Zeit trifft Wort im Bild

C.W. Ellmann über eine umtriebige Comicszene in Pöstlingberghausen.

 

Es tut sich was in Pöstlingberghausen. Mindestens 4020 mal so viel wie je zuvor. Es gilt die Kunde von drei ungustiösen Publikationsrüpeln aus der übel verleumdeten Comicgosse zu verbreiten, die vor der Massenapathie das Bein heben und ihr Geschäft z’Linz verrichten.

Die Welt der Comics zaubert den meisten, die bloß die schale Oberfläche betrachten, die Schamesröte ins Antlitz und provoziert ein angespanntes Hüsteln, ob der vermuteten Trivialität. Die Postmoderne macht natürlich auch nicht vor der Comicgegenwart einen Bogen, jedoch verwehrt sich in dieser vieles dagegen. Die „Goldrausch“- Stimmung etwas „Neues“ zu schaffen, kann bei unzähligen Beispielen betrachtet werden und stimmt mich (zumindest) zuversichtlich, bezüglich pessimistischer Aussagen zur Kulturlage. Comics finden, wohl durch vermehrte Filmpräsenz oder größere Verbreitung von einschlägigen, qualitativ hochwertigeren, Veröffentlichung im schlecht sortierten Fachhandel, heute wieder gerne auf Nachtkästchen ihren Platz.

Nährboden für Ignoranz In Linz gibt es natürlich keinen Laden, der (mehrere) “ansprechende“ Werke führt, aber dieses Schicksal wird, bis auf wenige Ausnahmen, mit ganz Österreich geteilt. Der Nährboden für Ignoranz ist also vorhanden, das Internet darf Abhilfe schaffen. Doch eine dreiköpfige Linzer Hydra mit Comicantlitz, von der jetzt die Rede sein wird, hofft auf Zuwachs. Die fehlenden sechs Köpfe sollten langsam nachwachsen…

Moff Nach acht Jahren Pause und 36 Ausgaben nimmt das 1997 entstandene, feine Schundheftl Moff Auszeit von seiner Schaffenspause und begeistert seit April wieder mit neuen Humorkeulen. „Eine Handvoll Fans sind Grund genug für einen erneuten Start.“ (Moff-Homepage) Der Macher Gerhard Haderer, seineszeichen allgegenwärtiger Karikaturist und Mann mit dem mikroskopischen Blick für Wahnsinn in OÖ (& sonstwo), ruft mit dem letzten Heft einen »Wonne Monat, verschissener!!« aus. Starmania Casting, GW Bush, die altbewährte „Wie wäre die Welt wohl geworden, wenn man Jesus damals nicht ans Kreuz genagelt hätte, sondern“-Serie, der Beamte Novak und weitere Abartigkeiten rund um Gusi & Co. lassen Begeisterung und ungeduldigstes Warten auf das nächste Heft aufkommen. Erhältlich jeden 18ten in Trafiken und dadurch ein allgegenwärtiges Satire-Schmuckstück für jeden Haushalt. Piccolo-Heftln im Clinch mit den Mächtigen, die Provokation suchend und mit den feinen Kniffen, die Karikatur und Comic erlauben, immer mit dem unsterilen Finger in den Wunden der eitrigen Dummheit. Die schnell skizzierten Zeichnungen, die den Weg ins Moff finden, „würde keine elegante, vornehme Zeitung, die ich sonst bediene, annehmen“, so Haderer. Was die Situation der hiesigen Medienlandschaft sehr treffend auf den Punkt bringt, denn dort haben Comics, außer den Gassenschlagern dieses „Genres“, nichts verloren.

Unkraut Daher gilt selber machen als selbstverständliche Antwort auf diese Misere, wie ein weiteres Machwerk der „Sequentiellen Kunst“, aka Comic, in der Donau-Kultur09metropole seit nunmehr 11 Jahren beweist: Unkraut Comics erlauben sich im Juli die vierte Ausgabe ihres stammbuchähnlichen Machwerks vom Stapel zu lassen, und auf zerknülltes Pausenbrotpapier gekritzelte Strichzeichnungen unreflektiert auf Menschen loszulassen, die ein „gutes Buch“ immer noch einem sehr guten Comic vorziehen. Der Schundfaktor ist auch hier ein hoher: ZeichnerInnen unterschiedlichster Ausrichtung machen dieses selbst herausgegebene und finanzierte Magazin zum Kleinod für geschmackssichere Entdeckungslustige. Neben renommierten Zeichnern wie dem Wiener Nicolas Mahler fanden sich über die Jahre Kinderzeichnungen, am Computer entstandene Geschichten, Graffiti-Artists, Skizzen, philosophische und humoristische Stories, Comics ohne Worte, etc. Eben alles, was die Welt/Sprache der Comics so vielseitig macht. JedeR ist dazu eingeladen, bei Unkraut mitzumachen/- zeichnen/-helfen. Zusätzlich zu den erscheinenden Magazinen wird eine (stetig wachsende) Homepage, ein monatlicher Stammtisch für die Vernetzung der (ebenfalls stetig wachsenden) an Comic Interessierten veranstaltet, Kitchen-Drawing- Sessions und Comic-Battles im Linzer Kulturverein KAPU. Bei diesen Battles treten ZeichnerInnen mit in drei Stunden am gleichen Abend gezeichneten Beiträgen gegeneinander an und das Publikum entscheidet über die „Nummer Eins“. Der Siegerbeitrag findet sich übrigens im aktuellen KAPUzine. Im September wird es vom ersten Comic-Battle einen Sammelband der Ergebnisse in Zusammenarbeit mit der KAPU geben, sowie eine Präsentationsparty und im Winter eine Revanche dieses Kampfes der Titanen mit schmutzigen Federn und bröselnden Stiften.

lin_c Im Linzer OK hat sich mit lin_c seit 2000 ein Verein für Comics und Bildliteratur niedergelassen. Die auf internationale Vernetzung ausgerichtete „Plattform“ betreibt neben dem lin_c-Magazin, das bisher drei Mal erschien, diverse Wettbewerbe, wie einem Schulwettbewerb, der mit 1800 Einreichungen die höchste Beteiligung an allen bisher ausgeschriebenen bildnerischen Wettbewerben in OÖ erreichte, einen Comic-Pavillon beim Linzfest oder Workshops. Außerdem veranstaltet man mit NextComic ein Linz09-Projekt im März 2009, das mit 24 Stunden Live-Comics- Zeichnen, Comic-Film-Programm, Theater- Adapation und einer Academy aufwartet. Das Ziel von lin_c ist es, österreichische ZeichnerInnen mit internationalen Künstlergruppen und Festivals zu vernetzen. Im Mittelpunkt des Schaffens steht natürlich das jährlich erscheinende Magazin, mit Beiträgen zur Lage der Comicwelt und unterschiedlichsten ZeichnerInnen. Auf renommierten Festivals wie in Angouleme oder Luzern (Fumetto) präsentieren sich die lin_c-Leute jährlich mit ihren Machwerken.

Also gehet hinaus und lasset euch keinen Wein für Blut vormachen. Linzer Comics lesen ist in aller Munde.

http://www.onlinemoff.at http://www.unkraut-comics.at http://www.lin-c.net

C. W. Ellmann. Ich bin, also leide ich. Wer hat Arbeit bzw. Wohnung? Suche nämlich beides. Vielen Dank!

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