwertberg, die mir jeweils ein paar Hunderter für ein Inserat in die Hand drücken, womit ich die erste Ausgabe meiner Zeitung mit dem geschwollenen Namen „Das letzte Wort” unter die Leute bringen kann. So schnell landet man in der freien Kulturszene. Von da an ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Projekt wie Radio FRO meine Aufmerksamkeit auf sich zieht und mir die volle Bandbreite der Kulturarbeit zeigt. Ich tobe mich zunächst als Radiomacher aus, dann als Techniker, Programmierer, Musikredakteur, Trainer, Projektmitarbeiter, -leiter, Vorstandsmitglied und schließlich als Co-Geschäftsführer. Dort bewege ich mich bis heute auf einem weiten Feld zwischen Kultur- und Communityarbeit, Kunst und Kulturpolitik – immer mit gesellschaftspolitischem Anspruch und in vollem Bewusstsein seiner eigenen Bedeutungslosigkeit.

2) Wieso tust du dir das an? Nach 11 Jahren Kultur- und Medienarbeit erlebe ich einen Generationswechsel in den Initiativen und damit einen gewissen Paradigmenwechsel mit, der auch neue Perspektiven bringt. Mich interessiert die Zukunft dieses Feldes besonders im Lichte sich verändernder (kultur)politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse. Die KUPF kann hier noch viele Entwicklungen und Projekte begleiten und unterstützen.

3) Wenn ich gross bin, möchte ich… einmal in Pension gehen.

BETTY WIMMER 1) Deine kulturtäterische Vorgeschichte? Meine ersten 6 Lebensjahre verbrachte ich in Andorf. Bereits dort bewies ich meine Willens- und Widerstandskraft beim Barfußlaufen über die Stoppelfelder. Wir zog dann nach Bad Ischl. In unserem Keller probten meine Brüder mit der Band Kurort und erste Versuche, ein autonomes Veranstaltungszentrum in Bad Ischl zu etablieren, wurden gestartet. Heraus kam der Verein Alkuv – der alternative Kulturverein – und ich kann mich gut an Konzerte von Attwenger im Kurhauskeller und Seven Sioux im Pfarrsaal erinnern. Leider scheiterte das Unterfangen letztendlich am fehlenden guten Willen der Gemeinde. Es folgten 4 Jahre Bildhauerei in Hallstatt, 3 Jahre in Wien und schlussendlich in Linz die Kunstuni, mit Studienaufenthalt in Berlin, wo ich weitgehend künstlerisch beschäftigt war. 2001 kam ich dann in die KAPU. Meine erste „Betriebsgruppe”, Kassa sitzen, Bands bekochen, Backstage putzen, Betten überziehen – Alltagsgeschäft im Leben eines Kulturvereins. 2003 wurde ich Teil des „Arbeitskreis gegen Sexismus in Kulturinitiativen” und von dem ging es direkt in die KUPF. Seit 2004 bin ich im Vorstand und seit 2007 auch im Vorstand der KUPFakademie, sowie Ländervertreterin bei der IG Kultur.

2) Wieso tust du dir das an? Ich arbeite gern mit anderen Menschen zusammen, mit denen mich ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Aufgabe verbindet. In diesem Fall ist das die Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen im Kulturbereich.

3) Wenn ich groß bin, möchte ich… nicht mehr nur werden sondern auch schon sein.

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Schmerzlich aber wahr.

Abschiedsworte an die KUPF Mitarbeiterin Birgit Pichler von Klemens Pilsl

 

Die Geschichte begann im Sommer 2005, als der alte KUPF-Haudegen Andreas Lieblbeschloss, seine langjährige Tätigkeit im KUPF-Büro lieber gegen eine langjährige Tätigkeit im RÖDA-Büro einzutauschen (oder nach Berlin zu fahren, siehe Seite 10). Schweren Herzens suchte die Kulturplattform nach Frischfleisch, um die Lücke zu schließen. Und die Tücken der Basisdemokratie machen so was schwer, so schwer! Dennoch: die vom mittelalten KUPF-Vorstand und -Büro als »junges Blut« eingeschätzte Birgit Pichler wurde auserkoren, das KUPF’sche Office-Trio zu komplettieren. Und jetzt, 4 Jahre später, verschwindet sie Richtung Süden. Die KUPF ist fassungslos. Damals war Andi Liebl, der seine Nachfolgerin in seinen Tätigkeitsbereich einarbeitete, vor allem von ihrer sonnengebräunten Griechenlandsurlaubshaut und dem strukturierten Arbeiten beeindruckt (sieh KUPF-Zeitung 113/2005: Chronologie einer Übergabe). Das mit dem Urlaubssonnenbrand tut hier nichts zur Sache, und dass Birgit eine exzellente Kulturarbeiterin ist, davon bitte ich jetzt alle Leser_innen einfach mal auszugehen – Birgit hat ihre Agenden zwischen Radio KUPF, Innovationstopf-Betreuung und Kommunikation zu den Mitgliedsinitiativen nicht nur souverän, sondern vor allem sehr charmant und liebevoll erledigt. Auch von Schwierigkeiten, fliegenden Hackeln und/oder verhängnisvollen Liebschaften innerhalb des KUPF-Zirkels ist nie etwas an meine klatschbegeisterten Ohren gedrungen. Und wenn sie jemanden wirklich einmal verärgert hat, dann bestimmt nur, weil der oder die das auch verdient hat. Zur obligaten Leistungsschau:

1. Radio Gaga

4 Jahre Radio KUPF (das bedeutet gezählte 170 und gefühlte 1000 Sendungen) sind echt kein Bemmerl! Die Radiosendung ist mit und an Birgit gewachsen und wird mittlerweile nicht mehr nur über’s FRO ausgestrahlt, sondern noch über drei weitere freie Radios in OÖ – die Netzstreams und Sendungsübernahmen sind da noch hinzu zu rechnen. Und wer schon öfter mal Radio gemacht hat weiß, dass nach 20, 30 Sendungen die Themen echt schon knapp werden.

2. Innovationszwänge

Birgit waltete im Rahmen ihres Jobs auch über den Innovationstopf, das Herzstück KUPF’scher Best-Practice-Politik. Über den IT zu walten ist nicht ohne – selten sind soviele Augen auf die Kulturplattform gerichtet wie zwischen Ausschreibung und Juryentscheid – alles Dinge, die Birgit mit Fingerspitzengefühl und vor allem Geduld zu Ehren der KUPF erledigte. Denn so eine Jury, so seriös das Wort auch klingt, ist letztendlich ja nichts anderes als ein frischer Wurf kleiner Hunde, die alles besser wissen. Und das Agressionspotential abgelehnter ProjekteinreicherInnen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

3. Erstkommunikationen

Die dritte Säule von Birgits Agenden ist die Mitgliederbetreuung. Kundenaquisition und -bindung, wie ich hinter vorgehaltener Hand flüstere. Vernetzung und gegenseitige Hilfe, wie mir Birgit versichert. Also Informationsaustausch (dieser mächtige KUPFNewsletter, monatlich in eurer Mailbox, ja, der riesige, genau der, den schreibt Birgit), Beratung und Socializing. Statuten einschätzen, Budgets prüfen, Ansuchen optimieren und Bier trinken. Alles Dinge, die Birgit nach vier Jahren KUPF aus dem FF kann, wie man in St.Georgen noch heute sagt.

Glasnost

Doch Birgit auf ihre 30 Stunden im Büro zu reduzieren geht gar nicht! Denn eigentlich ist Birgit im Laufe der Jahre ja so was wie eine personifizierte KUPF geworden, ein Universal-Soldier wie aus dem Organisationshandbuch: anzutreffen bei allen möglichen und unmöglichen Kulturveranstaltungen im ganzen Lande OÖ und sogar darüber hinaus, ebenso bei politischen Veranstaltungen zur Störung der herrschenden Unordnung. Vernetzt bis an die Zähne. Unter anderem als Vorstandsfrau bei den »Fiffies«, wie sie den Verein FIFTITU% – Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur in Oberösterreich gerne abkürzt. Zudem ist sie oft im Umkreis von Maiz, den autonomen MigrantInnen, anzutreffen, die sie gerne und lautstark unterstützt. Und trotz eines etwas übertriebenen Naturfimmels lebt sie mittlerweile im semi-urbanen Linz, wo sie mit Kolleg_innen und Freund_innen auch gerne noch ein Bier trinkt.

Dass sie jetzt nach vier Jahren die KUPF verlässt, hat nichts, aber auch gar nichts mit der KUPF zu tun, sagt sie mir am Telefon. Aber wenn man einfach mal eine Weile abhauen will, warum sollte man dann warten? Worauf? Sie plane ja keinen Ausstieg aus der Gesellschaft, sondern einfach eine Auszeit vom Alltäglichen. Das könne drei Monate dauern, vielleicht aber auch drei Jahre. Zum Beispiel in Spanien, aber nicht in Barcelona, dort wäre es zu hip. Zudem lockt die Akademie: ein Studium täte sie schon reizen, zum Beispiel Geschichte oder Politwissenschaften. Aber bis es soweit sein könnte, dauert es noch. Vielleicht drei Monate, vielleicht drei Jahre.

Alles Liebe!

 

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Radiohead

Auszug eines Chatgesprächs von Klemens Pilsl mit Birgit Pichler, zu den strukturellen Änderungen bei Radio KUPF.

Seit der Gründung des ersten Freien Radios (FRO) im Land ob der Enns ist die KUPF mit an Bord – als Gesellschafterin, als Wegbegleiterin, als Sendungsmacherin. Die Sendung Radio KUPF kann auf eine durchgehende Sendungstradition seit den Anfängen zurückschauen, darf sich somit als Grande Dame unter den freien Bildungssendungen fühlen und erobert trotzdem immer noch neue Horizonte. Zum Beispiel im Salzkammergut oder in Freistadt. Gegen Einrosten und Alterssteife helfen unter anderem die Gestaltung durch Radiohead Birgit Pichler, die jüngste Aktivistin im KUPF-Büro, und gelegentliche Wechsel der Strukturen.

Hier ein kurzer Auszug eines Chatgesprächs von Birgit mit Klemens Pilsl.

Klemens Pilsl: Das KUPF-Radio hat sich eine neue Struktur zugelegt – kannst du diese bitte kurz umreißen?

Birgit Pichler: Seit Oktober ist die wöchentliche Radiosendung der KUPF in fixe Rubriken unterteilt. Zum einen, um die Themen für die HörerInnen nachvollziehbarer zu machen, und auch um die eigene Planbarkeit zu erleichtern. Wie gehabt übernimmt Radio KUPF Anfang des Monats den Bewegungsmelder Kultur der IG Kultur Österreich. Weiters gibt es die Rubriken Kulturpolitisches – realpolitisch, praxisnah & handlungsorientiert, KUPF-Mitgliedsvereine im Portrait und »Über den Tellerrand«. Hier geht es vornehmlich um Impulse von anderswo, durchaus auch für die KUPF selbst.

KP: Radio KUPF ist ja – für die Verhältnisse freier Radios – eine »alte« Sendung, die auf Geschichte und Kontinuität verweisen kann. Erzähl’ doch bitte ein wenig über den Werdegang des Radios.

BP: Die KUPF war von Anfang an, gemeinsam mit der IG Kultur Österreich, dem Verband Freier Radios und Radio FRO 105.0 um die Zulassung von Freien Radios bemüht. Um die Relevanz und die Möglichkeiten dieses Mediums für die freie Kulturszene nach außen zu demonstrieren, wurde sie dann Gesellschafterin von Radio FRO und zur Produzentin einer eigenen Sendung. Mittlerweile ist die KUPF auch Gesellschafterin von Freies Radio Freistadt. Von Anfang an mitbetreut und -aufgebaut wurde Radio KUPF von Andi Liebl, meinem Vorgänger hier in der KUPF. Anfangs als Vorstandsmitglied und dann mit einer eigenen Anstellung für die Arbeit an und mit Radio KUPF. Seit Oktober 1998 sendet die KUPF regelmäßig auf Radio FRO, seit dem Jahr 2000 wird die Sendung auch im Freien Radio Salzkammergut und seit 2006 auch im Freien Radio Freistadt übernommen.

KP: Dann gehe ich recht in der Annahme, dass Radio KUPF eine der dienstältesten Sendungen des Landes im freien Äther ist?

BP: Ja, so habe ich das eigentlich noch nie gesehen. Wir hätten also heuer gemeinsam mit Radio FRO unser 10jähriges Jubiläum feiern sollen.

KP: Freies Radio wird ja manchmal generell verdächtigt, kaum gehört zu werden – empfindet die KUPF ihre Sendung als erfolgreich?

BP: Mit dem Erfolg ist das immer eine heikle Sache. Über die Quoten haben die Freien Radios ja keine Infos, hier ist aber die CBA, das cultural broadcasting archive, ein hilfreiches Instrument. In diesem Online-Archiv gibt es zu jedem Eintrag eine umfangreiche Statistik, wie oft wurde eine Sendung heruntergeladen, wie oft gestreamed. Da schneiden wir gar nicht so schlecht ab. Aber darum geht es in diesem Kontext auch nicht vordergründig. Unseren Auftrag mit Radio KUPF sehen wir darin, Themen aufs Tapet zu bringen, die anderswo keinen Platz finden, obwohl sie enorme Relevanz haben, z.B. kulturpolitisch. Wichtig ist uns auch, den Gedanken freier Medienarbeit in der KI-Landschaft tiefer zu verankern und auch Mitgliedsvereine stärker einzubinden.

KP: Das heißt aber auch ein wenig, dass die KUPF viele Ressourcen in ein Projekt investiert, von dem sie nicht weiß, ob und wie gut es ankommt. Kommen denn die kulturpolitisch relevanten Themen, von denen du sprichst, tatsächlich aufs Tapet, wenn sie über das Radio übertragen werden?

BP: Die KUPF führt ihre kulturpolitischen Diskussionen und Auseinandersetzungen ja nicht nur über die Radiosendung, sondern bedient sich auch anderer Kommunikationskanäle, z.B. der KUPFzeitung bzw. auch direkter Kontakte zu den jeweiligen Zielgruppen über Mailinglisten und kontinuierliche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Radio KUPF ist in diesem sich ergänzenden Medien- Konglomerat eine Säule und ein wichtiges medienpolitisches Statement.

KP: Apropos Medien-Konglomerat: Mitte November veranstaltete der Verein Matrix eine Konferenz zu »Freiem Fernsehen«. Wäre auch das vorstellbar: KUPF TV?

BP: KUPF TV! Auf alle Fälle eine Herausforderung und sicherlich interessant. Ressourcentechnisch im Moment vermutlich eher schwierig, das wäre dann halt eine Frage der Prioritätensetzung – ernsthaft in Betracht gezogen wurde das innerhalb der KUPF bisher aber noch nicht. Die Thematik »Freies Fernsehen« steht ja in Oberösterreich noch in den Startlöchern und verdankt seine Existenz hauptsächlich der Initiative Matrix. Wir haben das Projekt von Anfang an begleitet, bei der Konferenz wurde auch die medienpolitische Position der KUPF vorgestellt.

KP: Dann besten Dank fürs Gespräch!

BP: Schönen Abend!

Birgit Pichler, KUPF-Mitarbeiterin und Radiomacherin Klemens Pilsl, KAPUaner und gelegentlicher Radiohörer

Radio KUPF zum Nachhören: http://cba.fro.at/show.php?query=post

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Feuertaufe

Klemens Pilsl interviewt Stefan Haslinger und Andrea Mayer-Edoloeyi über die Akademie Kulturarbeit der KUPFakademie.

Die KUPF-Akademie hat ihre Feuertaufe bestanden: am 4.Juli dieses Jahres fand die Abschlussfeier der ersten AbsolventInnen der Akademie Kulturarbeit (ein einjähriger Lehrgang der KUPF-Akademie und der Kunstuniversität Linz) statt. Die KUPF Zeitung hat über die Entwicklung des Projektes ausgiebig berichtet, zum Abschluss hier noch ein Interview mit den MacherInnen der Akademie. Klemens Pilsl sprach mit Andrea Mayr- Edoloeyi und Stefan Haslinger über Erreichtes und Versäumtes sowie über die Zukunft des Projektes. Eine Langversion des Gesprächs (auch mit AbsolventInnen) ist auf der Homepage der KUPFakademie zu finden.

Klemens Pilsl: Andrea, du bist Projektleiterin bei der KUPF-Akademie. Kannst du die Intention der Akademie noch einmal zusammenfassen?

Andrea Mayr-Edoloeyi: Die Akademie Kulturarbeit ist ein Weiterbildungsprojekt. Grundidee ist, für AktivistInnen Weiterbildung anzubieten, die Theorie und Praxis sehr intensiv verbindet. Zielgruppe sind AktivistInnen, die in der initiativen Kulturarbeit tätig sind. Auf der Ebene der Theorie haben wir uns dieses Jahr klar auf Kulturtheorien konzentriert, stark gekoppelt an den gesellschaftlichen Hintergrund von initiativer Kulturarbeit; im praktischen Teil ging es um Skills, die man in der Kulturarbeit einfach braucht: Teamarbeit, Projektarbeit, Finanzierung. Inhaltlich haben wir uns dieses Mal ein Schwerpunktthema vorgenommen: Kulturarbeit in der Einwanderungsgesellschaft.

KP: Nachdem der erste Lehrgang nun abgeschlossen ist: habt ihr als VertreterInnen der Akademie das Gefühl, dass eure Zielsetzungen erreicht wurden?

Stefan Haslinger: Das kann ich jetzt noch nicht beantworten, weil das Erlernte und Erlebte erst relativ kurz abgeschlossen ist. Ich denke, es hat sehr viel mit Sickerwissen zu tun, mit Skills oder Inhalten, die man immer wieder brauchen kann. Ich glaube nicht, dass man „ich bin jetzt zertifizierter Kulturarbeiter „ sagen kann – weil es den nicht gibt. Es ist uns gelungen, dass bei den meisten Leuten eine Art Perspektivenverschiebung eingetreten ist. Dahingehend, die eigene Arbeit stärker zu reflektieren und Querverbindungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und der eigenen Kulturarbeit herzustellen.

KP: Gibt es seitens der KUPF einen Rahmen der Evaluierung, ein Instrument zur Messung des Erfolges?

Andrea Mayr-Edoloeyi: Wie es bei solchen Projekten dazugehört, gab es sowohl während als auch im Anschluss an den ersten Lehrgang eine Evaluierung, welche von Andre Zogholy von der Linzer Kunstuni geleitet wurde. Wir haben recht viele positive Rückmeldungen bekommen, sowie einige kritische Anmerkungen. Es schaut relativ gut aus, es wäre natürlich spannend, in einem oder zwei Jahren noch einmal nach zu fragen. Erst dann kann man sagen, was die in diese Ausbildung investierte Zeit wirklich gebracht hat.

KP: Arbeit in der freien Kultur wird nicht selten idealisiert, was oftft aus dem „do it yourself“-Verständnis vieler Szenen resultiert. Solche externen Weiterbildungen werden dann manchmal als unnötige Kulturmanager-Kacke interpretiert, die den ursprünglichen Motivationen für freie Kulturarbeit zuwider laufen würden.

Stefan Haslinger: Das war vielleicht auch ein Qualitätsmerkmal von der Akademie Kulturarbeit, dass wir nicht die klassische Weiterbildung, die man im heutigen Kulturbereich kennt, angeboten haben. Wir sagen nicht, dass der Kulturbereich das gesegnete Arbeitsfeld der Zukunft ist, das zu Reichtum verhilft. Es geht der Akademie Kulturarbeit nicht darum, einen Arbeitsmarkt zu bedienen. Es geht um Qualifizierung und neue Sichtweisen für in diesem Feld tätige Menschen.

KP: Ist die KUPF-Akademie die Antwort der freien Initiativen auf solche Kulturmanagementlehrgänge?

Stefan Haslinger: Ich weiß nicht, ob sie eine Antwort darauf ist. Für die KUPF-Akademie und die KUPF war es klar, dass wir nicht etwas reproduzieren, was wir ständig kritisieren.

Andrea Mayr-Edoloeyi: Es gibt einen wesentlichen Unterscheidungspunkt: uns liegt viel an reflexiv-theoretischer Tätigkeit im Rahmen der Weiterbildung. Soweit ich das beobachte, sind die klassischen Kulturmanagement- Ausbildungen sehr stark auf praktische Skills abgezielt und dann redet man halt noch einmal kurz über das Feld Kunst und Kultur, aber de facto geht es da wirklich nur um Umsetzen, praktisches Managen. Ich glaube, dass Kulturarbeit einfach noch einmal etwas anderes ist. Bei Kulturarbeit geht es immer um demokratische Gesellschaftsgestaltung. Wir fragen: unter welchen Rahmenbedingungen findet Kulturarbeit statt und wie kann ich das gesamtgesellschaftlich kontextualisieren?

KP: Noch ein Blick in die Zukunft: wird es einen neuen Lehrgang im Rahmen der KUPF-Akademie geben?

Andrea Mayr-Edoloeyi: Leider ist es nicht gebongt. Es ist unsererseits erwünscht und mit unserem Kooperationspartner, der Kunstuniversität Linz, sind wir uns einig, dass es sehr gescheit wäre, den Lehrgang biennal anzubieten. Die Grundfrage dabei ist weniger, ob wir wollen – denn wir wollen – sondern es hängt an der Frage der Finanzierung. Es macht für uns keinen Sinn, bei so einem Projekt 5000 Euro pro Nase zu verlangen. Wir brauchen einfach eine adäquate Förderung, um zu ähnlich guten Rahmenbedingungen wie beim jetzigen Pilotprojekt die Sache weiterhin anbieten zu können.

Stefan Haslinger: Für Optimismus ist es noch zu bald. Es gibt den grundsätzlichen Wunsch, es wieder zu machen. Optimistisch kann man nicht sein, weil es einfach noch keine realistische Kalkulationen oder Konzepte gibt, mit denen wir verhandeln oder in die Zukunft blicken können. Realpolitisch stellt sich jetzt natürlich auch eine Frage: welche Regierung werden wir bekommen?

Andrea Mayr-Edoloeyi: Mutter Oberin der KUPF-Akademie, KUPF-Vorständin

Stefan Haslinger: Referent bei der KUPF-Akademie, Geschäftsführung KUPF

Klemens Pilsl ist Redaktionsmitglied der KUPF-Zeitung

http://www.kupfakademie.at

Die Langfassung dieses Textes ist in der Publikation „akademie kulturarbeit dokumentation“ erschienen. Diese ist über die KUPFakademie (office@kupfakademie) erhätlich.

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Fluxgeneratorhandbuch

Geschichte schreiben nicht nur Sieger, sondern gelegentlich auch andere. Martin Wassermair und Konrad Becker versammeln für ihr Buch „Кampfzonen in Kunst und Medien – Texte zur Zukunft der Kulturpolitik“ 25 helle Köpfe und lassen diese die österreichischen Politiken der letzten Jahre und der Vergangenheit kritisch untersuchen. Wurde auch Zeit, findet Klemens Pilsl.

Das mit dem irrefürrenden Titel (von wegen Texte zur Zukunft der Kulturpolitik) ist blöd, aber keine Tragödie. Aber klarzustellen ist es: die meisten Texte sind in der nahen Vergangenheit oder Gegenwart verhaftet. Anyway, Кampfzonen in Kunst und Medien bildet einen Pool jener AutorInnen, die man mangels anderer Phrasen als kritische oder gar »radikale« (huch!) Intellektuelle dieser Tage und dieses Landes bezeichnen könnte. In der Regel WienerInnen, akademisch geschult und aktionistisch gebildet sowie kulturell erfahren (und nicht immer ganz von Eitelkeiten verschont, aber wer ist das schon).

Namedropping? Gerald Raunig, Marlene Streeruwitz, Isolde Charim, Monika Mokre, Martin Wassermair, … Das Augenmerk des Buches liegt zum einen auf einer ersten politischen und wissenschaftlichen Abrechnung mit der „Wenderegierung“ und ihrem Versagen in politischen, kulturellen und sozialen Belangen. Zum anderen aber auch auf gegenwärtiger Politik und Einblicken in die vergangene (Kreisky/Sinowatz) gegenwärtige (Schmied) Kulturpoltik der Roten. Sowie auf einem generellen Hinterfragen der herrschenden Praxis von Kultur-/Medienpolitiken von oben wie unten. Ansatzpunkte sind die verschiedensten „Кampfzonen“: Filmförderungen, Gedenk- und Mozartjahre, Museumspolitiken, Kunsthierarchien, Medien, Netzsubventionen,…

Die Advantgarde des Kapitalismus

Alles gut und schön, die wirklichen Highlights verstecken sich dann in den etwas sperrigen Texten – wenn Georg Schöllhammer die eigenen Zusammenhänge und Konstrukte untersucht wird’s wirklich spannend: „nonkonformistische Intellektuelle“ (Schöllhammer u.a. über die AutorInnen) und Kulturlinke als ProtagonistInnen des aktuellen Kapitalismus. Nicht trotz, sondern wegen ihrer subjektiven „Widerständigkeit“.

