Diktatorinnen mit Kommunistinnenschnauzbärten

Ist die Freie Szene eine Männerpartie? Tanja Brandmayr bedankt sich fürs Mansplainen

Jobs, Freie Szene, Macht und Geschlechter. Angesichts der heutigen Zeit und ihrer politischen Entwicklungen: Ist die Freie Szene eine Männerpartie? Gibt es Geschlechtergrenzen? Die KUPF will’s wissen.

2008 erzählte die Autorin Rebecca Solnit in einem Essay eine Anekdote: 2003, kurz nach Erscheinen ihres Buches über Eadweard Muybridge, sprach sie auf einer Party der gut situierte ältere Gastgeber an, er habe gehört, dass sie Bücher schreibe. Als sie begann, über ihr soeben erschienenes Buch zu sprechen, unterbrach er sie und fragte, ob sie vom ‚[…] kürzlichen Erscheinen eines ausgesprochen wichtigen Muybridge-Buchs gehört habe, und erging sich, ohne eine Antwort abzuwarten, in Auslassungen über das Buch, das er […] nur aus Rezensionen kannte. Der wiederholte Einwurf von Solnits ebenfalls anwesender Freundin, es handle sich dabei um Solnits Buch, fand erst beim dritten oder vierten Mal Gehör, verschlug dem Herrn jedoch nur einen Moment lang die Sprache‘ (Zitat Wikipedia).

 

Die Erfindung des Mansplainings

Der Begriff Mansplaining, der sich dann ab 2008 zu etablieren begann, wird immer wieder auf Rebecca Solnit und diese Begebenheit zurückgeführt, ist aber zuerst in einem Blog aufgetaucht. Mansplaining hat als Kofferwort (Achtung, Ironie!) Eingang ins Oxford English Dictionary gefunden und wird als Neologismus von „Man“ und „Explaining“ definiert als: „Jemandem etwas auf eine als herablassend oder bevormundend empfundene Weise erklären, typischerweise ein Mann gegenüber einer Frau“. Nach Rebecca Solnit kann diese fast absurd lustig klingende Anekdote (Der Koffer!) hingeführt werden auf eine Sichtweise tieferer Diskriminierung:

Das geschilderte Gesprächsverhalten ist eine Methode, im höflichen Diskurs Macht auszuüben – die gleiche Macht, mit der auch im unhöflichen Diskurs und durch Akte körperlicher Einschüchterung und Gewalt Frauen zum Schweigen gebracht, ausgelöscht, vernichtet werden – als Gleichwertige, als Partizipierende, als Menschen mit Rechten und viel zu oft schlicht als Lebende.

Auch wenn mir manche der Worte hier etwas in ihrer Drastik aufstoßen (es käme auf den Kontext der jeweiligen Gegebenheit und auf die tatsächliche Machtbesessenheit des Mansplainers an), sprechen wir dennoch von relevanten und diskriminierenden internalisierten Vorstellungswelten und damit zwangsweise von sich manifestierenden Strukturen. Und ich denke, dass jede Frau, und nicht nur Frauen sehr genau wissen, was hier gemeint ist und woher und wohin der Wind weht.

 

Wirkt sich der politische Backlash auf die Freie Szene aus?

Beim Nachdenken über geschlechterrelevante Unterschiede in der „Freien Szene“ ist mir nun dieser Begriff wieder eingefallen. Ich glaube, dass er ein gutes Hilfsmittel ist, um Umstände zu beschreiben, die in ihrer Diffusität schwer zu fassen sind. Zum einen wegen der schwer zu erhebenden Zahlen und fix zu benennenden Tatsachen in den freien Kulturszenen, die sich im inhaltlichen, strukturellen, spartenspezifischen, und mit unterschiedlichen Ressourcen und Institutionalisierungsgrad unterfütterten Plural befinden. Zum anderen ist Gleichstellung grundlegender konstituierender Belief und auch tatsächliches Faktum der Bewegungsrichtung der Szene. Ob sich der größere politische Backlash auf die Szene auswirkt? Ich hoffe, in (noch) mehr Emanzipation. Sowieso bleibt für viele Frauen aber immer noch und immer wieder die klare Erkenntnis übrig, nämlich schlichtweg die, dass noch einiges zu tun und vieles zu sagen ist, weil es sehr wohl Unterschiede gibt, die wirken.

Und damit zurück zum Mansplaining. Ich glaube, der Begriff ist besonders in seiner Lachhaftigkeit brauchbar. Und ich erzähle, damit es jetzt etwas konkreter wird, aus dem persönlichen Nähkästchen von meinen Erfahrungen mit der KUPF itself. Ich bin gespannt, ob die KUPF den Text abdrucken wird, und möchte sagen, dass ich Beispiele von anderen Vereinen oder zahlreichen anderen Begebenheiten anführen könnte, von mir oder Kolleginnen, aber die KUPF hier als exemplarischen Verein wähle, denn, einerseits ist’s lange her und andererseits: Die KUPF will’s schließlich wissen.

 

KUPF-Nähkästchen

Als ich vor Jahren in der KUPF-Redaktion war, hatte ich mehrmals eine Buchbesprechung einer nicht besonders bekannten Autorin für die Zeitung vorgeschlagen. Diese wurde aber immer wieder von der Redaktion verschoben, bis ich beschlossen hatte, einer anderen Linzer Szene-Zeitung ein Interview mit der Autorin anzubieten. Ich machte mich an die Kontaktanfrage beim Verlag und das Interview kam zustande. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Interviews war die Autorin soweit in aller Munde, als dass sie sowohl beim Steirischen Herbst eingeladen war, sowie sie in einigen deutschen Talkshows zu Gast war, große Interviews gab, usw. Als ich irgendwann ins KUPF-Büro kam, wurde ich gefragt, wie dieser Kontakt zustande kam, und ein damaliger (männlicher) Mitarbeiter vermutete, dass das Interview wahrscheinlich auf bestehende Kontakte des (männlichen) Redaktionsleiters der anderen Zeitung zurückzuführen wäre. Immerhin war ich bereits jahrelang auch in kulturjournalistischer Funktion tätig, aber bitte: offensichtlich gemansplaint zugunsten eines anderen Mannes.

