Parallax Error #147

Die Doku-Reihe „Auf der Flucht – Das Experiment“ auf ZDFneo sorgt derzeit für heftige Diskussionen. In der Reality-Soap begeben sich sechs gecastete Charaktere „auf eine ungewöhnliche Reise“, wie uns der Sender wissen lässt: „Sie machen sich auf den Weg in die Ursprungsländer Asylsuchender in Deutschland und erfahren am eigenen Leib, was es heißt, auf der Flucht zu sein.“ Drei von ihnen werden als „Team Irak“ in den Nahen Osten geschickt, die anderen drei reisen Richtung Eritrea und tragen fortan den Titel „Team Afrika“ (sic!). „Sie übernachten im Asylbewerberheim, in den überfüllten Flüchtlingslagern in Athen und Rom und stehen in Tunesien …

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Wider die Lethargie!

Sofern es sich um Leuchttürme handelt, taugt Kulturpolitik sogar für den Wahlkampf. Ob Musiktheater oder Gustav Klimt-Zentrum in Schörfling: Es wird mit Fototermin hergezeigt, was zum Herzeigen geschaffen wurde. Alles ist erleuchtet, wohlig hell und gut geölt: Ist das etwa alles, was uns von der Kulturpolitik bleibt? Wir werden uns nicht damit abfinden! Initiative Kulturarbeit ist zum überwiegenden Teil von Freiwilligkeit und Idealismus getragen. Das wissen wir nur zu gut. Wir wissen, belegen und argumentieren, dass Kulturarbeit Arbeit ist, gesellschaftlichen Mehrwert schafft und hierfür tragfähige Strukturen notwendig sind. Wie wir trotzdem erfahren müssen, lassen sich mit den aktuellen, noch dazu …

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Factbox LEADER

Was? Neben Agrarförderungen machen die Förderprogramme für regionale Entwicklung einen Großteil des EU-Budgets aus. Eines davon ist LEADER („Liaison entre actions de développement de l’économie rurale“), was übersetzt soviel bedeutet wie „Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft“.  Das Programm zielt seit 1991 auf ganzheitliche ländliche Entwicklung ab, wobei ein Prinzip (theoretisch) über allem steht: „bottom up“, sprich die aktive Einbindung der Bevölkerung.   Warum kann LEADER für Kultur interessant sein? LEADER ist quasi eine „positive Systemstörung auf kommunaler Ebene“, weil gemeindeübergreifend in Form von „lokalen Aktionsgruppen“ („LAGs“ oder LEADER-Vereine) und gemeinsam mit der Bevölkerung langfristige Ziele für eine …

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„Pioniere der Gentrifizierung“

… oder Keimzellen des Widerstands? Zwischennutzungen von Leerstand werden kontrovers diskutiert. Oft wird gerade bei Kunst- und Kulturprojekten kritisiert, sie würden die neoliberale Umstrukturierung der Stadt letztlich fördern und durch das Eingehen zeitlich begrenzter Nutzungsverhältnisse zur Prekarisierung des Lebens beitragen. Somit wird Zwischennutzungsprojekten oft jeder emanzipatorische Charakter abgesprochen. Wenn Projekte es aber schaffen, sich auf der Ebene der Lebensrealitäten ihrer Nachbarschaft mit dieser zu vernetzen und eine gemeinsame Praxis zu etablieren, können sie durchaus potenziellen Widerstand gegen die Zwänge der Stadtentwicklung von oben fördern.   Das (un)geliebte Modell der „Kreativen Stadt“ Das Konzept der „Kreativen Stadt“ ist ein gehyptes Erfolgsversprechen, …

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Schnelle Sättigung?

