#MeToö?!

Die oberösterreichische Theaterlandschaft: Wenn die Grenzen zwischen privat und beruflich verschwimmen

#MeToo ist seit Herbst das geflügelte Wort für Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe – generell für sexistisch motivierte Ungerechtigkeiten aller Art. Weltweit nehmen Frauen den Twitter­-Hashtag als Chance wahr, ihre Geschichte zu erzählen. Was als Schneeball in der Filmbranche begann, wurde rasch zu einer Lawine. In der oberösterreichischen Theaterlandschaft gab’s bisher kaum Schneeflocken. Und das, obwohl diese Branche mit ihren scheinbar verschwimmenden Grenzen zwischen privat und beruflich ein ganz besonderes Terrain darstellt.

Es rumort in Hollywood. Seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle rund um Producer-Mogul Harvey Weinstein bleibt in der selbstgefälligen HochglanzFilmbranche kein Stein auf dem anderen. Während in L.A. Schauspielerinnen bei Preisverleihungen schwarz tragen, um sich mit #MeToo zu solidarisieren, in den großen Tageszeitungen beinahe täglich neue Fälle von Übergriffen im Filmbusiness und jetzt aktuell eine erweiterte Diskussion am Burgtheater (Hartmann!) auftauchen, ist es in Oberösterreich merkwürdig still zu diesem Thema. Und das, obwohl hier an anderer Front lautstark etwa gegen Kürzungen im Kulturbereich protestiert wird, Demos abgehalten und #frauenlandretten-, #kulturlandretten-Hashtags wie virale Rettungsanker ausgeworfen werden.

Doch von #MeToo keine Spur. Vielleicht gibt es im schönen Land ob der Enns solche Fälle nicht? Oder – das legen Aussagen von Frauen aus der Theaterszene nahe – es traut sich keine etwas dazu zu sagen. Aus vielerlei Gründen.

 

Heidelinde Leutgöb, Foto: Matthias Horn

Wer sich in der Branche umhört, muss den Gesprächspartnerinnen häufig Anonymität zusichern. Sie fürchten um Job, Karriere und ihren Ruf. Was uns in medias res führt: Die Angst davor, in einem kleinen Ort den Mund aufzumachen. «Man kennt sich untereinander, die Theaterlandschaft in Oberösterreich ist überschaubar», sagt Heidelinde Leutgöb, freischaffende Regisseurin und Psychotherapeutin aus Linz. Sie selbst hat stets versucht, sich nicht in Abhängigkeiten zu begeben. «Aber ich weiß, wie das in einer Szene abläuft, wo man ums Überleben kämpft.» Auch in OÖ? «Das wäre ein Märchen, zu sagen, dass es das nicht gibt.» Beim Landestheater Linz nachgefragt, erzählt eine Mitarbeiterin: «Während meiner Tätigkeit in der TOG (Theater und Orchester GmbH; Anm.) gab es nur einen Vorfall im Orchester – eine junge Substitutin wurde von einem Stimmführer sexuell bedrängt. Wir haben sofort mit einer Verwarnung reagiert, dann war Ruhe. Ansonsten hat sich keine Frau an mich – und meines Wissens auch nicht an die Geschäftsführung – gewandt.» Sie sei jedoch sicher, dass sich sehr viel mehr abgespielt habe, aber nicht gemeldet wurde. Nachsatz: «Letztendlich braucht man das Gefühl, auf eine für dieses Thema aufgeschlossene Führung zu stoßen, um sich auch bei nicht strafrechtlich relevanten Vorwürfen an die Geschäftsführung oder die Personalabteilung zu wenden.»

