Kulturpessimismus für Fortgeschrittene

Der 25. Geburtstag der KUPF ist eine schöne Sache. Aber zwischen Schulterklopfen, Longdrinks und Zufriedenheit nimmt sich die KUPF auch etwas Zeit zur Reflexion. Klemens Pilsl hat zu diesem Zwecke den KUPF-Vorstand, Kulturund Medienaktivisten Richard Schachinger zum Gespräch gebeten: It’s a dirty job but someone’s got to do it.

KUPF: 25 Jahre KUPF – eine Erfolgsgeschichte?

Richard Schachinger: Ja. Gerade die ersten Jahre lassen sich als Erfolgsstory bezeichnen, große Brocken an Rahmenbedingen für die KIs (Kulturinitiativen) und die freie Kulturarbeit wurden erreicht. Um 1990 wurden die Subventionskriterien der KUPF weitestgehend vom Land OÖ im Zeitkulturbereich übernommen. Anders schaut es aber aus mit den ZuMUTungen, einem weiteren Forderungskatalog, der nicht durchgesetzt wurde. Die KUPF war Vorreiterin, andere Landesverbände gründeten sich erst später. Nicht zuletzt eine Frage des Zeitgeistes – der soziokulturelle Kontext spielte da eine große Rolle: progressiver Aufbruch auch in den Regionen.

KUPF: Man nutzt also den Zeitgeist, um die Grundbedingungen zu schaffen. Weiteres wurde dann von den Ämtern aber erfolgreich abgeschmettert?

R.S.: Mehr oder weniger erfolgreich. Die KUPF hat sich dann darauf konzentriert, Projekte wie den Innovationstopf voranzutreiben, der sehr wichtig für die KUPF geworden ist. Ein Wechselbad der Gefühle: punktuell sind wir nach wie vor erfolgreich, aber wir laufen auch gegen verschlossene Türen.

Ermächtigung

KUPF: Zur politischen Macht der KUPF: Du nennst den von der KUPF erkämpften Innovationstopf ein Erfolgsbeispiel – 2010 wurden aber erstmals politisch unliebsame Projekte seitens des Landes OÖ nicht akzeptiert und wegzensiert, zudem wird der IT zukünftig jedes zweite Jahr ausgesetzt.

R.S.: Die KUPF verhandelt dazu derzeit mit dem Land OÖ. Es stimmt, das der Innovationstopf dann nur mehr biennal ausgeschrieben wird.

KUPF: Da hat man verloren: Einerseits konnte die politische Unabhängigkeit der Projekte nicht gewährleistet werden, andererseits konnte man nicht einmal die paar 1000 Euro, die der IT dem Land kostet, halten. Und weder die mediale Öffentlichkeit noch die vielgerühmte Basis der KUPF schien sich recht dafür zu interessieren.

R.S.: Da möchte ich widersprechen. Es gab ein beachtliches Medienecho. Es hat auch eine Basismobilisierung stattgefunden, die ich als positiv erlebt habe. Anhand des IT lassen sich die kulturpolitischen Verflechtungen, mit denen sich die KUPF beschäftigen muss, gut ablesen: Es gab nie eine schriftliche Abmachung mit dem Land bezüglich dem IT, lediglich eine auf der berühmten Handschlagqualität beruhende Vereinbarung. Jetzt, wenn es heikel wird, sieht man natürlich deutlich, wer da am längeren Ast sitzt.

Basiswapplerinnen

KUPF: Bei der KUPF scheint es einen Gap zu geben: Die Basisaktivistinnen vom Lande schütteln den Kopf über die Intellektuellen, die da im Büro sitzen und g’scheit reden, aber keine Ahnung von der Kulturarbeit am Land haben. Andererseits weiß ich, dass sich andere wieder über das Desinteresse mancher ländlicher KIs ärgern, über deren angebliche Theoriefeindlichkeit. Wie dramatisch ist dieser Konflikt?

R.S.: Dieser sogenannte Konflikt ist ein Charakteristikum der KUPF. Diese Widersprüche sind alt, kommen immer wieder und müssen immer wieder behandelt werden. Das Problem ist der vielfältigen, heterogenen Basis der KUPF geschuldet. Aber es gibt andere Aspekte, die eine wichtige Rolle spielen: zum Beispiel das Service der KUPF für ihre Mitglieder, welches sehr wohl in Anspruch genommen wird und den Großteil der KUPF-Arbeit ausmacht.

KUPF: Dieser Service-Gedanke ist doch Ausdruck der Entpolitisierung. Die KUPF teilt dieses Problem mit der ÖH, den Gewerkschaften und anderen, die von ihren Mitgliedern als Service-Einrichtungen wahrgenommen werden. Eine bedenkliche Entwicklung.

R.S.: Man muss aber auch sehen: Die Initiativen mit ihren Experimentierräumen spielen eine demokratiepolitisch enorm wichtige Rolle. Das sind keine riesigen Partizipationserfolge, aber ein wichtiges Durchlüften. Es gibt sicher Vereine, die sich ihrer gesellschaftspolitischen Funktion nicht bewusst sind, diese Aufgabe aber dennoch leisten. Und es gibt Initiativen, die sich als politische Kollektive verstehen und die politische Akzente setzen. Das geschieht in unterschiedlichen Intensitäten.

Personalsuche

KUPF: Ein weiterer struktureller Gegensatz innerhalb der KUPF ist die Relation von Vorstand zu Geschäftsführung. Gibt es da ähnliche Konflikte wie zwischen Basis und Dachverband? Ich bin mir z.B. nicht immer sicher, ob sich die Vorstände des Politischen ihrer Funktion bewusst sind und genau deswegen die Geschäftsführung sehr eigenständig handeln muss. Ein demokratiepolitisch fragwürdiges Gefüge innerhalb der KUPF?

