Die Kunst der Überraschung

DJ Marcelle über den Drang, dem Publikum stets voraus zu sein

Wie oft fragen mich Veranstalterinnen, Journalistinnen und Musik-Interessierte, welche Art von Musik ich denn spiele? Obwohl mir diese Frage so häufig gestellt wird, bin ich jedes Mal aufs Neue irritiert, wenn ich sie höre. Warum muss es eine Art von Musik sein, am liebsten nur eine Richtung?

Die Essenz meines DJ-Stils ist: Freiheit und der Drang, dem Publikum stets voraus zu sein. Das Publikum ist meistens definitionsgemäß konservativ, es möchte hören, was es bereits kennt und mag keine Überraschungen, selbst in „progressiven“ Musikszenen. Ich mag es, die Dinge in unbekannte Gefilde zu lenken. Sich selbst auf ein einziges musikalisches Genre zu beschränken ist schade. Dann lässt man so viele Möglichkeiten aus. Auf meinem Ende 2010 erschienen Album „DJ Marcelle /Another Nice Mess Meets More Soulmates At Faust Studio Deejay Laboratory“ lege ich u.a. afrikanische Rhythmen mit dem Klang tschechischer Massendemonstrationen von 1989, Dubstep mit experimenteller Elektronik, Dub mit Dampflokomotiven, Akkordeonspiel mit Breakcore und Minimal mit Safaristimmen simultan auf (ich verwende live und im Studio drei Plattenspieler). Diese wilde Mischung kann so viel Spaß machen und solch eine Inspiration sein. Nicht zu wissen, wohin es einen ziehen wird und diese Reise zu genießen – das ist für mich etwas Wesentliches in meinem Leben und demzufolge beim DJ-ing. Die zwei Bereiche lassen sich nicht trennen.

Ich bin überzeugt davon, dass jeder einzelne, bestimmte Musikstil besser klingt, wenn man ihn gegen einen anderen Track eines anderen Stils spielt. Du weißt nie, was du bekommen wirst. Bei mir gibt’s nicht die uniformen Tanzbewegungen wie bei vielen „musikalische Genre-Parties“. Ich präge einen Individualismus, der zum Denken herausfordert aber doch immer spielerisch und tanzbar bleibt. Auf gewisse Weise ist dabei die musikalische Form irrelevant. Ich war von so vielen verschiedenen Musikrichtungen (von Punk bis Drum ’n Bass, von Dubstep bis schrägem Noise und von Soukous bis Techno) inspiriert und fasziniert. Und jedes Mal noch haben sich die Versprechungen und der Sinn und Zweck dieser neuen Musikstile nicht zur Gänze erfüllt, weil sich die Mehrheit der Beteiligten auf ihren Lorbeeren ausgeruht hat. Ich versuche, eine Geschichte zu erzählen und die Menschen bei den Händen zu nehmen, um sie auf einen Spaziergang in unbekannte Gegenden zu führen. Dabei mag ich es, Platten zu spielen, die einen erstaunen, die voll bizarrer und unerwarteter Wendungen sind – in der einen Minute glaubst du, wie wunderschön das Leben klingt, in der nächsten wie furchterregend, und unmittelbar darauf, wie unglaublich lustig.

Das Publikum wird nicht bloß unterhalten, es wird permanent gefordert und ist Teil eines Abenteuers. Und wenn alles „gut“ geht, wird es ein unglaublicher Abend. Musik ist für mich keine Möglichkeit des Eskapismus, sondern eine Art zu leben, eine Art Politik. Vinyl ist auf dieser Reise unverzichtbar, sowohl aus ästhetischen, als auch aus hörbaren Gründen. CDs und MP3s mag ich nicht, sie haben keine Seele und kein Gewicht. Und es gibt auch etwas zu sehen für das Publikum wenn ich jongliere und improvisiere mit den vielen Schallplatten! Eine Folge meiner Arbeitsweise ist, dass sich regelmäßig Leute bei mir bedanken, die nicht denselben „Punk“-Background haben wie ich. Ich habe mit zeitgenössischen Tänzerinnen, Jazzmusikerinnen (beim Klangbad Festival 2010 spielte ich spontan ein Set mit einem Trompeter von Jimi Tenor) und Musikerinnen der älteren Generation gearbeitet, wie mit Hans-Joachim Irmler, dem Gründungsmitglied von Faust, Kurator des Klangbad Festivals und Betreiber des Klangbad Labels, das meine Vinyl-Platten veröffentlicht. Parallel bilde ich derzeit ein Duo names „Fodderstompf“mit dem Kölner Percussionisten Holger Mertin.

In einer überwiegend von Männern beherrschten Szene finde ich es schade, dass so viele DJanes den Fehler machen, zu versuchen, es ihren männlichen Kollegen gleich zu tun und auf die Technik und fehlerloses, eindimensionales Mischen fokussieren, anstatt auf die eigenen Stärken zu setzen. Bedient euch der Inspiration, der Erkundung und lasst die „Regeln“ links liegen! Warum spielen wir nicht viel mehr mit dem Bild dessen, wie ein DJ sein sollte? Wie singt Scout Niblett in ihrer Version von „Uptown Top Ranking“, dem letzten Track meines Album aus 2008, mit dem ich für gewöhnlich meine Gigs beende: „I got no style, I’m strictly roots“

 

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