Zwei Frauen

Anna Weidenholzers Literaturkolumne

Beim Sehen ginge es in erster Linie darum, eine Stelle zu finden, an der es gelingt, und die ganze Energie an diese eine Stelle zu schicken, erklärte mir ein älterer Mann im Frühstücksraum eines Jerewaner Hotels. Mit seiner rechten Hand formte er dicht vor seinem linken Auge eine lockere Faust. So wird jede Brille überflüssig, sagte er und schaute durch das kleine Loch in der Mitte der Faust auf sein Telefon, das er in wechselnden Abständen vor sein Gesicht hielt, bis er den richtigen Punkt gefunden hatte und mit dem Daumen über den Bildschirm wischte. Hier, sagte er, und legte das Telefon vor mir auf den Tisch. Mit zwanzig hatte er Armenien verlassen und war nach Los Angeles gezogen, wo er seit ein paar Jahren Ju-Jutsu trainiert. Das Foto zeigte ihn bei einer Siegerehrung, alle barfuß mit einem Lachen im Gesicht. Dieser Schuh, sagte der Mann nach einer Weile und griff das Gespräch auf, das wir zuvor geführt hatten, dieser Schuh lässt mich nicht los.

In einer Höhle in Armenien wurde vor ein paar Jahren der älteste Lederschuh der Welt entdeckt, er stammt aus dem Jahr 3500 vor Christus, sogar die Schuhbänder sind gut erhalten. Er ist im Historischen Museum der Stadt zu sehen. Im Zentrum Jerewans sind die Wege kurz und immer schwingt Geschichte mit. Zwanzig Gehminuten vom Historischen Museum entfernt liegt Matenadaran, das Zentralarchiv für alte armenische Handschriften. 17.000 Stück umfasst die Sammlung, darunter auch das Etschmiadsin-Evangeliar in einem Elfenbeineinband aus dem 6. Jahrhundert, das als die bedeutendste armenische Handschrift gilt.

Ein Kalb pro Seite, erklärte mir die Museumsmitarbeiterin und holte weit mit den Händen aus, als wir vor einer anderen Vitrine standen, die größer war als die des Etschmiadsin-Evangeliars. Msho Charntir ist das größte und schwerste Buch der Sammlung, 28 Kilo wiegt es, 603 Seiten, 603 Kälber. Geschrieben wurde es zwischen 1200 und 1202, geteilt wurde es etwas mehr als 700 Jahre später. Zwei armenische Frauen hatten es während des Genozids in einem verlassenen westarmenischen Kloster gefunden und wollten es in Sicherheit bringen. Nachdem es zu schwer war, halbierten sie es. Eine Hälfte gelangte direkt nach Georgien, die andere war zehn Jahre lang in einem Waldstück vergraben, nachdem eine der Frauen auf der Flucht umgekommen war, das Manuskript konnte sie noch verstecken. Ein Soldat fand es schließlich Jahre später und verkaufte es nach Baku, von wo es nach Jerewan gelangte. Dort liegt es heute vereint mit der anderen Hälfte und erinnert 800 Jahre nachdem es verfasst wurde, an die Geschichte zweier Frauen und eines Völkermordes.

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