R.S.: Der Vorstand der KUPF ist kein präsidiales, sondern ein strategisches Gremium. Auffallend ist der große Unterschied bezüglich Know-How zwischen Geschäftsführung und Vorstand. Und es gibt im Vorstand tatsächlich Mängel in der kulturpolitischen und theoretischen Kontinuität.

KUPF: Gibt es denn zu wenige Aktivistinnen in OÖ?

R.S.: Den Eindruck hatte ich nach den Widerständen gegen Schwarz-Blau nicht. Es gibt auch viele neue Kulturinitiativen, die zur KUPF wollen. Politisches Engagement hat nicht generell abgenommen. Ich verweise auch auf die Auseinandersetzungen rund um Uni-brennt, an den arabischen Raum oder Spanien. Da tut sich was.

KUPF: Aber dieses Engagement läuft jenseits klassischer politischer Institutionen. In Arabien jenseits der Parteien, bei Uni-brennt jenseits der ÖH. Ist vielleicht die KUPF auch eine jener alten Institutionen, die jungen Aktivistinnen nicht mehr relevant

erscheint?

R.S.: Gute Frage. Wie weit gelingt es der KUPF, bei derartigen Politisierungsschüben ihre Rolle wahrzunehmen? Da hat die KUPF einiges verspielt, denn in ihren Anfangstagen waren die Motive der gründenden Initiativen sehr wohl politische.

Klassenk(r)ampf

KUPF: Die KUPF betont gerne ihre gewerkschaftliche Funktion. Gewerkschaftsarbeit dreht sich oft um Lohnpolitik. Genau diese Funktion nimmt die KUPF aber nur teilweise wahr. Sie fordert zwar von Subventionsgeberinnen mehr Geld für Personalkosten, aber die eigentlichen Arbeitgeberinnen im Kulturbereich werden nicht angesprochen: nämlich die Kulturvereine, die ihre Angestellten unterbezahlen. Immer mit dem Argument, das wir auch von klassischen Unternehmen zu hören bekommen: Es ist kein Geld da. Angst vor den eigenen Mitgliedern?

R.S.: Vereine als Arbeitgeberin, das ist oft recht paradox. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Grenze zwischen Haupt- und Ehrenamt. Die KUPF beteiligt sich gegenwärtig auch an der fair pay-Kampagne der IG Kultur. Man hütet sich aber davor, bei den eigenen KIs Polizei zu spielen. Das betrifft nicht nur Lohnpolitik, sondern auch Teilhabemöglichkeiten, Antisexismus und Antirassismus, die ganzen großen Themen. Da versucht die KUPF auf sanfte Weise einzuwirken und nicht mit dem Vorschlaghammer zu kommen. Aber ich kenne auch keinen Fall, in dem sich ein Angestellter einer Kulturinitiative an die KUPF gewandt hätte zur Durchsetzung fairer Löhne.

KUPF: So materialistisch Kulturarbeiterinnen in ihrer Analyse oft sind, so idealistisch sind sie in ihrem Arbeitsverhalten: Selbstausbeutung gehört zum guten Ton. Die Leute sind in Folge überarbeitet und frustriert, und genau dann bleibt das politische und intellektuelle Engagement auf der Strecke.

R.S.: Es sind, um das zurecht zu rücken, aber insgesamt nur ganz wenige Menschen in der freien Szene angestellt, vor allem außerhalb von Linz. Eine Anstellung im Sinne einer strukturellen Absicherung ist in der Regel nicht gegeben. Die KUPF kämpft um strukturelle Rahmenbedingungen, die Anstellungen erst ermöglichen. Auch um Ressourcen für theoretische Überlegungen zu schaffen.

Zukunftsmusik

KUPF: Also erstmal kleine Brötchen backen. Das wirft kein gutes Licht auf meine Eingangsfrage bezüglich der politischen Macht der KUPF: Sie kann sich einerseits gegen externe Widersacherinnen wie das Land OÖ nicht durchsetzen, andererseits kann sie auch intern die Mitglieder nur in geringem Maße beeinflussen. Wird die KUPF sich zukünftig mehr auf den Dienstleistungsgedanken konzentrieren? Oder gibt es Chancen auf eine politische Ermächtigung?

R.S.: Die KUPF hat mit den angesprochenen Kämpfen um den Innovationstopf bereits eine Übung absolviert. Diese Kämpfe werden in der Zukunft wohl zunehmen, der neoliberale Druck auf Kulturpolitik und das Wohlfahrtstaatliche überhaupt wird steigen. Man braucht sich keine Illusionen darüber zu machen, wo da das Land OÖ und andere stehen werden: Die werden die eigenen Betriebe abzusichern versuchen. Es wird neue Bündnisse brauchen, ähnlich der steirischen Plattform 25. Da ist Potential vorhanden. Diese Prozesse werden auch durchaus förderlich sein,

die angesprochenen politischen Defizite und Widersprüche zu verbessern – da kommt der Leidensdruck ins Spiel. Strategisch ist es sicher notwendig, Bewusstseinsbildung zu verfolgen und auch auf lokaler Ebene Bündnispartnerinnen zu finden, in den letzten Jahren sind ja da einige neue Player aufgetreten. Aber natürlich ist es eine große Herausforderung, die Akteurinnen aus den sozialen, globalisierungskritischen oder bildungspolitischen Zusammenhängen zusammen zu bringen. Da ist auch die KUPF gefordert.

Download des gesamten Gesprächs als Audiofile: cba.fro.at

 

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