Wir sind das gewohnt!

Ein Gespräch mit dem Verein Ketani zur Situation von Roma und Sinti und über das Leben als Feindbild.

Aus einem 12m² Büro heraus arbeitet Ketani daran, die Rechte von Roma und Sinti zu vertreten, den Zugang zu Bildung und Arbeit zu ermöglichen und eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben von Roma und Sinti zu ermöglichen. Das bedeutet eine unglaubliche Kraftanstrengung. Doch im Gespräch mit Rosa Martl und Nicole Sevik kommt selten Resignation auf. Sie sind bereit, den Kampf weiterzuführen, auch wenn es – zur Zeit – eine Politik der kleinen Schritte ist.

Immerhin! Die Europäische Union hat 2011 EUweite Ziele festgelegt, um die Lebensqualität der Roma zu verbessern und die sozioökonomischen Unterschiede zwischen ihnen und dem Rest der Gesellschaft abzubauen. Die EU-Länder sind aufgefordert, gestützt auf diese Leitlinien bis Ende des Jahres ihre nationalen Roma-Strategien zu entwickeln. Spannend – so Nicole Sevik – bleibt abzuwarten, was Österreich in seinen Bericht schreibt und welche Vorschläge darin stehen werden.

Dies auch angesichts der Tatsache, dass Roma und Sinti in Österreich nur selten Thema sind. Ausser wenn eine Gruppe von Reisenden einen Durchreiseplatz beansprucht. So wie zuletzt in Wels. Dann kochen alle Klischees wieder hoch. Und – so Nicole Sevik – darin zeigt sich auch, dass Roma und Sinti nach wie vor ein „dankbares“ Feindbild abgeben. Sie sind nämlich nicht greifbar. Es ist dieses Abstrakte, dieses Fremde auch verbunden mit einer mystischen Komponente, das sich bestens dafür eignet, ein Feindbild zu konstruieren. Nicole erzählt, das Leute bei Ketani anrufen und fragen, ob sie Flüche aufheben können. Andere erkundigen sich ernsthaft nach den magischen Kräften und der Gabe des Blickes in die Zukunft. Ketani hat darauf eine Gegenfrage parat: „Seht ihr nicht, was unserem Volk passiert ist? Wenn wir irgend eine Möglichkeit hätten in die Zukunft zu schauen, glaubt ihr, wir wären in Österreich, oder Deutschland bis 1938 geblieben?“

Auch die Gesellschaft für politische Bildung Österreich hat als eines der Schwerpunktthemen der Projektausschreibung 2011 „Roma und MuslimInnen als Feindbilder in Europa“ vorgegeben. Die KUPF und der Verein Ketani werden im Rahmen dieser Ausschreibung ein gemeinsames Projekt realisieren. Ein Projekt, das sich der Frage nach dem Ursprung der Feindbildkonstruktion widmet und eine Gegenstrategie sucht, um Roma und Sinti aus der – ihnen zugeschriebenen – Exotenrolle zu „befreien“. Angesprochen darauf, wie es ihnen mit dieser Feindbildzuschreibung geht, lässt sich doch leichte Resignation spüren. Rosa Martl meint: „Wir sind das gewohnt. Wir sind damit aufgewachsen, dass wir der Feind der Mehrheit sind.“ Dabei sind die Wünsche der Roma und Sinti ganz einfache, wenn dies einmal sehr pauschal formuliert werden darf. Nicole Sevik meint: „Sie wollen einfach, dass man sie toleriert und dass sie in ihrem Bereich so leben lässt wie sie wollen.“ Ein zutiefst menschliches Bedürfnis also.

Doch neben diesem Grundbedürfnis liegt Ketani auch viel an der Umsetzung der – auch von der EU vorgegebenen – Ziele. Die Probleme, die die EU anspricht sind vordringlich für Roma und Sinti: Grundschulabschluss für Kinder, Zugang zum Arbeitsmarkt, Zugang zu Gesundheitsversorgung. Gerade zum letzten Punkt hat Ketani soeben ein Projekt entwickelt, von dem man eigentlich ausgehen sollte, dass es eine genuine Staatsaufgabe sein sollte. Gemeinsam mit ESRA, einem jüdischen Verein der in Wien eine Ambulanz für Spätfolgen und Erkrankungen des Holocaust- und Migrations-Syndroms betreibt, und der Promente Oberösterreich, wird erstmals psychotherapeutische Begleitung für Roma und Sinti angeboten. Ein Projekt, das seit sieben Jahren auf Umsetzung wartet. Nicole Sevik erzählt: „Wir hatten einige Fälle in den letzten Jahren, von Roma und Sinti, die selbst im Lager waren, die an schweren Depressionen gelitten haben und denen von Psychiatern bescheinigt wurde, dass ihre Depressionen nichts mit dem Aufenthalt in einem Konzentrationslager zu tun haben. Uns sind die Leute unter den Händen weggestorben, bevor wir etwas für sie erreichen konnten. ESRA ist für uns deshalb so eine gute Ansprechpartnerin gewesen, weil so viele schlechte Erfahrungen mit Ärztinnen gemacht wurden. Wir dachten uns, einer jüdischen Organisation, die diese Arbeit schon lange macht, denen brauche ich das Ausmaß des Holocaust nicht erklären.“

Wie geht es jetzt Ketani mit dieser Exotinnenrolle, die im Rahmen des gemeinsamen Projekts mit der KUPF durchbrochen werden soll und welche auch das Kernthema im Projekt „Romanistan“ der IG Kultur Österreich ist? Eher witzig sei das, meint Rosa Martl. Bedenkt man, dass ihre Familie seit 1765 in Österreich – urkundlich beglaubigt – heimatberechtigt ist, etwas, was wahrscheinlich wenige Österreicherinnen nachweisen können, ist es schon witzig, dass sie die Exotinnen sein sollen. „Aber“, so Rosa Martl „selbst im 21. Jahrhundert haben die Leute noch nichts gelernt. Die Leute glauben ja auch an das Horoskop in der Kronenzeitung.“ Ketani wird weiter kämpfen, aus ihren 12m² heraus tragen sie dazu bei, die Welt zu ändern!

 

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