Stadt, Land, Kunst

Der Linzer Kulturdirektor Julius Stieber im Gespräch mit Klemens Pilsl.

Nirgendwo in Oberösterreich („Kulturland“) gibt es so viele kulturelle Initiativen und Institutionen wie in Linz („Kulturstadt“). Die Landeshauptstadt beherbergt nicht nur einige stattliche städtische Institutionen wie Lentos, Posthof oder Ars Electronica Center, auch alle großen Einrichtungen der Landeskultur wie Musiktheater, Offenes Kulturhaus oder Landesmuseum sind hier beheimatet. Fast ein Drittel der KUPF-Initiativen stammt aus Linz und einige der umtriebigsten Player der freien Szene kommen von hier. Alles Anlass genug, um mit dem städtischen Kulturdirektor Julius Stieber über den Stand der Dinge in der Linzer Kulturentwicklung zu sprechen.
 

Klemens Pilsl: Der neue Linzer Kulturentwicklungsplan (KEP) wird jetzt bald 2 Jahre alt. Ich habe ihn nun noch einmal genau gelesen, er gilt ja als das Maß der Dinge in der städtischen Kulturpolitik. Eine darin niedergeschriebene zentrale Maßnahme für die freie Szene, die ja viel Energie und Hoffnung in den KEP investiert hat, ist die Erhöhung der Fördergelder. Heuer, im zweiten Jahr nach KEP, ist die gegenteilige Geschichte passiert: eine Kürzung des Budgets. Wie ernst kann die freie Szene den KEP noch nehmen?

Julius Stieber: Ja, das ist eine zentrale Forderung der freien Szene, aber sie ist im Gesamtkontext des neuen KEP nur eine Maßnahme von vielen. Wir haben ja den neuen KEP bewusst nicht darauf aufgebaut, dass bei unseren Umsetzungsschritten immer mehr Geld notwendig ist, sondern wir sind sehr ins Thematische hineingegangen: Ins Synergien heben, ins Verknüpfungen schaffen, ins Interdisziplinäre und ins institutionenübergreifende Agieren. Auch die Verknüpfung zwischen freier Szene und den Institutionen haben wir sehr betont. Die Zusammenarbeit zwischen Tourismus und Kultur, aber auch zwischen Bildung und Kultur war uns ein Anliegen. Aber natürlich sind im KEP auch Maßnahmen formuliert, bei denen es um Geld geht. Eine davon ist die Forderung nach mehr Geld für die Förderung der freien Szene. Bereits im KEP-Prozess wurde aber klar formuliert, dass dies nur mittelfristig, sozusagen als Ziel formuliert werden kann und – angesichts der Budgetkonsolidierungsmaßnahmen der Stadt – nicht kurzfristig. Diese Forderung ist ein mittelfristiges Ziel, an dem wir nach wie vor festhalten.

 

Mittelfristig hieße bei einem Projekt, dass wie der KEP auf 10 Jahre angelegt ist, etwa fünf Jahre. Wir haben jetzt im zweiten Jahr schon eine Kürzung. Wie realistisch ist es, dass es in den nächsten drei Jahren zu einer Erhöhung kommt?

Aus meiner Sicht ist es in den nächsten drei Jahren nicht realistisch. Der KEP läuft mindestens zehn Jahre und am Ende dieser Periode wird dann Bilanz gezogen. Das ist das Zeitmaß, an dem man sich orientieren sollte.
 

Eine zweite, für die freie Szene ganz zentrale Maßnahme des KEP lautet, dass die Kulturverwaltung „in Abstimmung mit der freien Szene“ einen Kriterienkatalog zur Bewertung von Fördereinreichungen erstellt. Gibt es dazu schon Pläne?