Und dass man als Linzer beim Lesen manchmal an die hiesige Kulturhauptstadt 2009 denken muss, ist hier als wohltuender Glücksfall zu sehen. Es herrscht da eine gewisse Schizophrenie: Man möchte gleichzeitig dabei und dagegen sein. Wieder sind beide Seiten in einem Dilemma: Kooperiert man mit den Großen, kann einem das beim eigenen Bezugsfeld den Vorwurf des Opportunismus bzw. des Sich-Vereinnehmen- Lassens eintragen. Ein Vorwurf, der paradoxerweise den großen und offenen Institutionen als genau ins Gegenteil gewendeter ebenfalls gemacht wird: Kooperieren diese nicht … sehen sie sich mit dem Vorwurf des Ausgrenzens der Peripherie konfrontiert. Kooperieren sie … heißt es automatisch und nicht unberechtigt, sie saugten das Innovative für das Zentrum auf und ab.“

In eine andere Kerbe schlägt Andreas Wahl; im Tonfall des prollenden Schrebergärtners tätschelt er einmal mehr zärtlich die Wange der Theoriefraktion und hilft uns allen, am Boden der Tatsachen zu bleiben: schließlich braucht Theorie im Idealfall auch ein wenig Praxis, und Herr Wahl als Frontgrenadier provinzieller Agitation ist hierfür genau der richtige. Und natürlich auch ganz besonders fein: Isolde Charim über die Emotionalisierung der Erinnerungen unserer Gesellschaft im Rahmen der diversen Gedenkjahre und warum das alles tatsächlich so Scheiße ist, wie es sich anfühlt. Gelungene Texte, durch und durch.

Meta-Lamento

Das eigentliche Selbstverständnis des Sammelbandes wird aber vor allem zwischen den Zeilen und im Klappentext kommuniziert: über mangelnde Wertschätzung und schwindenden Einfluss der »kritischen Intelligenz« in Österreich wird lamentiert; das Buch versteht sich als Versuch der „Sichtbarmachung“ dieser Intelligenzija. Doch gerade wenn es um langfristige Strategien (über eine Sichtbarmachung hinaus) geht, schweigt sich auch das Buch größtenteils aus. Die Distanzen zwischen Wasserkopf und AktivistInnen, globalem Anspruch und provinzieller Realität sowie gewollter Radikalität und praktizierter Lebenswelt bleiben ausgeklammert, Erklärungsmodelle für das durchaus diagnostizierte Versagen eigener Zusammenhänge bleiben zumeist nur angedeutet, wohl weil auch nicht intendiert von den MacherInnen. Schwieriges Terrain, aber das wäre doch was für den Fortsetzungsband, oder?

Zielgruppenbuch

Fazit: Für Interessierte recht famos zu lesen. Wer Malmoe, Grund- sowie Kulturrisse oder ähnliches gerne liest, wird hier zufrieden sein: der „Produktionsrahmen Вuch“ bietet doch andere Möglichkeiten für die TexterInnen, die man oft in den eben genannten Medien liest. Als Sammelband und Spiegelbild eines intellektuellen Segments der Kulturlinken ein wichtiges Buch, und im Sinne einer „Leistungsschau“ des Ganzen wohl auch endlich notwendig. Ich hoffe, dass Andreas Khol und Claudia Schmied es nicht nur in die Finger bekommen, sondern auch lesen. Was natürlich zu viel der Erwartung ist. Aber wenigstens der Morak?

 

Klemens Pilsl lebt und arbeitet in Linz

“Кampfzonen in Kunst und Medien – Texte zur Zukunft der Kulturpolitik“ Konrad Becker, Martin Wassermair (Hg.) Verlag Löker, ISBN: 978-3-85409-483-8 200 Seiten, 19,80 Euro

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Kulturpolitische Massezunahme

Tick, Trick und Track über die im Jänner 2009 neu aufgenommenen KUPF Mitgliedsinitiativen.

 

Schwarze Löcher sind für Laienastronomen diskursive Fetische: erzähl- und vorstellbar sind sie gegenständlich genug, um sich eine Meinung dazu zu bilden.

Wobei das klischeeierte Bild vom allesfressenden Schwarzen Loch auch in der populärwissenschaftlichen Rezeption ausgedient hat – immerhin sind die vermeintlichen Löcher ganz schön handfest, wirken auch erstaunlich konstruktiv auf ihre relative Umwelt und schleudern alle möglichen Dinge (wie z.B. Elektronen und so) durch die Gegend.

Was der Schmafu jetzt soll? Nun, die KUPF ist auch ein Schwarzes Loch. Natürlich eines von den guten: sie zieht freie Initiativen an und schleudert Content durchs Universum. Und sie verschlingt ihre Initiativen nicht – nein, im Gegenteil: die angezogenen Initiativen bilden den realen Ereignishorizont der kupf’schen Handhabe und Politik. Im Jänner 2009 war’s wieder so weit: 12 hier vorgestellte oberösterreichische Kulturinitiativen haben sich der KUPF angeschlossen und sorgen für sukzessive Gravitationszunahme. Und deshalb fühlt sich die KUPF schon länger nicht mehr als kulturpolitisches Gleichgewicht.

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Freies Radio B138 (Kirchdorf)

Seit 2007 hat auch Kirchdorf ein eigenes freies Radio, das wir heuer in der KUPF-Familie begrüßen dürfen. Initiiert von FRO, Freistadt und Salzkammergut im Rahmen des Festivals der Regionen verselbständigte sich das Projekt rasch und »angejunkte« KremstalerInnen machten im Anschluss ein Jahr Internetradio – sozusagen zum Aufwärmen. Seit Oktober 2008 sendet B-138 auf einer terrestrischen Frequenz. Der Schwerpunkt liegt bei der Ausbildung von Radiointeressierten, aus der inhaltlichen Vielfalt soll sich eine lebendige Diskussions- und Präsentationsplattform entwickeln. Die KUPF gratuliert zur komplikationslosen Geburt. http://radio-b138.at

Interstellar Records (Linz)

Schon wieder ein Musiklabel, das an die KUPF andockt. Die Interstellar-MacherInnen sind Vinyljunkies und LiebhaberInnen extremer Klänge, die auch in 100 Jahren noch nicht mainstreamtauglich sein werden. Seit Jahren veröffentlicht ihr kleines Liebhaber- Label immer wieder kleine Auflagen internationaler Bands, die sie auch gerne zu sich nach Linz holen und in den jeweils aktuellen Stätten des sonstigen Schaffens aufspielen lassen – zuletzt in der STWST, jetzt in der KAPU. Nicht ganz so nussschnapsgeeicht wie die Seelenverwandten vom KOMA, aber hochmotiviert und garantiert trendunabhängig. http://www.interstellarrecords.at

KIM –Kultur in Marchtrenk Marchtrenk ist für Oberösterreich das, was Linz für Österreich ist. Eine (kleine) Stadt zwischen zwei bekannteren, die im Rummel oft untergeht. Diesem Umstand entgegenzutreten tritt KIM an. Gegründet als Zusammenschluss des kreativen Potentials in Marchtrenk, hat sich der Verein längst zu einem etablierten, umtriebigen Veranstalter entwickelt, der – in engem Kontakt mit den lokalen Gegebenheiten und Strukturen – daran geht, zeitgenössische Kunst und Kultur in Marchtrenk zu einer Marke werden zu lassen. Das künstlerische Spektrum reicht vom jährlich stattfindenden KünstlerInnenfest, über das Weinlesefest bis zu Kabaretts und Konzerten. Und bald wird Marchtrenk als Traunviertler Kulturhauptstadt erkannt, gefeiert und gewürdigt werden. http://www.kunstklub-kim.com

KIPFAL – Kultur im Ipftal (Niederneukirchen)

Sucht man nach dem Ipftal auf Wikipedia, finden sich zwei Einträge, in denen das Wort vorkommt. Der eine ist Niederneukirchen, der andere Wilhelm Niederhuemer. Soviel einmal dazu. KIPFAL können durchaus als ein wenig anachronistisch angesehen werden. In Zeiten von Event-Hopping und größer, schneller, lauter agiert diese Gruppe in einer (relativ) beschaulichen Idylle, mit dem Anspruch, das zu veranstalten, was den Menschen gefällt, und was die Aktivisten des Vereins selbst beitragen können. Da werden Konzerte schon einmal im Rahmen eines Seniorennachmittags abgehalten, und selbstverfasste Gedichte und Texte im Rahmen einer AutorInnenlesung präsentiert. Was sagt KIPFAL sonst noch: »Die geschlechterparitätische Verteilung lokaler Führungs- und Machtpositionen ist den KIPFAL-Aktivisten ein wichtiges Anliegen.« http://kipfal.blogspot.com

KOMA – Kultur ohne momentane Ansiedelung (Ottensheim)

Aus den Trümmern des über die Dorfgrenzen hinaus bekannten/berüchtigten Kulturzentrums JO entwickelte sich KOMA. Die bunte Truppe vitaler wie freakiger OheimerInnen veranstaltet gerne und viel; Hauptaugenmerk liegt auf der perfekten Verbindung von inhaltlicher Qualität und fetter Party. Hauptanstoß für die Gründung war die Tatsache, dass es in Ottensheim keine geeigneten Veranstaltungsorte für Kulturinitiativen gibt, vor allem seit das JO geschlossen wurde. Bis KOMA eine eigene Veranstaltungslocation erkämpft hat (Ziel ist ein eigenes Schiff!), bietet der Verein an verschiedensten Orten in Ottensheim ein vielfältiges, meist musikalisches Kulturprogramm. Nussschnapsgeeicht. wodo@ottensheim.at

schloss Mühlgrub kultur Verein (Rohr)

Seit etwa drei Jahren werken Kulturinteressierte aus der Bad Haller Umgebung am Kulturverein Mühlgrub – aus der klassischen Motivation, die kulturelle Eintönigkeit in der Region aufzubrechen und das Veranstaltungsangebot deutlich zu verbreitern. Das Programm umfasst dementsprechend verschiedenste Kunstsparten und Aktivitäten – von Lesungen über Theater und Kabarett bis hin zu Konzerten. Beheimatet ist der Verein im »Schloss Mühlgrub«, das ein feines Ambiente für die verschiedensten Veranstaltungen vom Punkrockkonzert bis zum Oktoberfest bietet. http://www.kultur-schloss.at

Kulturforum Frankenmarkt Frankenmarkt liegt auf 536 m Höhe im Hausruckviertel. Die Ausdehnung beträgt von Nord nach Süd 5,8 km, von West nach Ost 5,2 km. Die Gesamtfläche beträgt 18,4 km². 31,5 % der Fläche sind bewaldet, 58,7% der Fläche sind landwirtschaftlich genutzt. Das alles ist aber egal, eingedenk der Tatsache, dass hier ein agiler Kulturverein daran geht, die BewohnerInnen von Frankenmarkt mit niveauvollen Programmen zu konfrontieren, und den interessierten Menschen jeder Alters-und Interessensgruppe das Erlebnis von aktivem Dabeisein zu vermitteln. Und um es mit den Worten des Kulturforums selbst zu sagen: »Kultur bedeutet: Auseinandersetzung – Kommunikation – Dialog – Austausch- Erfahrung – Diskussion – Nachdenken – Erlebnis – Genuss – Ästhetik – Kreativität…..« http://kulturforum.frankenmarkt.eu

Musik- und Kulturverein TITANIC (Bad Leonfelden)

Funk / Jazz / Psychedelic steht auf der »myspace« Seite von Titanic – und damit ist schon mal einiges gesagt – es geht um Musik. Und nicht um Lebkuchen, wie es aufmerksame SachunterrichtteilnehmerInnen bei Bad Leonfelden wohl vermuten würden. Rund 70 Mitglieder hat Titanic, ein Verein, der seit 1994 besteht, und der als einen Gründungsantrieb angibt, sich unabhängig von parteipolitischen Zugriffen zu machen. Aber nicht nur Musik gibt es bei Titanic, auch Kabarett und jugendkulturelle Feste finden ihren Platz im Haus am Ring. Besonderes Augenmerk wird im musikalischen Bereich auf »Newcomer« gelegt, um diesen Auftrittsmöglichkeiten zu geben, die sie auf den etablierten Bühnen (Ober-) Österreich nicht erhalten würden. http://www.kulturverein-titanic.net

romansuperstar (Schärding)

Das Ziel des Vereins ist es, im Raum Schärding ein alternatives Musikprogramm zu bieten und heimische MusikerInnen zu fördern. Romansuperstar organisiert vornehmlich elektronische Musikveranstaltungen, jährlicher Höhepunkt ist das Open Air, bei dem von Punk über Elektronik bis zu Heavy Metal verschiedenste Richtungen geboten werden. Punktuelle Kooperationen gibt es mit dem KUPFMitglied KUPRO Sauwald, das ebenfalls in Schärding aktiv ist. Besonders augenfällig: die kreative Auswahl der Veranstaltungsorte: Schlösser, Stadln, Volksschulen… http://www.romansuperstar.org

TKV- Treffpunkt Kulturverein Regau Regau hat viel zu bieten: eine der größten Bürgergarden, den Attersee um´s Eck und die berühmte Tierkörperverwertungsanlage. Was noch gefehlt hat, war eine dynamische und unabhängige Kulturinitiative. Diese Lücke füllt seit bald zwei Jahren der TKV Regau. Entstanden aus dem Bock Mas Festival-Netzwerk heraus, bauen die jungen AktivistInnen schön langsam und verträglich ein Publikum für Zeitkultur auf. Abgesehen von der klassischen Rolle des kulturellen Nahversorgers geht es dem Verein um die kritische und kreative Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. In Regau weht nun »der Wind der Veränderung«. http://treffpunktkulturverein.org

urban farm (Leonding)

Seit der Sprengung der Hochhäuser am Harter Plateau in Leonding war in dieser Gegend nicht mehr viel los. Urban Farm wird das ändern. Einen Raum in einem der letzten Vierkanthöfe bei Leonding nutzt urban farm, um von hier aus die künstlerischen / kulturellen Aktivitäten umzusetzen. Urban farm stellt eine künstlerische Plattform dar, deren Aufgabe es ist, Arbeiten und Ansichten unterschiedlicher Menschen, Ideen, Konzepte, Konfrontationen oder Irritationen zusammen zu führen und einander gegenüber zu stellen. Zentrales Thema dabei ist stets der beschleunigte Mensch im Umraum der Stadt, wobei urban farm sich besonders dem Gebiet der Vorstadt, der Peripherie, deren Regeln und Charakteristik widmen möchten. Ein zentrales Thema ist auch die Vernetzung mit anderen Menschen und Vereinen, die mit ähnlichen Themen und Anliegen arbeiten, Kontakte zu knüpfen, um so Projekte weiter voran zu treiben und in neue Richtungen arbeiten zu können. http://www.urbanfarm.at

Verein Kunst- und Kulturhaus Vöcklabruck Ein Haus für Vöcklabruck! Endlich! Endlich wieder »Häuserkämpfe«. Der Verein Kunst und Kulturhaus Vöcklabruck versteht sich als Plattform für zeitgenössische Kulturinitiativen und kulturinteressierte Einzelpersonen. Er verfolgt die Leitmotive eines offenen und demokratischen Zugangs und will das kreative und kulturelle Potential der Region bestmöglich fördern. Gemeinsames Ziel ist es, einen entsprechenden Rahmen für die Umsetzung und den Betrieb eines Präsentations- und Produktionszentrums für zeitgenössische Kunst und Kultur in Vöcklabruck zu schaffen. Mit der Einbindung unterschiedlichster Vereine und KulturaktivistInnen, die ein breites Spektrum der zeitgenössischen Kulturlandschaft repräsentieren, zeichnet sich hier bereits heute eine einmalige Entwicklung im Bereich der Vöcklabrucker Kulturszene ab. Durch die Vision eines gemeinsamen Kunst- und Kulturhauses in der ehemaligen Hatschekstiftung wurde eine positive Dynamik in Kraft gesetzt, die viele Menschen für das interessante Projekt begeistert und zur Mitarbeit bewegt hat. http://www.kulturhaus-vb.org

 

Tick (Pilsl), Trick (Haslinger) und Track (Diabl) sind treue Vasallen der KUPF und erledigen auch die unangenehmen Aufträge zur vollsten Zufriedenheit.

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Verbreiterung der Basis

Klemens Pilsl und Eva Immervoll präsentieren die Frischlinge unter den KUPF-Mitgliedern.

 

Über den Gegensatz oder Gleichschritt von Natur und Kultur haben SoziologInnen schon vor der Erfindung der Soziologie gestritten. Die Kulturplattform OÖ jedenfalls ist dem Leben in ihrem natürlichen Habitat treu verhaftet und unterwirft sich dem Laufe der Jahreszeiten.

Nach der brünftig-warmem Jahreszeit folgt im Winter, konkret zum Jahresbeginn, alljährlich die Ernte eben jener Früchte, die man den Aufrissen des Vorjahres verdankt – die KUPF vermehrt sich! Jedes Jahr werden im Jänner bei der Jahreshauptversammlung, der sogenannten, neue Vereine und Zusammenhänge nach strenger Prüfung durch das KUPF-Büro und nach demokratischer Legitimierung durch die KUPF-Initiativen als KUPF-Mitglieder willkommen geheißen. Assimilation? Nein: Zusammenwachsen! Klemens Pilsl und Eva Immervoll präsentieren die Frischlinge unter den KUPF-Mitgliedern.

JUZ Bauhof Pettenbach Pettenbach ist eines jener Nester in der oberösterreichischen Provinz, die den Hauch des Rebellischen in sich tragen. So wie Ottensheim (siehe auch Artikel Seite 12), Bad Ischl oder früher ganz besonders Schwertberg. Auf der subkulturellen Karte tauchte Pettenbach jedenfalls bereits in den 1990ern auf – erinnert sich eigentlich noch irgendwer an Jurassic Punk Records? Anyway – die Crew vom Bauhof Pettenbach sichert jedenfalls die subkulturelle und musikalische Nahversorgung in der Region und bringt Acts wie die Attwenger, Mono&Nikitaman oder Russkaja in eine Gemeinde, deren Homepage unter »Kultur« vor allem Hinweise auf Kirchenöffnungszeiten und Dorfwirtshäuser bringt. Die Initiative verfügt über eigene Location und vor allem über jede Menge Lust und Energie, um was zu machen, einfach nur machen. »Wenn wir unserem Publikum einen Teil unserer Lebensinhalte mitgeben können und der Bauhof Pettenbach für Qualität und Stimmung steht, dann sagen wir DANKE und freuen uns auf das nächste Pforten öffnen«, schreiben sie auf ihrer Homepage, und wir wünschen alles Gute dabei! http://www.pettenbach.net/juz/bauhof

con.trust con.trust kommen nicht aus Pettenbach, sondern aus Linz. Das macht es aber für das in der zukünftigen Kulturhauptstadt vor allem als Plattenladen (gleich neben dem KUPFBüro, übrigens) bekannte Projekt auch nicht einfacher. Hinter con.trust stehen in erster Linie Martin Klein und Lena, zwei ortsbekannte elektronische DJ´s, die in ihrem Laden neben entsprechender Mucke auch Kunst und Mode im weitesten Sinne anbieten. Oder anboten – weil von regelmäßigen Öffnungszeiten ist man weit entfernt, und was genau im con. trust-Headquarter abgeht, weiß man nie. Wie auch immer: als SoundbastlerInnen und VeranstalterInnen haben die beiden einen guten Namen (remember Kitch´n Kulture, baby!), Gigs in ganz Österreich und darüber hinaus stehen auf der Tagesordnung. Wohin es die beiden auch treiben mag, Beats sind immer an Bord und die KUPF im Zweifel zumindest in der Nähe. Show must go on! http://www.contrust-music.at

Dezibel Seit 2006 sind in der Gegend rund um Vorchdorf die Menschen von Dezibel aktiv. Der junge Kulturverein versteht sich als Plattform für alternative Jugendkultur und Nachwuchsförderung – und setzt sich mittlerweile bereits aus über zwanzig AktivistInnen zusammen. Dezibel veranstaltet unter anderem Konzerte (»Rock’n’Roll Highway Patrol«) und Ausstellungen, arbeitet aber auch medial mittels einer eigenen Radiosendung beim freien Radio Salzkammergut und vor allem über die Vereinshomepage, die neben der Präsentation der Tätigkeiten auch der Vernetzung dient. http://www.dezibel.cc

TCM Und wer glaubt, dass TCM die Abkürzung einer altchinesischen Medizinform ist, der irrt: TCM steht für »team for creative movements« und hat seinen Sitz in Kirchham/OÖ. Hauptziel ist die Förderung von Jugend- und Erwachsenenbildung. Konkret wird hier stark im Bereich der Theater- und Aufstellungsarbeit gearbeitet und hier geht’s auch um »… die Auseinandersetzung mit der intrapersonellen Selbstkultur hin zur kulturellen Außenwirkung.« Leute, schlagt das Lexikon auf und studiert die Fachbegriffe der Welt der Aufstellungen und der systemischen LebensberaterInnen. Mehr dazu unter: http://theasys.at/tcm

Kultas KULTAS besteht seit 2003 und hat seitdem 3 mal ein Musikfestival namens „Park fiction“ und vielerlei andere Veranstaltungen durchgeführt. Wie bei vielen anderen Vereinen geht es um kulturelle Bereicherung der Gemeinde. In diesem Fall Schwertberg und der Region Perg. Gegründet wurde die Initiative im Jahr 2002 von 6 Mitgiedern und hat sich auf 12 Personen ausgeweitet, die heute für den Inhalt des Programmes zuständig sind. So werden je nach Möglichkeit Kabarettabende und Workshops zu spezifischen Themen abgehalten. Weiters bemüht sich Kultas auch um partnerschaftliche Aktivität mit anderen Vereinen und Organisationen. So stand im Frühjahr 2007 das Fm5 Geburtstagsfest unter dem Zeichen presented by KULTAS. http://www.kultas.at

KaV „Kultur aus Vöcklamarkt“ kommt nicht nur auf der Homepage schick daher. In den wirklich edlen Räumlichkeiten des Schloss Walchen haben sich die KaV`s ein Vereinscafé eingerichtet, das sogenannte KaVè, ein Treffpunkt für die Mitglieder. Wie bei Kultas geht es um verstärktes Kulturangebot in der Region, aber auch um Kooperationen mit benachbarten Kulturinitiativen, z.B. Bockmas. Inhaltlich hält man sich offen, verweist aber auf Schwerpunkte der köstlichen Muke mit dem Zielpublikum Jugend. Keine Ahnung, ob man/frau da als über 30jährige noch reinkommt. Die Fotos auf der Homepage sehen wirklich nett und gemütlich aus – hinfahren, ansehen! http://www.kav.at.tt

Klemens Pilsl arbeitet in der Kapu/Linz. Eva Immervoll ist Teil der Geschäftsführung der KUPF – Kulturplattform OÖ.

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… über Sex kann man nur auf Englisch singen

Klemens Pilsl über eine der erfrischendsten Neuerscheinungen auf dem österreichischen Printsektor.

 

Schundblattl´n, die sich als Musikzeitschriften tarnen, gibt es zuhauf – leicht erkennbar am Hochglanz und dem fehlenden Journalismus zwischen den ganzseitigen Anzeigen von Rucksackfirmen, Bauernbanken oder schwindligen Plattenlabels.

Aber es gibt auch das genaue Gegenteil: anspruchsvolle Qualitätsberichterstattung, die sich als Musikzine gibt. Erkennbar vor allem am Niveau der Texte, dem flockigen Schwarz- Weiß-Layout und dem Fehlen von Werbung. Ihr wisst, ich spreche von gewissen Dingen… Das »Rokko´s Adventure« aus Wien, benannt nach dem Herausgeber und wichtigsten Redakteur (Rokko), hat soeben seine zweite Ausgabe auf den zugegeben kleinen Markt geworfen.

Intendiert als Egozine für Freakiges sowie Grausliches mitsamt entsprechendem musikalischem Rahmenprogramm (und immer wieder die Melvins, die alten Säcke) hat es sich schon beim zweiten Heftl zu dem entwickelt, was das erste andeutete: ein nerdiges Kunst- und Kulturmagazin mit einem gewissen, ähm, politischen Anspruch und Bedacht auf eine gewisse Seriosität. Man bleibt also von zine-immanenten Konzertberichten und mittelmäßigen Tonträger-Rezensionen verschont, erfährt aber das wirklich wichtige – so beinhaltet die aktuelle Ausgabe ein Interview mit John Duncan (ein leichenfickender Aktionskünstler), einen Schwerpunkt zu Body Art (»My Body is a Battlefield!« – von Valie Export bis zur artistischen Körperamputation) und – mein Lieblingstext – eine Historie der italienischen und russischen Futuristen. Wusstet ihr, dass die jungen Revolutionäre 1917 in Abgrenzung zur westlich-kapitalistischen Musikkunst unter anderem Konzerte für Fabrikssirenen schrieben, die tatsächlich aufgeführt wurden, indem ganz Moskau zum Konzertsaal des Proletariats erklärt wurde? Abzüge gibt’s nur für die beigepackte CD (ich verweigere prinzipiell das Anhören von in Zeitungen reingepickten Tonträgern, so eine Unsitte!), ansonsten ist das »Rokko´s Adventure« sicherlich die aktuell erfrischendste Neuerscheinung auf dem österreichischen Printsektor.

Erhältlich ist das gute Teil in einschlägigen Verschwörungsstätten eures Vertrauens (Internet, Stadtwerkstatt, KAPU,…). Auschecken!

www.myspace.com/rokkosadventures

 

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macht:demokratie

Zwei Begriffe mit enormem Reibungspotential bilden das Thema für den Innovationstopf 2008.

„Macht“ in seiner Zweideutigkeit als auffordernder Imperativ zur Aktion und/oder als gesellschaftspolitischer Reizbegriff, der überhaupt erst die Fähigkeit zur Aktion beschreibt und wo der Missbrauch derselben gleich mitzuschwingen scheint; „Demokratie“ als Götze und leere Proto-Phrase und/oder der Rettungsanker menschlichen Zusammenlebens.

Was sich die KUPF bloß dabei denkt?

