Dorn sein

Klemens Pilsl besuchte den Mitgliedsverein Meta Morfx.

 

Trimmelkam ist Bestandteil der Gemeinde St. Pantaleon. Und St. Panteleon ist so sehr am letzten Zipfel von Oberösterreich, dass es nur noch 30 Kilometer bis Salzburg Stadt sind. Das muss man sich einmal vorstellen: Wer von Linz nach Trimmelkam will, muss zuerst nach Salzburg fahren! Kein Wunder, die Sache mit den Fördergeldern: „Die bleiben irgendwo auf den 130 km von Linz hierher am Weg liegen.“

Mitten in der geographischen, politischen und vor allem kulturellen Einöde der Region um St. Pantaleon gründete sich 2001 der Kulturverein „meta.morfx“ (KUPF-Mitglied seit 2002): 40-50 junge Menschen diverser Geschlechter und Szenen beschlossen, der Langweile und dem kulturellen Stillstand ein Ende zu bereiten, den endlosen Autofahrten zur nächsten Party nach München oder Salzburg Einhalt zu gebieten und mieteten ein ehemaliges Bergwerksgelände samt eindrucksvoller Fabrikhalle.

600 qm_ Ostarchitektur zu Lagerpreisen bis mindestens zur Mitte der nächsten Dekade – willkommen im Kulturwerk SAKOG. Und seitdem arbeiten diese jungen Menschen im Schweiße ihres Angesichts an der Adaption der Location, die vermutlich im Herbst 2004 fertig gestellt wird. Das Kulturwerk SAKOG soll gestaltbar und vielseitig sein und damit der kulturellen Bandbreite der meta.morfx-Crew gerecht werden – angedacht sind stolze acht bis zehn Veranstaltungen pro Monat: zeitgenössische Musik wie Techno, D&B, Goa, Reggae/Ragga, Hip-Hop soll Platz finden neben Rock, Theater, Bildender Kunst und aktueller Medienkultur, alles geprägt von DIY-Geist und unkommerzieller Herangehensweise. „Dorn sein“ will man in einer Region, in der es abgesehen von Blaskapellen nur eine Dorfdisco und Nazi-Skinheads gibt, wo Frauenkulturarbeit „meistens als Kaffeekochen am Sonn„Dorn sein!“tagnachmittag“ missverstanden wird.

Das Besondere an diesem Projekt: Die jungen AktivistInnen finanzieren sich größtenteils selbst. Einem gewaltigen Aufwand an eigener Arbeitskraft, eigener Kreativität und selbsterlerntem Know-how steht die geradezu peinliche Summe von 8.000 Euro gegenüber, die die Landeskulturdirektion OÖ den meta.morfx-Menschen für heuer zugesagt hat – das entspricht bei einem Kulturbetrieb dieser Größenordnung etwa zwei Schallschutztüren! Kein Wunder, dass man sich von den Subventionsgebern nicht als seriöse KulturaktivistInnen ernst genommen fühlt. „Wir haben gesagt: Wir machen das – ob mit oder ohne Förderung“, erklärt meta.morfx-Obmann Christoph Auer. Was das heißt: dass man sich über das private, durch Lohnarbeit der AktivistInnen erworbene Geld und vor allem durch fette Bankkredite finanziert. Für die in letzter Konsequenz natürlich auch wieder Privatpersonen haften.

„Viele haben uns schon gesagt, dass wir komplett wahnsinnig sind“ erzählt Christoph – und ist dennoch optimistisch. Denn bereits 2001 wurde in der Location – damals noch nicht umgebaut – für ein halbes Jahr illegal, sprich ohne Veranstaltungsbewilligung, Kultur produziert. Überaus erfolgreich: Ein Durchschnitt von 300-350 BesucherInnen pro Verans- taltung spricht für sich und belegt das Vorhandensein von jungem, kulturhungrigem Publikum in der Region. Dass illegale Parties die besten sind ist nicht nur bei Ravern eine Binsenweisheit: „Den Flair dieser vergangenen Jahre wird es vermutlich nicht mehr geben“ gibt auch Obmann Christoph zu – dennoch macht die vorgenommene Langfristigkeit eine Legalisierung unumgänglich. Auch von der Gemeinde St. Pantaleon gibt es keine Unterstützung, lediglich Duldung. Da die finanzielle Unterstützung einer ärmlichen 1500-Seelen-Gemeinde aber auch im Idealfall ohnehin nur gering ausfallen kann, nimmt man dies der Gemeinde nicht übel. Materialien und Know-how für den Um- und Ausbau der Location werden oft von Firmen aus der Umgebung geschnorrt, zu denen man ein besseres Verhältnis als zu den öffentlichen Stellen hat. Wer so wenig Geld für ein derart großes Projekt zur Verfügung hat, muss bei der Beschaffung des Nötigsten Kreativität beweisen – da kann man schon mal Baumaterial über e-bay ersteigern und selber in Berlin abholen, um Kohle zu sparen. Über 7.500 unentgeltliche Arbeitsstunden haben die Menschen rund ums meta.morfx allein im letzten Jahr geleistet, 80 Tonnen Schutt (!) bis jetzt aus dem ehemaligen Fabriksgelände geschleppt. „Wir haben letztes Jahr mindestens ein Einfamilienhaus rausgeschleppt und mindestens eins wieder reingebaut“ erzählt mir ein schaufelnder Aktivist bei meiner Hausführung. Innerhalb der etwa 50 Menschen um meta.morfx gibt es einen aktiven Kern von etwa 15 Menschen, die unter anderem auch die gewichtigeren Entscheidungen treffen. Bei Entscheidungsfindungen will man sich nicht von Statuten, Vorständen oder ähnlichen Formalitäten hemmen lassen. „Entscheidungen passieren dynamisch, oft aus dem Bauch heraus“, meint Christoph, „wir hatten früher auch das abstimmende System mit Beschlussfassungen gemäß der Statuten, aber das ist zu bürokratisch und zu langsam. Wenn niemand schreit, dann passt’s.“

Wer noch nie etwas von Trimmelkam oder meta.morfx gehört hat – don’t panic, ich bis zu meinem Besuch Ende Mai auch nicht. Aber ich verspreche: Diese AktivistInnen werden noch gewaltig von sich hören lassen. Wenn im Herbst 2004 die Betriebsstättengenehmigung planmäßig erteilt wird, verwalten die meta.morfx-Menschen eines der größten unkommerziellen Veranstaltungsareale im Lande – 600 Menschen passen sonst in nur wenige alternative Locations. Und die meta.morfx’schen gehen – ohne ideologische und inhaltliche Verluste – das Ganze dabei so selbstverständlich und ohne zu sudern an, dass ein gelernter Städter wie meinereiner aus dem Staunen gar nicht mehr rauskommt.

Bereits im Juni beginnen die meta.morfx-Leute den (ungenehmigten) Probebetrieb – wir wünschen alles Gute und Liebe, und dass es ordentlich zu rumoren beginnt im südlichen Innviertel! Babylon Fallin´!

http://www.meta.morfx.org

Klemens Pilsl ist Aktivist des Kulturvereins Biosphäre3

 

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