Kaum eine Gemeinde kommt noch ohne aus und fast kein Projekt scheint so unerschöpflich: Vom überschaubaren Gewerbepark bis zum weitläufigen Einkaufszentrum sind in den vergangenen Jahren unzählige neue Betriebsstätten an den Rändern von Ortschaften und Städten emporgeschossen. Unerschöpflich? Seit den 1960er Jahren ist das Shopping Center in Europa bekannt; es folgt dabei dem Vorbild aus den USA. Geplant oft zur Versorgung neu entstandener Stadtteile wurde es in letzter Zeit zur wachsenden Konkurrenz für Ortszentren mit dessen alten gewachsenen Strukturen im Bereich der Nahversorgung. Mit dem Angebot eines besonderen Einkaufserlebnisses und  einer neuen Definition des Shoppings als Freizeitgestaltung – verbunden mit …

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Inkludieren wir uns endlich!

Während politisch inszenierte Abschiebungen, bösartige Unterstellungen und perfide Umdeutungen von christlichen Begriffen für die übliche Dosis Rassismus im Nationalratswahlkampf sorgen, legt der oberösterreichische Landeskulturbeirat ein durchaus ambitioniertes Maßnahmenpaket vor, um die Partizipation von Migrantinnen, ethnischen Minderheiten und Flüchtlingen am kulturellen Leben im Land stärker zu fördern. Das Beste am Paket ist aber seine Überschrift. Ein neuer Anlauf des Landeskulturbeirats Fast zeitgleich mit den skandalösen Abschiebungen der pakistanischen Flüchtlinge präsentierte der Vorsitzende des oberösterreichischen Landeskulturbeirats Helmut Obermayr gemeinsam mit Landeshauptmann Pühringer ein „Vorschlagspaket für Interkulturalität und Inklusion“, das durchaus beachtenswert ist. Schon im Oberösterreichischen Kulturleitbild wird die „Teilnahme möglichst aller Bevölkerungsgruppen …

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Düstere Lichtblicke

„Wie viele KI’s es gibt? KI’s, äh…“ „Kulturinitiativen.“ „Aha, und sie hätten gerne ein Schätzung von mir? Na dann würde ich sagen, so circa 30 bis 40.“ Falsch – es sind um die 80 KI’s, die sich derzeit in Kärnten/Koroška im freien, zeitgenössischen Kulturfeld bewegen. Wobei dieser Zahl eine grobe Recherche zugrunde liegt, wahrscheinlich dürften es über 100 sein. Um dies mit Gewissheit sagen zu können, bedürfte es freilich einer umfassenden Erhebung der freien Kulturszene in Kärnten/Koroška. und um diese durchführen zu können, bräuchte es wiederum zweierlei: Personal und Budget. Also grundsätzliche Ressourcen, ohne die Interessen freier Kulturarbeit nicht ernsthaft …

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Eine Balance zwischen künstlerischem Handeln und sozialem Agieren

Festival der Regionen-Intendant Gottfried Hattinger im Interview: Es geht um die Arbeitspraxis in den Regionen, die kommunikative Kompetenz von Kultur; und die Kunst zu provozieren – ohne gleich mit dem Arsch ins Gesicht zu springen. Der Schwerpunkt des Festivals der Regionen liegt programmatisch und namensgebend bei Kunst und Kultur in den Regionen. Dennoch ist es mehr als kulturelle Nahversorgung. Ich darf es mal so sagen: Man schaut, was die Region hergibt; man fügt der Region was bei; man bearbeitet. Ist das so? Und, vielleicht können Sie einen kurzen Abriss skizzieren: Wie geht man in der Regel in die jeweilige Region …

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Zum Nachtisch gibt’s Krebs

Der Lutz ist beileibe kein B-Promi. 98 % der Österreicher kennen ihn und das ist sogar mehr, als der Bundespräsident von sich behaupten kann. Die meisten haben ihn schon mal in einem seiner Häuser besucht, obwohl eigentlich fast jeder behauptet, ihn nicht zu mögen. Der Lutz ist nämlich lauter als alle anderen. Und er nervt. Im Fernsehen, im Radio, auf Plakaten und im Internet. Überall ist der Lutz und seine schräge Familie hat er auch immer dabei. Jeder kennt sie und keiner mag sie. Wie die Flicks, nur noch erfolgreicher. Das Geheimnis vom Lutz ist seine Unersättlichkeit. Angefangen hat er …

