Körper, Küche, Kommunismus

Leipzig gilt als Kunst­ und Kulturhochburg, als neues Berlin, als Hypezig, als linke Hochburg im Bundesland Sachsen, das durch eine erstarkende AfD und durch rassistische Gewalt geprägt ist. Seit letztem Sommer lebt Tamara Imlinger in Leipzig. Wie sie in der Stadt und ihrer linken Szene gelandet ist, erzählt sie mit einem Blick über den Tellerrand.

 

Im Norden

Die erste WG, die ich über eine Internetplattform kontaktiere, meldet sich mit offenen Worten zurück: Im Norden sei nix los, mein Jahr Auszeit solle ich lieber im Westen der Stadt verbringen.

 

Im Westen

Beim zweiten Anlauf lande ich in einer Skype-Konferenz mit zwei Frauen, die Teil der Redaktion der Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik outside the box sind. Zum Frühstück tischen wir in der WG-Küche Gespräche über den Umgang mit Weiblichkeit auf. Feminismus wird hier oft mit dem Erbe der DDR verhandelt. Wenn auch viele (Linke) Anfang der 90er Jahre zugezogen sind, gibt es überall Geschichten – über die Montagsdemonstrationen und wie es vor ’89 gewesen ist, wie Antifa-Arbeit in der DDR (und in den 90ern) ausgesehen hat, wie jemand die Wende erlebt hat, wie jemand aus der DDR geflohen ist. Es finden sich unzählige Veranstaltungen rund ums Thema Kommunismus (insbesondere weil sich 2017 die Oktoberrevolution jährt). Ein eigener Leseklub bespricht Werke von DDR-Autorinnen. Und sogar in meinem Sportverein außerhalb der Szene gehört Kapitalismuskritik zum Wortschatz. Meine liebste sprachliche Errungenschaft ist Ostalgie.

Abends erkunde ich die Kulturszene um den Karl-Heine-Kanal: Die von der Stadt installierten Westkultur-Schilder weisen den Weg zum Westwerk oder der Spinnerei, dazwischen liegen die vielen kleineren Oasen.

 

Im Süden

Im Herbst ziehe ich in ein Hausprojekt in Connewitz, dem linken Viertel der Stadt. Die 17 BewohnerInnen sind zwischen zwei Wochen und 49 Jahren alt, die meisten wie ich in den Dreißigern. Derzeit wird wöchentlich pleniert: Die kleine Filiale eines Supermarktriesen, die seit den 1960ern im Erdgeschoß eingemietet ist, wird aufgelöst. Mit der Suche nach Nachmieter*innen beginnt eine Auseinandersetzung, was man mit der freigewordenen Gewerbefläche anfangen will – während die Gentrifizierung langsam aber sicher auch in Connewitz eintrifft. Dieses Mal wohne ich mit drei Frauen, in der WG im ersten Stock. In der belebten Gemeinschaftsküche lerne ich vieles über politische Strategien und Lebensentwürfe und kann mein neues Umfeld bestärken, wie wichtig es ist, eine Partei wie die Linke zur Wahl zu haben.

Eine Schnittstelle ist die feministische Bibliothek MONAliesA. Hier passieren Veranstaltungen und Treffen von feministischen Gruppen. Hier komme ich mir vor wie bei einer Mitgliedsinitiative der KUPF – Ehrenamt, Kulturarbeit und Klinkenputzen. Die städtischen Förderungen sind sicher und über eine Landesförderung ist eine Projektstelle finanziert. Außerdem stimmt die Vernetzung: In der AG Frauenprojekte treffen sich die eher institutionalisierten Initiativen und es gibt Überschneidungen mit dem städtischen Beirat für Gleichstellung; darüber hinaus etablieren sich – von unten – gerade unregelmäßige Treffen zum inhaltlichen Austausch.

Ums Eck vom Hausprojekt lebt eine Punkszene. Der Polit-Sportklub Roter Stern hat nun eine eigene Anlage im Viertel, gesponsert durch die Stadt. Neben vielen Kneipen und anderen Diskussionsformaten laden das offene Abgeordneten- und Projektbüro linXXnet und soziokulturelle Zentren zum Mitmachen ein: Die Frauenkultur ist eine Institution seit 1990 und wirkt über den Stadtteil hinaus, etwa durch einen interkulturellen Mädchentreff im Osten; im Conne Island findet eine Benefiz-Disco für die kommende Ausgabe der outside the box statt – einmal im Monat kann eine Initiative Kassa und Garderobe übernehmen. DJ*anes werden selbst oder vom Haus gestellt. Einzig: Die Musik ist immer ähnlich, von House über Minimal bis zu 90ies in den Morgenstunden. Die Leute kommen nicht wegen der jeweiligen Initiative. Aber sie kommen.

 

Im Osten

Jung, migrantisch, studentisch, kurzlebig, links, rechts – viele Projekte und Schlagwörter und Schlagzeilen beschreiben die östlichen Stadtteile Leipzigs. In der vom Verein krudebude angemieteten Projektwohnung besuche ich ein interaktives Theaterstück zum Thema Alltagssexismus. Der Andrang ist groß, wir stehen Schlange im Treppenhaus des Altbaus und werden gebeten, eine Seite der Treppe freizulassen, die anderen Hausbewohner*innen seien schon genervt. Meine Begleitung, eine der Mitbewohnerinnen aus dem Westen, kennt niemand der neuen Femi-Generation aus dem Osten. Zum wiederholten Mal wird mir die Kategorie Alter bewusst. Später am Abend landen wir zwischen den Fragen: Wie durchbrechen wir linke Moden und Mythen, die nichts mit der Realität zu tun haben? Können alltägliche Situationen etwas am Gesamtkonstrukt ändern? Welche Stadien von Empowerment haben wir durchschritten? Wie hat sich das Thema «Expertin sein» für uns verändert? Sind wir mittlerweile emanzipiert genug, um von so einem Theaterabend fernbleiben und uns zu Hause einer Serie widmen zu dürfen? Am nächsten Morgen schreibe ich in mein Notizbuch: Ich fühle mich in meinem Körper wohl, weil ich einen guten Austausch genieße, und nicht primär, weil ich was für meinen Körper tue.

 

Auf Distanz

Bei einem Heimatbesuch – ins «neue Sachsen» werde ich aus der WG-Küche verabschiedet – über die Winterfeiertage treffe ich eine Freundin, die bei der Migrantinnen-Selbstorganisation maiz arbeitet. Ein paar Tage später, zurück in Leipzig, kann ich Ergebnisse einer Vernetzung beobachten: eine gemeinsame Pressekonferenz von den drei vom Land OÖ auf null gekürzten feministischen Initiativen maiz, FIFTITU% und Arge SIE, moderiert von einer Vertreterin des Frauenvolksbegehrens, live auf dorfTV übertragen. Die Regierungswechsel bringen auch Solidarisierungen und fordern und stärken die Zivilgesellschaft. Das zeigt nicht zuletzt die Kampagne Rettet das Kulturland OÖ der KUPF, die ich durch meine Verteiler in Leipzig jage. Mein Aufenthalt im Osten schafft mir Distanz, Oberösterreich besser in Europa und der Welt einordnen zu können. Plötzlich taucht Altbekanntes in Connewitz auf: «Wels? Da ist doch dieses Musikfestival?» Gemeint ist das music unlimited vom Kulturverein waschaecht in jener Stadt, die gerade durch dreifache schwarz-blaue Belastung glänzt und in die ich im Sommer zurückkehren werde.

 


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