10ter KUPF Innovationstopf 2005

Lebendige Archive – als Ausgangspunkt für aktives Mitgestalten. Gerlinde Schmierer zur Auswahl der aktuellen KUPF-Innovationstopfprojekte.

Gemeint ist ein aktives Mitgestalten von Formen der Weitergabe von Wissen bzw. von Zugangsmöglichkeiten zu archiviertem Wissen, etwa als Ausgangsbedingung für partizipative Kulturarbeit. Die Themenstellung des Innovationstopfes 2005 formulierte dabei eine Reihe von Fragen mit Blick auf Barrieren und Aussparungen, damit Wissen als notwendiges Instrument nicht in abgezirkeltem Rahmen bleibt und das Eröffnen von Zugangsmöglichkeiten in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung gerückt wird.

44 Einreichungen folgten der Einladung Archiv in jedweder Form zu denken. Der Schwerpunkt, der mit den ausgewählten Projekten ersichtlich wird, liegt vielleicht unerwartet deutlich im Bereich Medienarbeit – Freies Radio voran, gefolgt von emanzipatorischer Medienarbeit, in Form eines Zeitungsprojektes oder einer Web-Plattform für partizipative Kunstpraxen als „common resource center for social change“. Die entscheidenden Gründe der Jury für ihre Auswahl erklären warum. In der öffentlichen Jurysitzung im KunstRaum Goethestraße am 11. März wurde beständig über die Kriterien der Ausschreibung diskutiert und immer wieder nach partizipativen Möglichkeiten, nach klaren politischen Positionen (gegen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus), nach mittel- bis längerfristigen Perspektiven, nach dem regionalen oder lokalen Bezug und nach den Vermittlungsstrategien gefragt. Dass Medienarbeit sich in diesem Zusammenhang als Schwerpunkt herauskristallisierte, zeigt auch die Notwendigkeit einer nachvollziehbaren Medienförderung auf Landesebene an, auf die die KUPF- Kulturplattform OÖ hinweist.

Gerlinde Schmierer

 

 

 

 

 

  • Die ausgewählten Projekte

     

     

Brüche | SpaceFEMfm
In den letzten 20 Jahren ergaben sich fundamentale Veränderungen für die Gesellschaften des ehemaligen Ostblocks. Der Eiserne Vorhang verhinderte noch Ende der 80er Jahre jegliche Kommunikation zwischen der Bevölkerung benachbarter Staaten. Ausbildungswege und möglichkeiten, Frauenpolitik, Arbeitsplatzpolitik etc. finden immer einen Niederschlag im Leben von Einzelpersonen, ob diese nun Vorteile oder Nachteile bringen mögen. Das SpaceFEMfm-Team plant Radiofeatures zu Frauenbiographien in der Tschechischen Republik und im oberösterreichischen Grenzraum. Frauen unterschiedlicher Altersgruppen und Sozialschichten werden zu Wort kommen, der Unterschied Stadt/Land-Bevölkerung wird ebenfalls berücksichtigt.
Hildegard Griebl-Shehata

http://lists.servus.at/mailman/listinfo/spacefemfm

Knowledging the background
Zentrales Thema des Projekts ist die Selbstermächtigung von Menschen mit migrantischem Hintergrund, die in vielen Bereichen der österreichischen Gesellschaft einer asymetrischen Position ausgesetzt sind (Macht, Wissen,…). Mit dem Ziel, mehr Einfluss auf die eigene Zukunft zu gewinnen, soll das Projekt MigrantInnen die Gelegenheit geben, abseits gängiger und vorwiegend von Mehrheitsangehörigen erarbeiteter antirassistischer Prozesse in die Öffentlichkeit zu treten. Als Vermittlungsmedium dient ein Video, das eine Sammlung von Wissens- und Empowermentstrategien beinhaltet. Dieses wird in Zusammenarbeit von MigrantInnen und Mehrheitsangehörigen erstellt, in mehrere Sprachen übersetzt und mit „copyleft“ versehen. Außerdem ist eine Präsentation in einer oberösterreichischen Kul-turinitiative oder auf einer Universität geplant.
Vlatka Frketic, Helga Hofbauer

Zeitungsprojekt. Freie Szenen
Zur Sichtbarmachung von Produktion und Arbeit der Freien Szenen soll ein eigenständiges Printmedium entstehen. Die Konzeption geht weniger von einer Konstruktion von Inhalten seitens der Einreicherinnen aus, als von Aufbau und Verwaltung einer Plattform. Es will zur Mitarbeit einladen, anregen, vermitteln. Es soll eine Zeitung entstehen, die Themenvertiefung, Reflexion und Überblick über das Kunst- und Kulturgeschehen anbietet. Schon längst ist ein Format abgängig, welches Diskurse und Ansätze bündelt und erweitert, daneben Arbeitsweisen, Ziele und Vorgaben verschiedener Initiativen, Institutionen, Gruppen und Einzelpersonen transparent macht und damit „aktive Partizipation“ und „spannenden und positiven Konflikt“ möglich macht.
Susanne Blaimschein, Tanja Brandmayr, Manuela Mittermayer, Uschi Reiter, Maren Richter, Sabine Funk

