Fluxgeneratorhandbuch

Geschichte schreiben nicht nur Sieger, sondern gelegentlich auch andere. Martin Wassermair und Konrad Becker versammeln für ihr Buch „Кampfzonen in Kunst und Medien – Texte zur Zukunft der Kulturpolitik“ 25 helle Köpfe und lassen diese die österreichischen Politiken der letzten Jahre und der Vergangenheit kritisch untersuchen. Wurde auch Zeit, findet Klemens Pilsl.

Das mit dem irrefürrenden Titel (von wegen Texte zur Zukunft der Kulturpolitik) ist blöd, aber keine Tragödie. Aber klarzustellen ist es: die meisten Texte sind in der nahen Vergangenheit oder Gegenwart verhaftet. Anyway, Кampfzonen in Kunst und Medien bildet einen Pool jener AutorInnen, die man mangels anderer Phrasen als kritische oder gar »radikale« (huch!) Intellektuelle dieser Tage und dieses Landes bezeichnen könnte. In der Regel WienerInnen, akademisch geschult und aktionistisch gebildet sowie kulturell erfahren (und nicht immer ganz von Eitelkeiten verschont, aber wer ist das schon).

Namedropping? Gerald Raunig, Marlene Streeruwitz, Isolde Charim, Monika Mokre, Martin Wassermair, … Das Augenmerk des Buches liegt zum einen auf einer ersten politischen und wissenschaftlichen Abrechnung mit der „Wenderegierung“ und ihrem Versagen in politischen, kulturellen und sozialen Belangen. Zum anderen aber auch auf gegenwärtiger Politik und Einblicken in die vergangene (Kreisky/Sinowatz) gegenwärtige (Schmied) Kulturpoltik der Roten. Sowie auf einem generellen Hinterfragen der herrschenden Praxis von Kultur-/Medienpolitiken von oben wie unten. Ansatzpunkte sind die verschiedensten „Кampfzonen“: Filmförderungen, Gedenk- und Mozartjahre, Museumspolitiken, Kunsthierarchien, Medien, Netzsubventionen,…

Die Advantgarde des Kapitalismus

Alles gut und schön, die wirklichen Highlights verstecken sich dann in den etwas sperrigen Texten – wenn Georg Schöllhammer die eigenen Zusammenhänge und Konstrukte untersucht wird’s wirklich spannend: „nonkonformistische Intellektuelle“ (Schöllhammer u.a. über die AutorInnen) und Kulturlinke als ProtagonistInnen des aktuellen Kapitalismus. Nicht trotz, sondern wegen ihrer subjektiven „Widerständigkeit“.

Und dass man als Linzer beim Lesen manchmal an die hiesige Kulturhauptstadt 2009 denken muss, ist hier als wohltuender Glücksfall zu sehen. Es herrscht da eine gewisse Schizophrenie: Man möchte gleichzeitig dabei und dagegen sein. Wieder sind beide Seiten in einem Dilemma: Kooperiert man mit den Großen, kann einem das beim eigenen Bezugsfeld den Vorwurf des Opportunismus bzw. des Sich-Vereinnehmen- Lassens eintragen. Ein Vorwurf, der paradoxerweise den großen und offenen Institutionen als genau ins Gegenteil gewendeter ebenfalls gemacht wird: Kooperieren diese nicht … sehen sie sich mit dem Vorwurf des Ausgrenzens der Peripherie konfrontiert. Kooperieren sie … heißt es automatisch und nicht unberechtigt, sie saugten das Innovative für das Zentrum auf und ab.“

In eine andere Kerbe schlägt Andreas Wahl; im Tonfall des prollenden Schrebergärtners tätschelt er einmal mehr zärtlich die Wange der Theoriefraktion und hilft uns allen, am Boden der Tatsachen zu bleiben: schließlich braucht Theorie im Idealfall auch ein wenig Praxis, und Herr Wahl als Frontgrenadier provinzieller Agitation ist hierfür genau der richtige. Und natürlich auch ganz besonders fein: Isolde Charim über die Emotionalisierung der Erinnerungen unserer Gesellschaft im Rahmen der diversen Gedenkjahre und warum das alles tatsächlich so Scheiße ist, wie es sich anfühlt. Gelungene Texte, durch und durch.

Meta-Lamento

Das eigentliche Selbstverständnis des Sammelbandes wird aber vor allem zwischen den Zeilen und im Klappentext kommuniziert: über mangelnde Wertschätzung und schwindenden Einfluss der »kritischen Intelligenz« in Österreich wird lamentiert; das Buch versteht sich als Versuch der „Sichtbarmachung“ dieser Intelligenzija. Doch gerade wenn es um langfristige Strategien (über eine Sichtbarmachung hinaus) geht, schweigt sich auch das Buch größtenteils aus. Die Distanzen zwischen Wasserkopf und AktivistInnen, globalem Anspruch und provinzieller Realität sowie gewollter Radikalität und praktizierter Lebenswelt bleiben ausgeklammert, Erklärungsmodelle für das durchaus diagnostizierte Versagen eigener Zusammenhänge bleiben zumeist nur angedeutet, wohl weil auch nicht intendiert von den MacherInnen. Schwieriges Terrain, aber das wäre doch was für den Fortsetzungsband, oder?

Zielgruppenbuch

Fazit: Für Interessierte recht famos zu lesen. Wer Malmoe, Grund- sowie Kulturrisse oder ähnliches gerne liest, wird hier zufrieden sein: der „Produktionsrahmen Вuch“ bietet doch andere Möglichkeiten für die TexterInnen, die man oft in den eben genannten Medien liest. Als Sammelband und Spiegelbild eines intellektuellen Segments der Kulturlinken ein wichtiges Buch, und im Sinne einer „Leistungsschau“ des Ganzen wohl auch endlich notwendig. Ich hoffe, dass Andreas Khol und Claudia Schmied es nicht nur in die Finger bekommen, sondern auch lesen. Was natürlich zu viel der Erwartung ist. Aber wenigstens der Morak?

 

Klemens Pilsl lebt und arbeitet in Linz

“Кampfzonen in Kunst und Medien – Texte zur Zukunft der Kulturpolitik“ Konrad Becker, Martin Wassermair (Hg.) Verlag Löker, ISBN: 978-3-85409-483-8 200 Seiten, 19,80 Euro

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