Die Ironie des Elends

Eugenie Kains jüngstes Buch „Hohe Wasser“ bietet uns höchste Erzählkunst. Franz Fend hat für uns gelesen.

„Um zu verstehen, was sich an Orten ereignet, die wie ,Städte’ oder ,Großräume’ und zahlreiche schulische Einrichtungen Menschen, die alles trennt, zusammenbringen, die sie zwingen, miteinander zu leben, sei es in gegenseitiger Unkenntnis oder wechselseitigem Unverständnis, sei es in latentem oder offen erklärtem Konflikt, samt aller daraus resultierender Leiden, ist es unzureichend, alle einzelnen Standpunkte isoliert zu erklären. Sie müssen miteinander konfrontiert werden, nicht um sie im Wechselspiel der endlos sich kreuzenden Bilder zu relativieren, sondern ganz im Gegenteil um durch den schlichten Effekt des Nebeneinanderstellens sichtbar zu machen…“

Was Pierre Bourdieu zu Beginn seiner monumentalen Sozialstudie „Le misère du monde“ formuliert und fordert, könnte auch als Einleitung von Eugenie Kains jüngstem Opus, dem Erzählband „Hohe Wasser“ funktionieren. Gewiss, die Autorin tut das nicht mit einem soziologischen Ansatz, sondern mit einem literarischen. Und dieser literarische Ansatz ist auf allerhöchstem Niveau und von allerbester Güte. „Hohe Wasser“ ist gewissermaßen ein programmatischer Titel. Das Element Wasser in seinen unterschiedlichsten Erscheinungsformen verbindet nicht nur die sieben Erzählungen zu einem Ganzen aus einem Guss, es sind auch die Figuren der Erzählungen, denen das Wasser oft bis zum Hals steht. Aber das Wasser ist gewiss nicht das einzige, was die Geschichten miteinander verbindet. Es handelt sich stets um Geschichten von Abschieden und Aufbrüchen und von Reisen, deren Ziel und Ausgang ungewiss sind. Eugenie Kain entwickelt in ihren Texten eine Poesie von ungeheuerlicher Dichte. Im dialektischen Gegensatz dazu stehen ihre aufs Äußerste reduzierten Sätze, die hart und abstrakt wirken, weil sie das Wesentliche hervorheben. Die Erzählung „Unterhillinglah“ ist wohl eins der besten Beispiele dieser Verdichtung. Auf sieben Seiten beschreibt Kain ein Hausfrauengefängnis, das als Arbeitszimmer in einem Einfamilienhaus getarnt ist. Von röchelnden und fauchenden Bügeleisen ist die Rede, vom Eingesperrtsein zwischen Kind, Horoskop und Wäschekörben. Das Elend und die Erbärmlichkeit einer jungen Mutter, der nichts anderes übrig bleibt, als sich weg, in die Tiefe des Meeres zu träumen. Wenn die Autorin in einem Nebensatz die Zeitungslandschaft ins Visier nimmt, so wirkt das mehr als so mancher seitenlanger Aufsatz der Medienkritik.

Die Texte der Erzählerin kommen nicht bleischwer und deprimierend daher. Eugenie Kain bricht die Beschreibung der Lebensmiseren mit ironischen Einsprengseln, die wie Farbtupfen die Erzählungen verzieren. Wenn in der Erzählung „Kaventsmann“ der larmoyante Ich-Erzähler seine nicht mehr geliebte aber durchaus gemochte Ehefrau fotografiert, diese beim Shooting über eine aufgespannte Kette aufs Maul fällt, da hat das fast Slapstickcharakter. Eugenie Kain wechselt in den sieben Geschichten stets die Erzählperspektive: Vom lästigen Arbeitsamtbediensteten, der in Südböhmen seine verflossene Geliebte sucht, bis zur Eferdinger Hausfrau und Mutter, die sich aus ihrem Familiensumpf nur noch wegträumen kann; vom Mädchen, dessen Mutter auf stationärer Alkoholentwöhnung ist und daher mit einem sozialtherapeutisch ambitionierten Lehrerehepaar auf Venedig-Urlaub fährt, dort aber ihr eigenes Venedig erträumen muss, bis zum Ehemann, der mit seiner Gefährtin auf Irland-Urlaub fährt, weil diese ihre Liebe auffrischen möchte, anstatt mit der verbliebenen Restwärme zufrieden zu sein. Diese Perspektivenwechsel bewirken, dass das Buch noch mehr zu einer Einheit verschweißt wird, weil alle Sicht und Erzählweisen doch nur eins beleuchten: Die Unzulänglichkeiten und Nöte eines Lebens in einer Gesellschaft, die Menschen nicht sein lässt, was sie sein wollen, sondern zu Produktions- und Reproduktionsfaktoren degradiert. Denn für alle Figuren gilt, was die Bretagne-Reisende zu sich sagt: „Was was sie zu bieten hatte, war nicht gefragt. Was gefragt war, konnte sie sich nicht bieten lassen.“

Eugenie Kain zeigt mit diesem Buch Erzählkunst auf allerhöchstem Niveau. Was Brecht für das epische Theater gefordert hat, erfüllt sie mit diesem Werk mit links: „Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es doch einen Ausweg für ihn gäbe. – Das ist große Kunst: da ist nichts selbstverständlich. – Ich lache über den Weinenden, ich weine über den Lachenden.“

Eugenie Kain: Hohe Wasser, Erzählungen. Otto Müller Verlag, Salzburg 2004, 120 Seiten. ISBN 3-7013-1080-7, ca. EUR 16,-

Franz Fend lebt und arbeitet in Linz

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