Im Landeskulturbeirat

Der Landeskulturbeirat (LKB) Oberösterreich hat heuer das Programm „Kulturarbeit in der Gemeinde“ in die Wege geleitet. Doch was steckt dahinter? Wie arbeitet der LKB und wie wirkmächtig ist er eigentlich? Jolanda de Wit hat bei Julia Müllegger, KUPF-Vorständin und Mitglied im LKB, nachgefragt.

Jolanda de Wit: Seit einem Jahr sitzt du für die KUPF im Fachbeirat VI für regionale Kulturarbeit im LKB. Wie hast du die erste Periode erlebt?
                        
Julia Müllegger: Abseits des formalen Neulandes war es für mich ein Kennenlernen meiner KollegInnen und ein Sondieren, welche Themen bzw. Projekte in den kommenden vier Jahren im Fokus der gemeinsamen Arbeit stehen könnten. Ein Schwerpunkt war die Kooperation auf Gemeindeebene und es ist – federführend durch Vorarbeit der KUPF – gelungen, das Projekt “Kulturarbeit in der Gemeinde” zu lancieren.
Der Fachbeirat für regionale Kulturentwicklung hat den Anspruch, vernetzt und ganzheitlich zu arbeiten. Das spiegelt sich durchaus in der Besetzung des Teams wider: Die Mitglieder kommen aus unterschiedlichen kulturellen Bereichen – etwa dem Brauchtum, der Volkskultur, aus migrantischer oder eben auch aus zeitgenössischer Kulturarbeit. Außerdem bringen sie verschiedene Zugänge mit – als GemeindekulturreferentInnen, VertreterInnen von Parteien, LehrerInnen, KulturmanagerInnen, AktivistInnen oder etwa als Obfrau eines Chores.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit von VertreterInnen mit so unterschiedlichen Zugängen zu Kultur?

Die Zusammensetzung bedingt, feinfühlig zu sein, Standpunkte argumentativ zu belegen und den gemeinsamen Kulturbegriff immer wieder in Frage zu stellen und zu diskutieren. So kann in Folge in der Praxis Raum für Vielfalt ermöglicht werden, wenn etwa bei Projekten eine offene Einladungspolitik eingefordert wird und VertreterInnen aus allen kulturellen Bereichen an Workshops teilnehmen können und man sich nicht nur an Brauchtumsvereine oder nicht nur an Zeitkulturinitiativen wendet. Somit ist tatsächlich eine Entwicklung in den Regionen spürbar.

Der Beirat hat ausschließlich eine beratende Funktion. Eure Beschlüsse sind Vorschläge für den Kulturreferenten Josef Pühringer: Was macht er damit? Wie wirkmächtig ist der Beirat?

Als Landeskulturreferent liegt es zu einem großen Teil in seiner Verantwortung, ob und in welcher Form ein Vorschlag umgesetzt wird – etwa über politische Maßnahmen oder über Förderungen.

Auch wenn’s schon eine Weile her ist, aber herausragende Errungenschaften für zeitgenössische Kultur waren beispielsweise die Gründung des „Festivals der Regionen“ (1993) oder die Unterstützung des Aufbaus der Freien Radios ab 1997. Das Gewicht der Maßnahmen für freie Kunst- und Kulturinitiativen hängt maßgeblich an der Besetzung des Gremiums. Derzeit findet sich eine einigermaßen paritätische Besetzung der Interessen im LKB wieder. Allein die mediale Entwicklung und deren Prägung des kulturellen Sektors ist im LKB noch nicht präsent.

Für die Wirksamkeit der Vorschläge wäre noch mehr Präsenz in der Öffentlichkeit wünschenswert. Zumindest für einen Teil dieser Öffentlichkeit kann die KUPF diese Informationsweitergabe verbessern und die Umsetzung von Projekten einfordern. Diesbezüglich wären Allianzen mit Museumsverbund oder Forum Volkskultur sinnvoll.

Du hast das Programm „Kulturarbeit in der Gemeinde“ erwähnt: Worum geht es euch dabei?

