Schnittstellenproblematiken

Neue Studie zur sozialen Absicherung von Kunst- und Kulturschaffenden

 

Tageweise Anstellungen, Honorarnoten, öffentliche Förderungen und ein Zuverdienst in einer anderen Branche – im Erwerbsleben von Künstler_innen reiht sich meist Projekt an Projekt, ein Mix an selbstständigen und unselbstständigen Einkünften ist die Regel und ein Angestelltenverhältnis eher die Ausnahme. Bei Arbeitslosigkeit ist es daher für Künstler_innen oft schwer, Ansprüche auf Arbeitslosengeld geltend zu machen, auch wenn sie Versicherungsbeiträge eingezahlt haben. Mit der AlVG-Novelle von 2007 wurde der Zugang zur Arbeitslosenversicherung auch für Selbstständige geöffnet, gleichzeitig aber auch Arbeitslosigkeit gesetzlich neu definiert und der Wegfall einer Pflichtversicherung als wesentliches Kriterium für den Anspruch auf Arbeitslosengeld bestimmt. Dies schafft seither vor allem bei Gleichzeitigkeit oder einem häufigen Wechsel zwischen selbstständiger und unselbstständiger Beschäftigung Probleme.

Der Kulturrat Österreich beschäftigt sich seit gut zehn Jahren schwerpunktmäßig mit der sozialen Absicherung von Kunst- und Kulturschaffenden. Im Auftrag der Arbeiterkammer Wien entstand nun eine zweiteilige Studie, die erstmals umfassende Einblicke in die langjährigen Erfahrungen aus der Beratungstätigkeit und Lobbying-Arbeit in diesem Bereich auf den Tisch legt und Lösungsansätze skizziert. Der juristische Teil, erstellt von Barbara Trost, Birgit Waldhör und Tanja Iljkic, wurde bereits im Juli 2017 publiziert; nun liegt auch der von Clemens Christl und Markus Griesser durchgeführte sozialwissenschaftliche Teil der Studie vor.

 

Basierend auf Expert_inneninterviews mit Vertreter_ innen der Interessengruppen (IGs) und der relevanten Behörden wird den Lücken in der sozialen Sicherung und den Schnittstellenproblematiken, etwa zwischen SVA und AMS, nachgegangen. Die Studie zeigt dabei insbesondere die Widersprüche auf, die in einem System der sozialen Sicherung, das auf unselbstständigen Angestelltenverhältnissen beruht, auch in den Detaillösungen für Künstler_innen bestehen bleiben. Während als theoretischer Ausgangspunkt darauf hingewiesen wird, dass der österreichische «konservativ-korporatistische Wohlfahrtsstaat» sich am regulierten Normalarbeitsverhältnis und am gesellschaftlichen «Leitbild eines starken Familienernährermodells» (S. 14) orientiert, wird jedoch nicht näher auf geschlechterspezifische Unterschiede in den Problemlagen eingegangen. Eine Stärke der Studie, die trotz der komplexen Materie übersichtlich und gut lesbar bleibt, ist, dass ihre Erkenntnisse gut für prekär Beschäftigte in anderen Feldern anknüpfbar und im Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen interessant sind, in der immer mehr Menschen in (Schein-)Selbstständigkeiten gedrängt werden.

 

Kulturrat Österreich (Hg.): Unselbstständig – Selbstständig – Erwerbslos. Studie zu Problemen von Kunstschaffenden in der sozialen Absicherung aus sozialwissenschaftlicher Sicht. (Eigenverlag, 2017)

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