Kulturhauptstadt Anderswo

Wenn man von Finnland kommend in Tallinn die Fähre verlässt, fallen einem vor allem die bis zur Entmenschung besoffenen skandinavischen Touris auf: Prohibition schult eben nicht gerade die Fähigkeit zur eigenverantwortlichen Intoxikation, wie’s scheint. Andererseits sind auch die Baltinnen dem Rauschigen nicht abgeneigt, wie wir noch feststellen werden. Klemens Pilsl besucht die aktuelle Europäische Kulturhauptstadt Tallinn2011 in Estland.

Der Hafen liegt fast direkt an der historischen Altstadt, die auch das Zentrum der kulturhauptstädtischen Aktivitäten darstellt. Und es ist nur ein halber Zufall: Schon wenige Stunden nach unserer Ankunft laufen wir Oberösterreichern über den Weg. Zwei Freunde haben die Hörstadt nach Tallinn gebracht und dort vorgestellt, jetzt gehen wir gemeinsam Essen und Trinken. Zuerst sind wir alle beeindruckt von der riesigen, mittelalterlichen Altstadt. Aber was anfangs recht charmant wirkt, entpuppt sich bald als touristischer Kulturhauptstadtterror: Burgfräulein wollen vor allem die Herren auf Getränke entführen, Herolde brüllen uns Speisekarten ins Gesicht, Ritter wollen uns zum Bogenschießen überreden. Sandalenfilm- Impressionen. Wir landen schließlich weit weg in einer alternativen Strandbar, die an der Rückseite eines ehemaligen Häf’n gelegen ist, welches uns noch einen Tag versauen wird.

Service

Ein anderer Tag: Wir beschließen, brave Kulturtouristinnen zu sein und suchen den offiziellen Infopoint von Tallinn2011. Aufschlussreich: Als wir versehentlich in der offiziellen Touri-Info landen, weist man uns pikiert darauf hin, dass wir hier falsch wären. Kulturhauptstadt ist woanders. Wir packen trotzdem jede Menge Touri-Propaganda ein und finden später ins echte Tallinn2011-Infobüro. Auch dort versucht man, uns mit Hochglanzbroschüren zuzuscheißen. Erfolgreich. Dennoch wollen wir es wissen – laufen aktuell gerade künstlerische Projekte oder gibt es Anknüpfungspunkte zur Alternativkultur? Irgendwas jenseits der Mittelaltershow? Die freundliche Dame weiß nicht recht viel mit uns anzufangen – aber ja, es gäbe Theateraufführungen, die manchmal auch in englischer Sprache laufen. Nur halt diese Woche nicht. Und ja, im Herbst gibt es eine Oper mit Tom Waits. Und Reggae. Und wenn wir wirklich moderne Kunst suchen gibt es ein Museum. Sollte ich bei Gelegenheit doch den Reisefüher durchblättern?

Gefängnis

Ein anderer Tag: Wir radeln aus dem Zentrum raus und suchen noch einmal das Gefängnis auf. Diesmal ab durch die Mitte: Eine alte Frau lässt uns für € 2,– ins Innere des Gebäudes. Die ehemalige Seefestung wurde von 1920 bis 2005 als Haftanstalt genutzt, hat also sämtlichen Regimen gedient. Wir tapsen durch die Höfe und Räume, die ohne jedes Leit- oder gar Vermittlungssystem nackt vor uns liegen. Gerade dieses unbegleitete und unvorbereitete Erkunden macht den Schrecken fast unerträglich. Schwarze, schimmlige Zellen, alte Operationstische, ein Hinrichtungsraum mit Bodenklappe, unfassbar kleine Käfige unter freiem Himmel, besteigbare Wachtürme. Aber auch Partyspuren, ein knutschendes Pärchen und die strahlende Sonne. Die Spuren dieses Besuches verfolgen uns noch den ganzen Tag, plötzlich wirkt ganz Tallinn trist und grausam. Wir radeln durch die Außenbezirke zurück und lernen das andere Tallinn kennen. Neben der herausgeputzen Altstadt und den verspiegelten Hotels sehen wir plötzlich halb verfallene, aber bewohnte Häuser, verwahrloste Menschen und überall den Sorgentröster Alkohol. Eine alte Frau schiebt ihren Rock und Slip hoch und brunzt vor uns auf die Straße. Die Wände haben Löcher.

In der Innenstadt erlebten wir die erfolgreiche, neue Mittelschicht; jene Menschen, die vom Systemwechsel profitierten. In den Außenbezirken treffen wir die anderen, die beim Wechsel der Systeme nicht mitkonnten, für die kein Platz ist im neoliberalen Aufsteigerstaat. Es sind viele alte Menschen, es sind viele Angehörige der russischen Minderheit, welche nach der Unabhängigkeit Estlands stark diskriminiert wird. „Die Leistung des estnischen Wohlfahrtsstaats kommt disproportional den Wohlhabenden zugute” (OECD). Ich brauche, um den Satz zu verstehen. Wir suchen unser Glück woanders.