Sie stellt sich zu aller erst mal jede Menge Fragen. »Macht« gilt in den Gesellschaftswissenschaften seit Max Weber als Chance, die eigene Ansicht oder den eigenen Willen durchzusetzen. Doch gerade die freien Initiativen mit ihren basisdemokratischen Roots haben »Macht« an sich immer schon argwöhnisch beäugt – »Keine Macht für niemand«, irrten die Scherben, und die Assoziation von Macht zu Herrschaft mag auch tatsächlich nahe liegend sein – schließlich sind gerade die Initiativen, die QuerdenkerInnen oder KünstlerInnen oft Opfer von Macht: von der Staatsmacht, der Macht der Medien oder der Macht des sogenannten Faktischen. Doch dabei übersehen wir oft zweierlei: erstens kann man Macht auch positiv definieren, sie als Gegenstück zur Ohnmacht und Machtlosigkeit begreifen oder gar sie mit Hannah Arendt als soziale Fähigkeit zu Zusammenschluss und einvernehmlicher Aktion verstehen. Und zweitens: sind nicht auch die Initiativen, so rebellisch, radikal oder progressiv sie sich auch verstehen mögen, machtimmanente Konstrukte? Beugt sich nicht oft das Kollektiv der ersessenen Macht der alten Hasen und großen Checker? Oder beugt sich nicht oft der aufmüpfige Visionär der Macht des Vorstands, des Kollektivs oder der Bilanzbuchhaltung? Wir sehen also: Macht ist allgegenwärtig, sie ist Teil jeder menschlichen Beziehung und per se weder gut noch böse (und schon gar nicht links oder rechts). Wir sollten uns ihrer nicht schämen, sondern ihre Rolle in unseren eigenen Zusammenhängen stets reflektieren und nach außen hin vor allem eins mit ihr tun: sie benutzen!

Demokratie ist ein nicht minder belasteter Begriff:

die alten Griechen haben sicher etwas anderes darunter verstanden als die Hippie-Kommunen oder George W. Bush. Demokratie gilt als Karotte vor der Nase für rebellierende Bevölkerungen und als Argument für Kriege und darf als eine der breitesten und dehnbarsten Begrifflichkeiten der Gegenwart bewertet werden. Und vor allem ist es das, in dem wir alle zu leben scheinen: »Schließlich leben wir ja in einer Demokratie« hört man von allen Seiten, und vom Kapitalismus redet keiner. Doch reicht es, alle paar Jahre ein Kreuzerl zu machen, um als DemokratIn durchzugehen? Oder könnte es nicht sein, dass man Demokratie auch radikaler, bunter und jenseits von Wahlgängen versteht? Könnte man nicht auch die radikale und unmittelbare Chance auf Selbstbestimmung und die Möglichkeit zur Selbstgestaltung unserer Umwelt als demokratische Grundvoraussetzung verstehen – mit aller Macht für alle? Oder, um solche Gedanken auch wirklich konsequent fertig zu denken, hatte der junge Habermas recht und unsere sogenannte Demokratie ist in Wirklichkeit nur ein raffiniertes Befriedungsinstrument, das der Verschleierung kapitalistischer Klassenwidersprüche dient? Und müssten wir dann, ausgestattet mit der postmodernen Fähigkeit zur Dekonstruktion unserer selbstgestifteten Mythen, eine vollkommen neue Begrifflichkeit anstatt der von allen Seiten und Epochen beschmutzen »Demokratie« für ein potentielles System des positiven Zusammenlebens freier und partizipierender Menschen erfinden? Oder, um die KUPF im Dorf zu belassen: kann man Demokratie tatsächlich einfach machen, wie es eine Interpretation des Innovationstopfthemas nahelegt?

Das ursprüngliche Selbstverständnis der ersten freien Initiative

schien die Mach(t)barkeit von Demokratie verinnerlicht zu haben (so zumindest die Legende): man sah sich zumindest manchmal tatsächlich als »frei«, man versuchte zumindest manchmal aufrichtig, Pluralismus in die Einöde zu bringen, die eigene Lebenswelt aktiv und bewusst (mit) zu gestalten und, vielleicht ab und an, sah man sich sogar heimlich als Speerspitze für kommende Rebellionen und Revolutionen, die den Alltagsmief aus unserem verkrusteteten System blasen würden. Ein Selbstverständnis, dass in den letzten Jahren zunehmend verloren ging – die Realität und die Zwänge unserer Existenz machen aus fast allen Bewegungen Institutionen, und statt rebellischem Irrlicht in der Region ist man schnell Kultur- und Kunst veranstaltender Dienstleister, abhängig von spärlichen Subventionen und der Selbstmotivation der eigenen Ehrenamtlichkeit. Oder ist es nur wie bei den Definitionsversuchen zum Machtbegriff – haben wir, positiv gesehen, nicht eh schon vieles erreicht? Und sind wir nicht immer noch das Salz in der kulturellen Suppe, das für guten Geschmack und gesellschaftlichen Wandel zumindest auch ein bissi mitverantwortlich ist? Haben nicht gerade die subversiven Ansätze unserer, sagen wir mal: Popkulturarbeit, den Mainstream nicht entscheidend beeinflusst und Dinge möglich gemacht, an die vor 50 Jahren nicht im Traum zu denken war?

Mehr Fragen als Antworten also,

und wie so oft entscheidet die Macht zur Definition von Begriffen, Verständnissen und Diskursen auch über deren Bewertung. Die KUPF lädt alle Initiativen ein, sich künstlerisch und kulturell mit sich selbst und/oder ihren Umwelten auseinander zu setzen, Macht zu suchen, zu nutzen, sie zu dekonstruieren und umzudeuten. Die KUPF lädt ein, Demokratie im eigenen Kreise wie im Makrokosmos skeptisch zu beäugen und sie zu vereinnahmen, sie zu leben und sie einfach zu machen. Die KUPF lädt ein, statt Vereinsmeierei und Dienstleistung ehrliche und aufrichtige Auseinandersetzung, kulturelle Partizipation und politische Kulturarbeit zu betreiben!

Die Diskurse sind eröffnet!

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KUPF Innovationstopf 2008

Alle Jahre wieder kommt im Dezember nicht nur der kommerzielle Weihnachtsterror, sondern als gutmenschliches Pendant dazu die Ausschreibung zum nächstjährigen KUPF Innovationstopf. Von Klemens Pilsl.

 

Zugegeben: momentan führt in puncto gesamtgesellschaftlicher Präsenz noch der Weihnachtsmann, aber früher oder später wird das Gute siegen. Als Ansatz dazu könnte man zum Beispiel das Thema für den Innovationstopf 2008 interpretieren, man muss aber nicht: »MACHT:DEMOKRATIE«. Ein, wie wir finden, sehr cleveres Thema, das genügend Ansätze für kreative Interventionen in der Gesellschaft bieten sollte und es im Idealfall den beteiligenden Initiativen möglich macht, spannende Kulturarbeit jenseits ihrer ganzjährigen Praxis zu entwickeln. Wie immer fordert die KUPF in der Ausschreibung dazu auf, bestimmte Erkenntnisse des zeitgenössischen Kulturdiskurses im Hinterkopf zu behalten: Geschlechtersensibilität, Grenzüberschreitung (thematisch wie geographisch), Partizipationsmöglichkeiten für partizipationsferne Menschen, regionale Bezugnahmen oder auch künstlerische Radikalität. Dass die Themenbezeichnung Macht:Demokratie komplex ist, ist kein Zufall – der nebenstehende Artikel mit eben diesem Titel soll helfen, das Thema zu verdauen und die Ideen zum Sprudeln zu bringen. Nur nachdenken muss man noch selber.

Innovationstopf? Denn, niemals vergessen: der KUPF Innovationstopf heißt deswegen so, weil er innovative Projekte umsetzen möchte, die aus der Gesamtheit der vielfältigen Leistungen der Initiativen herausstechen. Der KUPF Innovationstopf will jene Projekte ermöglichen, die aufgrund ihrer Ungewöhnlichkeit, ihrer Radikalität, ihrer Innovationskraft keine Chance auf Förderung durch Kulturbeamte haben. Der KUPF Innovationstopf möchte dazu anspornen, den Arsch zu bewegen, weil der Verstand folgt bekanntlich ohnehin. Weil der KUPF Innovationstopf mag vieles sein, aber eines ist er sicher nicht: Ersatz und Lückenbüsser für fehlende Programmund Strukturgelder oder gar ein Umverteilungsinstrument der KUPF, das besonders prekären Mitgliedsinitiativen aus der Patsche helfen soll – schließlich kann und will die KUPF nicht die Verantwortlichkeiten der politisch Verantwortlichen übernehmen, sondern sie will und muss als Dachverband und Gewerkschaft das über das Notwendige Hinausgehende einfordern und kann manchmal auch helfen, es zu ermöglichen.

Formale Lästigkeiten Wo gedroschen wird, braucht´s Richtlinien, da kann auch der Innovationstopf schlecht aus – aber als Erfolgsmodell bemüht er sich natürlich, die Moschee im Dorf zu belassen und die Einreichkriterien nachvollziehbar und überschaubar zu halten. Also: einreichen können Initiativen und EinzelkünstlerInnen im Kollektiv oder Verband mit Initiativen, solange sie das bis zum 10.März 2008 erledigen, weil da ist der Einsendeschluss. Die Einreichung soll höchstens (!) 10 Seiten umfassen und unbedingt eine Kurzfassung der Projektidee mit maximal 500 Zeichen enthalten, außerdem sollten sich die EinreicherInnen natürlich kurz selbst vorstellen. Und das ganze in alter k&k-Tradition bitte in 10-facher Ausfertigung, damit nicht irgendeinE unschuldigeR KUPF-AktivistIn den ganzen Nachmittag vorm Kopierer stehen muss. Wer sich unsicher ist, findet alle Auflagen detailliert im Netz oder in der kleinen, bunten Innovationstopfbroschüre. Don´t panic: ist alles halb so wild wie´s klingt.

Ablauf Der Innovationstopf wird finanziert vom Land OÖ, zur Zeit mit mindestens 75.000,- Euronen. Die KUPF bestimmt das Thema und die Art der Entscheidungsfindung. Weil aber die KUPF kein Kulturbeamter ist und auch sonst kraft ihres Amtes natürlich nicht entscheiden kann/will/darf, wer denn nun die besten Ideen eingereicht hat, gibt es eine unabhängige Jury, die die überzeugendsten Einreichungen prämiert – weder treuherzige Blicke noch existenzbedrohende Vereinskontostände können zur Beurteilung herangezogen werden. Um auch den letzten Verdacht einer parteiischen Auswahl abzuschmettern passiert die Jury-Sitzung öffentlich, alle JurorInnen müssen ihre Meinungen und ihr Stimmverhalten begründen. Die öffentliche Jurysitzung geschieht am 24. und 25. April 2008, im KunstRaum Goethestraße (Linz) und ist auch wegen des leckeren Buffets ganz außerordentlich zu empfehlen.

Klemens Pilsl arbeitet in der KAPU/Linz

Infos und Details: www.innovationstopf.at

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Kulturhauptstadtprogrammbuch

Klemens Pilsl über ein wirklich schönes Buch. Doch wo ist der Inhalt?

 

Im Oktober 2007 enthüllte die Intendanz endlich das erste Drittel des Programmes für die Europäische Kulturhauptstadt 2009 (zufällig Linz) in Form eines Buches. Und schön ist es geworden! Wirklich!

Das Buch ist circa dreissig Zentimeter hoch und etwas 18 Zentimeter breit. Wenn man es ungeöffnet liegen läßt (kein Problem), dann ist es einen guten Zentimeter dick. Es fühlt sich ganz erstaunlich glatt an, aber trotzdem ist es toll bunt, und der Einband ist eh keine echte Menschenhaut, sondern nur ein gegenderter Nachdruck ebendieser. Das Buch riecht sogar sehr lecker (das ist wichtig!), und wenn man die Nase tief reinsteckt wird man schon fast ein bissi rauschig, weil alles so fein nach Kulturhauptstadt riecht.

Das Buch hat viel Platz für großformatige Fotos von der Kulturhauptstadt, die in allen Farben unser Linz widerspiegeln. Machmal haben die LayouterInnen sogar die eine oder andere Doppelseite für abfallende Riesenfotos freischaufeln können, das ist schon was besonderes! Weil wann hat man schon Platz für so große, durchaus gelungene Fotos? Also ich schau mir die Bilder immer als erstes an in einem Buch. Und wenn man die Seiten durch die Finger blatteln läßt, dann spürt man richtig die hohe Qualität des Papiers, man spürt sogar die Schwere der Seiten und den Hochglanz. Also, damit das jetzt auch klar ist: das ist ein wirklich schönes Buch. Nur drin stehen tut leider nix.

Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas: „Programmbuch 1/3“, Eigenverlag Zu bestellen unter: www.linz09.at/info

Klemens Pilsl arbeitet in der KAPU/Linz.

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Es muss was geben

Über die Anfänge der alternativen Musikszene in Linz schrieb Andreas Kump. Klemens Pilsl hat es gerne gelesen.

 

Der Untertitel sagt´s eh schon: hier geht’s um die Linzer Szene der 1970er bis 90er Jahre.

Ein Buch über das alte Landgraf, die alte Stadtwerkstatt und die junge KAPU. Ein Buch über Hausbesetzungen, Willi Warmer, das E-Schmid, Piratenradio, Geschlechterverhältnisse, Checker, Alkies und Target Of Demand.Soviel zum Inhalt.

ABER: was das Buch über den dokumentarischen Charakter hinaus zu etwas wirklich ganz Besonderem, sehr Gelungenem macht, ist die Form, die den Inhalt quasi verifiziert: im Sinne strengster Oral History hat Andreas Kump (Shy, Silverserver) die ProtagonistInnen der Historie auch zu den ErzählerInnen der Historie gemacht – und es funktioniert!

Kurt Holzinger, Gabi Kepplinger, Andreas Ehrenberger, Fadi Dorninger, Huckey Renner und viele andere erzählen eine alternative Stadtgeschichte – Andreas Kump hat lediglich die Auswahl und das Arrangement übernommen und sich jenseits jedes Betroffenheitsjournalismus vollkommen aus dem Buch und der Geschichte genommen. Dass sich die Interviewten teilweise widersprechen, teilweise von ihrer Vergangenheit peinlich berührt sind, manches sichtlich verklären oder ob des Zusammenbruchs alter Träume verbittert wirken, erhöht die Authentizität des Gelesenen und ermöglicht es, zwischen den Zeilen sowas wie eine tatsächliche Wahrheit rauszufiltern.

Für viele gegenwärtige AktivistInnen der Freien Szene (inklusive mir) ist das Buch vermutlich eine Zeitreise in die Frühgeschichte der eigenen Lebensumstände. Als (aus Buchperspektive) Spätgeborene wissen wir tatsächlich vieles nicht: dass die STWST mal so radikal war, die KAPU so unbedacht, die Mollys so wild und Hardcore so jugendlich (das mit dem Posthof haben wir aber schon immer geahnt). Das Buch ist also fernab nostalgischer Klassentreffenstimmung ein Augenöffner im besten Sinn – Linz erscheint plötzlich in einem ein klein wenig anderem Licht.

Um Welten besser gemacht als »Beende deine Jugend«, lesbarer als »Und wir bewegen uns doch« und überhaupt ein richtig geiles Buch.

Klemens Pilsl arbeitet in der KAPU/Linz.

http://www.esmusswasgeben.at http://www.myspace.com/esmusswasgeben

Es muss was geben Die Anfänge der alternativen Musikszene in Linz Aufgezeichnet von Andreas Kump ISBN 978-3-85252-840-3 Bibliothek der Provinz, 450 S. ca. € 28,-

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Litfaßsäulenkämpfe

Herrscht in Oberösterreich ein versteckter Feldzug gegen die Plakat- und Flyerkultur der Alternativszenen? fragt Klemens Pilsl.

 

Flyer und Plakate sind das primäre Medium zur Ankündigung von Aktivitäten in den diversen Subkulturen und der Arbeit freier Initiativen. In Oberösterreich jedoch findet zur Zeit ein versteckter Feldzug gegen die Plakat- und Flyerkultur der Alternativszenen statt, angeführt vom kommerziellen Eifer ungustiöser Firmen und provinziellen KulturpolitikerInnen. Beispiele aus Linz und Steyr von Klemens Pilsl.

Seit jeher sind Plakate und Flyer typische Medien der hiesigen Alternativszenen, die trotz Internet und Ketten-SMS nichts an Aktualität verloren haben – im Gegenteil: Flyer- und Plakatkultur sind anerkannte (sprich museale) Sparten zeitgenössischen Kunstschaffens und nach wie vor sind bedruckte Zettel das A und O jeder Veranstaltung, egal ob Konzert, Festival, Lesung oder Vernissage. Mittels Plakaten und Flyern werden Ästhetiken erschaffen, Identitäten und Distinktionen konstruiert und kulturelle Ereignisse abseits von Kronefest oder Klangwolke dem jeweiligen interessierten Öffentlichkeitsssegment bekannt gegeben.

Linz: Plakate und Verbote „Es könnte alles so einfach sein … ist es aber nicht“ singen die Fantastischen 4 in ihrem aktuellen Album, und so geht’s auch den freien Initiativen und VeranstalterInnen zur Zeit mit ihren wichtigsten Medien. Seit einiger Zeit werden in Oberösterreich zunehmend ehemals öffentliche Plakatflächen der freien Szene entzogen und seitens der dummdreisten Lokalpolitik an Firmen übergeben. In Linz beispielweise darf man nicht mehr auf gewissen Litfaßsäulen plakatieren, da diese nunmehr einer Firma namens Werbering gehören. Man darf aber die eigenen Plakate dieser Firma geben, die sie dann gegen entsprechende Bezahlung auf eben diesen Säulen oder anderen Plakatflächen aufklebt. Wer sich das nicht leisten kann oder aus guten Gründen nicht leisten will, hat Pech gehabt – der öffentliche Raum gehört in Linz nur den Kulturveranstaltern, die es sich leisten können: Brucknerhaus, ORF, Landesmuseen, etc. Ein Angebot des Werberings für Linzer Kulturvereine, deren Plakate in minimaler Auflage ja eh gratis aufzuhängen, wenn sich’s die nicht leisten können, scheitert an der Umsetzbarkeit der Auflagen: Plakate müssen mehrere Wochen im Voraus angemeldet und in geringer Stückzahl (z.B. 20 Stück) abgegeben werden sowie mindestens DIN-A2 groß sein. Das sind Forderungen, die die sehr kurzfristig arbeitende und finanzschwache Alternativzene nicht erfüllen kann – und 20 Plakate sind verhöhnend wenig. Die Plakate der freien Initiativen wurden also erfolgreich aus dem Stadtbild verdrängt, ein gemeinsames Verdienst von Politik und Wirtschaft.

Steyr: Verbote und Duldung Ähnlich die Situation in Steyr: „Schon vor 10 Jahren forderten wir legale Plakatiermöglichkeiten. Und was war das Ergebnis? Lange Zeit einmal nichts, 2006 genehmigte dann die Stadt die Errichtung kommerzieller Litfaßsäulen des Werberings im Stadtgebiet. 4,7 Euro kostet die Anbringung an den Litfaßsäulen im Rayon Steyr für ein A1 Plakat für zwei Wochen. Plus 5% Werbeabgabe und 20% MwSt. Unleistbar für unseren Verein“, schreibt Andreas Liebl vom Kulturhaus Röda in einer Presseaussendung. Doch anders als in Linz, wo das Büro Linz-Kultur den Deal mit dem Werbering stur verteidigt und trotz Nachfragens auch keine Details daraus auspackt (also auf gut österreichisch durchtaucht), hat die Gemeinde Steyr den Betroffenen inoffiziell mitgeteilt, dass „illegale“ Plakatierungen abseits der Werbering-Flächen im Stadtgebiet nicht geahndet werden (also auf gut österreichisch ein fauler Mittelweg, aber immerhin).

Verbote und Verstöße Wo es Verbote gibt, gibt es zum Glück auch Verstöße. So wird zum Beispiel in Linz und in anderen Städten gegen das Plakatiermonopol des Werberinges auf den privatisierten Säulen verstoßen, so wird zum Beispiel an der Kepler-Uni gegen das dort herrschende Flyer-Verbot für Zahlungsunwillige verstoßen – meist aber nur einmal. Ungenehmigtes Flyern an der Uni führt zu zugesandten Zahlungsaufforderungen, „WildplakatiererInnen“ in Linz werden seitens Werbering per Telefon und Brief auf ihr Vergehen hingewiesen und bei Wiederholung mit Anzeigen und Strafen bedroht. Und die können sich freie Initaitiven ebensowenig leisten wie die Plakatierkosten beim Werbering. Wer durch Linz spaziert, muss zugeben: der Werbering und die Linzer Stadtpolitik haben Hand in Hand gewonnen. Es hängen kaum „illegale“ Plakate an den Plakatflächen und Säulen. Widerstandslos hat die Freie Szene resigniert und den Kampf um den öffentlichen Raum erst gar nicht aufgenommen. Aber was nicht ist, könnte ja noch werden?

Forderungen und Anstöße Widerständische Praxen sollen an dieser Stelle nicht entwickelt, sondern eingefordert werden. Die Forderungen sind ja tatsächlich keine revolutionären: freie Plakatflächen für freie Initiativen, zum Beispiel. Oder: Rückgängigmachung der Privatisierung der ehemals öffentlichen Litfaßsäulen, zum Beispiel.

Oder, um es gleich klar und deutlich zu sagen: den öffentlichen Raum denen, denen er gehört. Kommerz raus, Kultur rein!

Klemens Pilsl ist Kulturaktivist und erboster Schwarzplakatierer.

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Vorm Schlachthof

Harald Fidlers Abhandlung über Österreichs alte Medienmonopole und neue Zeitungskriege hat Klemens Pilsl gelesen

Der Falter und sein Verlag rennen schon seit langem konsequent gegen die Medienkonzentrationen und -kartelle in diesem Land an. Kein Wunder also, dass das neue Buch von Harald Fidler (APA, Der Standard) im Falter Verlag erscheint. Der Medienprofi Fidler beschreibt dabei den (wahrlich beunruhigenden!) medialen Würgegriff von ORF, Mediaprint, Styria und den Fellner-Brüdern, der sich seit Jahren immer fester um Österreich schließt und potentiellen Alternativen keine Luft zum Atmen lässt. Fidler erzählt sachlich bis doch auch manchmal polemisch aus der Welt der Presseförderungen und Werbeetats, beleuchtet kompetent den Konflikt zwischen WAZ und Krone und spekuliert über die Dichand-Nachfolge ebenso wie über das Einsteigen des news-Konzernes ins Tageszeitungsgeschäft. Und wenn er über den ORF schreibt wird?s erst wirklich grauslich! Für Interessierte.

Harald Fidler: Im Vorhof der Schlacht. Österreichs alte Medienmonopole und neue Zeitungskriege. Falter Verlag, Wien 2004. 376 S., E22,- ISBN 3-85439-341-5

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…und wir bewegen uns doch

Soziale Bewegungen in Österreich, Klemens Pilsl legt uns das neu erschienene Buch von Robert Foltin ans Herz

 

Die seit 2001 vierteljährlich erscheinende Zeitschrift ?Grundrisse? ist eine der inhaltlich anspruchsvollsten und besten Zeitungen dieses Landes und, gelinde gesagt, ein Segen. Die ?Zeitschrift für linke Theorie und Debatte? ist zwar nicht immer einfach zu lesen, aber immer sehr lehrreich ? und von wie vielen Blättern kann man schon behaupten, nach dem Lesen merklich gescheiter zu sein als vorher (oder zumindest den Eindruck zu haben)? Im November 2004 erscheint erstmals ein Buch unter dem Label edition grundrisse: Robert Foltins ?Und wir bewegen uns doch. Soziale Bewegungen in Österreich?. Und ich sage euch: Das rockt!

Keine Bange: Diesmal legt Robert Foltin, der in den diversen im Internetz herumlungernden Lebensläufen einmal als ?immaterieller Arbeiter?, einmal als ?Linguist?, einmal als ?Publizist? und ein andermal als ?Intellektueller? bezeichnet wird, keinen schweren Theoriebrocken vor. Sondern: die überraschenderweise nicht kurze, sondern kurzweilige Geschichte der österreichischen außerparlamentarischen ?Linken? und ?sozialen Bewegungen?, unterfüttert von und eingebettet in die äußerst gelungene, knapp formulierte Sozialgeschichte des westlichen Kapitalismus (Fordismus, Postfordismus, Empire, …). Man möchte fast sagen: Ein bissi auch die Geschichte der Zweiten Republik von unten.

Auf die makrotheoretischen und makrohistorischen Einführungen soll hier nicht näher eingegangen werden, die Namen Halloway, Butler, Negri … sind hiermit im Sinne eines richtungsweisenden Namedroppings genannt. Viel interessanter scheint mir ja die österreichische Bewegungsgeschichte. Robert Foltin kennt/nennt sie alle: die Wiener AktionistInnen und Valie Export, die 68er und den Spartakus, die K-Gruppen, die Trotzkis, Spontis, Haus- und AubesetzerInnen, die KünstlerInnen, die Kindergruppenkinder und andere AnarchistInnen, die Hippies, die SteinewerferInnen, die KulturarbeiterInnen, das ASF, kurz: die Verführten und die VerführerInnen.

Behutsam und aus nächster Nähe (aber nie aufdringlich oder parteiisch) stellt Zeitzeuge Foltin die Szenen, Bewegungen, Gruppen und Einrichtungen vor, die sich seit jeher um eine Änderung der herrschenden Zustände im Sinne einer gesellschaftlichen Emanzipation bemühten. Dabei vermeidet er bürgerliche Kategorien (man nehme die leidige Gewaltfrage) oder mediale Schubladisierungen, sondern differenziert die Bewegung anhand ihrer inhaltlichen, historischen oder personellen Eigenschaften ? und das alleine macht das Buch lesenswert, weil authentisch. Kritik gibt es meiner Meinung nach in nur zwei Punkten: erstens der elendige (und für gelernte LinzerInnen und andere Provinznasen nicht überraschende) Wienbezug; natürlich war Wien immer schon der Brennpunkt sozialer, politischer und kultureller Auseinandersetzungen ? aber es ist ja nicht so dass es nicht auch in den Bundesländern zeitweilig ordentlich getuscht hätte, oder? Zweitens ist das jetzt vielleicht pingelig, aber Fragen der Methodik sollten erlaubt sein: Was ist eine (soziale) Bewegung? Diese zentrale Frage der Bewegungslehre umschifft der Autor, seine Definition dürfte aber eine sehr weite sein, schließlich beschreibt er auch Szenen und sogar Institutionen damit. Mir bleibt in dieser Sache aber der zarte Eindruck einer gewissen Beliebigkeit.

