Graue Wiener

von Anna Weidenholzer

Schlachten, sagte der Mann am Einlass, mein Zuchtfreund, nächste Woche schlachten wir. Der Graue Wiener saß gleich hinter der Eingangstür. Sein Käfig stand ganz oben und näherte man sich ihm, versteckte er sich in der hinteren Ecke. Zwischen Eingangstür und dem Grauen Wiener saßen die Männer, die sich Zuchtfreunde nannten, und kamen Fremde in die Gaststätte, schaute der eine Zuchtfreund sie eine Weile an. Ein Euro, sagte er, wenn die Fremden fragten, wieviel der Eintritt sei.

Als der Rassekaninchenverein Meinsdorf zur Kaninchenschau in die Dorfgaststätte Lehmann lud, parkten dort Autos, wo sonst keine Autos standen. Es waren mehrere Autos, vielleicht sogar zehn. In meinen zwei Stipendienmonaten in Wiepersdorf war die Kaninchenschau das größte gesellschaftliche Ereignis im Dorf. Wiepersdorf, gut 80 Kilometer südlich von Berlin gelegen, ist ein brandenburgisches Dorf mit ein paar Häusern. Am Dorfrand liegt das Schloss, wo Bettina und Achim von Arnim lebten, heute werden hier Arbeitsaufenthalte für Künstlerinnen und Künstler aller Sparten vergeben. Wiepersdorf, das sind hundertfünfzig Menschen, mindestens so viele Katzen, ein bellender Hund pro Haus, fauchende Gänse gegenüber der Dorfgaststätte, Wälder mit röhrenden Hirschen darin. Nächste Woche schlachten wir, sagte der eine Zuchtfreund, und was der andere antwortete, hörte ich nicht. Kaninchen sind mir fremde Tiere, ich hatte sie für kleine Tiere gehalten; der Graue Wiener war so groß wie eine Katze. Die Zuchtfreunde saßen auf der Bank neben der Eingangstür und beobachteten die Menschen, wie sie die Kaninchen beobachteten. Einige Menschen streckten dabei ihre Finger in die Käfi ge, ich weiß nicht, ob es gut ist, seinen Finger in den Käfi g eines Kaninchens zu stecken; aber der Drang, ein Fell zu berühren, war eindeutig vorhanden. 120 Kaninchen waren zur Kaninchenschau im Festsaal der Dorfgaststätte gestapelt, die Käfi ge standen übereinander, der Unterbau war mit der Folie eines Kaninchenfutterherstellers verkleidet: Züchten, füttern, siegen stand darauf. Wir, die Fremden, blieben nicht bis zur Preisverleihung, die Pokale waren schon aufgebaut und die Bewertungen an den Käfi gen angebracht. Die schönste Kaninchenfrau wurde mit dem Titel Beste Häsin 2011 prämiert, der schönste Kaninchenmann mit Bester Rammler 2011. Der Graue Wiener rechts oben wurde nicht prämiert. Ich weiß nicht, welches Geschlecht er hatte. Er war mir der liebste von allen.

Anna Weidenholzer ist Autorin, lebt und arbeitet in Wien und Linz.

Jetzt teilen