Katalog der Freien darstellenden Szenen in Linz und OÖ
Das eingereichte Projekt versteht sich als wichtige Vernetzungsarbeit und „Basisarchivierung“ für die freien darstellenden Szenen in Linz und OÖ. Es wird eine Publikation entstehen, die als künstlerische Bestandsaufnahme und regionale/lokale Situationsbeschreibung die freien darstellenden Szenen, Gruppen und EinzelkünstlerInnen im Bereich Tanz, Theater und Performance charakterisiert. Von besonderem Interesse sind hier Informationen über künstlerische Ausrichtungen, Arbeitsweisen, außerdem Informationen von unterstützendem Personal, Technik, Proberäume, Kontakt- und Vernetzungsmöglichkeiten. Neben der Publikation, die sich ebenso als Veranstalterhandbuch versteht, wird das zusammengetragene Wissen in Teilen und als Basisarchiv ins Netz gestellt.
Tanja Brandmayr

Fragmente des Widerstandes

Das Freie Radio Salzkammergut begibt sich mit diesem Projekt auf Spurensuche. Anhand des unkonventionellen Wanderführers „Auf den Spuren der Partisanen – zeitgeschichtliche Wanderungen im Salzkammergut“ von Christan Topf, wird eine achtteilige Sendereihe produziert, die sich mit dem antinazistischen Widerstand im Salzkammergut während des Zweiten Weltkrieges beschäftigt. Im Rahmen der Produktion werden Gespräche mit ZeitzeugInnen und ihren Nachkommen aufgezeichnet. Die Beteiligung von Frauen am Widerstand wird ebenso beleuchtet wie die Entstehung partisanenartiger Widerstandsgruppen im Salzkammergut.
David Guttner

Aufbohren und Durchblasen!
Im Mittelpunkt des Projekts „Aufbohren und Durchblasen!“ steht die weitere Öffnung des bestehenden Archivs „Cultural Broadcasting Archive“-CBA (http://cba.fro.at) mit Hilfe kreativer künstlerischer und technologischer Mittel und die Sicherung des Zugangs angesichts der gegenwärtigen restriktiven Entwicklungen in der Urheberrechtsgesetzgebung. Geplante Maßnahmen für dieses Vorhaben sind die Visualisierung der Inhalte, die Öffnung des Archivs für weitere Medien (Text, Bild,…) und die Ausarbeitung eines Lizenzmodells, das den politischen Zielvorgaben freier Meinungsäußerung und public domain einerseits und den rechtlichen Rahmenbedingungen andererseits standhält. Als Impuls für die kulturpolitische Debatte, wer wie Zugang zu unserem kulturellen Erbe haben wird, ist eine Tagung zu Immaterialgüterrechts-Gesetzgebungen und ihren Konsequenzen für Public domain und online Datenbanken geplant, bei der Lösungsansätze und das politische Vorgehen diskutiert werden.
Alexander Baratsits, Ingo Leindecker, Veronika Leiner
http://www.fro.at/

common resource center for social change | Social Impact
Um die Etablierung von Gegenöffentlichkeiten durch soziale Praxen zu unterstützen wird ein webbasierendes Content-Management-System entwickelt, das der Offenlegung von Methoden, Strategien und Evaluationen partizipativer Kunstpraxen dient. Unterschiedliche Methoden werden dokumentiert, zu Commons erklärt und gemeinsam mit „to-do-lists“, Finanzierungsplänen und Tipps veröffentlicht und Dritten kostenfrei zur Nutzung und Adaption zur Verfügung gestellt. Das „common (RE)source centers“ bietet zusätzlich einfache Projektmanagement- und -evaluationstools, das Content-Management-System unterstützt die Dokumentation von Projektadaptionen und ermöglicht dadurch eine nachvollziehbare Projektevolution. Mit dem Projekt wird die Philosophie von „Open Source“ in den Kunstbereich eingebracht.

Harald Schmutzhard
http://www.social_impact.at

Mediale Spielstätten | Freier Rundfunk Freistadt
Das Freie Radio Freistadt möchte insbesondere die im Ausschreibungstext zitierten „Neuzugänge“ für die aktive Radioarbeit gewinnen und ihnen über das neue und zugleich sprichwörtlich alte Medium Radio eine Möglichkeit geben, neue Schwerpunkte, Inhalte, Diskurse zu etablieren, unbestimmt und undefiniert neue Ausdruckformen zu testen und sich so über die virtuelle Spielstätte Radio im kulturellen Feld zu positionieren. Zugleich geht es darum, das Netzwerk der Programmachenden kontinuierlich zu erweitern sowie in der Region und auch innerhalb der Vereine und AktivistInnen das Freie Radio Freistadt als kulturelle und mediale Spielstätte im öffentlichen Raum zu etablieren.
Otto Tremetzberger, Harald Freudenthaler
http://cba.fro.at/freistadt/index.php

Emanzipatorische Medienarbeit in Wels | MALMOE, INFOLADEN WELS

Die Monatszeitung MALMOE und der Infoladen Wels planen eine Kooperation, um kritisches Wissen zur Auseinandersetzung mit Faschismus aus Welser Archiven zu heben und in Umlauf zu bringen. Die Aktivitäten der antifaschistischen Gruppen in Wels sollen mit dem vorliegenden Projekt erstens um eine mediale Komponente erweitert und damit in einer breiteren Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden, zudem soll ein Beitrag zur Veröffentlichung geschichtlicher Fakten geleistet werden. Dazu wird die Zeitung MALMOE Sonderschwerpunkte in den Ausgaben des Jahrgangs 2005 einrichten, sowie Sonderkontingente zur kostenlosen Verteilung im Raum Wels und darüber hinaus herstellen. In einem Workshop in Wels sollen gemeinsam Wege zur Vermittlung des Materials erarbeitet werden. Eine Sonderauflage von MALMOE soll im Raum Oberösterreich gratis verteilt werden.

Markus Rachbauer, Sylvia Köchl

http://www.malmoe.org
http://www.linkslinxooe.at/infoladen.html

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