Letztendlich: Das Buch passt nicht nur thematisch super zum KUPF-Innovationstopf 2005, sondern auch praktisch unter alternative Christbäume und in fortschrittliche Hausbibliotheken. Mit Sicherheit wird das Buch innerhalb kürzester Zeit zum Standard- und Nachschlagewerk für radikale österreichische Bewegungsgeschichte werden, mit Sicherheit auch gerechtfertigt. Und weil Subkultur und freie Szene so was Feines sind, kauft man das Buch am besten im Infoladen.

Klemens Pilsl

Robert Foltin: Und wir bewegen uns doch. Soziale Bewegungen in Österreich. edition grundrisse, Wien 2004. 352 S., E18,- ISBN: 3950192506. check out: www.grundrisse.net

Erhältlich u.a. im KV Infoladen Treibsand, Rudolfstr.13, 4040 Linz-Urfahr (www.servus.at/treibsand) oder im KV Infoladen Wels, Spitalhof 2, 4600 Wels (www.linkslinxooe.at/infoladen.html). Im Infoladen Wels findet am 06.01.04 (19:00) eine Werkpräsentation mit Robert Foltin statt.

 

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Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein

Klemens Pilsl stieß auf einen historischen Irrtum seitens der SPÖ und trinkt Bier in der KAPU

 

Einer der herausragendsten Linzer Kulturvereine ist zweifelsohne die KAPU. Aus einer internationalen Perspektive ebenso wie aus einer regionalen und lokalen Perspektive. Herausragend was das hohe Niveau und die Aktualität der Veranstaltungen angeht, herausragend bezüglich der Funktion als freier, offener und interaktiver Kulturraum. Und all das soll jetzt vor die Hunde gehen, weil sich ein paar Politiker nicht mehr an die Versprechungen vergangener Jahre erinnern wollen und lieber der guten alten Parteipolitik frönen.

Seit vielen Jahren gilt die KAPU als die Linzer Veranstaltungslocation schlechthin, wenn es um innovative, zeitgenössische oder radikale Musik geht. Rock, Punk, HipHop, Reggae,… treffen sich in seltener Harmonie im Hause KAPU. Kaum eine unkommerzielle oberösterreichische Location verfügt international über einen derart (beinahe übertrieben) guten Ruf. Regionale und überregionale Größen wie die Attwenger, Seven Sioux oder Texta entstanden im fruchtbaren Dung des KAPU-Umfeldes. Das Festhalten an diy-Prinzipien und der Wille, sich selbst immer wieder neu zu definieren, machen das Haus KAPU zu einem Stück Linz. Der kulturelle Freiraum, den die KAPU bildet, ist ganz klar urbane Lebensqualität jenseits des Primats des Marktes und, manchmal scheint es mir so, eigentlich ein Klumpen Gold in einem Haufen Scheiße.

Seit 10 Jahren wurden die ohnehin mickrigen Jahresförderungen der KAPU seitens Stadt und Land nicht mehr erhöht. Das ist für einen Verein dieser Größenordnung schon mal ziemlich ungewöhnlich (verdächtig ungewöhnlich?). Noch ungewöhnlicher ist das, wenn man weiß, dass die KAPU seit 2001 ein ganzes Haus verwaltet. 2001 versprachen die Zuständigen und Verantwortlichen der Stadt und des Landes (noch im Rausch der Begeisterung über das Konzept ?KAPUneu?), den in Folge logischerweise enorm gestiegenen Finanzbedarf des Hauses durch jährliche zusätzliche Förderungen zu decken.

Nicht erst seit 2001 erweitert die KAPU ihr Programm in qualitativer und quantitativer Weise. Zu den früher beinahe ausschließlich musikalischen Veranstaltungen gesellen sich jetzt etwa Kinovorführungen (z.B. Mitarbeit beim crossing europe filmfestival), Lesungen und Ausstellungen. Die 2001 versprochenen Zusatzmittel vermögen nicht einmal die Mehrkosten der Übernahme eines ganzen Hauses decken, für zusätzliche Programmförderung bleibt da kein Cent. Von 2001 bis 2003 kam die KAPU mehr schlecht als recht über die Runden. Das heißt, dass die zwei fixen Angestellten für 650 Euro im Monat mindestens 50 Wochenstunden abarbeiten müssen und der Betrieb im ganzen Haus nur durch die beträchtliche Selbstausbeutung zahlreicher AktivistInnen am Laufen bleibt.

Heuer, 2004, hat sich die Situation überraschend verändert: Die 2001 versprochenen zusätzlichen Fördermittel wurden nicht ausbezahlt. Sowohl Land als auch Stadt drücken sich plötzlich einmütig um ihre Verantwortung gegenüber der jungen Kultur und Freien Szene, und der überaus erfolgreiche Kulturverein steuert plötzlich unvermittelt auf sein Aus zu. Ohne rationale Begründung scheint es seitens der politisch Verantwortlichen kein Interesse mehr zu geben, die kritische, lebendige, kunterbunte und auf die ganze Region ausstrahlende KAPU am Leben zu erhalten. Die Stadt Linz stellt sich momentan taub. Teilweise. Das Stadtoberhaupt vermag zwar kurzfristig zu intervenieren, sieht die langfristigen Anliegen der KAPU jedoch nicht in seinem Verantwortungsbereich. Der eigentlich Zuständige, der Kulturreferent der Stadt Linz, ist zwar über die prekäre Situation der KAPU informiert, ist aber bis jetzt trotz mehrmaliger Anfrage zu keinem Gesprächstermin (und damit zu einer gemeinsamen Suche nach einer dauerhaften Lösung) bereit. Über die Motive kann nur spekuliert werden…

Das Land OÖ hingegen argumentiert offen parteipolitisch: Die KAPU musste erstaunt und peinlich berührt zur Kenntnis nehmen, dass sie dort als SP-naher Verein geführt wird (wohl ein gewachsener historischer Irrtum aus vergangenen Zeiten, als sich KAPU und Jusos ein Haus teilten) und keinen Anspruch auf Unterstützung aus dem ?bisher zuständigen? Kulturressort habe. Sehr unangenehm, schließlich begreift die KAPU sich als politisch 100% unabhängig und keinesfalls irgendwie parteinahe. Und jetzt wird der Kampf ums Überleben durch den Umstand, dass der Verein ohne sein Wissen zwischen die parteipolitischen Fronten des rot-schwarzen Hick-Hacks geraten ist, erschwert, wenn nicht verunmöglicht.

Die KAPU selbst besitzt kein Einsparungspotential: die ohnehin superschlanken Strukturen fressen beinahe die ganze Programmförderung und sind am absoluten Limit. Da geht nichts mehr. Die (extrem erfolgreichen!) Veranstaltungen einzuschränken macht keinen Sinn, denn die funktionieren ja bestens und definieren die KAPU als dass, was es ist – ein Kulturraum für Menschen aus unterschiedlichsten Szenen und Subkulturen mit unterschiedlichsten kulturellen Zugängen. Die Verantwortlichkeit liegt also eindeutig und unabschiebbar auf den Schultern der zuständigen Politiker bei Stadt und Land. Und die Gehirne von Politikern erreicht man bekanntlich auf zwei Arten: entweder über ihren Hintern, durch den man auf diversen Empfängen, Vernissagen und Eröffnungen kriechen kann, um sich Wohlwollen und Förderungen auszumauscheln, oder doch mit einer gewissen Haltung: durch politische (Streit-)Gespräche und zähe Verhandlungen, aber auch Mobilisierung des öffentlichen und medialen Raums unter Ausschöpfung aller Ressourcen. Die KAPU versucht (selbstverständlich) zweiteres. Und verdient dabei jede Unterstützung die sie kriegen kann.

Sonst bleibt nämlich nur eines übrig: ein weiterer kritischer Verein in Österreich, der abgewürgt und zu Tode gespart wurde.

Klemens Pilsl

 

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EKH bleibt!

Einen Lokalaugenschein in der ehemaligen Wielandschule unternahm Klemens Pilsl

 

Es ist weder ein Geheimnis noch eine Neuigkeit: Der Bundesvorstand der KPÖ verkaufte Ende Oktober 2004 hinter dem Rücken der Betroffenen das Ernst-Kirchweger-Haus (EKH). Das Wiener EKH ist ein Soziales Zentrum, ein einzigartiger Freiraum für beinahe 30 Politik-, Sozial-, Arbeits- und Kulturinitiativen, ein Lebens- und Wohnraum für viele AktivistInnen und Illegalisierte, also MigrantInnen ohne Aufenthaltserlaubnis, ein Kulturraum für tausende Menschen, die jedes Jahr die vielfältigen Veranstaltungen im Haus besuchen und vor allem der Versuch, selbstbestimmte, hierarchiefreie und radikal antikapitalistische Strukturen aufzubauen.

1990 besetzten in- und ausländische Kultur- und PolitaktivistInnen die Wiener ?Wielandschule?, ein riesiges, kaum benutztes Gebäude, das im Besitz der Kommunistischen Partei Österreichs stand. Seitdem war (verständlicherweise) das Verhältnis zwischen Besitzenden und Besetzenden ein sehr gespanntes. Die EKHlerInnen verließen sich in besseren Zeiten gerne mal auf das beträchtliche Vermögen der Partei, die KPÖ hatte keine Scheu, brutale WEGA-Polizisten ins ?Haus? zu schicken (aber meistens kamen die eh von selbst). Erst in den letzten Jahren schien die Sache halbwegs beruhigt ? teilweise unbefristete Mietverträge (symbolische Miete 1 Schilling pro Jahr), teilweise Prekariatsverträge, immer wieder Wickel wegen Betriebskosten.

Im EKH bildeten sich unzählige Initiativen: die Volxbibliothek, das Veranstaltungszentrum, das queer-Beisl, eine Theatergruppe, eine diy-Textildruckerei und eine diy-Fahrradwerkstätte, MigrantInnenvereine, Wohnbereiche für AktivistInnen und MigrantInnen, die Notschlafstelle des Flughafen-Sozialdienstes, der Infoladen10, die Produktionsstätte des TATblattes, das Archiv der Sozialen Bewegungen, ein Musik-Proberaum als Heimat legendärer Bands und und und … Einig war und ist man sich im EKH nicht oft, aber es gibt doch Prinzipien, die dort ohne lange Debatten konsequent umgesetzt und gelebt werden: absolute Unabhängigkeit (also keine Annahme von Subventionen, weil die erstens FördergeberInnen legitimieren und zweitens schnell von diesen abhängig machen), Antirassismus, Antisexismus, Antikapitalismus und Do-it-yourself. Dass nicht immer alles so rosig verläuft und Realität und Utopie auch mal auseinander klaffen ist klar, dennoch ist das EKH mit seinem Anspruch und seiner gelebten Praxis ein einzigartiges, progressives und emanzipatorisches Projekt.

Vor ca. einem Jahr drohte KPÖ-Chef Walter Baier erstmals, das EKH zu verkaufen, begründet mit der knappen Finanzsituation der marginalisierten und zerstrittenen Partei (remember the ?Novom-Affäre?: KPÖ verliert Ex-DDR-Kapital an den deutschen Staat). Aufgrund der sofortigen empörten Reaktionen aus der Kunst- und Politszene Wiens versprach Walter Baier, die BewohnerInnen über mögliche Verkaufsverhandlungen zu informieren ? was er natürlich niemals tat. Die Nachricht über den im Oktober 2004 plötzlich und hinterrücks abgeschlossenen Verkauf lasen die EKH-lerInnen erstmals im Online-Standard. Doch nicht nur diese waren überrascht: Auch viele EKH-symphatisierende KPlerInnen reagierten fassungslos auf die heimliche Parteifinanzierungsaktion Walter Baiers und der Bundesvorstands-Clique.

Schnell stellte sich heraus, dass der Käufer ein sehr spezieller ist: Der Geschäftsführer der kaufenden GmbH ist normalerweise eher im Security- und Detektivgeschäft tätig und steht im Verdacht, mit rechtsextremistischen Ideen zu sympathisieren und ehemaliger Unterstützer der rechtsextremistischen und gewalttätigen ANR (Aktion Neue Rechte; die, die damals noch KPÖ-Lokale überfielen…) zu sein. Bereits kurz nach dem Verkauf trudelten die Kündigungen aller bestehenden Verträge bis zum 31.12.04 ein. Dutzende Menschen, viele davon mit migrantischem Hintergrund, im Winter der Obdachlosigkeit auszusetzen, macht die Politik der neuen Eigentümer schnell klar und unmissverständlich.

Seit dem Verkauf äußern sich erfreulicherweise viele Initiativen und Menschen zur Situation: Einige KPlerInnen verlassen zornig ihre Partei, andere freuen sich, dass die ?Bürgerkinder? endlich rausfliegen, manche der GenossInnen versprechen sogar, im Falle einer Räumung das EKH militant verteidigen zu wollen. Viele Gruppen (ÖH, KSV, Treibsand, Volxtheater, …) erklären ihre Solidarität, Promis wie Elfriede Jelinek verurteilen die KPÖ und wünschen dem EKH alles Liebe, FM4 berichtet sehr positiv. Eine beachtliche Solidarisierungswelle rollt über Wien und die Bundesländer, Soli-Aktionen (Kurzbesetzungen, Demos, Partys, …) finden statt, die Stimmung für einen Kampf um das EKH auf allen Ebenen scheint positiv zu sein.

Dennoch wäre es ratsam, die Kräfte für den Erhalt des Projektes nicht zu sehr in das Bashen der KP zu investieren. Erstens ist die KPÖ ohnehin ein sich selbst lösendes Problem (die Kleinstpartei verschwindet seit Jahren mehr und mehr von der Bildfläche) und zweitens ist das eigentliche Problem ja die neue Besitzerin, die ?Interessensgemeinschaft Wielandgasse 2-4 VermietungsGmbH? mitsamt ihrem dubiosem Geschäftsführer, die bisher nur eines klar gemacht hat: Sie will die jetzigen NutzerInnen des EKH so schnell wie möglich raus bekommen, und erfahrungsgemäß freuen sich Teile der Wiener Polizei sehr darauf, diese schmutzige Sache zu erledigen.

Dass es nicht soweit kommt liegt im ureigensten Interesse aller österreichischen Kultur- und PolitaktivistInnen. Der Kampf um den Erhalt des EKH muss auf allen Ebenen, vielfältig und bunt laufen. Zeigt euch solidarisch! Unterstützt die Aktionen des EKH! Besucht das EKH! Und: Do it Yourself!

Klemens Pilsl

Mehr Information: http://ekhbleibt.info: Infos zum Verkauf, Statements, Aktionen, Solierklärungen, … http://at.indymedia.org: free-speech-Projekt mit Sammlung aller Materialien zum EKH http://www.med-user.net/ekh: Homepage des EKH http://www.kpoe.at/: Homepage der KPÖ

 

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30 Jahre Frauenhausbewegung

Die Dokumentation einer Fachtagung findet Klemens Pilsl empfehlenswert.

Der Begriff Gewalt gegen Frauen bezeichnet jede Handlung geschlechtsbezogener Gewalt, die der Frau körperlichen, sexuellen oder psychischen Schaden zufügt oder zufügen kann, einschließlich der Androhung derartiger Handlungen, der Nötigung oder der willkürlichen Freiheitsberaubung in der Öffentlichkeit oder im Privatleben .

Die urban legend überliefert uns, dass das erste Frauenhaus 1972 in London entstand, als sich eine Frau weigerte, ein Frauenzentrum zu verlassen, da zuhause ihr gewalttätiger Ehemann auf sie lauerte. 2002: 30 Jahre später gibt es einerseits 1500 europäische Frauenhäuser, andererseits stellt der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser gemeinsam mit den Wiener Kolleginnen die Fachtagung „30 Jahre Frauenhausbewegung in Europa“ auf die Beine.

Das 2004 erschienene gleichnamige Buch dokumentiert nun diese Fachtagung und bietet die Vorträge zum Nachlesen – und durchaus einen beinahe-exotischen Mix der europäischen Frauenhausbewegung: eine Aktivistin aus der Türkei berichtet ebenso von dortigen Frauenhäusern wie eine Schwedin, eine Ungarin gesellt sich neben eine Schottin. Zuviel der Eindrücke auf jeden Fall, um sie hier alle unterzubringen – hervorgehoben seien daher vor allem zwei Aufsätze: Einen quasi-einleitenden Blick in die sozialwissenschaftlichen Belange des Themas „Gewalt gegen Frauen“ bietet Carol Hagemann-White. Die studierte Mathematikerin, Historikerin, Philosophin und Soziologin Hagemann-White ist ja an und für sich schon ein ziemliches Kaliber – sie knallte der deutschsprachigen Frauenbewegung der 70er-Jahre deren Biologismus vor den Latz und betonte den Sozialcharakter von Geschlechtlichkeit ? und damit auch den Weg von der Frauen- zur Geschlechterforschung (mit-)ebnete. Und sie war es, die beim ersten deutschen Frauenhaus in Westberlin die begleitende wissenschaftliche Forschung leitete.

Das alles wird zwar im Buch nicht erwähnt, prädestiniert sie aber absolut, den Stand der Dinge der europäischen Sozialforschungen zu „Gewalt gegen Frauen“ zu skizzieren: Ein „europäischer“ quantitativer Blick auf die Gewalt gegen Frauen ist schwer möglich, zu groß sind die methodischen Unterschiede der ForscherInnen der einzelnen Länder, zu unterschiedlich die von Nationalität, Religion und Ethnizität geprägten Auffassungen der betroffenen Frauen selbst, was nun Gewalt sei, und zu unsicher ist es, den Grad individueller Gewalttätigkeit quantitativ messen zu wollen. Anhand mehrerer nationaler europäischer Studien legt Hagemann-White klar die Forschungsprobleme dar, vergleicht die Methoden und thematisiert auch die Rolle der neuzeitlichen europäischen Kultur, die trotz ihrer selbstproklamierten Modernität immer wieder Gewalt gegen Frauen „produziert“.

Der zweite besonders hervorzuhebende Aufsatz stammt von der – ebenfalls nicht unbekannten – Rosa Logar, einem immer noch aktivem Urgestein der österreichischen Frauenhausbewegung. Sie bietet einen Überblick über die Geschichte der österreichischen Frauenhausbewegung seit 1977, die sie auch anhand der globalen und europäischen Entwicklung erzählt. Vom ersten Wiener Frauenhaus (1978) bis zu Gender Mainstreaming erzählt sie auch definitiv ein wertvolles Stück österreichischer Frauengeschichte. Und sie schneidet auch die heißen, die aktuellen Themen an: Wie kann man Frauen vor dem Hintergrund einer Migration, die als besonders gefährdet gelten, besser schützen, ohne die österreichische Xenophobie weiter anzustacheln? Wie umgehen mit dem in der Frauenbewegung lange tabuisierten Problem von Gewalt in lesbischen Beziehungen? Was ist noch autonom an einer Bewegung, in deren Vorständen Parteifunktionärinnen sitzen und die abhängig ist vom Geld eines (patriarchalen) Systems? Und – last but not least – ihr Bekenntnis zur absoluten Notwendigkeit der Täterarbeit, die sie auch selbst betreibt und in einem eigenen Buch thematisiert.

Alles in allem ist „30 Jahre Frauenhausbewegung in Europa“ für eine Tagungsdokumentation ungewöhnlich spannend zu lesen. Das vergleichsweise dünne Buch macht eineN zwar nicht zum Experten oder zur Expertin des Themas, aber es bringt einen kurzweiligen Einblick. Erschütternd – nämlich immer wieder erschütternd – die angeführten Zahlen über das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen auf unserer Welt. Und nicht nur die zeigen: Es geht uns alle an.

United Nations: Declaration on the Elimination of Violence against Women. New York 1993 (nach oben)

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Der Herr Karl.

„Marx für Eilige“ hat Klemens Pilsl gelesen.

„Marx für Eilige“. Interessanter, aber zuerst nicht sonderlich überzeugender Titel. Zumal Geduld, Ausdauer und stapelweises Studium von Sekundärliteratur als beste Eigenschaften und unumstößliche Voraussetzungen der gelernten (d.h. meist g´studierten) MarxianerInnen gelten. Aber weil man weder über Geduld, noch Ausdauer, geschweige denn Lust auf Sekundärliteratur verfügt, kauft man es dann doch. Und lässt es erst mal ein paar Tage am Schreibtisch herumliegen, das Buch.

Robert Misik ist in Österreich und überhaupt im deutschsprachigen Raum kein Unbekannter: Neben seiner Tätigkeit als Journalist (Falter, profil, taz, etc.) hat er sich auch als Autor von politischen Büchern durchaus Respekt erarbeitet („Mythos Weltmarkt“, „Die Suche nach dem Blair-Effekt“, und natürlich „Republik der Courage. Wider die Verhaiderung“, etc.). Erst letzten Dezember führte er mit Paul Lendvai via „Standard“ ein vielbeachtetes und hitziges Gefecht über den (gar nicht so neuen) Antisemitismus in der so genannten Antiglobalisierungsbewegung. Misik schreibt ein ungewöhnliches und fesselndes Werk über Marx. Er verknüpft die inhaltliche Aufbereitung der wichtigsten Marx’schen Gedanken mit (manchmal auch recht lustigen) biographischen Elementen aus dem Leben Marxens und einer Vorstellung seiner wichtigsten Werke.

Beginnend beim Schlagwort „Entfremdung“ hangelt sich Robert Misik über den Historischen Materialismus, über den Marx’schen Moralbegriff und über Marx’sche (Anti-)Utopie bis zu Marxens Lebenswerk, dem „Kapital“. Mit einfachen Worten skizziert er die Grundgedanken, ohne dabei Irrtümer und Kritik zu verheimlichen, und versucht engagiert, Marx’sche Theorie in den Kontext der Gegenwart zu setzen. Misik verheimlicht dabei gar nicht seine tiefe Verehrung für den großen Denker, setzt ihn aber durchaus heftiger Kritik aus und zeigt auch dessen Schwächen schonungslos auf – besonders gelungen etwa beim Thema „Wertgesetz/Mehrwert“, eine der umstrittensten, sogar verlachtesten und für viele fehlerhaftesten Theorien des Karl Marx, die eine Hauptthese Marx’scher Ökonomie darstellt. Misik listet die berühmtesten bzw. bekanntesten KritikerInnen von links bis rechts auf und erläutert ihre Kritik. Er selbst gesteht dem „Wertgesetz“ zu, „etwas grob zugehauen“ zu sein und betont gelungen seine idealtypische Bedeutung, quasi für einen wissenschaftlichen Reagenzglas-Kapitalismus. Aufgelockert werden die schwer verdaulichen (so ist das mit Marx nun mal) Brocken durch Biographisches: Misik entlarvt Marx als sturen, dickköpfigen, herrschsüchtigen, arroganten und zutiefst bürgerlichen Möchtegern-Revolutionär, bescheinigt ihm aber auch positivere Rollen als liebevoller Vater oder vor allem als außergewöhnlicher, ja genialer Literat. Es ist witzig zu lesen, wie Marx in Briefen über den „Arsch-Positivismus“ schimpft oder Stress mit dem schuldeneintreibenden Fleischhauer bekommt.

Robert Misik gelingt es, den Bogen zu spannen von Marx zu Luhmann und vom englischen Stahlarbeiter der Industrialisierung zu New-Economy-Bankern, ohne dabei den Boden unter den Füßen zu verlieren oder sich gar in Ideologien zu verirren. Und das macht ihm so schnell keiner nach. Letztendlich geht es Misik wohl um eins: nicht Marx oder gar Marxismus zu predigen, sondern ihn als einen der brillantesten Philosophen und Wissenschafter der Moderne zu würdigen. Marxens Ökonomie ist bis heute – trotz allem – eines der klarsten und reinsten Theoreme der modernen Wissenschaft. Mit Marx begann die Moderne, sich selbst zu kritisieren. Marx prognostizierte Kapitalismus und sogar Globalisierung zu einer Zeit, als es außerhalb von England kaum größere Fabriken gab. Und schuf letztendlich – kritisch orientiert an Hegel – eine Methode und Art des Denkens, deren Aktualität seitdem nicht mehr verblasste. Misik schreibt: „Marx lesen ist ein Heilmittel gegen positivistische Borniertheiten, gegen alle letzten Wahrheiten. … Denken, daß an Marx geschult ist, ist gegen habituell-konservative Verzagtheiten ebenso immunisiert wie gegen monokausale Simplifizierungen und damit gerade für unsere vielfach interdependenten Gesellschaften die Bedingung eines jeden Erkenntnisprozesses.“ Und damit hat er verdammt noch mal recht.