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DIN 8325-2:1989-12

Falls Sie im Sommer mit ihren Lieben auf einem Campingplatz verweilten, dann stehen die Chancen gut, dass Sie ihren inneren Rhythmus, ihre innere Uhr wieder „richtig“ gestellt haben – und zwar schon nach etwa fünf Tagen. Soviel Abstand von fremdbestimmten Einflüssen braucht es, dass sich der Körper wieder an Sonnenstand, Länge der Tage und den Nachtstunden orientiert.Niemand fügt an, dass dieser schöne Effekt beim Teufel ist, sobald die „Sommerzeit“ mit der „Winterzeit“ wechselt. Zur Erinnerung: Der Unfug „Zeitumstellung“, der keinen Nutzen hat und die Leute tagelang aus der Bahn wirft, hat keinesfalls Tradition. Er ist eine kollektive Erfahrung, die mehr …

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Dude, bleib doch in Berlin…

Manchmal läuft’s eher glatt und manchmal läuft’s eher holprig, manchmal stolpert man und manchmal rappelt man sich eh wieder auf – kann aber nicht immer so sein und muss auch gar nicht immer so sein. Die Kitzmantelfabrik in Vorchdorf war den Versuch sicher wert. Ein bisschen Geschichte Die Kitzmantelfabrik ist eine alte Lederfabrik in Vorchdorf. Im Jahr 1995 hört die Familie Kitzmantel auf, Schuhe herzustellen und im Jahr 2001 kauft die Gemeinde das Gebäude. Eine kleine Utopie regionaler Kulturarbeit entsteht. Denn am Anfang hört sich alles wunderbar an und sieht super aus. Es gibt das feste Bestreben, das Gebäude der …

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Bildung, Gender, Aktionismus

Im November 2013 ist die KUPFakademie wieder Teil der Vortragsreihe FEMfocus an der Linzer Volkshochschule. An vier Abenden dreht sich diesmal alles um den hochaktuellen Themenkomplex Geschlecht & Bildung. Verschiedene Aspekte wie Bubenarbeit oder migrantische Positionen werden dabei ausgeleuchtet. Zur Einstimmung bringt die KUPFzeitung einen Gesprächsauszug mit Bildungsexpertin Kristina Botka über die (verpassten) Chancen der Elementarpädagogik.   Kristina Botka beeindruckt: nicht nur mit ihrer unzweifelhaften fachlichen Expertise, ihren großflächigen Peckerln und dem guten Spruch, sondern auch mit ihrer aktionistischen Vergangenheit. Die gelernte Kindergartenpädagogin und studierte Politikwissenschafterin war Mitbegründerin des Kollektivs Kindergartenaufstand, das sich massiv für die Verbesserung der unwürdigen Situation …

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KINO OHNE LAND: EINE ORIGINALFASSUNG MACHT NOCH KEINE FILMKULTUR

Die Diskussion um die Bedeutung von regionalen Programmkinos wird ideologisch geführt. Ihre große Bedeutung sollte dennoch nachvollziehbar sein. Ein letztes Mal war der Saal des Stadttheater Wels gefüllt. Viele, die dem Programmkino die Treue hielten genossen noch einmal das altgewohnte Szenario: der Kartentisch mit weißem Tischtuch im Foyer, das antiquierte Telefon über das die Saalregie mit dem Vorführer Kontakt aufnehmen konnte, die riesige Leinwand. Viel zu oft markieren Abende wie jener des 22. Septembers 2012 das traurige Ende einer Kino-Ära. Erfreulicher die Situation in Wels: Es war der letzte Kinoabend im Stadttheater, nicht aber für das Programmkino. Das zeigt seine …