Es gibt ja die bereits bestehenden, harten Förderkriterien aus dem alten KEP, die man ein bisschen adaptieren kann. Es wird zudem neue Kriterien geben, die aufbauend auf den KEP-Ergebnissen dazukommen. Problematisch ist dabei: Wenn wir zu viele Kriterien anlegen, die unabdingbar erforderlich sind, wird kaum ein Förderwerber die Kriterien erfüllen können. Das heißt, es wird harte und weiche Kriterien geben, die bei der Bewertung der einzelnen Förderungen eine Rolle spielen. Wir haben diese weichen Förderkriterien nun schon einmal vorformuliert, da geht es um Themen wie Chancengleichheit, Barrierefreiheit, Interkulturalität usw. Dann werden wir im nächsten Schritt den Stadtkulturbeirat damit befassen. Der Stadtkulturbeirat ist für uns das Regulativ, die legitimierte Institution, mit der wir dann den Förderkriterienkatalog festlegen.

Erfüllt das für Sie die Formulierung „in Abstimmung mit der freien Szene“?

Aus meiner Sicht ja, weil im Stadtkulturbeirat wesentliche Vertreter der freien Szene sind und für mich die Frage des legitimierten Organs entscheidend ist.

Keine Workshops wie beim KEP-Prozess? Keine gemeinsamen Gesprächsrunden, zu denen VertreterInnen der freien Szene, die Institutionen und EinzelkünstlerInnen geladen sind?

Die Förderkriterien werden sich am KEP orientieren. Und der KEP war ein vorbildlich organisierter partizipativer Prozess. Ich habe jetzt kein Problem, dass wir auf Basis dessen etwas formulieren und das mit dem SKB beschließen. Der SKB ist für mich das legitimierte Organ. Bei der freien Szene ist das Problem, dass wir eigentlich keine Ansprechpartner haben, hinter denen eine Legitimation steht.
 

Eine Szene ist ja auch keine Institution.

Im SKB haben wir eine breite Repräsentanz der freien Szene. Der SKB ist aus meiner Sicht auch vom Vorsitz her eindeutig, nämlich zu hundert Prozent, der freien Szene zuzuordnen, wenn ich mir die drei Vorsitzenden anschaue. Da können wir sehr eingehend auch in Arbeitsgruppen diskutieren, da scheue ich auch nicht vor Workshops und wirklich intensiven Diskussionen zurück. Aber es ist aus Sicht der Verwaltung notwendig, legitimierte Partner zu haben.
 

Wo sehen Sie die Baustellen und Herausforderungen, die Linz im Kontext zeitgenössischen Kulturschaffens in den nächsten paar Jahren vor sich hat?

Es ist ein wichtiges Thema, sogar ein Schwerpunkt im KEP, Kunst und Kultur öffentlich zu machen. Da geht es um zwei Aspekte: Das eine ist Kunst im öffentlichen Raum. Da geht es um temporäre Eingriffe im öffentlichen Raum, aber auch darum, dass man gemeinsam mit der freien Szene Kulturentwicklung betreibt, dass man die in der Stadt tätigen Menschen auch befähigt, im öffentlichen Raum stärker aktiv zu werden. Und der zweite wichtige Aspekt ist die Öffentlichkeitsarbeit, also dass man auch das Tun der freien Szene sichtbarer macht. Da braucht es natürlich Medien. Wir haben eine gute Basis mit DorfTV, Radio FRO und der Versorgerin, aber man braucht natürlich auch Formate, die man entwickelt, um dieses «sichtbar machen» zu konkretisieren und zu gewährleisten. Ich stelle mir das so vor, dass die Verwaltung da auch Beauftragungen gibt in Richtung freie Szene – dahingehend, dass man die Kompetenzen der freien Szene nicht nur abruft, sondern auch bezahlt. Das ist, glaub ich, ganz wichtig und ein ganz großes Kapitel, welches wir sehr ernst nehmen und weiter verfolgen. Ein weiterer großer Themenblock ist für mich die Interkulturalität. Ich glaube, dass sich da viel tun muss, von den Beiräten bis hin auch zur konkreten Förderpolitik. Wir fördern bereits jetzt über unsere Stadt der Kulturen-Förderschiene die Kooperationen zwischen interkulturellen Vereinen und der Kulturszene und den Kulturinstitutionen. Das ist ein Weg, den man sicher noch ausbauen muss. Und es gibt auch Handlungsbedarf, was die freie Theaterszene angeht, etwa bezüglich den Probenräumen und den Infrastrukturen.
 