 

Diktatorinnen mit Kommunistinnenschnauzbärten

Ein weiteres Beispiel: Eine Zeitlang wurde in der KUPFzeitung sämtliche geschlechterspezifische in weibliche Schreibweise gegossen. Dies führte im Lektorat, das ich eine Zeit lang auch machte, zu zahlreichen durchaus ambitionierten Diskussionen zwischen mir und der damaligen Redaktionsleiterin, von wegen Fragestellungen, ob es in den Texten schlussendlich wirklich Diktatorinnen oder Kommunistinnenschnauzbärte heißen sollte, wenn man das schon konsequent betreiben würde wollen. Solcherlei Eingriffe in Texte und die generelle Sinnhaftigkeit einer solchen Sprachverordnung in größerer Runde nennend und infrage stellend, wurde mir später von einem damaligen (männlichen) Redaktionskollegen gesagt, dass, Achtung, gewichtig, in Sachen Emanzipation „Sprache schließlich Wirklichkeit erschaffe“. Eine Aussage, der man einerseits so allgemein eh nicht widersprechen möchte, die aber andererseits in selbstzufriedener Generalaussage das Problem nicht an der Wurzel packt.

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Immerhin argumentierte ich als Frau mit einem Soziologiestudium im Hintergrund zugunsten einer Öffnung in mehrere Schreibweisen von weiblicher Schreibweise über Binnen-I bis Gender_gap und *, also auch zugunsten einer Darstellung der Pluralität der Ansätze der Autorinnen, Autoren und Szenen. Und abgesehen davon, dass es nicht darum ging, etwas Bestimmtes durchzusetzen: Gemansplaint war ich kurzerhand als eine, die nicht weiß, dass Sprache Wirklichkeit erschafft!

 

Gender Budgeting

Ein schönes abrundendes Beispiel kann ich in Honorarangelegenheiten anführen, das Lektoratshonorar wurde zu diesem Zeitpunkt den Fair-Pay-Anforderungen nicht mehr gerecht (das Lektorat der jetzigen KUPFzeitung dauert im Übrigen um einiges kürzer, mehr Kolumnen, Tortendiagramme und Zahlen) und meine Arbeitszeit erhöhte sich damals auch wegen der ausufernden Schreibweisen-Fragen. Der damalige (männliche) Mitarbeiter argumentierte allerdings mit Hintergrund auf die finanzielle Lage der KUPF, dass man sich mehr als das etwas erhöhte Honorar nicht leisten könne. Immerhin ging es um etwa 30 Euro mehr; und ich war außerdem über die finanzielle Gebarung der KUPF informiert, denn ich war kurze Zeit zuvor auch im Vorstand und kannte das Budget.

Ich kenne nun die Problematiken mit dem Geld bei den Freien, bin aber leider auch sicher, dass man Männern generell eher zugesteht, einen Lebensunterhalt aus ihren Tätigkeiten generieren zu müssen. Also neuerlich gemansplaint in meinem Wissen über die Finanzen. Aber nun, so what, was soll das alles?

 

Peinliche Kleingeistigkeit mit bitteren Auswirkungen

Ich glaube, dass diese einerseits recht läppischen Beispiele andererseits nicht einer gewissen bizarren Bedeutungsschwere entbehren. Derartige internalisierte Vorstellungen sind immer noch vorhanden, auch in der Freien Szene und sie wirken immer noch auf Frauen. Sie führen potentiell zu mehr oder weniger schwerwiegenden strukturellen Benachteiligungen, je nach Ausgangsposition. Konkrete Beispiele (von brisanterer Benachteiligung) sind oft diffus zu fassen, allgemeine Benachteiligungshergänge (die etwa dann eben nicht zu Jobs führen) noch schwerer nachzuerzählen. Gegebenheiten sind oft peinlich in ihrer durchschaubaren Kleingeistigkeit und haben dennoch bittere Auswirkungen: Es ist quasi Alltagsgeschäft von Frauen, gerade die kleineren, dafür konstant auftretenden und aufreibenden Diskriminierungen, die Anzeichen des größeren strukturellen Übels sind, zu bewältigen – auf die eine oder andere Weise.

Nochmals soll gesagt sein, dass ich Beispiele von zahlreichen anderen Begebenheiten anführen könnte, von mir oder Kolleginnen, von vielen Einzelsituationen auch im Rahmen anderer Vereine. Und deshalb: Es geht eigentlich nicht um die KUPF selbst und schon gar nicht um die einzelnen Protagonisten, sondern um schwer greifbare Zusammenhänge. Die KUPF agiert in vielen Dingen vorbildlich, hat geschlechterparitätische Quoten. Solche Dinge kommen vielmehr überall vor, sind systemimmanent und das System sitzt in den Köpfen und äußert sich in Disziplinierung und zugeschriebenen Karrierewegen. Und wahrscheinlich agiere ich selbst auch mit diversen blinden Flecken, aber: Die KUPF wollt’s schließlich wissen.


Weiterlesen:

Langversion des im Printmagazin abgedruckten Textes.

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