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Notwendigkeit von Gegenstrategien

Kristina Hofer, Klemens Pilsl und Olivia Schütz machen Männerdominanz im Kulturbereich sichtbar

Initiative „Männer sichtbar machen“
Seit geraumer Zeit – die eine oder der andere werden es hoffentlich schon bemerkt haben – zieren kleine schwarze Pickerl mit dem Text „initiative männer sichtbar machen“ den öffentlichen und halböffentlichen Raum rund um Kulturinitiativen. Plakate sind damit ebenso beklebt wie Wände, Klos und Türen. Nicht einmal die Eingangstür des KUPF-Büros ist verschont geblieben!
Doch was und wer steckt hinter der „initiative männer sichtbar machen“ mit den schicken schwarzen Pickerln? Harmlose Blödelei? Herbert Haupt? Ein paar angepisste AntifeministInnen? Oder ist das alles ganz anders gemeint?
Ist es natürlich. Hinter dem Ganzen steht der „Arbeitskreis gegen Sexismus in und um Kulturinitiativen“, der damit einen Schritt in die Öffentlichkeit wagt.

 

 

 

 

 

Zur Erinnerung:
Der Arbeitskreis „Sexismus in und um Kunst- und Kulturinitiativen“ wurde Ende November 2002 gegründet. Ziel des Arbeitskreises ist es, die Thematik von (Alltags-) Sexismus in und um Kunst- und Kulturinitiativen in einer regelmäßig stattfindenden Diskussionsrunde zu reflektieren und dadurch die vielfältigen Zugänge und Erfahrungen der TeilnehmerInnen im Arbeitskreis zusammenzufassen. Neben VertreterInnen verschiedener Einrichtungen wie Stadtwerkstatt Linz, Radio FRO, waschaecht, Kunstraum Goethestrasse, KUPF, Fiftitu%, Medea, KAPU, Maiz, Prairie, Röda, BS3 oder qujOchÖ gehören dem Arbeitskreis auch MusikerInnen, KünstlerInnen und feministische Wissenschafterinnen der Universität Linz an. Der intensive Austausch im Gespräch gewährt dabei Einblicke in Ereignisse und Erlebnisse, die im alltäglichen Umfeld der TeilnehmerInnen stattfinden und ermöglicht den in vielerlei Hinsicht notwendigen Kommunikations-, Reflexions- und Handlungsbedarf. Wie verlaufen beispielsweise die internen Entscheidungsprozesse in Kunst- und Kulturinitiativen? Wo existieren für Frauen Zugangshürden in der Kulturarbeit und im Kunstschaffen, wo strukturelle Barrieren innerhalb der Initiativen? Welche Strategien können von Frauen entwickelt und welche Mechanismen angewandt werden, um sexistischen Handlungen – auch langfristig – entgegenzuwirken?

Die Pickerl:
Sinn der Sache ist es, einmal mehr (und wieder und wieder) darauf hinzuweisen, dass auch im Umfeld von „fortschrittlichen“ und „alternativen“ Kulturinitiativen Kultur im wesentlichen von Männern „gecheckt“ wird. Punktum. Meistens stehen Männer auf der Bühne, hinter den Scheinwerfern und dem Mischpult, meist buchen Männer Veranstaltungen, meist besetzen Männer die Vorstände der KI’s und meist sind es Männer, die für ihre Arbeit auch bezahlt werden.
Als Gegenstrategie versuchen viele KI’s sogenannte „Frauenkunst“ zu fördern: Infolgedessen machen Männer „Musik“, Frauen „Frauenmusik“. Männer machen „Literatur“, Frauen „Frauenliteratur“. Männer machen Vereine, Frauen „Frauenvereine“. Männer sprechen über „Themen“, Frauen über „Frauenthemen“. Viele produzierende Frauen haben das zweifelhafte Vergnügen, sich qua Geschlecht in eine Exotinnenposition marginalisieren lassen zu müssen – ob sie das jetzt für sich als passend empfinden oder auch nicht. Das kann Handlungsräume beschneiden und Zugänge verbauen. Und sich dabei aber den Anschein geben: Alles ist in Ordnung, alles ist „normal“ – es „ist“ halt eben so.

Um abseits solcher Kategorisierungen auf das Ungleichgewicht der Geschlechter aufmerksam zu machen, hat der „Arbeitskreis Sexismus“ die „initiative männer sichtbar machen“ gestartet und die Pickerl produziert. Mit Augenzwinkern und ohne erhobenem Zeigefinger soll die Dominanz von Männern im Kulturbetrieb ins Gedächtnis gerufen und die Notwendigkeit von Gegenstrategien einmal mehr betont werden.
Es ist gut, es ist wichtig und es ist richtig, wenn Frauenkulturarbeit durch Nomenkomposition mittels „Frauen-“ sichtbar gemacht wird. Aber des Pudels Kern ist ein ganz anderer: Männer machen sich gerne breit – in Vereinen, in Bands, in der Technik und im Büro. Männern wird es in dieser Gesellschaft leichter gemacht, gewisse Positionen zu erreichen, und auch in den Kulturinitiativen sind sie nur selten bereit, ihre Vormacht einfach so in Frage zu stellen oder gar aufzugeben.

Eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, ist es, diese Verhältnisse offen zu legen. Der AK will diese Möglichkeit mit der „initiative männer sichtbar machen“ wahrnehmen: ab jetzt wird jede male-only-Veranstaltung, die uns unterkommt, jedes Kulturbüro, indem mehr Männer als Frauen sitzen, jede Bühne, die mehr Männer als Frauen trägt, gekennzeichnet. Mit den schicken Pickerln.
Viel hat sich getan, keine Frage, aber dennoch ist der Weg zu einer gleichberechtigten Kulturarbeit noch ein weiter und – wie die Erfahrung zeigt – auch steiniger.

Wer auch Pickerl picken mag, schreibt am Besten an: platzmachen@servus.at

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Dorn sein

Klemens Pilsl besuchte den Mitgliedsverein Meta Morfx.

 

Trimmelkam ist Bestandteil der Gemeinde St. Pantaleon. Und St. Panteleon ist so sehr am letzten Zipfel von Oberösterreich, dass es nur noch 30 Kilometer bis Salzburg Stadt sind. Das muss man sich einmal vorstellen: Wer von Linz nach Trimmelkam will, muss zuerst nach Salzburg fahren! Kein Wunder, die Sache mit den Fördergeldern: „Die bleiben irgendwo auf den 130 km von Linz hierher am Weg liegen.“

Mitten in der geographischen, politischen und vor allem kulturellen Einöde der Region um St. Pantaleon gründete sich 2001 der Kulturverein „meta.morfx“ (KUPF-Mitglied seit 2002): 40-50 junge Menschen diverser Geschlechter und Szenen beschlossen, der Langweile und dem kulturellen Stillstand ein Ende zu bereiten, den endlosen Autofahrten zur nächsten Party nach München oder Salzburg Einhalt zu gebieten und mieteten ein ehemaliges Bergwerksgelände samt eindrucksvoller Fabrikhalle.

600 qm_ Ostarchitektur zu Lagerpreisen bis mindestens zur Mitte der nächsten Dekade – willkommen im Kulturwerk SAKOG. Und seitdem arbeiten diese jungen Menschen im Schweiße ihres Angesichts an der Adaption der Location, die vermutlich im Herbst 2004 fertig gestellt wird. Das Kulturwerk SAKOG soll gestaltbar und vielseitig sein und damit der kulturellen Bandbreite der meta.morfx-Crew gerecht werden – angedacht sind stolze acht bis zehn Veranstaltungen pro Monat: zeitgenössische Musik wie Techno, D&B, Goa, Reggae/Ragga, Hip-Hop soll Platz finden neben Rock, Theater, Bildender Kunst und aktueller Medienkultur, alles geprägt von DIY-Geist und unkommerzieller Herangehensweise. „Dorn sein“ will man in einer Region, in der es abgesehen von Blaskapellen nur eine Dorfdisco und Nazi-Skinheads gibt, wo Frauenkulturarbeit „meistens als Kaffeekochen am Sonn„Dorn sein!“tagnachmittag“ missverstanden wird.

Das Besondere an diesem Projekt: Die jungen AktivistInnen finanzieren sich größtenteils selbst. Einem gewaltigen Aufwand an eigener Arbeitskraft, eigener Kreativität und selbsterlerntem Know-how steht die geradezu peinliche Summe von 8.000 Euro gegenüber, die die Landeskulturdirektion OÖ den meta.morfx-Menschen für heuer zugesagt hat – das entspricht bei einem Kulturbetrieb dieser Größenordnung etwa zwei Schallschutztüren! Kein Wunder, dass man sich von den Subventionsgebern nicht als seriöse KulturaktivistInnen ernst genommen fühlt. „Wir haben gesagt: Wir machen das – ob mit oder ohne Förderung“, erklärt meta.morfx-Obmann Christoph Auer. Was das heißt: dass man sich über das private, durch Lohnarbeit der AktivistInnen erworbene Geld und vor allem durch fette Bankkredite finanziert. Für die in letzter Konsequenz natürlich auch wieder Privatpersonen haften.

„Viele haben uns schon gesagt, dass wir komplett wahnsinnig sind“ erzählt Christoph – und ist dennoch optimistisch. Denn bereits 2001 wurde in der Location – damals noch nicht umgebaut – für ein halbes Jahr illegal, sprich ohne Veranstaltungsbewilligung, Kultur produziert. Überaus erfolgreich: Ein Durchschnitt von 300-350 BesucherInnen pro Verans- taltung spricht für sich und belegt das Vorhandensein von jungem, kulturhungrigem Publikum in der Region. Dass illegale Parties die besten sind ist nicht nur bei Ravern eine Binsenweisheit: „Den Flair dieser vergangenen Jahre wird es vermutlich nicht mehr geben“ gibt auch Obmann Christoph zu – dennoch macht die vorgenommene Langfristigkeit eine Legalisierung unumgänglich. Auch von der Gemeinde St. Pantaleon gibt es keine Unterstützung, lediglich Duldung. Da die finanzielle Unterstützung einer ärmlichen 1500-Seelen-Gemeinde aber auch im Idealfall ohnehin nur gering ausfallen kann, nimmt man dies der Gemeinde nicht übel. Materialien und Know-how für den Um- und Ausbau der Location werden oft von Firmen aus der Umgebung geschnorrt, zu denen man ein besseres Verhältnis als zu den öffentlichen Stellen hat. Wer so wenig Geld für ein derart großes Projekt zur Verfügung hat, muss bei der Beschaffung des Nötigsten Kreativität beweisen – da kann man schon mal Baumaterial über e-bay ersteigern und selber in Berlin abholen, um Kohle zu sparen. Über 7.500 unentgeltliche Arbeitsstunden haben die Menschen rund ums meta.morfx allein im letzten Jahr geleistet, 80 Tonnen Schutt (!) bis jetzt aus dem ehemaligen Fabriksgelände geschleppt. „Wir haben letztes Jahr mindestens ein Einfamilienhaus rausgeschleppt und mindestens eins wieder reingebaut“ erzählt mir ein schaufelnder Aktivist bei meiner Hausführung. Innerhalb der etwa 50 Menschen um meta.morfx gibt es einen aktiven Kern von etwa 15 Menschen, die unter anderem auch die gewichtigeren Entscheidungen treffen. Bei Entscheidungsfindungen will man sich nicht von Statuten, Vorständen oder ähnlichen Formalitäten hemmen lassen. „Entscheidungen passieren dynamisch, oft aus dem Bauch heraus“, meint Christoph, „wir hatten früher auch das abstimmende System mit Beschlussfassungen gemäß der Statuten, aber das ist zu bürokratisch und zu langsam. Wenn niemand schreit, dann passt’s.“

Wer noch nie etwas von Trimmelkam oder meta.morfx gehört hat – don’t panic, ich bis zu meinem Besuch Ende Mai auch nicht. Aber ich verspreche: Diese AktivistInnen werden noch gewaltig von sich hören lassen. Wenn im Herbst 2004 die Betriebsstättengenehmigung planmäßig erteilt wird, verwalten die meta.morfx-Menschen eines der größten unkommerziellen Veranstaltungsareale im Lande – 600 Menschen passen sonst in nur wenige alternative Locations. Und die meta.morfx’schen gehen – ohne ideologische und inhaltliche Verluste – das Ganze dabei so selbstverständlich und ohne zu sudern an, dass ein gelernter Städter wie meinereiner aus dem Staunen gar nicht mehr rauskommt.

Bereits im Juni beginnen die meta.morfx-Leute den (ungenehmigten) Probebetrieb – wir wünschen alles Gute und Liebe, und dass es ordentlich zu rumoren beginnt im südlichen Innviertel! Babylon Fallin´!

http://www.meta.morfx.org

Klemens Pilsl ist Aktivist des Kulturvereins Biosphäre3

 

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Romantisches Raven mit den Zapatistas

„Goodbye Tristesse“ von Camillo de Toledo hat Klemens Pilsl für Sie gelesen.

„Goodbye Tristesse“ ist ein etwas misslungener Titel. Im französischen Original heißt das Buch „Archimondein Jolipunk“ (etwa »sehr mondäner, schöner Punk«), aber auch das hilft nicht weiter. Hinter dem kryptischen Titel verbirgt sich ein zugleich wütendes und romantisches Pamphlet, ein Antimanifesto einer Generation. Inhalt: die Revolte.

Den Weg zu neuer Revolte sucht Camille De Toledeo unter Verwendung zahlreicher Quellen der aktuellen und ehemaligen Linken, von Albert Camus zu William Gibson, von Guy Debord über Michael Focoult zu Gilles Deleuze. Er beschreibt den (post-?)modernen Kapitalismus („Eintritt des Kapitalismus ins Stadium der Rebellion“), und unterstellt den Resten der Linken zurecht, eine zynische „Ästhetik der Resignation“ entwickelt zu haben. Liebevoll und enttäuscht zugleich beschreibt der Autor die Gegenwart und das Versagen der Linken. Er beschreibt die Verflüssigung, die Übernahme und das Verschwinden unserer Körper, sogar unseres Begehrens. Und er beschreibt die Unsichtbarwerdung des Feindes: die WTO tagt in der Unerreichbarkeit der Wüsten von Katar und die G8 treffen sich auf schwimmenden Festungen, um sich den Protesten der Bewegungen zu entziehen. An diesem Punkt erreicht die Resignation ihren Höhepunkt.

Doch das eigentliche Ziel des Buches ist es, Hoffnung zu geben. Autobiographisch: der Autor beschreibt, wie er selbst die Ästhetik der Resignation überwindet. Der Aufschrei aus dem Lakandonischen Urwald rüttelt ihn wach, die Poesie der Zapatistas erscheint ihm wie vielen seiner Generation als Weckruf und eben Hoffnungsschimmer. Die Tragik und Unbesiegbarkeit des Sub und seiner Maske inspirieren ihn zu neuem Mut. Theoretischen Rückhalt findet er dann u.a. im Konzept der „Temporären Autonomen Zonen“ (vgl. Hakim Bey), das seit Beginn der 1990er durch die Köpfe der undogmatischen Linken spukt, aber auch in den verwandten Argumentationen und Praxen der postoperaistischen Tute Bianche und der englischen Reclaim- TheStreets-AktivistInnen.

Das Buch kategorisch oder inhaltlich einzuorden fällt schwer: weder ist es ein wilder Aufruf noch eine verächtliche Kritik, es ist irgendetwas dazwischen und noch viel mehr. In poetischer Sprache und unter Verwendung autobiographischer Eckdaten schildert De Toledo das Versagen der Ideologien, des Realsozialismus, der Subkulturen und der Kunst. Und stellt sich selbst und seine Generation als Betroffene in die Mitte: wie soll man revoltieren, wenn der Kapitalismus die Fähigkeit entwickelt hat, alles aufzusaugen und zu verwerten: Che Guevara und Punk treiben die Profitraten der Konzerne in die Höhe, an die Wand gesprühte Parolen werden von Sportschuhfirmen als Werbeslogans verwendet. Statt Widerstand bleibt nur noch Zynismus, und damit will sich der Autor nicht abfinden. De Toledo schafft es, Ecstasy, Reclaim The Streets, die EZLN und FreeTechno in einen politischen Kontext zu stellen. Er weint um Carlo Giuliani, ohne die Proteste, die dessen Tod mittlerweile symbolisiert, zu verklären. Und auch wenn er kaum wirklich Neues vorbringt, hat er dennoch ein wunderschönes, radikales und letztendlich ungewöhnlich romantisches Buch geschrieben. Womit er den Zeitgeist trifft. Wer das Gefühl hat, sich der zynischen Ästhetik der Resignation hingegeben zu haben, ist mit diesem Buch bestens beraten.

Camillo de Toledo (Jahrgang 1976) französischer Intellektueller, Aktivist und Künstler, der spätestens 2002 in Cannes Aufmerksamkeit erregte: sein Kurzfilm „Tango de Olvido“ begeisterte. De Toledo entspringt einer französischen Großindustriellenfamilie (u.a. Danone), dieser verdankt er auch seinen Werdegang in jungen Jahren: Elitegymnasium, Eliteuniversitäten, Elitedenken. Er verweigert jedoch ohne großen Pathos die Familientradition und bricht aus: er gründet eine Literaturzeitschrift, die schnell scheitert, beginnt ein Nomadenleben rund um den Globus. Er ist künstlerischer und intellektueller Vertreter der „neuen Bewegungen“ und undogamatischen Linken jenseits von Ideologien und kommunistischen Parteien. 2002 erschien sein Buch „Archimondein Jolipunk“, der die französischen Bestsellerlisten eroberte. Drei Jahre später, im Herbst 2005, erscheint das Buch in deutscher Sprache.

Klemens Pilsl ist Mitglied der KAPU in Linz.

Camille de Toledo: Goodbye Tristesse Deutsch von Jana Hensel, Tropen Verlag 192 S.,EUR 19,40 ISBN 3-932170-76-8

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1000 Jahre Haft

Klemens Pilsl über das Resümee einer antirassistischen Gruppe.

 

Ende der 1990er Jahre etablierte sich der „schwarzafrikanische Drogendealer“ als neues Feindbild in den Köpfen vieler ÖsterreicherInnen. Das rassistische Klischee wurde und wird von Exekutive, Justiz, Medien und Öffentlichkeit tagtäglich reproduziert.

Am 27. Mai 1999 fand die größte kriminalpolizeiliche Aktion in Österreich seit 1945 statt: „Operation Spring“. Der erste „Große Lauschangriff“ unter Einbeziehung neuer Ermittlungs- und Verfahrenstechniken musste unbedingt als Erfolg dargestellt werden, koste es was es wolle. Die Erstickung bei der Zwangsdeportation von Marcus Omofuma verschwand mit dem Konstrukt eines riesigen, von schwarzen Kindervergiftern betriebenen Drogenkartells schnell aus der Öffentlichkeit, wurde indirekt als kriminalitätsbekämpfende Maßnahme gesetzt. Im Rahmen der Menschenjagd von „Operation Spring„ gründete sich in Wien die antirassistische Gruppe „Gemmi“, die die Operation dokumentierte und versuchte, deren Opfer zu unterstützen. Das nun vorliegende Buch „Tausend Jahre Haft. Operation Spring & institutioneller Rassismus. Resümee einer antirassistischen Gruppe“ dokumentiert auf außerordentlich gelungene Weise die Ent-stehung der Gemmi, das Zustandekommen der „Operation Spring“ und nicht zuletzt die haarsträubende, menschenverachtende und erschütternde Justizpraxis, die den Betroffenen aufgezwungen wurde. Noch heute sitzen Menschen aufgrund äußerst dubioser „Beweise“ und „Zeugen“ in Haft, noch heute werden Menschen angeklagt oder abgeschoben. Das Buch dokumentiert solche Fälle, bringt Interviews mit Menschen, die von der Polizei zu Falschaussagen gezwungen wurden, beschreibt den rassistischen Alltag in österreichischen Polizeistuben und Gefängnissen, die Ignoranz von PflichtverteidigerInnen, AnwältInnen und RichterInnen.

„1000 Jahre Haft“ ist eine erschütternde Beschreibung des institutionellen und alltäglichen Rassismus in Österreich. Es beschreibt auf persönliche Weise und aus mehreren Perspektiven die Brutalität, mit der unsere Gesellschaft gegen AfrikanerInnen vorgeht. Eine exzellente Dokumentation des ganz normalen Wahnsinns. Unbedingt Lesen!

Klemens Pilsl

Klemens Pilsl ist Mitglied der Kulturinitiative Biosphäre3 und des KV Kapu in Linz

Gemmi (Hg.): Tausend Jahre Haft. Operation Spring & institutioneller Rassismus. Resümee einer antirassistischen Gruppe. Wien 2005 ISBN -200-0074-X, EUR 10,- Erhältlich u.a. im Infoladen Treibsand, Rudolfstr.17, 4040 Linz

 

 

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Häuslbauer unter sich

André Zogholy und Klemens Pilsl über die Verbauung der Wiesenflächen vor der Stadtwerkstatt.

 

Alles auf Schiene?
Als im April seitens der lokalen Kulturpolitik und ihres Anhangs ein Katalog mit beispiel-haften Projekten für das Kulturhauptstadtjahr 2009 in Brüssel präsentiert wurde, wunderte sich nicht nur die KUPF über einen geplanten, schwindelerregenden Ausbau des Ars Elec-tronica Center (siehe KUPF-Zeitung Nr.111). Damals lagen die vorgestellten Projekte als unverbindlich und rein fiktiv vor – quasi als Appetitanreger am Tablett für die Brüsseler Jury und eine (damals noch zu fixierende) Intendanz. Nun scheint eine Erweiterung des AEC inklusive der Verbauung der Wiesenflä-chen vor der Stadtwerkstatt auf Schiene zu sein.
Freilich, die Intendanz braucht das nicht zu belangen, finanzieren (es wird bereits von rund 30 Millionen gemunkelt) wollen den Zu-bau die Stadt Linz und das Land OÖ… großes Munkeln und Mauscheln. Politik als Blackbox. Die Gerüchteküche darf einmal mehr gehörig brodeln.

Transparenz? Speed Kills!
Es gehört hierzulande zur politischen Tra-dition, unter Ausschluss der (kulturellen) Öffentlichkeit oder Einbindung der Bevöl-kerung nicht nur Mammutprojekte durch-zusetzen. Aber was soll durchgesetzt werden? Ein riesiger Ausbau des AEC. Wofür? Für Nanotechnologien. Das sind so Sachen mit den hippen, ganz winzigen Elementarteilchen. Ganz groß im Kommen, würde aber eher für eine Verkleinerung des AEC sprechen. Weiteres Nachfragen wird mit Hinweis auf „2009„ abgeblockt: Ich bitte Sie, wir müssen zusammenrücken und wir haben keine Zeit zu verlieren. Schnell ein Gemeinderatsbeschluß, die Ausschreibung ist bereits fertiggebastelt. ZackZack!

Es ist einmal mehr ein Schnellschuss zu erwarten. Kulturstadtrat Erich Watzl, der ja eigentlich bei jeder Gelegenheit postuliert, dass er Kunst, keine Strukturen fördere, sorgt angesichts der kolportierten Summen und der undurchsichtigen Vorgehensweise für einen Häusl-Zubau einmal mehr für Kopfschütteln bei der Freien Szene.

Von Nachbarn…
Auch bei der unmittelbar betroffenen Nach-barschaft, den AktivistInnen der STWST, macht sich Unsicherheit breit. „Der Bebauungsplan soll umgestaltet werden, je nachdem was eingereicht und nominiert wird„, so Olivia Schütz von der STWST – tatsächlich lässt sich ob der derzeitigen Mauschelei nicht eruieren, welche Form dieser Zubau annehmen soll. „Wir sagen, dass dieses Projekt viel zu wenig transparent gemacht worden ist und auch nicht öffentlich diskutiert wurde„, weshalb die STWST seit Juli auch die verschiedensten Aktionen und Interventionen durchführt.

… und Wiesen
Denn nicht zuletzt geht es beim Ausbau des AEC auch um den prinzipiellen Umgang mit öffentlichem Raum, zumal die betroffenen Wiesenstücke in ihrer zentralen Lage unmit-telbar am Brückenkopf so ziemlich einzig-artig sind. Treffend formuliert die STWST: „Wiese als realer Freiraum im Gegensatz zu bebautem, okkupiertem, privatisiertem und verwertetem Raum. Wiese als kleinstmög-licher Freiheitsmoment zwischen Arbeit, Rastlosigkeit und Vorbeikommen… Wiese als ein offenes Feld des Unökonomischen, des Unpraktischen, des Nicht-Besonderen„.
Andre Zogholy, Klemens Pilsl

Klemens Pilsl ist Mitglied der Kulturinitiati-ven Biosphäre3 und Kapu in Linz. Andre Zogholy ist Vorstandsmitglied der KUPF und qujOchÖ – experimentelle Kunst- und Kulturarbeit

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Hinterwald im Harrachsthal

John Tylo von Backwood Association im Gespräch mit Klemens Pilsl

 

Seit Jahresbeginn erfreut sich die KUPF wieder etlicher neuer Mitgliedsvereine. Einer davon ist der Verein backwood aus dem Harrachsthal bei Weitersfelden, nahe der tschechischen Grenze. Backwood, das ist im wesentlichen John Tylo aka Drago Torpedowicz aka Karl Katzinger. Klemens Pilsl und Betty Wimmer besuchten Tylo an seinem Wohnort und begleiteten ihn und zwei seiner Kinder (er hat nach eigenen Angaben „doch einige“) bei einem Waldspaziergang.

Harrachsthal zu finden ist schon mal gar nicht so leicht. Eine Stunde von Linz, mit dem Auto. Aber dann schaffen wir es doch und werden von Tylo bereits vor seinem Haus erwartet. Unter jedem Arm ein Kleinkind, steht er vor seinem „ruinösen Haus“, wie er es nennt, und weiß im ersten Moment mit uns genauso wenig anzufangen wie wir mit ihm. Man beschließt einen kleinen Spaziergang, damit die Kinder nicht so lästig sind – das sind sie aber ohnehin nicht, im Gegenteil: nach einer kurzen Phase des Misstrauens schenken sie uns unentwegt in der Wiese und im Wald gefundene Steine, Äste, Blätter und Erde. Dafür wollen sie aber das pieksende Stroh aus den Gummistiefeln gezogen bekommen.

