Löwengasse

Wir überholen eine Frau mit Kinderwagen, seitlich hängt der Kopf eines grünen Dinosauriers heraus. Die Frau schiebt den Wagen langsam, aber mit viel Kraft, als hätte das Gefährt viel Gewicht, als müsse sie sehr schnell irgendwohin und dabei stellt sich immer wieder ein Hindernis in den Weg. Die Haare der Frau sind zu einem Dutt hochgesteckt, sie schüttelt ohne Unterbrechung den Kopf, als wir an ihr vorbeigehen. Der Dinosaurier ist nicht allein, der Kinderwagen ist gefüllt mit Kuscheltieren, jüngere und ältere, letztere schon ein wenig mitgenommen, kein Baby darin. Das Irritierende ist, dass wir nicht irritiert sind. Es ist Sommer in Wien, und der Sommer macht die Stadt langsam. Abends die Mauersegler, ihre schrillen Schreie, sie bewegen sich schnell. Abends die Reiher am Donaukanal, sie stehen wie Pappfiguren am anderen Ufer. Auf den Bänken die Männer, die allein dort sitzen, von der Rotundenbrücke stromabwärts, ein, zwei Dosen Bier neben sich, am Wasser warten die Fischer. Ich mag den Donaukanal kurz vor Sonnenuntergang, wie er zwischen den Hauptverkehrsadern liegt, und sich trotzdem seine Stille bewahrt. Gehe ich dorthin, durchquere ich das Löwengassenland. Ich komme vorbei an der Putzerei, wo sich die Alten treffen und da sitzen, wo es noch heißer ist als draußen. Ich sehe hinüber zu Blumen Gerald, der an üblichen Tagen seine Pflanzen zwischen der Schneiderei und der Trafik auf Regalen präsentiert, im August bleibt die Fläche auf dem Gehsteig leer. Der August macht die Gasse ruhig, Blumen Gerald hat geschlossen, die Schneiderin und auch die Eisen- und Haushaltswarenhandlung ein paar Meter weiter unten. Weiter unten, wo die Auslage kommt, in der das elektrische Grablicht für den West Highland Terrier Lucky brennt, der dort sechzehn Jahre lang lag. Wo der Eissalon seinen Schanigarten aufgebaut hat, in dem mehr Rotwein getrunken als Eis gegessen wird, und noch ein Stück weiter stadteinwärts der Immobilienmakler seine Objekte in Reimen anbietet. Zwischen alldem gehen Menschengruppen mit Stadtplänen oder Telefonen, sie suchen das Hundertwasserhaus, es ist nicht schwierig, sie werden es bald finden.

Anna Weidenholzer ist Autorin, lebt und arbeitet in Wien und Linz.

Wir überholen eine Frau mit Kinderwagen, seitlich
hängt der Kopf eines grünen Dinosauriers heraus. Die
Frau schiebt den Wagen langsam, aber mit viel Kraft,
als hätte das Gefährt viel Gewicht, als müsse sie sehr
schnell irgendwohin und dabei stellt sich immer
wieder ein Hindernis in den Weg. Die Haare der Frau
sind zu einem Dutt hochgesteckt, sie schüttelt ohne
Unterbrechung den Kopf, als wir an ihr vorbeigehen.
Der Dinosaurier ist nicht allein, der Kinderwagen ist
gefüllt mit Kuscheltieren, jüngere und ältere, letztere
schon ein wenig mitgenommen, kein Baby darin. Das
Irritierende ist, dass wir nicht irritiert sind.
Es ist Sommer in Wien, und der Sommer macht die
Stadt langsam. Abends die Mauersegler, ihre schrillen
Schreie, sie bewegen sich schnell. Abends die Reiher
am Donaukanal, sie stehen wie Pappfiguren am
anderen Ufer. Auf den Bänken die Männer, die allein
dort sitzen, von der Rotundenbrücke stromabwärts,
ein, zwei Dosen Bier neben sich, am Wasser warten die
Fischer. Ich mag den Donaukanal kurz vor Sonnenuntergang,
wie er zwischen den Hauptverkehrsadern
liegt, und sich trotzdem seine Stille bewahrt.
Gehe ich dorthin, durchquere ich das Löwengassenland.
Ich komme vorbei an der Putzerei, wo sich die
Alten treffen und da sitzen, wo es noch heißer ist als
draußen. Ich sehe hinüber zu Blumen Gerald, der an
üblichen Tagen seine Pflanzen zwischen der Schneiderei
und der Trafik auf Regalen präsentiert, im August
bleibt die Fläche auf dem Gehsteig leer.
Der August macht die Gasse ruhig, Blumen Gerald hat
geschlossen, die Schneiderin und auch die Eisen- und
Haushaltswarenhandlung ein paar Meter weiter unten.
Weiter unten, wo die Auslage kommt, in der das
elektrische
Grablicht für den West Highland Terrier
Lucky brennt, der dort sechzehn Jahre lang lag. Wo der
Eissalon seinen Schanigarten aufgebaut hat, in dem
mehr Rotwein getrunken als Eis gegessen wird, und
noch ein Stück weiter stadteinwärts der Immobilienmakler
seine Objekte in Reimen anbietet. Zwischen
alldem gehen Menschengruppen mit Stadtplänen oder
Telefonen, sie suchen das Hundertwasserhaus, es ist
nicht schwierig, sie werden es bald finden.

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