Sie waren ja sowohl am Land Oö als auch bei der Stadt Linz in der Kulturverwaltung tätig. Sind das zwei verschiedene Schulen, wie man mit Kultur förderung und Kulturpolitik umgeht?

Ich sehe nicht so viele Unterschiede wie die Kulturverwaltung beim Land und in der Stadt tickt. Verwaltung ist Verwaltung, es hat bestimmte Abläufe, es ist das Zusammenspiel mit der Politik ähnlich gestaltet. Es ist in der Stadt sicher so, dass sie zeitgenössischer orientiert ist. Das ist beim Land ein anderer Ansatz, aber auch ein anderer Auftrag, das muss man dazusagen. Das Land ist eben auch der Denkmalpflege in anderer Weise verpflichtet.
 

Aber tickt der gemeine Kulturbeamte beim Land anders als der von der Stadt Linz?

Es gibt in beiden Verwaltungen ein generelles Interesse an den KünstlerInnen, am Kulturschaffen im Land. Das legt dann jeder einzelne Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin ein bisschen anders aus. Das ist dann eher ein Persönlichkeitsproblem als ein generelles.

Momentan wird hier in der Stadt viel verhandelt über die Neustrukturierung der Personalagenden. Gibt es in drei oder fünf Jahren überhaupt noch einen Kulturdirektor? Wird es Ihren Job noch geben?

Das ist jetzt eine Frage, die ich nicht zu entscheiden habe. Ich bin sehr gerne Kulturdirektor der Stadt Linz und möchte das auch bleiben.
 

 

2015 wird der Kulturdirektor auf Landesebene nachbesetzt. Dafür bringen Sie sich nicht ins Spiel?

Ich habe mich nicht beworben.

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Anm.: Mittlerweile ist bekannt, dass Reinhold Kräter (ÖVP) die Kulturdirektion Oö übernimmt.
 

Julius Stieber absolvierte das Lehramtsstudium Geschichte und Germanistik und arbeitete 4 Jahre als Pflichtschullehrer, anschließend Doktorat Germanistik. Ab 1996 Mit arbeiter in der Kulturverwaltung Oö, u.a. verantwortlich für das Theaterfestival SCHÄXPIR. Seit 2010 Kulturdirektor der Stadt Linz, in dieser Rolle auch Mitglied im Aufsichtsrat von Ars Electronica Center und LIVA sowie Universitätsrat an der Johannes-Kepler-Universität.

Klemens Pilsl ist Mitarbeiter der KUPF.

 

KEP: Der Linzer Kulturentwicklungsplan neu („KEP“) ist in einem zweijährigem partizipativen Prozess unter Beteiligung vieler Kunstund Kulturschaffender, aber auch WissenschafterInnen, Beamter und FunktionärInnen, entstanden und wurde Anfang 2013 im Gemeinderat beschlossen. Der KEP beschreibt Zielsetzungen der Linzer Kulturpolitik und formuliert zahlreiche Maßnahmen zu deren Erreichung. Er versteht sich als „verbindliches, auf breiter Basis erstelltes Strategiepapier, um die kulturelle Dynamik in der Stadt für die kommenden Jahre zu garantieren.“

 

SKB: Der Linzer Stadtkulturbeirat („SKB“) wurde 2001 als kulturpolitisches Beratungsgremium von der Stadt Linz installiert. Er besteht aus max. 24 Mitgliedern, vorranging Kunst- und Kulturschaffende und WissenschafterInnen und verfügt über eine 4-jährige Funktionsperiode. Aktueller Vorsitzender seit 2013 ist Thomas Diesenreiter (→ siehe Artikel S. 6), seine StellvetreterInnen sind Silke Grabinger und Otto Tremetzberger. Der SKB soll einen „ständigen Diskurs über die kulturelle Entwicklung in Linz führen und eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Anpassung an die Anforderungen zeitgemäßer Kulturarbeit initiieren.“

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