Beim eigentlichen Interview gibt sich Tylo anfangs schweigsam, beinahe irritiert. Meine allgemeinen Fragen beantwortet er mit einem Achselzucken. Künstler sei er eigentlich keiner, meint er und: „Kulturarbeiter? Was ist das?“. Ich muss schon ganz konkret werden, bis die ersten Infos fließen: backwood, das ist hauptsächlich er selber, unterstützt von Freunden. Seit zehn Jahren veranstaltet er das, was manche Kunst nennen, im Harrachsthal und anderwo. Meist in der Garage Drushba gegenüber seinem Wohnhaus. Programmatisch gibt es Theater, Performance, Konzerte, Film…, circa fünfmal im Jahr. „Interessieren tut das hier niemanden. Natürlich.“ Weder macht die Gemeinde auch nur einen einzigen Heller locker noch freut das die Nachbarn. „Aber inzwischen versuchen sie nicht mehr, es zu verhindern“, meint Tylo.

Aktivismus in ländlichen Regionen ist natürlich mit größeren Schwierigkeiten verbunden. Uninteressiertheit, ja Ignoranz schlägt einem allerorts entgegen. Sanitätspolizisten nerven, und der Weg zu Subventionen ist bürokratisch, hässlich und kalt. Und natürlich mangelt es an allen Ecken am Geld. Warum er sich das alles noch antut, nach zehn Jahren? „Am Anfang war es natürlich Enthusiasmus, dann wird es zur Routine, nur mehr Routine“. John Tylo ist sichtlich gefrustet und desillusioniert, vom Kulturbetrieb im speziellen und der Gesellschaft im allgemeinen.

Vom Reisen in andere Welten Besonders interessieren täten ihn die KünstlerInnen aus dem so genannten Osten, zum Beispiel aus dem (natürlich nördlich gelegenen) Tschechien, so wie er sich überhaupt für jene Regionen des Globusses interessiert, die man manchmal „Zweite“ oder „Dritte“ Welt nennt. „Das kommt vom Reisen“, das mache er nämlich am liebsten. KünstlerInnen aus ebendiesen „Zweiten“ und „Dritten“ Welten lernt er auf diesen Reisen kennen. „Ich bereise die „Zweite“ und „Dritte“ Welt, weil ich es mir nicht leisten kann, in der „Ersten“ Welt zu reisen. Ich kenne die „Erste“ Welt kaum, weil ich sie mir kaum leisten kann.“ Außerdem, so meint er, erscheine ihm das Bereisen dieser anderen Welten spannender. Wissen könne er das aber nicht, eben weil er die „Erste“ Welt kaum kennt. Tylo kann sich Reisen in die anderen Welten oft nur durch subventionierte Dokumentationsaufträge leisten. Auch das ärgert ihn inzwischen, weil „eigentlich will ich gar nicht mehr dokumentieren. Aber ich muss, um überhaupt reisen zu können“. Also filmt, fotografiert und beschreibt Tylo seine Expeditionen nach Osteuropa, in den Kaukasus und darüber hinaus.

Über Kunst Erst nachdem ich das sichtlich lästige Mikrofon beiseite gelegt habe und den Minidisc-Recorder wieder verpackt habe, taut Tylo wirklich auf. Er fragt uns, was wir eigentlich so machen und wir unterhalten uns über den Kulturbetrieb, unsere Versuche diesen zu nutzen und zu gestalten und natürlich über fehlendes Geld. Wo wir uns als Prekariat benennen, was wir als atypische Beschäftigung bezeichnen, das macht Tylo schon sein Leben lang. „Pensionsversicherung habe ich noch nie gezahlt, weil ich ja eh nie Geld gehabt habe“. Betty und Tylo schimpfen gemeinsam über die Problematik, elitäre Kunstszenen zu knacken, und Tylo erzählt von der oft unüberwindlichen Bürokratie, die auf der Suche nach überlebensnotwendigen Subventionen im Wege steht. Eigentlich sei das auch der Grund, warum backwood zur KUPF wollte: „Damit man jemanden, wenn man sich nicht auskennt, fragen kann, der sich vielleicht auskennt.“ Wir sprechen über Geringfügigkeits-, Steuer- und Armutsgrenzen und über die Schwierigkeit, gültige Informationen zu diesen Fragen zu erhalten. Darüber, dass viele AktivistInnen unter der Armutsgrenze leben und wie sie von den Herrschenden, die sich mit Wortphrasen wie „Kulturstadt“ schmücken, ausgebeutet werden. „Die Welt ist so ungerecht!“ meint Tylo, „aber wie soll sich das ändern?“

Klemens Pilsl

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Ein Verein darf nicht stehen bleiben

Zum 20. Geburtstag des Vereins Frikulum in Weyer, berichten Klemens Pilsl und Sylvie Ritt.

Weyer klingt so ähnlich wie Steyr, und in dessen geographischer Nähe befindet es sich auch -; wobei es einerseits „Weyer-Marktgemeinde“, andererseits „Weyer-Land“ zu geben scheint. Verwirrend, aber andererseits eh wurscht. Weil das Interessanteste in dieser Gegend ist zweifelsohne der Verein Frikulum. Seit 20 Jahren agiert der Verein bereits in Weyer und Umgebung und gilt – so raunt man mir im KUPF-Büro ins Ohr – als vorbildlich in Sachen generationsübergreifender Vereinsarbeit. Doch erstmal von vorne: Mitte der Achtziger gab es in der Region nichts, was das Adjektiv „progressiv“ verdient hätte. Kein Wunder also, dass sich einige Menschen fanden, die ihr Bedürfnis nach kultureller Selbstbestimmung stillen wollten und eben das Frikulum-Kollektiv gründeten. Wobei der Name für „Friede-Kultur-Umwelt“ steht – was schon mal einen Hinweis auf das ideologische Selbstverständnis der Initiative liefert.

„Es hat damals noch keine Bürgerlisten, keine Grünen in der Gegend gegeben, und da haben wir sehr wohl auch solche grün-bewegten Themen angesprochen, aber eben auch Kultur. …. Politisch aktiv waren wir nie, aber wir waren immer eine sehr umweltbewusste Gruppierung, … und immer, das würde ich jetzt schon sagen, immer Richtung grün-bewegt“, meint Ludwig Mayr, der seit 17 Jahren Frikulum-Aktivist ist, zu den Anfängen des Vereins. Konkret wurden Flugblätter verteilt und z.B. Vorträge zu verschiedensten Themenkreisen (Entwicklungshilfe, Migration, Energiepolitik, …) organisert. Ein Verein darf aber nicht stehen bleiben, und so rückte der Themenkreis „Kultur“ zunehmend in den Vordergrund. „Frikulum existiert seit 1986 als sich verändernde und auf den gesellschaftlichen Wandel reagierende Gruppierung“ steht auf der Homepage des Vereins, und das trifft den Nagel auf den Kopf: Schließlich ändert sich nicht nur die Welt, sondern auch die Region, und damit auch die AktivistInnen, die Interessensgebiete und die Prioritäten. Heute ist der Verein überregional bekannt (nicht zuletzt dank FM4) für seine Veranstaltungen im Bertholdsaal und für das Seewiesen- Festival. Der Bertholdsaal ist ein Veranstaltungssaal in Weyer, der unter anderem vom Verein Frikulum bespielt wird – wobei sich das Frikulum-Angebot nicht hinter dem vergleichbarer urbaner Einrichtungen zu verstecken braucht – im Gegenteil: Filmabende, Theatereigenproduktionen, Konzertveranstaltungen, DJ-Sets, Infotainment … da fehlt nix.

Für besonderes Medienecho sorgt jedes Jahr das Seewiesenfest, ein Open Air Festival – der jährliche Höhepunkt der Vereinsarbeit dient natürlich der Aufmischung der Region, andererseits aber auch zur Finanzierung weiterer Vereinstätigkeiten (so üppig fallen die Landes-Subventionen ja auch nicht aus). International bekannte Acts wie Tomte oder Robocop Kraus versüßen einmal im Jahr das kulturelle Geschehen und sorgen auch überregional für Wirbel. Als besonderes, qualitatives Merkmal ist die bereits erwähnte generationsübergreifende Vereinsarbeit hervorzuheben: Schließlich ist es nicht alltäglich, dass Kulturinitiativen irgendwann im Einklang mit „den Alten2 von „den Jungen“ übernommen werden. Im Frikulum sieht man das naturgemäß unaufgeregt: „Bevor dieser ‚Generationswechsel‘ stattfand, haben wir beim Seewiesenfest mitgearbeitet und dann bei anderen Festln und wurden dann immer mehr eingebunden. Das war ein ganz normaler Prozess. Bis wir dann gesagt haben: „Wir machen das jetzt weiter. Die ältere Generation hat uns beim ersten Mal stark unterstützt und fleißig mitgearbeitet. So ist das dann gewachsen“, erklärt der „junge“ Hannes Brenn, der aber auch schon sechs Jahre Vereinsarbeit auf dem Buckel hat. „Das hat wirklich super funktioniert. … Irgendwann haben wir gesagt, das ist viel Arbeit, wir wollen nicht mehr so. Da haben wir Pause gemacht, haben zwei Jahre kein Festival gemacht. Da sind die Jungen gekommen und meinten, wir sollen wieder eins machen. Und wir haben gesagt:“Macht ihr! Wir unterstützen euch, ihr macht Organisation und wir bringen das Know-How. Und das haben die gemacht, und wir sind die grauen Eminenzen im Hintergrund“, schmunzelt der „alte Hase“ Ludwig Mayr dazu. So soll es auch sein.

http://www.frikulum.at

Klemens Pilsl arbeitet in der KAPU/Linz www.kapu.or.at Sylvie Ritt arbeitet für das Freie Radio Salzkammergut/Bad Ischl www.freiesradio.at

 

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Produktiv und obdachlos: Wir brauchen Raum!

Ein Bericht von Klemens Pilsl zur Besetzung der ehemaligen ARGE Nonntal.

„Wie es dazu kam? Spätestens seit dem bekannt wurde, die ARGE zieht um, gab es Diskussionen und Treffen um die Besetzung der ARGE zu planen. 2 Mal wurde versucht ein Netzwerk zu initiieren. 2 Mal blieb es aufgrund von Meinungsverschiedenheiten was die Organisationsstruktur betrifft sowie mangelndem Engagement und Vertrauen bei dem Versuch. Das Gebäude stand leer und blieb ungenutzt. Geredet wurde viel, doch niemand wagte es wirklich. Viel wurde zwar über Freiraum geschrieben, viel darüber geredet. Es gab viele Menschen, die das Bedürfnis nach einem Raum, der nicht den marktwirtschaftlichen Zwängen unterliegt, hatten und so manch eine/r plante in Kleingruppen die Besetzung. Doch alles zerstreute sich wie Herbstlaub im Wind. Aktuell wurde es, als jemand an einem trüben Samstagabend erfuhr der Abriss der alten ARGE beginne mit Donnerstag dem 3. März 2006.“

Hausbesetzungen hatten in Österreich – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern – leider nie eine große Tradition. Umso verwunderlicher, dass gerade in der kulturkonservativen Mozartstadt Salzburg zur Zeit eine erfolgreiche Besetzung in der „alten“ ArgeKultur läuft. Da das Thema außerhalb von Salzburg kaum Schatten wirft, wollen wir hier einen kurzen Überblick verschaffen – die kursiv geschriebenen Passagen wurden der Homepage der BesetzerInnen bzw. von IndymediaAustria entnommen.

Geschichte und Chronologie:
Dreißig Jahre nach der Besetzung des Petersbrunnhof in Salzburg und fast zwanzig Jahre nach der Eröffnung des Kulturgelände Nonntal erhält die ArgeKultur, Salzburgs bekannteste Alternative zu Mozart, Karajan und Getreidegasse, endlich ein neues Gebäude. Ein notwendiger und erfreulicher Schritt. Die „alte Arge“ soll dafür abgerissen werden. Doch soweit kommt es nicht: Kurz vor dem Abbruchtermin besetzt am 24.2.2006 eine erstaunlich heterogene Gruppe junger Menschen („Kulturaktivist- Innen und FreiraumsympahtisantInnen“) das Haus. Und nicht nur das – sie stellt Forderungen an die Politik – mitten im Mozartjahr! Seitdem ist die alte Arge besetzt – sowohl physisch als auch kulturell und inhaltlich: Junge Menschen nutzen den ungewohnten Freiraum in Salzburg als Kreativwerkstatt, Dancefloor, Konzerthalle und Diskursraum.

Warum die Besetzung – was wollen die überhaupt:

Salzburgs freie Kultur scheint erstarrt. Die ArgeKultur leistet wichtige Arbeit, ist aber einerseits institutionalisiert und kann andererseits auch beim besten Willen nur einen kleinen Teil des kulturellen Hungers stillen. „Viele, vor allem junge Kulturschaffende können sich nur mehr schwer mit dem Selbstverständnis und den Möglichkeiten der heutigen ArgeKultur identifizieren.“ Andere Freiräume gibt es in der Tourismusstadt Salzburg kaum, und in letzter Zeit haben sich selbstorganisierte Aktionen mit der Forderung nach kulturellen Freiräumen gehäuft (zb „Reclaim The Park“). Die Besetzung soll verdeutlichen, „dass es in Salzburg Menschen sehr schwer gemacht wird, ihren kulturellen Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Unkommerzielle, künstlerische und soziale Projekte scheitern oft an den finanziellen Bedingungen. So wird der Zugang zu kulturellem und sozialem Leben vom Einkommen abhängig gemacht – für Tourismus, etablierte Kultur, traditionelles Brauchtum und Prestigeprojekte scheinen in Salzburg unbegrenzte Mittel zur Verfügung zu stehen. Ein Problem ist der eklatante Mangel an passenden Räumlichkeiten, welche unkompliziert und frei nutzbar sein könnten. Um das zu ermöglichen, sollten die nötigen Freiräume erkämpft werden.“

Dabei schätzt man die Bereitschaft von Öffentlichkeit und Politik durchaus realistisch ein, will diese aber auch nicht aus ihrer Verantwortung entlassen: „Durch unseren kreativen und lautstarken Protest gegen diesen Zustand wollen wir unserer Forderung nach neuen Freiräumen Nachdruck verleihen. Die Besetzung der leerstehenden ARGE war nur der erste Schritt und hat gezeigt, dass wir fähig sind, unsere Ideen effektiv in die Tat umzusetzen. Wir wollen nicht auf die große Politik warten, sondern bewegen die Dinge aus unserer eigenen Kraft heraus. … Wir fordern die Stadt Salzburg auf, uns bei der Schaffung freier und selbstverwaltbarer Räume entgegen zu kommen!“

Zur Zukunft der Besetzung:
Die Politik erklärt die Forderungen der BesetzerInnen für utopisch und unrealistisch. Dass die alte Arge abgerissen werden soll ist fix – dies zu verhindern scheint ob der bereits bestehenden Pläne zur weiten Nutzung des Geländes schwierig. Dies ist aber auch nicht unbedingt notwendig – die KulturaktivistInnen, die das Haus besetzt halten, fordern schließlich nicht die Erhaltung des Squats, sondern die Schaffung von Freiräumen und zumindest die Möglichkeit zur kulturellen Selbstbestimmung in Salzburg. Diesen durchaus legitimen Wunsch unterstützt auch die KUPF und wünscht den BesetzerInnen alles Gute. Wer sich intensiver mit den BesetzerInnen und ihren Anliegen beschäftigen möchte kann dies auf deren Homepage tun. Dort findet sich neben Presseaussendungen, einem FAQ und jeder Menge Infos auch ein Blog der SquatterInnen. Solidaritätserklärungen werden ebendort natürlich auch sehr gerne entgegen genommen.

http://sbg-freiraum.iwoars.net

außerdem:

www.argekultur.at
www.kultur.or.at
http://at.indymedia.org

Klemens Pilsl ist Vorstandsmitglied der KUPF und arbeitet in der KAPU.

Die ArgeKultur zur Besetzung ihres ehemaligen Gebäudes:
Grundsätzlich habe ich von den BesetzerInnen in keiner Pressekonferenz und in keinem der vielzähligen persönlichen Gespräche „Kritik am Kulturverständnis der ArgeKultur“ herausgehört bzw. verstanden. Vielmehr richtet sich die Kritik der BesetzerInnen gegen die Kultur- und Sozialpolitik, die gerade im Jugendbereich zu wenig offene Räume ermöglicht. Die Forderung nach offenen Räumen für Jugendkultur wird von den Kulturhäusern der Stadt, wie auch vom Dachverband der Sbg. Kulturstätten nur unterstützt. Die grundsätzliche zur Verfügungstellung von Räumen kostenlos, jederzeit und für Jederfrau bzw. Jedermann, erfordert das Konzept eines offenen Jugendkulturzentrums. In einem Kunst- und Kulturhaus wie z.B. der ArgeKultur wird nach inhaltlichen Konzepten und längerfristigen Termindispositionen gearbeitet bzw. nach behördlichen Auflagen und in finanziellen Rahmenbedingungen organisiert. Die ArgeKultur bietet für Jugendliche Veranstaltungen, Produktionsmöglichkeiten und Angebote im Kulturvermittlungsbereich. Diese Angebote unterliegen aber obengenannten Rahmenbedingungen. Die ArgeKultur arbeitet nicht nach einem Konzept eines offenen Jugendkulturzentrums.

Der Dachverband Salzburger Kulturstätten (eine Schwesterorganisation der KUPF) zur Besetzung:
Die Besetzung der alten ArgeKultur ist die erste derartige Aktion seit Jahren in Salzburg. Zwischen den Kulturstätten und den Besetzern gibt es aber keine Auseinandersetzungen – im Gegenteil: Die BesetzerInnen nehmen – so haben sie uns gesagt – die Angebote der Kulturstätten wahr, haben allerdings das Problem der „hohen Einheitspreise“ und wollen zudem selbst aktiv Kultur produzieren und veranstalten. In der neuen Arge gibt es für solche Aktivitäten zur Zeit keine freien Raumkapazitäten – die neue ArgeKultur kämpft zudem mit erheblichen Akustik-Problemen, was den dortigen Normalbetrieb schon erheblich einschränkt. Freier Raum – also Raum für selbstverwaltete Jugendarbeit ist aber in Salzburg kaum vorhanden. Einzelne Kulturstätten unterstützen die BesetzerInnen (etwa mit technischem Equipment, Kopiermöglichkeiten …), als Dachverband haben wir auch support angeboten – dieser wurde aber bislang nur zum Teil angenommen. Spannend wird die Frage nach der weiteren politischen Entwicklung. Die Forderung nach einem „selbstverwalteten“ Jugendzentrum (ohne Konsumzwang) kommt ja nicht nur von den BesetzerInnen, sondern wird auch immer öfters als Forderung von Salzburger Jugendlichen gestellt.

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Die Hand, die eineN füttert

Der Staat als kulturfördernde Instanz. Eine Rezension

 

von Klemens Pilsl

Lediglich 0,65 % (2003) ihrer Gesamtausgaben gibt die selbsternannte Kulturnation Österreich mittels Bundesförderung für Kunst und Kultur aus. Davon wiederum fließt der Löwenanteil an die großen Institutionen (die ihre Roots nicht selten noch in der K&K-Zeit haben: Albertina, Hofreitschule, Staatsoper, …) und in einige Großevents. Lediglich ein Bruchteil bleibt für einen kleinen Rest anderer SubventionsnehmerInnen, u.a. nichtinstitutionalisierte Kunst, Freie Szenen etc. Das Meiste ist also der Erhaltung des „kulturellen Erbes” und damit der Präsenthaltung kultureller Identität gewidmet, das Wenigste der Infragestellung, Weiterentwicklung oder gar Neuschaffung einer solchen.

Dennoch ist der Staat ein wichtiger, möglicherweise sogar der signifikanteste Akteur des österreichischen Kunst- und Kulturbetrieb. Nicht nur als Mäzen, auch als Eigentümer vieler Kulturbetriebe. Das vorliegende Buch aus dem Dunstkreis des Instituts für Kulturmanagement und -wissenschaft (IKM) sowie der Forschungsgesellschaft für kulturökonomische und kulturpolitische Studien (FOKUS) befasst sich intensiv und grundsätzlich mit der Thematik der staatlichen Kunstförderung. Und stellt sehr prinzipielle Fragen: Ist staatliche Kulturförderung überhaupt gerechtfertigt? Kann eine solche überhaupt gerecht sein? Oder demokratisch? Und was heißt überhaupt „Gerechtigkeit” oder „Demokratie”? Oder gehören kulturelle und demokratische Partizipation ohnehin zusammen wie siamesische Zwillinge, ist staatliche Kulturförderung für eine demokratische Republik also unumgänglich?

Sieben Aufsätze von acht AutorInnen behandeln das Thema intensiv und beinahe unbarmherzig. Jenseits blauäugiger Apelle an die Kulturpolitik werden im ersten Teil des Buches grundlegende Begrifflichkeiten, Definitionen und Ideensätze entwickelt sowie die „prozeduale Gerechtigkeit” staatlicher Förderpolitik behandelt, während sich der zweite Teil vor allem der materiellen Gerechtigkeit österreichischer Kulturförderung widmet. Ein streng wissenschaftliches Buch (und in dieser Hinsicht sehr gelungen!), aber Obacht: Beim mühsamen Schreiben von Anträgen und dem langweiligen Ausfüllen von Förderverträgen hilft das Buch nicht. Wer aber den Ursachen dieser Plagen und dem subjektiven Empfinden, dass da irgendwo ein Haken im System liegt, auf den Grund gehen will, liegt goldrichtig.

Klemens Pilsl ist im Vorstand der KUPF und Geschäftsführer der KAPU.

Tasos Zembylas/ Peter Tschmuck (Hg.): Der Staat als kulturfördernde Instanz 174 Seiten Studien Verlag Innsbruck 2005 ISBN: 3706541416 EUR 19,90

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Zuwachs

Klemens Pilsl und Eva Immervoll sagen freundlich „Willkommen“ zu den neuen Mitgliedsinitiativen.

