Hinterwald im Harrachsthal

John Tylo von Backwood Association im Gespräch mit Klemens Pilsl

 

Seit Jahresbeginn erfreut sich die KUPF wieder etlicher neuer Mitgliedsvereine. Einer davon ist der Verein backwood aus dem Harrachsthal bei Weitersfelden, nahe der tschechischen Grenze. Backwood, das ist im wesentlichen John Tylo aka Drago Torpedowicz aka Karl Katzinger. Klemens Pilsl und Betty Wimmer besuchten Tylo an seinem Wohnort und begleiteten ihn und zwei seiner Kinder (er hat nach eigenen Angaben “doch einige”) bei einem Waldspaziergang.

Harrachsthal zu finden ist schon mal gar nicht so leicht. Eine Stunde von Linz, mit dem Auto. Aber dann schaffen wir es doch und werden von Tylo bereits vor seinem Haus erwartet. Unter jedem Arm ein Kleinkind, steht er vor seinem “ruinösen Haus”, wie er es nennt, und weiß im ersten Moment mit uns genauso wenig anzufangen wie wir mit ihm. Man beschließt einen kleinen Spaziergang, damit die Kinder nicht so lästig sind – das sind sie aber ohnehin nicht, im Gegenteil: nach einer kurzen Phase des Misstrauens schenken sie uns unentwegt in der Wiese und im Wald gefundene Steine, Äste, Blätter und Erde. Dafür wollen sie aber das pieksende Stroh aus den Gummistiefeln gezogen bekommen.

Beim eigentlichen Interview gibt sich Tylo anfangs schweigsam, beinahe irritiert. Meine allgemeinen Fragen beantwortet er mit einem Achselzucken. Künstler sei er eigentlich keiner, meint er und: “Kulturarbeiter? Was ist das?”. Ich muss schon ganz konkret werden, bis die ersten Infos fließen: backwood, das ist hauptsächlich er selber, unterstützt von Freunden. Seit zehn Jahren veranstaltet er das, was manche Kunst nennen, im Harrachsthal und anderwo. Meist in der Garage Drushba gegenüber seinem Wohnhaus. Programmatisch gibt es Theater, Performance, Konzerte, Film…, circa fünfmal im Jahr. “Interessieren tut das hier niemanden. Natürlich.” Weder macht die Gemeinde auch nur einen einzigen Heller locker noch freut das die Nachbarn. “Aber inzwischen versuchen sie nicht mehr, es zu verhindern”, meint Tylo.

Aktivismus in ländlichen Regionen ist natürlich mit größeren Schwierigkeiten verbunden. Uninteressiertheit, ja Ignoranz schlägt einem allerorts entgegen. Sanitätspolizisten nerven, und der Weg zu Subventionen ist bürokratisch, hässlich und kalt. Und natürlich mangelt es an allen Ecken am Geld. Warum er sich das alles noch antut, nach zehn Jahren? “Am Anfang war es natürlich Enthusiasmus, dann wird es zur Routine, nur mehr Routine”. John Tylo ist sichtlich gefrustet und desillusioniert, vom Kulturbetrieb im speziellen und der Gesellschaft im allgemeinen.

Vom Reisen in andere Welten Besonders interessieren täten ihn die KünstlerInnen aus dem so genannten Osten, zum Beispiel aus dem (natürlich nördlich gelegenen) Tschechien, so wie er sich überhaupt für jene Regionen des Globusses interessiert, die man manchmal “Zweite” oder “Dritte” Welt nennt. “Das kommt vom Reisen”, das mache er nämlich am liebsten. KünstlerInnen aus ebendiesen “Zweiten” und “Dritten” Welten lernt er auf diesen Reisen kennen. “Ich bereise die “Zweite” und “Dritte” Welt, weil ich es mir nicht leisten kann, in der “Ersten” Welt zu reisen. Ich kenne die “Erste” Welt kaum, weil ich sie mir kaum leisten kann.” Außerdem, so meint er, erscheine ihm das Bereisen dieser anderen Welten spannender. Wissen könne er das aber nicht, eben weil er die “Erste” Welt kaum kennt. Tylo kann sich Reisen in die anderen Welten oft nur durch subventionierte Dokumentationsaufträge leisten. Auch das ärgert ihn inzwischen, weil “eigentlich will ich gar nicht mehr dokumentieren. Aber ich muss, um überhaupt reisen zu können”. Also filmt, fotografiert und beschreibt Tylo seine Expeditionen nach Osteuropa, in den Kaukasus und darüber hinaus.

Über Kunst Erst nachdem ich das sichtlich lästige Mikrofon beiseite gelegt habe und den Minidisc-Recorder wieder verpackt habe, taut Tylo wirklich auf. Er fragt uns, was wir eigentlich so machen und wir unterhalten uns über den Kulturbetrieb, unsere Versuche diesen zu nutzen und zu gestalten und natürlich über fehlendes Geld. Wo wir uns als Prekariat benennen, was wir als atypische Beschäftigung bezeichnen, das macht Tylo schon sein Leben lang. “Pensionsversicherung habe ich noch nie gezahlt, weil ich ja eh nie Geld gehabt habe”. Betty und Tylo schimpfen gemeinsam über die Problematik, elitäre Kunstszenen zu knacken, und Tylo erzählt von der oft unüberwindlichen Bürokratie, die auf der Suche nach überlebensnotwendigen Subventionen im Wege steht. Eigentlich sei das auch der Grund, warum backwood zur KUPF wollte: “Damit man jemanden, wenn man sich nicht auskennt, fragen kann, der sich vielleicht auskennt.” Wir sprechen über Geringfügigkeits-, Steuer- und Armutsgrenzen und über die Schwierigkeit, gültige Informationen zu diesen Fragen zu erhalten. Darüber, dass viele AktivistInnen unter der Armutsgrenze leben und wie sie von den Herrschenden, die sich mit Wortphrasen wie “Kulturstadt” schmücken, ausgebeutet werden. “Die Welt ist so ungerecht!” meint Tylo, “aber wie soll sich das ändern?”

Klemens Pilsl

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