Maxi Blaha hatte den Mut, mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen. 2001 sollte sie beim Festival der Regionen die Elektra spielen. Nach einem Treffen mit dem Regisseur wollte dieser bei ihr übernachten, was sie ablehnte. Kurz darauf kam die Absage, sinngemäß stand darin, dass sie die Rolle nun doch nicht bekäme, weil sie keine private Nähe zulassen könne. Blaha ging zu ihrem Anwalt, der riet, auf Verdienstentgang zu klagen. Ferry Öllinger, damals Festival-Intendant, sagt heute, er habe gemeinsam mit Geschäftsführerin Barbara Mitterlehner geraten, den Vorfall juristisch klären zu lassen. «Beide Seiten haben die Vorkommnisse zu 100 % diametral geschildert. Das ist das schwierige daran. Und wir sind keine Schlichtungsstelle.»

 

Maxi Blaha, Foto: Peter Rigaud

Blaha: «Ich bin heute in einer Position, wo ich keine Angst haben muss vor einem Chef, der mich kündigt. Mit Ende 20 habe ich mich das einfach nicht getraut.» Für Blaha, die als freie Schauspielerin in Wien lebt, ist #MeToo nur ein Symptom für eine ganz große Ungerechtigkeit. «Es herrscht ein generelles Machtproblem an den Theaterhäusern, die noch immer ein männlich dominierter Betrieb sind.» «Scheinbar allmächtige Regisseure, die herabwürdigen. Es mag schon auch große Künstler darunter geben, aber das rechtfertigt das Benehmen nicht», weiß auch Leutgöb zu berichten.

Das Theater, die moralische Instanz, in der humanistische Ideale hochgehalten werden, scheint sich in dieser Sache besonders schwer zu tun. Vielleicht wird hier deshalb so vornehm geschwiegen? «Auf der Bühne öffnet man sich anders, übersteigt Grenzen, die missverstanden werden können. Deshalb ist es ja auch so schwer, sich zu wehren. Es will auch niemand prüde genannt werden», schildert Leutgöb. Auch Blaha erkennt die sehr offene Jobdescription als Manko an: «Es gibt wenig Regeln.»

 

Clara Gallistl, Foto: Lisa Edi

«Gerade für junge Frauen ist das Theater ein schwieriges Umfeld, weil immer eine latente Sexualisierung in der Luft liegt», findet Clara Gallistl. Die Dramatikerin aus Kirchberg-Thening arbeitet in Wien und Linz. Am Burgtheater hat sie selbst sexualisierten Machtmissbrauch erfahren: «Ich hätte nicht gewusst, an wen ich mich wenden soll.» Deshalb finde sie den Twitter-Hashtag gut: «Er sammelt ungefiltert Aussagen, wie ein Kummer-Briefkasten.» Gerade bei sexualisiertem Machtmissbrauch, bei dem sich Betroffene nichts zu sagen trauen, könne man sich mitteilen. «Das Schweigen zu brechen ist ein zentraler Punkt, wie sexualisierte Gewalt gestoppt werden kann.»

Eben diese Undifferenziertheit des Hashtags ist es, die ihm von anderer Seite Kritik einbringt. Plakativ gesagt fängt #MeToo vom verbalen Sexismus bis zur Vergewaltigung alles auf. «Alles unter einem Motto anzuprangern finde ich nicht gut, das funktioniert nicht», sagt eine Theatermacherin aus Linz. Was ihr bei der Debatte fehle, sei, «dass es weitergeht und man etwas damit macht. Entweder man handelt jetzt oder man hört auf.» Im Österreichischen Skiverband werden bereits konkrete Schritte in Richtung Aufklärung und auch Prävention unternommen. «An Theatern gibt es meines Wissens nach keine Stelle, an die man sich wenden könnte», sagt Leutgöb.

In einem Punkt sind sich alle einig: Es ist wichtig, darüber zu sprechen, nur dann kann ein neues Klima der Wertschätzung und des respektvollen Miteinanders tatsächlich stattfinden, damit Machtmissbrauch und all seine Ausformungen erst gar keine Chance haben. Apropos. Auch die Neubesetzung der Geschäftsführung an einem großen Kulturtanker wie dem Landestheater könnte eine Chance sein für ein Theater des 21. Jahrhunderts, das nicht nur technisch gesehen «State of the Art» ist, sondern auch in der sozialen Struktur eine Vorreiterrolle übernimmt.

 


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