 

So flexibel und undogamatisch die KUPF auch in weiten Teilen ihrer Arbeit scheint – die Liturgie einer KUPF-Jahreshauptversammlung ist im Wesentlichen unumstößlich. So gehört das Aufnehmen (oder auch Ablehnen) neuer Mitgliedsinitiativen zum jährlichen Prozedere wie das „Prost” zum Bier. Auch auf der heurigen Versammlung in Lambach beantragten sechs Initiativen ihre Aufnahme in die KUPF, alle sechs Anträge wurden von den Deligierten der KUPF-Vereine mit absoluter Mehrheit angenommen. Schließlich profitieren nicht nur die neuen Vereine vom Know-How der KUPF, auch umgekehrt profitiert die Kulturplattform von einer möglichst breiten und bunten Basis und neuen Perspektiven. Und nicht zuletzt stärkt ein breiter Rückhalt in der OÖ. Kulturszene auch die Legitimation der KUPF gegenüber ihren VerhandlungspartnerInnen. Dieser Artikel soll unsere sechs neuen Mitglieder kurz vorstellen. Wir freuen uns über den Zuwachs und sagen freundlich „Willkommen!”.

justasirisdid
JustAsIrisDid ist zugegeben ein eigenartiger Name: die sich aufdrängende Frage nach eben jener Iris („Who the ***** is Iris?”) scheint aber trotz Nachbohren bei den NamensgeberInnen leider nicht beantwortbar. Eine Iris gibt’s in den Reihen der Initiative jedenfalls nicht. Dafür gibt’s aber zum Beispiel eine Doris, und die ist Checkerin und eine der AktivistInnen dieses jungen Vereins, der sich vor allem um musikalische Subversion in seiner direkten Umgebung (Pregarten) bemüht. Wobei es sich eben diese Umgebung und die Initiative gegenseitig nicht leicht machen: Erstere geizt mit Locations, Zweitere schwört auf laute Rockmusik vollgestopft mit radikaldemokratischen Inhalten. Ein naturgemäß schwieriges Verhältnis, das den Verein Zeit seines Bestehens (so um die zwei Jahre) zum Ausweichen auf Räumlichkeiten außerhalb der Homebase-Gemeinde zwingt. Was aber letztendlich auch den Network-Gedanken stärkt und Freundschaften, etwa zu den KollegInnen von WOAST, bringt. Um die düsteren Tage ohne Location etwas abzukürzen haben JustAsIrisDid unlängst ihren ersten Sampler produziert, vollgepackt mit internationalen Hardcoreacts der oberen Qualitätsliga, von denen einige auch schon selbst zu Gast bei Vereinsveranstaltungen waren. Und brauchen sich mit dem Ergebnis nicht verstecken… da haben schon renommiertere Labels weniger Gutes geboten. Und was besonders schön ist: Produktion und Vertrieb passieren in der alten Punkrock-Tradition des Do- It-Yourself. Sogar die Cover sind selber gemacht. Und sie sind wunderschön!

www.justasirisdid.at

Funkenflug- Kremstaler Kulturinitiative
Im Büro der KUPF hängt eine OÖ Karte, in der alle Mitgliedsvereine, die mit einer kleinen, gelben Stecknadel markiert sind. In der Region Kremstal sah es bis vor der Jahreshauptversammlung einsam aus – kein KUPF-Mitgliedsverein weit und breit. Cultural desert im Kremstal? Das hat sich aber mit der Aufnahme des Vereins Funkenflug nun geändert. Der Funke flog dort schon einmal. Aber wie das bei Funken manchmal so ist, verglühen sie nach einiger Zeit und so gab es bei diesem Verein eine Pause von 10 Jahren. Nach diesem Aus haben nun 2004 eine Handvoll junger Leute beschlossen nicht nur den Namen des alten Vereins wieder zu beleben, sondern gleich die Regionen Kirchdorf und Micheldorf dazu. Hier gibt es Rock, Schrottrock, Vernissagen, … und das alles für vornehmlich Menschen unter 30 zu „leistbaren Eintrittspreisen”. Jawoll. Außerdem wurde ein KünstlerInnenpool eingerichtet, wo z.B. auch MaultrommelspielerInnen vermittelt werden – denn, – so durften wir erfahren – hat das Maultrommelspielen in dieser Region eine lange Tradition. Hier saust ein Kulturfunke in eine Region, der richtig schön schmort und das Kulturherz hoffentlich gut warm hält.
mailto:funkenflug@kremstalnet.at

PANGEA
Pangea ist für die KUPF keine Unbekannte: Etliche Beiträge in der KUPF-Zeitung bzw. im KUPF-Radio drehten sich bereits um diese bemerkenswerte Linzer Initiative, die im Spannungsfeld von Kultur- und Sozialarbeit agiert. Pangea geht aus einem Projekt des KUPF-Mitgliedvereins MEDEA hervor und ist erst seit 2005 ein eigenständiger Verein. Herzstück der Arbeit ist die multikulturelle Medienwerkstatt in der Linzer Marienstraße, in der sich junge MigrantInnen, Asylsuchende und ÖsterreicherInnen begegnen. Die Medienwerkstatt bietet für ihre BesucherInnen offenen Zugang zum Internetz und entwickelt mit ihnen kulturpolitische und künstlerische Projekte. Pangea ist eine offensiv antirassistische Initiative, die Menschen unabhängig ihrer geographischen, ethnischen oder sozialen Herkunft verbindet. Trotz eines unübertrefflich hohen Grades der Selbstausbeutung der MitarbeiterInnen, trotz Sparsamkeit an allen Ecken, trotz Verwendung lizenzfreier Software (z.B. Linux) steht der Verein permanent vor dem Bankrott. MitarbeiterInnen wurden auch schon zeitweise entlassen, da sie nicht mehr bezahlt werden konnten. Trotz etlicher Preise, Anerkennungen und offensichtlich ebenso erfolgreicher wie notwendiger Arbeit weigerten sich die zuständigen Subventionsgeber hartnäckig, die Leistungen von Pangea an zu erkennen und sie dementsprechend zu fördern. Erst in jüngster Zeit gelang es Pangea, Gelder von Stadt und Land für die mittelfristige Stabilisierung des Vereins zu erkämpfen. Die KUPF wird Pangea in ihrem weiteren Vorgehen jedenfalls tatkräftig unterstützen und hofft auf eine Stabilisierung der Verhältnisse über das Jahr 2006 hinaus.
www.pangea.at

tool
Aus dem Innviertel kommen die Elektroheads von tool. Der Rieder Verein hat seit seiner Gründung im Jahr 2002 beinahe 6.000 BesucherInnen mit qualitativ hochwertiger, internationaler und österreichischer Gegenwartskunst begeistern können. Wobei die tool-Crew zumeist gezwungen ist, ihre Acts außerhalb der Heimatgemeinde zu präsentieren – meist bietet der Schl8hof Wels die zuhause nicht gegebene Veranstaltungsmöglichkeit. Ein besonderes Anliegen des Vereins ist es, jungen KünstlerInnen (meist MusikerInnen) die Chance zu geben, sich öffentlich vorzustellen und zu präsentieren – oft in Zusammenarbeit mit renommierten Kulturvereinen (Schl8hof Wels, Kunst im Keller Ried, … usw.). Was natürlich den Austausch und das gegenseitige Verständnis dieser KUPF-Mitgliedsvereine fördert. Programmatisch präsentiert tool vor allem Beats und Elektrosounds: neben dem regelmäßigen Tekk-Club subzone entspringt auch das jährliche Goa-Festival moonsun der Rieder Initiative. Aber auch das Konzertformat oder die jamaikanische Dancehall werden gelegentlich bedient … engstirnige Scheuklappen gibt´s da keine. tool trägt somit bei zur Vernetzung der oft stilistisch (Acid- Hardcore vs. Fahrstuhl-House) und inhaltlich (FreeTekk vs. Kommerzrave) zerstrittenen FreundInnen elektronischer Musik, wobei die Sympathien immer dem selbstorganisierten Underground gelten. Gut so!
www.verein-tool.com

SPACEFfemFM
Das SPACEfemFM-Frauenredaktionsteam sendet seit fünf Jahren dreimal monatlich eine Stunde Programm bei Radio FRO. SPACEfemFM ist aber mehr als nur ein Sendungsname, es ist ein Raum im Äther, der allen Frauen offen steht. Unter dem Motto Frauenräume / Frauenthemen / Frauenstimmen kann hier jede Radio machen. Derzeit verbergen sich hinter der Sendung sieben Frauen (darunter die neue KUPFVorstandsfrau Susanne Wiesmayr), die unterschiedliche Jobs, unterschiedliche Schwerpunkte und unterschiedliche Interessen haben. Die bisher behandelten Themen reichen von Frauen in interkulturellen Partnerschaften, Frauenvernetzungsstellen, Buchpräsentationen zu Frauenthemen bis hin zu Frauenportraits oder Genitalverstümmelungen. Zumindest einmal pro Monat gibt es ein Redaktionstreffen von SPACEfemFM, bei dem Themen, Daten, Verantwortlichkeiten festgelegt werden. Die Sendungen werden mittlerweile in ganz Österreich gehört, ebenso bemüht sich SPACEfemFM um die Austrahlung anderer österreichischer Frauen-Radiosendungen. Wichtiger Arbeitspunkt sind die Radiofeatures: Hauptdarstellerinnen dieser sind Künstlerinnen-Persönlichkeiten aus Österreich, die in verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen (Literatur, Bildende Kunst, Medien, Musik, etc. …) arbeiten. Inhaltlich sind die KünstlerInnen-Portraits auf die Gesamtpersönlichkeit „Künstlerin” konzipiert: mehrere Gestaltungselemente (Interview mit der Künstlerin, Interview mit Personen, die das Werk der Künstlerin kennen, Fremdtexte, Literatur-Ausschnitte, etc. .., Jingles, Toncollagen und Musik) prägen den Rhythmus der Radiofeatures.
mailto:spacefemfm@fro.at

GUK

GUK ist die Abkürzung für „Gemeinnütziger Ungenacher Kulturverein”. Und Ungenach liegt im Hausruckviertel – an den südlichen Ausläufern des Hausruckwaldes, etwa 6 Kilometer von Vöcklabruck entfernt. Eine klassische OÖ. Kleingemeinde mit 1.349 EinwohnerInnen (zumindest war das 1999 so). Sieht man sich Fotos von der Gemeinde an, mutet alles sehr idyllisch. Aber bei genauerer Betrachtung entdeckt man, das hier irgendetwas anders ist. So z.B. das Wappen von Ungenach: eine gelbe Kröte unter einer Sonne? Außerdem ca. 10 UngenacherInnen, die 2005 beschlossen, einen verwaisten Kulturverein zu adaptieren und neu zu beleben. Gesagt getan. Oberstes Credo: keine Veranstaltungen einkaufen, sondern selbst produzieren, Bezug nehmen auf das Vorhandene und den Bezug zur Umgebung suchen! So sollen bei der Landesausstellung in Ampflwang große schwarze Figuren unter dem Titel „Schichtwechsel” rechts und links der Straße nach Ampflwang aufgestellt werden um auf die ehemaligen Bergleute hinzuweisen, die nach Ampflwang „in die Schicht” gingen. Oder ein Filmprojekt zum Thema Schweigen, welches in Ungenach Grossflächig projiziert wird. Unter dem Namen „LandArt” wird mit Mist bzw. Misthaufen gearbeitet. Aber mehr wird hier noch nicht verraten.
mailto:panhofer@ungenach.at

Klemens Pilsl ist im Vorstand der KUPF und Geschäftsführer der Kapu/Linz.

Eva Immervoll ist Geschäftsführerin der KUPF – Kulturplattform OÖ.

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Der Laden – Langversion des Interviews

Lesen Sie hier die Langversion des Interviews nach, das Klemens Pilsl mit dem Infoladen Wels geführt hat. Eine gekürzte Print-Version erschien in der KUPFzeitung #121

Seit 2004 ist der Infoladen Wels Mitglied der KUPF – und hebt sich organisatorisch wie inhaltlich deutlich von sonstigen Initiativen ab. Infoläden sind seit den frühen 1980ern ein europaweites Phänomen und im Kern politische Anbieter und Vertriebe für alternative Medien und radikale Informationen abseits des Mainstream. Und weil auch die KUPF sich manchmal irrt, hat sie sich anläßlich des 10-Jahre-Jubiläums des Infoladen Wels mit einem Portrait desselben beauftragt – obwohl´s ja eigentlich noch ein Jahr dauern wird. Egal: 9 Jahre sind auch schon viel und Klemens Pilsl, selbst ehemaliger Infoladi aus Linz, hat trotzdem gerne ein Interview geführt.

Das Interview (09.Mai 2007) mit Mäxx vom Welser Infoladen fand im Internet statt. Eine gekürte Version ist nachzulesen in der KUPF-Zeitung 121/07 oder [hier|

Hi! Erzählt mir doch am Anfang ein wenig über die Geschichte und Motivation des Infoladen Wels.

Der Infoladen Wels wurde 1998 gegründet, das erste Vereinslokal befand sich passenderweise in der Karl-Loy-Straße (Loy war in der „Welser Gruppe“ aktiv, einer Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus). Damals wie heute war der Infoladen Treffpunkt für unterschiedlichste politische AktivistInnen. Schwerpunkte waren zu dieser Zeit die Antifa-Arbeit (in den 1990ern gab es auch in Wels ein sehr starkes Neonaziproblem), Burggartenbesetzungen und auch Tierrechte (damals waren einige VeganerInnen beim Infoladen aktiv, die u. a. Demos gegen Zirkusausstellungen organisiert haben). Die Motivation war seit jeher, erstens einen Treffpunkt abseits von Konsumwahn und -zwang anzubieten und zweitens politische Informationen abseits der Mainstreammedien in Form von Büchern, Flugblättern und Broschüren anzubieten – zu Themen wie Antifaschismus, Feminismus, Kapitalismuskritik, Nationalsozialismus uvm.

Und wie sieht eure Struktur aus? Wieviele Menschen arbeiten aktiv mit, wie vielen dient der Laden als Anlaufstelle? Wie schaut die Geschlechterstreuung aus? Wie trefft ihr Entscheidungen? Warum seid ihr als Verein organisiert? Und wie kommt ihr zur Buchhandlung?

Die Zahl der Leute, die beim Infoladen aktiv sind, ändert sich laufend. Im Laufe der Jahre haben viele Menschen in irgendeiner Form mitgemacht, manche haben sich rasch wieder verabschiedet, manche sind länger geblieben, einige vom „Urgestein“ der Infoladen-Gründung im Jahr ’98 sind aber noch übrig. Leider „verlieren“ wir immer wieder AktivistInnen dadurch, dass sie nach Wien ziehen, um dort zu studieren. Im Moment sind rund 10 Personen beim Infoladen aktiv, der „Ladn“ dient vor allem Menschen als Anlaufstelle, die einen gemütlichen Aufenthaltsort in unserer durchkommerzialisierten Gesellschaft suchen, die etwas gegen Faschismus und Rassismus machen möchten, die Subkulturen (Punk, SHARP-Skins usw.) angehören etc. Leider sind es nur wenige Menschen, die sich kritisch mit den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzen möchten. Was die Geschlechterstreuung betrifft, ist es erfreulicherweise so, dass – im Gegensatz zu vielen anderen linken Projekten und Gruppen – auch sehr viele Frauen bei uns aktiv sind. Seit einigen Monaten gibt es sogar eine eigene Frauengruppe innerhalb des Infoladens, die eigene Veranstaltungen (Vorträge, Frauenfeste etc.) durchführt (interessierte Frauen sind jederzeit willkommen). Entscheidungen werden grundsätzlich im Plenum getroffen, d. h. wir versuchen, Konsensentscheidungen zu wichtigen Fragen zu treffen. Von Mehrheitsentscheidungen halten wird wenig. Wir haben einen Verein gegründet, um uns im gesetzlichen Rahmen zu bewegen, auch bietet es etwa beim Veranstalten von Konzerten Vorteile. Das Buchhandelsgewerbe wurde gegründet, um jedes im Handel erhältliche Buch bestellen zu können. Vorher konnten wir nur bei linken Verlagen bestellen, die auch an Vereine, die kein Buchhandelsgewerbe haben, Bücher zum rabattierten Preis liefern.

Eure bekanntesten Aktivitäten sind die „Burgartenbesetzungen“ und eure Antifa-Arbeit, vor allem zum BFJ . Könnt ihr die beiden Themen und eure Position und Aktivitäten kurz erläutern? Und was macht ihr sonst noch?

Die Burggartenbesetzungen werden seit 1997 durchgeführt, um gegen das im Welser Burggarten herrschende Alkohol- und Rasensitzverbot zu demonstrieren. Seit damals haben wir unzählige symbolische Sit-Ins (untermalt mit musikalischen und kulinarischen Genüssen) durchgeführt. Es geht uns hier aber nicht nur um den Burggarten, sondern generell um eine Ablehnung der Politik der Verbote. Es ist unserer Meinung nach zu einfach, missliebige Personen wie alkoholisierte Jugendliche, Obdachlose usw. durch Verbote aus der Öffentlichkeit zu verdammen. Damit werden lediglich Probleme verdrängt anstatt sie zu lösen. Wie die aktuelle Diskussion um Alkoholverbote (für Jugendliche) zeigt, sind diese Burggartenbesetzungen nach wie vor aktuell! Wir wollen mit den Besetzungen auch Stellung beziehen gegen miserable Wohnbedingungen (Stichwort: „Wohnsilos“), Videoüberwachung, Law-and-Order-Politik. Hingegen treten für menschenwürdige Lebensbedingungen mit natürlich belassenden, frei verfügbaren Freiräumen (ohne Beton) sowie für eine sinnvolle Nutzung von vorhandenen Immobilien ein. In Wels stehen etwa unzählige Geschäftslokale und Gebäude seit Jahren leer, während Tausende auf Wohnungssuche sind.

Der „Bund freier Jugend“ (BFJ) ist – wie ja bekannt ist – eine oberösterreichische Neonazibewegung, die seit etwa 2002 aktiv ist. Wir haben seit dieser Zeit zusammen mit anderen AntifaschistInnen die Aktivitäten dieser Gruppierung verfolgt und haben auch versucht, diese aufzuzeigen. Auch haben wir versucht, auf die großteils stillschweigende Toleranz von Politik, Behörden und Polizei gegenüber diesen Leuten hinzuweisen. In Zusammenhang mit dem BFJ wurde neuerlich bestätigt, dass es besonders bei Jugendlichen ein nicht unwesentliches Potential für rechtsextremes Gedankengut gibt. Der BFJ hat etwa im März 2006 in Ried/Innkreis eine Demonstration mit rund 150 TeilnehmerInnen durchgeführt – vorwiegend Jugendliche. Auch nachdem vor kurzem drei führende Kader verhaftet worden sind, bleibt die Naziorganisation weiter aktiv. Im Internet wird zu Spenden aufgerufen, auch Aufkleber wurden großflächig etwa in Wels, Linz und Salzburg verteilt.

Die meisten österreichischen Läden arbeiten stark szenereferentiell und haben keine bis wenig Relevanz außerhalb ihrer Kultur – was ja auch wichtig sein kann. Der Welser Laden unterschiedet sich da stark. Ihr betreibt eure Buchhandlung sehr offensiv, ihr beschäftigt euch öffentlichkeitswirksam mit Neonazi-Strukturen in OÖ, gebt Interviews für die Mainstream-Presse usw. Was ich by-the-way alles recht gut finde; kle Was sind da eure Beweggründe, warum unterschiedet ihr euch doch recht deutlich von anderen Läden?

Wir wollen ganz einfach kein „linker Diskutierzirkel“ sein, der von Selbstbeweihräucherung lebt und – abgekapselt und unbeachet von der restlichen Welt – ein stilles Dasein führt. Wir nützen die vorhandenen Medienstrukturen für unsere Zwecke und versuchen, unsere Positionen zu verbreiten. Vielleicht liegt unser Verständnis eines Infoladens auch an der schwierigen Ausgangsposition für einen solchen in einer Provinzstadt wie Wels. In Großstädten wie Wien oder Graz gibt es sozusagen ein linkes Stammpublikum, das einen Infoladen besucht. In Wels ist es schon schwieriger, Gleichgesinnte zu finden. Aus diesem Grund betreiben wir mit unserem Infoladen und der Buchhandlung ein sehr offenes Konzept und haben auch keine Berührungsängste, etwa mit Gruppen zusammenzuarbeiten, die nicht unbedingt aus dem linksradikalen Spektrum kommen, etwa ATTAC oder der Grünalternativen Jugend.

Wie ist euer Verhältnis zu den anderen Infoläden in Österreich? Gibt es da manchmal Spannungen – z.B. weil Leute vom Infoladen Gespräche mit der Polizei führen?

Das Verhältnis zu den anderen Infoläden ist sehr gut, es gibt auch regelmässige Vernetzungstreffen, bei denen mensch sich austauscht. Spannungen gibt quasi nie. Vor einiger Zeit ist das von dir angesprochene Gerücht kursiert, dass der Infoladen Wels mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeitet. Dieses Gerücht ist vermutlich aus zwei Ereignissen entstanden. Einmal haben wir bei einem der jährlich veranstalteten Treffen des BFJ („Tag der volkstreuen Jugend“) versucht, den Treffpunkt herauszufinden (Die Zeitschrift „Profil“ berichtete darüber). Wir haben dazu mehrere Teams in Autos organisiert, die den Nazis nachfahren sollten. Wenn wir dies nicht mit der Polizei abgesprochen hätten, wäre diese Aktion unmöglich gewesen. Bei einer Veranstaltung im Infoladen Wels zum Thema „Irak“ ist es einmal zu einem Gespräch eines Infoladen-Mitglieds mit einem anwesenden Staatspolizisten gekommen, was auf andere anwesende offensichtlich befremdend gewirkt hat. Grundsätzlich ist zu sagen: Es gibt keinerlei Zusammenarbeit zwischen dem Welser Infoladen und der Polizei und auch keinerlei Informationsweitergabe 😉

Das Konzept Infoladen existiert ja seit den beginnenden 1980ern, damals war der Hauptanspruch noch, Informationen abseits der herrschenden Kanäle und Medien zu vertreiben. Ist das heute, wo jeder Bahnhof-Shop linksradikale Lektüre verkauft und das Internet alle möglichen und unmöglichen Infos zur Verfügung stellt, noch zeitgemäß? Hat sich da das Konzept nicht ein wenig überlebt und wirkt inzwischen altmodisch? Natürlich haben Infoläden abseits der propagandistischen Kernfunktion noch eine soziale Funktion, aber für die bräuchte man ja keinen Infoladen …

Es ist offenbar tatsächlich etwas aus der Mode gekommen, sich ein Buch oder ein Flugblatt in die Hand zu nehmen. Wenn ein Buch gekauft wird, dann häufig über einen Internetanbieter, das merken wir leider auch bei unserem Buchverkauf. Wir denken nicht, dass sich das Konzept des Anbietens alternativer Medien überlebt hat. Die Mainstreammedien bewegen sich in einem Spektrum von linksliberal bis rechtsaußen, wirklich linke Tageszeitungen gibt es in Österreich etwa nicht. Auch das Buchangebot in üblichen Buchhandlungen zu diesem Thema ist nicht gerade überwältigend (Mal abgesehen von Büchern von Autoren wie Moore oder Chomsky). Insofern ists wohl sehr gut, dass es Infoläden gibt, wo eine Fülle von linker, kapitalismus- und gesellschaftskritischer Literatur und auch die entsprechende „kompetente Beratung“ angeboten wird. Auch die Funktion eines Infoladens als „Oase“ abseits der glitzernden, vollklimatisierten Einkaufspassagen an den Stadträndern ist nicht zu unterschätzen. Wenn das Innenstadtsterben in Wels so weiter geht, sind wir bald das alteingesessenste Geschäft in der Innenstadt. 😉

Eine andere Kritik haben die Dead Kennedys recht charmant in ihrem Song „Anarchy for sale“ umschrieben: ist es möglich, mit dem Verkauf von popkulturellen Polit-Accessoires (Buttons, Batches, …) und fairgehandeltem Kaffee kapitalistische Verwertungslogiken zu sprengen? Oder dient man nicht vielmehr als Speerspitze für einen „sozialen Kapitalismus“, bei dem die ehrenamtlichen VerkäuferInnen nicht mal Lohn erhalten und noch stolz darauf sind? Und bietet man damit nicht die Möglichkeit für Konsum ohne Gewissensbisse für selbsterklärte Politkids?

Wir machen uns da nicht die Illusion, dass wir mit dem Verkauf von Büchern, T-Shirts, Buttons etc. die kapitalistische Gesellschaft umkrempeln können. Die Einnahmen aus dem Verkauf dieser Sachen dienen rein der Finanzierung des laufenden Betriebs, unserer Veranstaltungen und Aktionen und um neue Literatur ankaufen zu können. Die Leute, die bei uns als „VerkäuferInnen“ ehrenamtlich hackeln, machen das aus Überzeugung und weil sie Wissen, dass das Geld einem guten Zweck zu kommt. Wir denken halt auch, dass es innerhalb des Kapitalismus (fast) unmöglich ist, sich diesem System völlig zu entziehen, schließlich muss jede/r von irgendwas leben. Insofern ist es wohl auch falsch, Gewissensbisse beim Kauf eines Produktes zu haben, egal ob im Infoladen oder woanders.

Die Grenzen zwischen rinks und lechts verschwinden zunehmend: Faschisten tragen Pali-Tücher und lesen Karl Marx, gestandene „Linke“ fordern die Auflösung Israels und Nazis tätowieren sich Che-Guevare-Portraits auf den Unterarm. Sieht sich der Infoladen Wels als „links“, oder gar als „linksradikal“? Oder sind das abgelaufene Etiketten ohne Aussagekraft, konservative Floskeln einer Moderne, die längst versagt hat?

Wir sehen uns als linksradikal, insofern wir die Gesellschaft von Grund auf zu einer besseren Welt verändern möchten. Momentan ist es „in“, sich in der Mitte zu positionieren, wohl um ja nirgends anzuecken. Die „Mitte“-Politik, wie sie etwa von SPÖ und ÖVP propagiert wird, entpuppt sich aber nicht selten als ziemlich rechts im Sinne von immigrationsfeindlich, neoliberal usw.

Auf eurer Homepage finden sich viele Hinweise und Texte zu Anarchismus. Ist das eine wichtige Ideenlehre für Euch? Ist die Forderung nach einer unmittelbaren und sofortigen „anarchistischen Welt“ angesichts der globalen Situation verantwortbar?

Unser Grundverständnis ist bestimmt ein anarchistisches, d.h. wir lehnen eine Vertretung der Menschen durch korrupte PolitikerInnen, die Teil der kapitalistischen Gesellschaft sind, ab. Wir treten für direkte Demokratie und Selbstbestimmung abseits von kapitalistischer Verwertungslogik ein. Uns ist jedoch auch klar, dass der Gedanke an eine anarchistische Gesellschaft sehr utopisch ist, die meisten Menschen dafür auch nicht bereit sind. Aus diesem Grund sind wir auch dafür, die alltäglichen Ausbeutungen, Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten (innerhalb des kapitalistischen Systems) zu beseitigen bzw. zu beenden, ohne dabei jedoch auf eine grundsätzliche Kapitalismuskritik zu vergessen. Mit einer rein reformistischen Politik a la Besteuerung von Spekulationsgewinnen geben wir uns nicht zufrieden.

 

Jetzt wieder retour vom Großen zum Kleinen: der Infoladen Wels ist seit 2004 bei der KUPF. Wie kommt eine Politorganisation mit Buchhandlung zur KUPF? Wie ist euer Verhältnis zur KUPF?

Gegenüber Bündnissen sind wir generell positiv gesinnt, weil wir denken, dass mensch vereint mit anderen Gruppen und Vereinen mehr erreichen kann. Auch unser Bekanntheitsgrad wird dadurch gefördert. Zur KUPF haben wir ein sehr gutes Verhältnis, sie hat uns beispielsweise (zusammen mit einem Steuerberater) dabei geholfen, ein geniales Konzept für unser Buchhandelsgewerbe zu entwerfen, das in Österreich wohl einmalig ist und sehr viele Vorteile für unser politisches Projekt bringt.

Und die obligate Abschiedsfrage: habt ihr Zukunftspläne? Wie geht’s weiter mit Euch?

Natürlich haben wir Zukunftspläne. Nachdem unsere „Lieblingsfeinde“ vom BFJ nun vermutlich für einige Zeit auf Eis gelegt werden, haben wir Zeit, uns neben antifaschistischen Themen auch anderen Dingen zu widmen. Wie bisher wollen wir subkulturelle Konzerte (Ska, Punk etc.) veranstalten, die Frauengruppe plant weitere Vortragsveranstaltungen und Feste, auch ansonsten wird es weiterhin Vortragsveranstaltungen zu diversen interessanten Themen geben. Wir möchten uns mehr mit der Lokalpolitik in Wels auseinandersetzen. Diese machte ja in letzter Zeit durch eine beispiellose Hetze gegen MigrantInnen auf sich aufmerksam. Auch der Lebenssituation in der Stadt Wels und der Kritik an untragbaren Wohnbedingungen oder überhaupt fehlenden Wohnraum wollen wir unsere Aufmerksamkeit widmen. Der Erfolg des Projektes Infoladen hängt natürlich von den AktivistInnen ab. Interessierte Leute sind bei uns jederzeit gerne willkommen!

