Noch ein „Interview gegen mich selbst“

Andi Wahl entdeckt seine infantile Seite und steht ihr Rede und Antwort.

 

Andi: So Wahl, jetzt will ich es aber wissen, ist Kulturarbeit politisch, oder nicht?

Wahl: Auf so blöde Fragen gebe ich keine Antworten. Da könntest du ebenso einen Bauern fragen, ob es stimmt, dass Kühe Milch geben.

A: Das ist mir egal, ob Kühe Milch geben. Ich will wissen ob Kulturarbeit politisch ist.

W: Pflanz’ jemand anderen.

A: Bitte Wahl, die Redaktion hat gesagt, ich muss herausfinden, ob Kulturarbeit politisch ist.

W: Ach so, du hast wirklich keine Ahnung. Dann entschuldige, dass ich dich so angefahren habe. Wenn du wirklich keine Ahnung hast, dann erkläre ich dir das natürlich gerne. Schau, die Frage ist einfach schlecht gestellt, denn dass Kulturarbeit politisch ist, ist eine Selbstverständlichkeit. Auch wenn man einem Uralt-Konzept von Politik folgt, welches das Leben in eine private und eine öffentliche Sphäre einteilt, ist Kulturarbeit politisch. Einfach weil sie öffentlich stattfindet und somit einen Beitrag zum Gemeinwesen, der Polis eben, darstellt. Meines Erachtens geht Kulturarbeit, egal, wie sie konkret aussieht, aber viel weiter, weil sie ein bewusst gesetzter Akt zur Mit- oder Umgestaltung der Gesellschaft ist. Wenn jemand das kulturelle Angebot im Dorf X erweitert, verändert sich dadurch das Leben in diesem Dorf. So banal ist das. Und darum ist die Frage, ob Kulturarbeit politisch ist, so überflüssig wie die Frage, ob Kühe Milch geben.

A: Das ist ja dann voll supi, wenn mich jemand fragt, was wir da eigentlich so machen in unserem Kulturverein, dann kann ich ab jetzt sagen: „Frag nicht so blöd, wir sind voll politisch!“

W: Ich glaube, da sitzt du einem Irrtum auf. Einem beliebten Irrtum im Übrigen. Viele Menschen glauben, dass politisch sein an sich schon etwas „Gutes“ ist. Politisch sein ist aber weder gut noch schlecht. Wenn etwas politisch ist, dann sagt das noch gar nichts über den Inhalt aus, sondern beschreibt nur die Eigenschaft, dass es auf die Gesellschaft wirkt. Das ist so, wie wenn du Einen fahren lässt. Dann wirkst du auch auf deine Umgebung ein, weil es rund um dich zu stinken beginnt. Und in der Demokratie dürfen eben alle pfurzen, kotzen, reden, und schreien. G’scheites und Blödes eben.

A: Aber Wahl, wenn alles, was man macht sowieso politisch ist, dann ist es ja total egal was man macht.

W: Nein. Gerade deshalb ist es eben nicht egal. Denn auch wenn man eine auf den ersten Blick „unpolitische“ Veranstaltung macht, und den Menschen nur einen entspannenden, angenehmen Abend bereiten möchte, ist das ein klares Statement. Und nicht nur, weil man die zur Verfügung stehenden Ressourcen eben dafür verwendet, angenehme Stimmung zu verbreiten, und nicht für, sagen wir einmal „aufrüttelnde“ Dinge; sondern weil man seine Rolle als Kulturverein damit definiert. In den Anfängen der KUPF nannten wir das „affirmative“, also den herrschenden Bedingungen im wesentlichen „zustimmende“ Kulturarbeit. Und das ist natürlich eine immanent politische Funktion. Denn Menschen auf diese Art zufrieden zu stellen, kann auch heißen, sie ruhig zu stellen.

A: Jetzt kennst aber du dich nicht aus! Weil bei den KUPF-Vereinen geht es nicht nur darum was passiert, sondern auch wie es passiert.

W: Das hat vielleicht noch vor 20 Jahren gestimmt, da waren die demokratischen Organisationsformen der Kulturvereine an sich schon ein hoch brisantes politisches Statement. Heute aber sind die Kulturvereine längst in der Mitte der Gesellschaft angelangt, und es stellt sich die Frage, was sie mit dieser Position machen. In welche Richtung sie die Gesellschaft verändern. Sich heute darauf zu beschränken, die eigenen Freiräume abzusichern und zu verteidigen, ist, gelinde gesagt, konservativ und kleinhäuslerisch; und das subkulturelle Gehabe mancher Kulturvereine ist nichts weiter als nostalgische Traditionspflege. Folklore, mit der sich eine Gruppe nach außen abgrenzt.

A: Nicht affirmativ zu sein, scheint ja immer schwieriger zu werden. Wenn man bedenkt, dass unter den herrschenden kulturindustriellen Verhältnissen auch Formen des Widerstands vermarktet werden.

W: Das halte ich für eine Schutzbehauptung jener, die sich keine Schwierigkeiten einhandeln wollen. Filme gegen den Hunger in der Welt herzuzeigen ist löblich. In der regionalen Kulturarbeit geht es aber nicht mehr darum, die Welt ins Dorf zu holen (die dringt ohnehin durch alle Ritzen), sondern das Dorf wieder als (Lebens-)Welt zu begreifen. Meines Erachtens sollten sich regionale Kulturgruppen viel mehr in ihrem eigenen Ort umsehen und Themen aufgreifen, die sich hier stellen. Wie steht es mit der Herrschaft der Volksschuldirektorin? Wer sind die Außenseiter? Wie sind die Machtstrukturen? Da ist wohl in jedem Ort genug am Dampfen. Man muss es nur sehen wollen. Solche Themen kulturell und künstlerisch zu bearbeiten – auch wie sich große Zusammenhänge in der unmittelbaren Lebenssphäre manifestieren, dazu braucht es natürlich Leute, die nicht auf der Ofenbank, dem Design-Sofa, oder in ihrem Kulturzentrum hocken bleiben.

Andi Wahl ist Bau- und Kulturarbeiter. Lebt, denkt, sägt und nagelt in Niederneukirchen.

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