Regiotopia

Beobachtungen zur Regionalentwicklung in Oberösterreich

Die KUPF beschäftigt sich nach wie vor intensiv mit den Strukturfonds der EU, insbesondere mit dem LEADER-Programm. Diese Beschäftigung trägt Früchte – neben großem Interesse aus der Szene wurde die KUPF unter anderem zu einer Enquete in das Parlament, aber auch zu Inputs in LEADER-Regionen eingeladen. Die Kulturplattform betont dabei vor allem neben finanziellen Möglichkeiten die inhaltlichen Chancen, welche Kulturarbeit der Regionalentwicklung eröffnet – und vice versa (siehe KUPFzeitung Nr. 149 + 150). Im laufenden Jahr bildeten sich in ganz Oö neue Felder der Regionalentwicklung, vor allem neue und erneuerte LEADER-Regionen. Das große Versprechen, diesmal ganz besonders auf Einbindung der lokalen Zivilgesellschaft zu setzen, wurde aber bislang nur bedingt erfüllt. Dies ist besonders prekär, da die EU die parteipolitische Verfilzung hiesiger LEADER-Projekte bereits kritisch bemängelte und der Bund die einzelnen Regionen mit Quoten (zB. «50 % Zivilgesellschaft ») zur Einhaltung der partizipativen LEADER- Auflagen drängte. AktivistInnen aus der freien Kulturarbeit gelang es aber auch, Teilhabe zu erkämpfen.

Standortfaktor Kultur

Ein Beispiel aus der Praxis: In der LEADER-Region «Kulturerbe Salzkammergut (regis)» reklamierten KulturarbeiterInnen ihre Teilhabe am Entwurf der lokalen Entwicklungsstrategie und dann klappte es auch mit dem Zugang zu Informationen. Im Vorfeld des darauf folgenden Workshop der LEADER-Region, der die Einbindung der Kulturszene gewährleisten sollte, zeigten sich große Differenzen zwischen KuturarbeiterInnen, dem Regionalmanagement und der regionalen Politik. In Folge wurde nach durchaus hitzigen Momenten noch im Rahmen des Workshops begonnen, gemeinsam mit dem LEADER-Team die Potentiale von KulturarbeiterInnen für die Region herauszuarbeiten.

Es gelang, eine wachsende Gruppe an AktivistInnen und Ehrenamtlichen für das LEADER-Management sichtbar zu machen und als ExpertInnen in den Prozess einzubinden. Im Anschluss wurden KulturaktivistInnen (u.a. aus dem KUPF-Vorstand und den freien Radios) eingeladen, ihre Standpunkte direkt den politischen VertreterInnen vor Ort zu präsentieren und Kultur als wesentlichen und nachhaltigen «Standortfaktor» zu vermitteln. Die inhaltliche Vorarbeit der KUPF und das im Frühjahr veröffentlichte Positionspapier zum Thema halfen, Kulturarbeit überzeugend als probates Werkzeug für ländliche Regionen zu präsentieren – etwa um Abwanderung zu reduzieren, wertvolle «Inseln der Urbanität» zu schaffen und die Teilhabe an internationalen Diskursen zu ermöglichen.

Dieser durchaus kontroverse regionale Prozess hat gezeigt, dass freie Kulturarbeit mit ein wenig Engagement und Know-How politische Erfolge und Teilhabe erringen kann. Es zeigt aber auch, dass es seitens der KulturarbeiterInnen immer wieder der Begriffsklärung gegenüber politischen EntscheidungsträgerInnen bedarf, um «Kultur» nicht als klassische Querschnittmaterie im Sinne einer Verwertungslogik zwischen den Bereichen Landwirtschaft, Tourismus oder Wirtschaft verkümmern zu lassen. Problematisch wird eine solche Unklarheit gerade dann, wenn die Vielfalt an Zeitkultur (und ihre Begrifflichkeiten) nicht in festgesetzte Fördersysteme schubladisiert oder mit einer vereinheitlichenden Erklärung abgehandelt werden können. Auch das war – nicht nur im Inneren Salzkammergut – in der vergangenen LEADER Periode 2007 – 2013 ein oft problematischer Umstand. Aus dem genannten Beispiel aus dem Salzkammergut lässt sich nicht zuletzt eine schöne Erkenntnis ableiten: Ein gemeinsames Engagement von RegionalentwicklerInnen, KulturaktivistInnen und auch LokalpolitikerInnen ist bei entsprechender Offenheit nicht nur möglich, sondern auch sehr fruchtbar für alle Beteiligten und die gesamte Region.

Auf Augenhöhe

Bei Förderprogrammen und deren klar definierten Umsetzungsformen handelt es sich oftmals um ExpertInnenhaltungen, die nach unten hin umgesetzt werden. In den jeweiligen Regionen würde es für eine sinnvolle Umsetzung zudem einen ökonomischen und soziokulturellen Plan benötigen. Ein roter Faden ist hier aber nicht erkennbar. Geschuldet ist dies nicht nur der Komplexität der Materie, sondern auch dem auf zu vielen urbanen Parametern basierenden Wissenstransfer.