Danke für das Interview!

Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Infoladen
http://www.infoladen-wels.at
http://treibsand.servus.at
http://www.infoladen.at

Klemens Pilsl arbeitet in der KAPU/Linz ([www.kapu.or.at|http://www.kapu.or.at)

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Rendezvouz with anus

Keine Ahnung, was Turbonegro und Turbojugend zu bedeuten hat? Klemens Pilsl hat für Sie nachgelesen.

Was haben Jello Biafra, das Ox-Zine und Uta Heuser gemeinsam? Sie halten Turbonegro für die beste Band aller Zeiten. Die skandinavische Rockcombo gilt als skandalträchtig und hat es geschafft, sowohl auf die Todeslisten norwegischer Neonazis als auch Auftrittsverbote in den meisten europäischen Squats zu bekommen, sowie sich auch sonst mit allem und jedem anzulegen. Zudem verfügen sie mit der Turbojugend über den beeindruckendsten globalen Fanclub seit dem Tupperware- Movement. Uta Heuser versucht in ihrem Werk Give me Friction, Baby! Turbonegro und die Turbojugend der Band und ihrem Fanclub auf die Schliche zu kommen.

Turbonegro sind popkulturelle Wunderwuzzis – einerseits auf dem klassischen Nährboden für Rockmusik (harte Mucke, harte Drogen, harte Lyrics) aufgewachsen, andererseits die ersten, die Faschoästhetik und linksradikalisierten Denim-Glam mit aggressiv-intellektueller Homo-Propaganda, Wilhelm Reich und dem Nietzsche’n Übermenschen verbinden. Dass so ein Konzept aufgeht, ist unwahrscheinlich, aber in der Kulturindustrie geschehen regelmäßig Zeichen und Wunder. Uta Heuser versucht, die Geschichte der Band und auch ihre Funktion zu untersuchen. Leider bleibt es beim gutgemeinten Versuch – der popinteressierte Mensch ebenso wie der die-hard-Fan erfahren zwar allerlei Informatives über die Hintergründe des Fakes, aber immer dann, wenn es spannend wird, ist das Kapitel zu Ende. Wie ist das genau mit dem offensiven Durchbrechen heterosexistischer Rockliturgien? Warum der angedeutete und durchaus clever gelungene Bezug zu Wilhelm Reich? Wie ist das, wenn die Rockidole im realen Leben Marktanalysten, Pizzabäcker und Filmhochschüler sind. Wo wird das durch Übertreibung dekonstruierte Klischee wieder zu einem neuen? Und: was ist mit der im Buchtitel genannten Turbojugend: soziologisch eigentlich höchst interessant wird das Thema bis auf ein paar Sauf- G´schichteln nicht erwähnt, die durchaus innovativen Strukturen der Jugend und ihr Ertrinken in der selbstgeschaufelten Schablone einfach verschwiegen. Interessant sind aber die vielen Interviews, durchaus amüsant die Weisheiten der Band („Wir sind weniger eine Band als ein ethische Grauzone”) und wie immer aufschlussreich die Bilder (remember „ass rocket”). Fazit: eine Fan-Biographie wie viele, nur statt um David Hasselhoff oder Helmut Khol geht´s hier um die beste Rockband der Welt. Schade. Aber durchaus amüsant zu lesen! Ach so: wer von dieser Rezension kein Wort verstanden hat ist einfach zu alt. Ich empfehle als Verjüngungskur und Einstieg das 1998er-Album der Band: „Apocalypse Dudes”.

Give me Friction, Baby! Turbonegro und die Turbojugend Taschenbuch von Uta Heuser Verlag: Reiffer, A; (April 2007) ISBN-10: 3934896669 Euro 19,90,-

Klemens Pilsl arbeitet in der KAPU/Linz (www.kapu.or.at).

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Der Laden

Ein Portrait zum fast 10jährigen Bestehen des Welser Infoladens von Klemens Pilsl.

Seit 2004 ist der Infoladen Wels Mitglied der KUPF – und hebt sich organisatorisch wie inhaltlich deutlich von sonstigen Initiativen ab.

Infoläden sind seit den frühen 1980ern ein europaweites Phänomen und im Kern politische Anbieter und Vertriebe für alternative Medien. Und weil auch die KUPF sich manchmal irrt, hat sie sich anläßlich des 10-Jahre-Jubiläums des „Laden“ mit einem Portrait desselben beauftragt – obwohl’s ja eigentlich noch ein Jahr dauern wird. Egal: 9 Jahre sind auch schon viel und Klemens Pilsl, selbst ehemaliger Infoladi aus Linz, hat trotzdem gerne ein Interview geführt.

Das folgende Interview vom Mai 2007 mit Mäxx vom Welser Infoladen fand im Internet statt und ist in seiner Gesamtheit leider zu lang für die Kupf-Zeitung.

Also – wer seid ihr? Erzähl doch ein bisschen.

Der Infoladen Wels wurde 1998 gegründet. Damals wie heute war der Infoladen Treffpunkt für unterschiedlichste politische AktivistInnen. Schwerpunkte waren zu dieser Zeit die Antifa-Arbeit, Burggartenbesetzungen und auch Tierrechte – damals waren einige VeganerInnen beim Infoladen aktiv, die u. a. Demos gegen Zirkusausstellungen organisiert haben. Die Motivation war seit jeher, einen Treffpunkt abseits von Konsumwahn und -zwang anzubieten und politische Informationen abseits der Mainstreammedien in Form von Büchern, Flugblättern und Broschüren anzubieten. … Leider verlieren wir immer wieder AktivistInnen, weil sie nach Wien ziehen, um zu studieren. Im Moment sind rund 10 Personen aktiv, der Laden dient vor allem Menschen als Anlaufstelle, die einen gemütlichen Aufenthaltsort in unserer durchkommerzialisierten Gesellschaft suchen, die etwas gegen Faschismus und Rassismus machen möchten. Leider sind es nur wenige Menschen, die sich kritisch mit den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzen möchten. Was die Geschlechterstreuung betrifft, ist es erfreulicherweise so, dass – im Gegensatz zu vielen anderen linken Projekten und Gruppen – auch sehr viele Frauen bei uns aktiv sind. Es gibt sogar eine eigene Frauengruppe innerhalb des Infoladens, die eigene Veranstaltungen durchführt. Entscheidungen werden grundsätzlich im Plenum getroffen, d. h. wir versuchen, Konsensentscheidungen zu wichtigen Fragen zu treffen.

Eure bekanntesten Aktivitäten sind die „Burggartenbesetzungen” und eure Antifa-Arbeit, vor allem zum BFJ (1). Könnt ihr die beiden Themen und eure Aktivitäten kurz erläutern?

Die Burggartenbesetzungen werden seit 1997 durchgeführt, um gegen das im Welser Burggarten herrschende Alkohol- und Rasensitzverbot zu demonstrieren. Seit damals haben wir unzählige symbolische Sit-Ins durchgeführt. Es geht uns hier aber nicht nur um den Burggarten, sondern generell um eine Ablehnung der Politik der Verbote. Es ist unserer Meinung nach zu einfach, missliebige Personen wie alkoholisierte Jugendliche, Obdachlose usw. durch Verbote aus der Öffentlichkeit zu verdammen. Wir wollen mit den Besetzungen auch Stellung beziehen gegen miserable Wohnbedingungen, Videoüberwachung, Law-and-Order-Politik. Wir treten für menschenwürdige Lebensbedingungen mit natürlich belassenen, frei verfügbaren Freiräumen sowie für eine sinnvolle Nutzung von vorhandenen Immobilien ein. Der „Bund freier Jugend” (BFJ) ist eine oberösterreichische Neonazibewegung. Wir haben zusammen mit anderen AntifaschistInnen die Aktivitäten dieser Gruppierung verfolgt und auch versucht, diese aufzuzeigen und auf die stillschweigende Toleranz durch Politik, Behörden und Polizei hinzuweisen. Auch nachdem vor kurzem drei führende Kader verhaftet worden sind, bleibt die Naziorganisation weiter aktiv.

Die meisten Läden arbeiten stark szenereferentiell – ihr unterschiedet euch da stark. Ihr betreibt eure Buchhandlung sehr offensiv, ihr beschäftigt euch öffentlichkeitswirksam mit Neonazi-Strukturen in OÖ, gebt Interviews für die Mainstream-Presse usw…

Wir wollen ganz einfach kein „linker Diskutierzirkel” sein, der von Selbstbeweihräucherung lebt und – abgekapselt und unbeachet von der restlichen Welt – ein stilles Dasein führt. Wir nützen die vorhandenen Medienstrukturen für unsere Zwecke und versuchen, unsere Positionen zu verbreiten. Vielleicht liegt unser Verständnis auch an der schwierigen Ausgangsposition in einer Provinzstadt wie Wels. In Großstädten wie Wien oder Graz gibt es ein linkes Stammpublikum. In Wels ist es schon schwieriger. Deswegen betreiben wir mit unserem Infoladen und der Buchhandlung ein sehr offenes Konzept und haben auch keine Berührungsängste, mit nicht-linksradikalen Gruppen zusammenzuarbeiten, etwa ATTAC oder der Grünalternativen Jugend. Das Verhältnis zu den anderen Läden in Ö ist sehr gut, es gibt auch regelmäßige Vernetzungstreffen.

Infoläden existiert ja seit den beginnenden 80ern, damals war der Hauptanspruch noch, Informationen abseits der herrschenden Kanäle und Medien zu vertreiben. Ist das heute, wo jeder Bahnhof-Shop linksradikale Lektüre verkauft und das Internet alle möglichen und unmöglichen Infos zur Verfügung stellt, noch zeitgemäß?

Es ist offenbar tatsächlich etwas aus der Mode gekommen, ein Buch oder ein Flugblatt in die Hand zu nehmen. Wenn ein Buch gekauft wird, dann häufig über einen Internetanbieter, das merken wir leider auch bei unserem Buchverkauf. Wir denken nicht, dass sich das Konzept des Anbietens alternativer Medien überlebt hat. Die Mainstreammedien bewegen sich in einem Spektrum von linksliberal bis rechtsaußen. Auch das Buchangebot in üblichen Buchhandlungen ist nicht gerade überwältigend (mal abgesehen von Büchern von Moore oder Chomsky). Insofern ists wohl gut, dass es Infoläden gibt, wo eine Fülle von linker, kapitalismus- und gesellschaftskritischer Literatur und die entsprechende „kompetente Beratung” angeboten wird. Auch die Funktion eines Infoladens als „Oase” abseits der glitzernden, vollklimatisierten Einkaufspassagen an den Stadträndern ist nicht zu unterschätzen. Wenn das Innenstadtsterben in Wels so weiter geht, sind wir bald das alteingesessenste Geschäft in der Innenstadt. 😉

Eine andere Kritik haben die Dead Kennedys recht charmant in ihrem Song „Anarchy for sale” umschrieben: ist es möglich, mit dem Verkauf von popkulturellen Polit-Accessoires (Buttons, Batches, …) und fairgehandeltem Kaffee kapitalistische Verwertungslogiken zu sprengen? Oder dient man nicht vielmehr als Speerspitze für einen „sozialen Kapitalismus”, bei dem die ehrenamtlichen VerkäuferInnen nicht mal Lohn erhalten und noch stolz darauf sind?

Wir machen uns da nicht die Illusion, dass wir mit dem Verkauf von Büchern, T-Shirts, Buttons etc. die kapitalistische Gesellschaft umkrempeln können. Die Einnahmen aus dem Verkauf dieser Sachen dienen rein der Finanzierung des laufenden Betriebs, unserer Veranstaltungen und Aktionen. Die Leute, die bei uns ehrenamtlich hackeln, machen das aus Überzeugung. Wir denken halt auch, dass es innerhalb des Kapitalismus (fast) unmöglich ist, sich diesem System zu entziehen.

Die Grenzen zwischen rinks und lechts verschwinden zunehmend: Faschisten tragen Pali-Tücher und lesen Karl Marx, gestandene „Linke” fordern die Auflösung Israels und Nazis tätowieren sich Che-Guevare-Portraits auf den Unterarm. Sieht sich der Infoladen Wels als „links”?

Wir sehen uns als linksradikal, insofern wir die Gesellschaft von Grund auf zu einer besseren Welt verändern möchten. Momentan ist es „in”, sich in der Mitte zu positionieren, wohl um ja nirgends anzuecken. Die „Mitte”-Politik, wie sie etwa von SPÖ und ÖVP propagiert wird, entpuppt sich aber nicht selten als ziemlich rechts im Sinne von immigrationsfeindlich, neoliberal usw.

Der Infoladen Wels ist seit 2004 bei der KUPF. Wie kommt eine Politorganisation mit Buchhandlung zur KUPF?

Gegenüber Bündnissen sind wir generell positiv gesinnt, weil wir denken, dass mensch vereint mit anderen Gruppen und Vereinen mehr erreichen kann. Auch unser Bekanntheitsgrad wird dadurch gefördert. Zur KUPF haben wir ein sehr gutes Verhältnis, sie hat uns beispielsweise (zusammen mit einem Steuerberater) dabei geholfen, ein geniales Konzept für unser Buchhandelsgewerbe zu entwerfen, das in Österreich wohl einmalig ist und sehr viele Vorteile für unser politisches Projekt bringt.

Wie sehen eure Zunkunftspläne aus?

Nachdem unsere „Lieblingsfeinde” vom BFJ nun vermutlich für einige Zeit auf Eis gelegt werden, haben wir Zeit, uns neben antifaschistischen Themen auch anderen Dingen zu widmen. Wie bisher wollen wir subkulturelle Konzerte veranstalten, es wird weiterhin Vorträge geben, die Frauengruppe plant weitere Vortragsveranstaltungen und Feste. Wir möchten uns mehr mit der Lokalpolitik in Wels auseinandersetzen. Diese machte ja in letzter Zeit durch eine beispiellose Hetze gegen MigrantInnen auf sich aufmerksam. Auch der Lebenssituation in der Stadt Wels und der Kritik an untragbaren Wohnbedingungen oder überhaupt fehlenden Wohnraum wollen wir unsere Aufmerksamkeit widmen. Der Erfolg des Projektes Infoladen hängt natürlich von den AktivistInnen ab. Interessierte Leute sind bei uns jederzeit gerne willkommen!

Danke!

(1) siehe Kupf-Zeitung 112/05

http://de.wikipedia.org/wiki/Infoladen
http://www.infoladen-wels.at

Link zur Langversion:

https://kupf.at/medien/zeitung/der-laden-langversion-des-interviews

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Multitude gegen Empire

Klemens Pilsl hat das neu erschienene Werk von Foltin und Birkner für Sie gelesen.

 

Dem oder der politinteressierten LeserIn sind Martin Birkner und Robert “Fuzzi” Foltin vielleicht keine Unbekannten: beide sind wesentliche Akteure der Theroriezeitschrift “grundrisse” aus Wien, beide veröffentlichen auch gerne in anderen Printmedien. Martin Birkner schreibt gerne und oft für die „kulturrisse” (man beachte die Ähnlichkeit der Titel), die wundervolle Zeit- und Streitschrift der IG Kultur, dem Dachverband freier Kulturinitiativen in Österreich; und Robert Foltin ist einigen vielleicht durch sein famoses Buch zur jüngeren linken Bewegungsgeschichte in Österreich (“Und wir bewegen uns doch”, siehe Rezension in der KUPF-Zeitung 109/5/04) in Erinnerung. Jetzt haben die beiden gemeinsam ein Buch veröffentlicht:

“(Post-)Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis. Eine Einführung.“

Dass der Titel schon mal sowas von unsexy ist mag genre-immanent sein und auf ein grundsätzliches Problem linker Theorie hinweisen, sollte uns aber diesmal nicht abschrecken. Der gegenwärtige Postoperaismus bezeichnet die Erweiterung des klassischen Operaismus aus dem Italien der 1960er: inhaltlich (radikale Einbindung aktueller Themen wie Feminismus, Biopolitics, Ökologie, …), historisch (der klassische Operaismus umfasst vor allem die 1960er und 70er) und geographisch (Postoperaismus umfasst im globalen Diskurs nicht mehr nur italienische ProtagonistInnen: auch der amerikanische “Autonomist/Open Marxism” wird vom Begriff erfasst sowie diverse französische und deutschsprachige Diskurse, siehe: Wildcat, Arranca, …). Die Überwindung der traditionell-naiven Vorstellung von “Klasse” und “Klassenkampf ” ohne den Fokus auf den zentralen Begriff “Arbeit” zu verlieren und die Anknüpfung an verwandte Theorien (Focault, Negri, Holloway, …) und Kämpfe (Zapatismus, Temporäre Autonome Zonen, …) machen den Postoperaismus vor allem für partei- und bewegungsmüde Linke attraktiv. Lust auf radikale Theorie abseits akademischer Diskurse, umsichtig, kritisch und gelungen aufgearbeitet? – dann ist dieses Büchlein absolut empfehlenswert!
 

Klemens Pilsl arbeitet in der KAPU/Linz

Birkner, Martin / Foltin, Robert: (Post-)Operaismus
Von der Arbeiterautonomie zur Multitude, 2006, € 10,-
ISBN 3-89657-597-X

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Vegetative Vermehrung

Klemens Pilsl und Eva Immervoll porträtieren die neuen KUPF-Mitgliedsinitativen.

Die KUPF hat ja ihre ursprüngliche Form als Organisation längst hinter sich gelassen. Sogar die Phase der Institutionalisierung hat sie längst durchlaufen.

Mittlerweile ist die KUPF ein Superorganismus mit schwarm-ähnlichen Strukturen. „Kollektive Intelligenz ist ein emergentes Phänomen: Kommunikation innerhalb einer sozialen Gemeinschaft schafft intelligente Verhaltensweisen des Superorganismus“, meint die gute alte Wikipedia. Dementsprechend spricht Jimbo Wales (bitte diesen Namen NICHT googeln!) im Kontext der humanen Schwarmintelligenz auch sehr charmant von der „Weisheit des Mobs“ – wenn das nicht gut klingt: Street-Credibility und klassenkämpferische Untertöne! Ja: ich rede immer noch von der alten Dame KUPF. Und die hat im Rahmen ihres jährlichen Zyklus tatsächlich wieder für Zuwachs gesorgt – und zeigt mit ihren sechs neuen Mitgliedern zweifellos, dass sie immer noch attraktiv und begehrt ist. Hier eine Kurzbeschreibung der neuen Mitgliedsinitiativen.

Zach Records

Die Geschichte der heimlichen österreichischen Pop-Hauptstadt Linz ist ja gepflastert mit innovativen Mini-Labels: ich denke an Lufthanfa Records, Kybernetikuss Records, Interstellar Records und natürlich an Tonträger Records. Mit dem relativ jungen Label Zach Records ist erstmals ein solches KUPF-Mitglied geworden – Zach Records nutzen das juristische Konstrukt ‘Verein’ als Basis für ihren Musikverlag und zeigen mit ihrem Beitritt zur KUPF auch klar ihr Selbstverständnis als KulturproduzentInnen. Der gewerkschaftliche Grundgedanke wird auch auf der Homepage artikuliert: „der verein ZACH betreibt ein eigenes label namens ZACH Records, welches sich auf die suche nach förderungswürdigen künstlern begibt. Unter »fördern« versteht der verein „ZACH“ eine faire zusammenarbeit zwischen musiker/band und label, welche beiden künstlerische freiräume ermöglicht und der band eine angemessene entlohnung bietet.“

Releases gibt’s bislang erst zwei (Tumido und Delilah, beide aus OÖ), aber das Label ist jung und hudeln gerade in der schnelllebigen Kulturindustrie unangebracht. Wir freuen uns auf mehr!
http://www.zach-records.com

Sozialforum Freiwerk
„Wir verstehen uns als eine Plattform von kulturell interessierten Menschen und Initiativen, die durch ihr Engagement die regionale Kulturlandschaft nachhaltig mitgestalten wollen und gleichzeitig die gesellschaftliche Notwendigkeit sozialen Handels in den Vordergrund stellen. Dabei gilt es eine zeitgenössische Kulturalternative anzubieten und kulturelle Akzente abseits des kommerziellen Mainstreams zu setzen“. Das „Freiwerk“ ist ein Zusammenschluss mehrerer kleiner Initiativen und agiert hauptsächlich um die Homebase Timelkam/Vöcklabruck herum. Bekanntestes Highlight ist das bereits zweimal stattgefundene „Bockmas Festival“, eine großen 3-Tage- Solifestl für die antirassistische Arbeit von Ute Bock – ein zutiefst respektabler Zweck! Immerhin konnten letztes Jahr über 15.000 Euro an Frau Bock übergeben werden – da können sich viele urbane Polit-Marktschreier-Initiativen was abschauen!
http://www.bockmas.at

INOK
Die vier Buchstaben stehen für „Inititive oberes Kremstal“ und sind Titel einer für ein junges KUPF-Mitglied schon recht erfahrenen Initiative. Bereits in den 1980ern gründete sich INOK: „Anlaß war damals der Widerstand gegen den Bau der Bezirksmülldeponie in den Kremsauen. Die Motivation war der Schutz des Lebensraumes vor der eigenen Haustür“, meinte Gründungsmitglied Hans Uhl und jetziger Leiter des WWF in OÖ einmal in einem Interview. Ursprünglich vor allem politisch aktiv, z.B. mit Demos gegen die bereits genannte Mülldeponie oder den Autobahnbau, ist INOK heute in erster Linie Anbieterin musikkultureller Aktivitäten – niemand sonst würde den Austrofred in die Sportschützenhalle zu Inzersdorf einladen! Gleichzeitig ist politisches Interesse immer noch Teil von INOK und der Verein fühlt sich auch immer noch als Umweltinitiative – so ist INOK beispielsweise Mitglied bei ATTAC.
http://www.kulturl.at/vereine/inok.htm

Klärwerk
Der Verein besteht seit 1994 – also ähnlich wie INOK eine sehr erfahrene Kulturinitiative. Hier vermischt sich die klassische Veranstaltungsarbeit mit eigenem künstlerischen Schaffen und Experimentieren. Seit 2 Jahren gibt es das Vereinslokal B138. Hier handelt es sich um eine aufgelassenes Geschäftslokal mit dezenten 30m². Es passieren Tauschbörsen für verhasste Kleidungsstücke, hier werden Künstler untergebracht die für eine begrenzte Zeit im B138 leben und von der lokalen Bevölkerung besucht/verköstigt und unterhalten werden. Daneben gibt es natürlich regelmässig Musikveranstaltungen. Die begrenzte BesucherInnenzahl („mit 40 Leuten ist das B138 rammelvoll“) erklärt auch die spezielle Atmosphäre welche sich im B138 breit macht. Ein sehr spezielles Wohnzimmer, mitten in Kirchdorf an der Krems.
mailto:g.stiftinger@eduhi.at

Countdown
„Prambachkirchner Freizeit- und Kulturverein Countdown“ lauter der offizielle Name dieser neuen Mitgliedsinitiative. Countdown ist seit Beginn der 1990er Jahre aktiv, aber erst seit 1994 ein offizieller Verein. Die Aktivitäten sind wie die die AktivsitInnen vielfältig, die größte Aussenwirkung hat wohl das in der Region legendäre „Rock am Hof“-Festival, ein jährlich stattfindendes Highlight in der Region, bei dem nicht nur junge Rockbands für Stimmung sorgen – nein, auch moderne HipHop-Klänge (z.B. „Markante Handlungen“ aus Linz) finden hier ein junges Forum! Unabhängig von diesem Festival engagieren sich die Leute von Countdown bei „Kinderferien“-Aktionen und veranstalten Programmkino-Abende. Und, natürlich, jede Menge Partys.
http://www.countdown.co.at

K565
Alberndorf liegt 565m über den Meeresspiegel. Und diese Tatsache war der Auslöser für den Vereinsnamen. K für Kultur und 565 für die Höhenmeter = K565. Die Idee ist es, den Bereich Zeit- und Jugendkultur in dem ruhigen Örtchen etwas zu beleben indem es außer den von der Gemeinde veranstalteten Literaturtage nicht viel gibt. Gesagt getan. Hier werden Filme gezeigt (open air Kino- großartig!), viel Kabarett und natürlich Musik. „Ausgehend von einem liberalen und breit angelegten Kultur- und Kunstbegriff soll dabei der Kunst und den Kunstschaffenden größtmögliche Freiheit gewährt werden.“ – heisst es auf der Homepgae von K565. Jawoll. Ein zartes Jahr arbeitet der Verein gemeinsam an ihren Ideen. „Gib Pfeffer, Mühle“ lautet zum Beispiel ein aktuelles Kabarettprogramm das man vielleicht auch als Motto des jungen Kulturvereins verstehen könnte.
http://members.aon.at/k565
 

Medio2
Medio2 wurde eigentlich bereits Mitte der 90er Jahre gegründet. Eine (fast) klassische Wiederbelebungsgeschichte: Ein Verein gründet sich und nach mehreren Jahren kommt es irgendwann mal zum Stillstand. Neue –oft jüngere- Menschen kommen nach und hauchen dem Verein wieder Schwung in die Lunge. So auch bei Medio2. Im Herbst 2003 beschloss eine neue Besetzung den Verein wiederzubeleben. Erfolgreich! Die Ziele werden hier u.a. „politisch unabhängig Impulse für das Gemeindeleben“ genannt sein. Programmatische Schwerpunkte finden sich im Bereich Kindertheater, Kleinkunst, Lesungen, Vernissagen und und..und…und. Zuhause ist Medio² in Kronstorf.
http://medio2.at

Klemens Pilsl ist unterbezahlter Lohn- und Textarbeiter.
Eva Immervoll ist Geschäftsfüherein der KUPF – Kulturplattform OÖ, Aktivistin bei Radio SPACEfem FM und im Vorstand des Festival der Regionen.

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