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Genderismus und Menschinnen

Die Gender Studies als wissenschaftliche Disziplin haben in den letzten 20 Jahren eine gewaltige Leistung vollbracht – sowohl betreffend Forschung und Erkenntnis als auch hinsichtlich der Institutionalisierung an den Universitäten. Die Gender Studies sind zur etablierten Disziplin erwachsen – soweit so gut. Dennoch müssen sie sich in den letzten Jahren verstärkt rechtfertigen: Von Seiten rechtsextremer Burschenschaften und Männerrechtler wird nachhaltig kampagnisiert, dass „Gender“ eine Erfindung linkslinker Wichtigmacherinnen wäre, die lediglich feministische Ideologie durchzusetzen versuchten. Zuletzt sprangen auch Journalisten vom Spiegel oder der Zeit auf diesen Zug auf. Gender Studies werden demnach mit „Voodoo“ (Harald Martenstein) verglichen und als Instrument zur …

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Stadt der Commonisten

Das Landleben hat – zumindest in der Theorie – Hochkonjunktur und bricht mit Zeitschriften wie der „Landlust“ Auflagenrekorde. Auf die Seite der Stadtbewohner schlägt sich nun das Buch „Stadt der Commonisten“, das seinen Leserinnen und Lesern die „neuen urbanen Räume des Do it yourself“ näher bringt und dabei Lebenslust mit politischem Engagement verbindet. Den größten Teil des selbsterklärten Bildbands nehmen analoge Fotografien im 70er-Jahre- oder je nach Sozialisation auch Instagram-Look ein. Angereichert ist das Hybridbuch mit einem Lexikon des urbanen Do it Yourself vom 3D Printing über Guerilla Knitting bis hin zur Schrottregatta. Ihr gemeinsames Dach finden all diese Tätigkeiten …

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Bilder aus Linz und Leonding

Schweinsbraten ist eine Männerlust, sagte eine Frau beim Mostbauern, und Putenfleisch reizt mich nicht. Am Donnerstag, der Topfenstrudel, dafür waren sie berühmt, deshalb sind wir hingegangen. Sie trank einen Schluck und sprach weiter, als sie das Glas wieder am Tisch abstellte. Aber den Grenadiermarsch, nein, den kennen sie nicht. Sie nehmen sich die Zeit nicht, es sind so viele Dinge vorrangig. Wir saßen der Frau und ihrem Mann gegenüber, wir sprachen, wenn Worte an uns gerichtet wurden, wir tranken Most, er schmeckte gut. Ich dachte an das Café Weidinger in Wien, wo an manchen Abenden der Spritzer dem Most nahekommt. …

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Rock ’n’ Roll

Die Welt, wie sie Harry Gebhartl in seinem Romandebüt „Fett“, zeichnet, ist gefährlich. Ein unwirtlicher Ort. Ein fürchterlicher Ort. Swar kalt, swar Nacht, swar nass, swar Regen. Der in seinem ersten Leben schwer gebeutelte Salbenspezialist Gelatina di Frutta sieht sich einer ausserirdischen Verschwörung auf der Spur. Menschenjäger und Menschenfresser in Hollywod-Verkleidung, unter ihnen Georgie W. Bush vom Planeten Dart (Nebenmond von Dut), veranstalten weitgehend unbeachtet mörderische Schnitzeljagten auf der Erde. Der, wie die allermeisten Figuren, schwergewichtigte Frutta, verarbeitet diese kurzerhand (teilweise) zu Heilsalbe für die bereits Angefallenen und Attackierten. Die solcherarts verstümmelten Leichen werden ausserdem noch grotesk beschriftet: „Adios, Oma …

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Quo vadis Europa?

Ich muss zugeben, das Buch der Solidar-Werkstatt Österreich war harte Kost. Vielleicht deshalb, weil ich unmittelbar davor Robert Menasses „Der europäische Landbote“ gelesen habe und mich sein glühendes Plädoyer für die Europäische Einigung nachhaltig beeindruckt hat. Menasse sieht in der EU die historische Chance, das konfliktreiche Zeitalter der Nationalstaaten zu überwinden und in Europa eine moderne und aufgeklärte postnationale Demokratie zu etablieren. Eine Demokratie, mit einer starken europäischen und einer starken regionalen Ebene, die den Nationalstaat überflüssig macht und vollständig ablöst. Er räumt mit gängigen Klischees über die Brüsseler Bürokratie auf und beschreibt das Ringen der supranationalen Institutionen wie Kommission …

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