Genauso entscheidend wie diese Strategien sind regionale Perspektiven für die neuen Verhandlungsund Aushandlungsprozesse, wie sie die neugebildeten LEADER-Regionen erfordern. Das zeigt etwa die rege Teilhabe am gemeinsamen Entwickeln des Leitbildes der LEADER Region Traunstein – mit entsprechendem Know-How gelang es dort, ein offenes und demokratisches Verfahren rund um «Kultur » zu etablieren.

Für die politische Kultur, sowohl regional und kommunal als auch auf Landes- und Bundesebene, wird in Zukunft die große Herausforderung darin bestehen, partizipative Prozesse so zu ermöglichen, dass sie in weiterer Folge auch Wirksamkeit erlangen. Damit nicht Kultur rund um Fördertöpfe gebaut, sondern effektive Unterstützung für das Kulturschaffen gestaltet wird, muss beständig beobachtet und angekurbelt werden, wie Politik, Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf Augenhöhe gemeinsam Entwicklungen in die Wege leiten können.

Gestaltungsfreiraum

Als Perspektive für die Regionalentwicklung ist dies nur unter Einbindung möglichst vieler in einer Region lebenden Personen möglich und denkbar. Gestaltungsfreiraum kann nicht durch die Arbeit eines Gemeinderates ersetzt, sondern muss von der Bevölkerung selbst umgesetzt werden. Es geht darum, sich zu vernetzen, zu kommunizieren und gemeinsam ins «Tun» zu gehen. Manche Projekte aus dem KUPF-Netzwerk belegen dies: etwa das Offene Kulturhaus Vöcklabruck (OKH), das mit Leidenschaft und hohem Partizipationspotential für die lokale Jugend Raum und Diskursmacht erobert und mittlerweile aus dem Kulturleben der Stadt und wohl auch aus dem der LEADER-Region Vöckla-Ager nicht mehr wegzudenken ist. Diese Projekte entsprechen somit in hohem Maße den Anforderungen europäischer Strukturfonds sowie den Ansprüchen moderner Regionalentwicklung.

Stadt, Land, Leader

Auf kommunaler Ebene beginnt die Politik langsam, aber doch bemerkbar, diese Idee zu begreifen: Kommunen benötigen auch (reale wie diskursive) Entwicklungsräume zur Zukunftsgestaltung. Das zeigen nicht nur die genannten LEADER-Prozesse, sondern wird etwa in den Otelos, den Offenen Technologielaboren, erfolgreich praktiziert. Und es scheint, als würde es dafür in der regionalen Politik mehr Offenheit als auf Landesebene geben, wo Regionalentwicklung ein Top-Down-Verfahren darstellt – ein beinahe sicherer Garant, die Menschen aus Teilhabe- Prozessen fernzuhalten oder zu vertreiben. Kulturelle Regionalentwicklung baut aber vor allem auf dem Ermöglichen kreativer Entwicklungsprozesse, durch Schaffung der Rahmenbedingungen für AktivistInnen (vgl. Kornbergers Themen, dass erfolgreiche, nachhaltige Kulturarbeit Sicherheit, Strukturen, Autonomie und Chancengleichheit braucht) und einer maßvollen, vorausschauender Richtungsweisung von politischer Seite. Gerade in unserer durchstrukturierten und perfekt verwalteten Gesellschaft stellt es sich als eine Schwierigkeit heraus, etwas bedingungsfrei und chancengleich zu entfalten. Autonomiebestrebungen beanspruchen eben auch den organisatorischen Freiraum, der nicht in herkömmliche Struktur- oder Verwaltungsmuster passt.

Damit Kultur innerhalb der Regionalentwicklung nachhaltig arbeiten kann, müssen diese Sichtweisen immer wieder transparent gemacht werden. Das ist Aufgabe der zivilgesellschaftlichen AktivistInnen vor Ort. Dass es soweit kommt, erfordert eine einschließende Haltung seitens der politischen und bürokratischen EntscheidungsträgerInnen, welche bewusst die Gemeinsamkeiten und Vielfältigkeiten der regionalen AkteurInnen als Stärken anerkennen.

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Dieser Artikel basiert u. a. auf den Inhalten, die bei folgenden Veranstaltungen diskutiert und den Prozessen, die dadurch in Gang gesetzt wurden: „Gibt es Perspektiven für Kunst, Kultur und Wissenschaft in der Traunsteinregion“: Diskussion mit Anton Zeilinger, Xenia Hausner, Martin Hollinetz und Peter Assmann am 7. August 2014 in Traunkirchen; Zukunftskonferenz der Leader Region Traunstein am 6. Februar 2014 in Vorchdorf; Workshop der Regionalentwicklung Inneres Salzkammergut (regis) für KulturarbeiterInnen am 23. April 2014 in Bad Ischl.

Verwendetes Material: Franz Kornberger, Vortrag zum Thema „Regionale Kulturentwicklung“ im Rahmen des Projektes “Kultur vor Ort” der TKI, nachzuhören im KUPFPodcast → cba.fro.at

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