Kunst…

Ein anderer Tag: Wir entschließen uns zur Kunst. Das Thema, das die Stadt für ihr Tallinn2011-Programm gewählt hat, trägt den Titel „Geschichten von der Meeresküste“ und widmet sich den Legenden und der Inspiration, die die See unzähligen Generationen von Esten gegeben hat (Promotext Tallin2011). Das klingt natürlich fürchterlich, aber das KUMU scheint damit nichts zu tun zu haben. Das KUMU ist das Museum für estonische Kunst und zeigt auch sehr viele moderne und zeitgenössische Arbeiten. Die Museumsarchitektur ist zugegeben gewaltig, und auch das Innenleben beeindruckt. Mir bleibt eine Scuba Sculpture im Gedächtnis hängen, wir finden aktuelle Medien- und Netzkunst ebenso wie diverse recht amüsante Schulen des sowjetischen Realismus. Arbeiterklassenkunst. Und subversive Arbeiterklassenkunst. Popart für das Proletariat und sonstige revolutionär Suspekte. Ich mag das. Geile Kunstshow.

… und Gegenkunst

Unsere Freundin Margit schickt uns anderntags eine Email mit dem richtigen Hinweis: Das Polymer ist eine riesige, alternative und gegenkulturelle Kulturinstitution. Ausstellungen, Festivals, a bissl wie KAPU oder Stadtwerkstatt, schreibt sie, und wir fahren hin. Eine riesige Anlage, viele Graffitis und ein paar Punks drängen sich ins Bild. Wir wagen uns ins dunkle Stiegenhaus und haben Glück: Im ersten Stock treffen wir Tanel, einen der Verantwortlichen. Er lebt und arbeitet hier, hat abenteuerlichen Bartwuchs und nimmt sich Zeit für uns: Nein, diese Anlage ist nicht besetzt, sie ist gegen geringes Entgelt angemietet und finanziert sich selbst. Sie dient als Produktions- und Ausstellungsfläche, verfügt über Ateliers und ist Anlaufstelle für viele Künstlerinnen aus dem Ausland. Nicht zuletzt wegen eines speziellen Residency-Programmes. Die Räume sind von unterschiedlicher Größe und unterschiedlichem Zustand, es erinnert mich ans Tacheles. Riesige, niedrige Hallen für Techno- und Drogenpartys. Selbstgemachte, furchteinflößende Öfen in allen Ateliers, um die eisigen Winter durchzustehen. Kunst, Basteleien, Trash. Tanel interessiert sich nicht besonders für unseren Background, aber er erzählt uns viel. Als wir am Ende der Hausführung auf einer Dachterasse stehen, die von „jungen Russinnen“ liebevoll in einen Garten umgewandelt wurde, fragen wir nach dem Verhältnis des Polymer zur Kulturhauptstadt. Wie überall: Tanel erzählt, wie die Macherinnen von Tallinn2011 die Szenestrukturen unter Druck setzen, dass das Geld in den Tourismus fließe und dass ihm das ganze Getue ordentlich auf die Eier gehe. Überhaupt wolle er von dem Scheiß eigentlich nichts mehr wissen.

Sibirien

Irgendwie scheint das Kulturhauptstadtprogramm nicht so viel herzugeben, nach wenigen Tagen suchen wir schon etwas verzweifelt nach Aktivitäten, zum Glück finden wir noch ein paar kleine Guzzis. Zum Beispiel den Drehort des Sowjet-Klassikers Stalker. Wir trinken jeden Abend mehr Wein, ich überlege ernsthaft, eine Pediküre machen zu lassen. Je genauer wir hinsehen, desto offensichtlicher wird auch das wuchernde Rotlichtmilieu in der Stadt: In jedem Kulturhauptstadtheftl, in jeder Touri-Broschüre scheinen Anzeigen von Bordellen und Clubs auf. Auch in der touristisch aufbereiteten Altstadt sind zahlreiche Etablissements nicht zu übersehen. Wollte die junge Dame etwa doch nicht nur tanzen gehen? Wir konzentrieren uns weiterhin auf Kunst und Kultur oberhalb der Gürtellinie und finden tatsächlich noch ein Highlight: Das historische Museum lässt tiefe Einblicke in das Nation-Building des jungen Staates zu. Estland war in seiner Geschichte deutsch, schwedisch, dänisch, russisch. Vor allem die Sowjets sind noch in guter Erinnerung, aufgeblasene Bilder massakrierter Leichen nehmen viel Platz ein. Man kann das nicht verübeln: In den sowjetischen Terrorwellen nach 1940 und dann wieder ab 1944/45 wurde insgesamt jeder fünfzehnte Este ermordet und jeder siebzehnte zumindest für zehn Jahre nach Sibirien verschleppt (Wikipedia). In der Wiese hinter dem Museum entdecken wir jede Menge gigantomanische Stalin- und Lenin-Statuen, die man unmittelbar nach der Wende abgerissen hat. Es ist natürlich lustig, auf den finsteren Zügen Stalins zu sitzen und den Lenin raufzukraxeln. Ich würde mir auch sofort so einen steinernen Riesenrevoluzzer in den Garten legen.

Ein anderer Tag: Im Flugzeug ab Riga, dass mich zurück nach Wien bringt, sitze ich neben estonischen Systemgewinnerinnen wie aus einem Deix-Comic. Schampusschlürfende, goldberingte und laut rülpsende Fettberge. Oder kündigt sich nur die Heimat an? Ich fürchte, zur finalen Bewertung des Stadtentwicklungstools „Kulturhauptstadt“ fühle ich mich immer noch nicht bereit. Aber zu meinen Standpunkten bezüglich Linz09 fügt sich ein neuer hinzu: Es hätte offenbar viel schlimmer kommen können.

 

 

 

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