Mitgegeben

Linz war 2009 „Europäische Kulturhauptstadt“. Im November 2014 wird der Linzer Tourismusverband eine 5-Jahres-Bilanz ziehen. Die Kulturhauptstadt-MacherInnen selbst wollen, dass Linz09 am städtischen Entwicklungsstand des Jahres 2015 gemessen wird. Was gilt es zu beachten, was steht zu befürchten?

Olivia Schütz

„Es ist zu befürchten, dass Linz09 und die Jahre danach vorwiegend als touristische Erfolgsgeschichte betrachtet werden. Anhand von Umsatz- und Nächtigungszahlen ist hier die Entwicklung leicht anschaulich zu machen. Imagegewinn und Vermarktbarkeit stellen aus ökonomischer Sicht messbare Größen dar. Auch die Höhe der BesucherInnenzahlen ist dann ein schneller Gradmesser für Erfolg. Ob der Anspruch einer dauerhaften Verbesserung des kulturellen und gesellschaftspolitischen Klimas und des Lebensraums Linz an sich durch das Format Kulturhauptstadt eingelöst wurde, lässt sich hingegen nicht so leicht messen, denn eine (positive) Veränderung ist bekanntlich immer die Summe mehrerer Teile. Auch viele autonome Vereine und EinzelkünstlerInnen arbeiten beständig daran, dass Linz eine Stadt für Kunst und Kultur ist und nicht Kulturhauptstadt war.“

Foto: Sandro Zanzinger

Maren Richter

„Der selbsternannte Anspruch, Erfolg der Kulturhauptstadt im und am Jahr 2015 ohne näher definierte Bewertungskriterien messen zu wollen birgt Widersprüche. Welche Parameter lassen sich rückwirkend festlegen, welche Ziele nachträglich formulieren, welche empirische Überprüfbarkeit retrospektiv schlussfolgern? Für mich stellt sich etwa die Frage, inwieweit der öffentliche Raum als Austragungs- und Handlungsort divers gelebter Kulturen im Jahr 2015 Bestand hat. Wie und wo findet kritische ästhetische, künstlerische Praxis – sichtbar – seinen Platz bzw. welche (Nieder)Schwellen wirken dieser entgegen. Was wurde aus dem wenngleich vage formulierten Ansatz, öffentlichen Raum als erweiterten terminus operandi zu erachten? Welche kulturellen Nutzungen finden wir abseits der Logik wirtschaftlicher Verwertbarkeit vor, wie manifestieren sich darin künstlerisches Handeln und Experiment bzw. wo wird Kultur als symbolische Schwelle für ökonomische Raumstrategien eingesetzt um diesen entgegenzuwirken? Das wäre mein persönlicher Fragenkatalog für eine Bilanz.“

Foto:Nikola Milatovic

Martin Fritz

„Beachtet werden sollte wohl vor allem, dass die wichtigsten Bilanzierungsgrundsätze eingehalten werden: Aktiva und Passiva, Gewinn und Verlust sind getreulich und vollständig zu verzeichnen. Zu befürchten steht – wie bei allen Bilanzierungen – dass dies nicht passiert!“

Foto: Privat

Tania Araujo

„maiz weist seit 20 Jahren auf die Tatsache hin, dass die Kunst- und Kulturorganisationen selbst Akteure im Spiel des Rassismus sind. Die herrschenden Gruppen setzen ihre Hegemonie nicht nur mittels repressiver Staatsapparate durch, sondern durch die Bildung eines Konsens im Bereich des Diskurses. Die Subalternen sind einerseits vom herrschenden Kräfteverhältnis ausgeschlossen, andererseits konstitutiv für ihre Herausbildung. Die Reproduktion von Hegemonieverhältnissen resultiert aus der Selbstverständlichkeit, mit der Politik und Kultur von Mehrheit gemacht werden. «Linz 2009» war von Privilegien und Hierarchisierungen als konstitutives Element der Normalisierung von Machtstrukturen geprägt. Die Reflexion der eigenen Verstrickungen mit Machtverhältnissen hat keinen Platz gefunden. Mit «Linz 2009» hat maiz wieder bestätigt: Nicht im Kampf um Hegemonie im Mainstream Kunst und Kulturarbeit liegt also der Schlüssel zur Veränderung, sondern in seiner Verweigerung.“

Foto: Maira Caixeta

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