Ganz oben steht die Bedeutung und auch die Gewährleistung von kultureller Nahversorgung. Das bestehende Netzwerk und das vorhandene Potential sollen aufgebaut, sichtbar gemacht oder sogar besser genutzt und ausgebaut werden. Es geht darum, dass die Rollenverteilung klar wird: Wer macht eigentlich was in einer Gemeinde? Ein wesentlicher Punkt, der eigentlich eh immer alles dominiert, ist die Finanzierung. Jede Gemeinde soll sich bewusst sein, dass sie selbst nachhaltige Kulturpolitik ermöglichen und betreiben kann.

Was bedeutet für dich nachhaltige Kulturpolitik – auch in Bezug auf dieses Projekt?

Dass in Strukturen investiert wird. Oder in Bildung für Menschen, die Kulturarbeit leisten. Es muss auch die Bereitschaft in der Bevölkerung gefördert werden, sich mit Kultur auseinanderzusetzen.

Bei “Kulturarbeit in der Gemeinde” müssen sich GemeindepolitikerInnen, Kunst- und KulturaktivistInnen etc. mit den Gegebenheiten und der lokalen Kultur genau auseinandersetzen. Eine Gemeinde kann zum Beispiel einen Raum zur Verfügung stellen oder Equipment oder Arbeiterinnen. Aber natürlich auch Geld. Das wäre für mich nachhaltig.

Du engagierst dich auch für Leader [EU-Förderprogramm für regionale Entwicklung] – warum liegt der Fokus von Entwicklungs- und Förderprogrammen gerade jetzt so stark in den Regionen?

Vielleicht liegt es daran, dass die Regionalpolitik der Europäischen Union den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt innerhalb der EU stärken will – mittels der Verringerung des Strukturgefälles zwischen den einzelnen Regionen sowie durch die Förderung einer ausgewogenen räumlichen Entwicklung. Auch Urbanisierung und Braindrain spielen vermutlich mit.

Die EU-Strukturförderprogramme standen Anfang der 2000er Jahre übrigens auch auf der Agenda des Fachbeirats VI. Teilweise bieten sich Kulturschaffende als Katalysatoren dieser Programme an – durch das Knowhow und auch durch die Bereitschaft zum Ehrenamt.
In meiner Beobachtung sind die regionalen EU-Förderprogramme immer wieder nachjustiert worden und heute für einen größeren Teil der Bevölkerung nutzbar.

In welcher Form soll „Kulturarbeit in der Gemeinde“ umgesetzt werden? Was müssten die LokalpolitikerInnen tun, damit das Programm attraktiv ist und nachhaltig wirkt?

Essentiell für das Projekt ist es, alle Schlüsselpersonen im Sinne eines vielfältigen Kulturbegriffes aufzuspüren und eine umfassende Einladungspolitik zu betreiben. Nach dem theoretischen Prozess – der im Rahmen von Einzelgesprächen und Workshops mit einer Projektbegleitung abgewickelt wird – bleibt dann der schwierigste Schritt: die Umsetzung der Ideen und auch die Motivation in die Praxis. Daran scheitern Kulturentwicklungspläne ja vielfach. Wichtig ist, dass nicht alles nur auf Papier bleibt. Papier alleine ist so lähmend! Eine der Maßnahmen, die dem entgegenwirken soll, ist die Evaluierung, die circa ein Jahr nach Projektstart in der jeweiligen Gemeinde oder Region stattfinden und allen den gemeinsamen kulturellen Weg in Erinnerung rufen soll.

 

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Landeskulturbeirat

Der Landeskulturbeirat ist ein unabhängiges Gremium, das sich mit der Beurteilung der Wirksamkeit von Kulturförderungen beschäftigt und die Landesregierung in Fragen der Kulturpolitik berät. Die max. 27 Voll- und 27 Ersatzmitglieder konstituieren sich aus neun nach dem Verhältnis der Vertretung der Parteien in der Landesregierung zu bestellenden Mitgliedern und aus Nennungen durch kulturelle Einrichtungen. Den LKB gibt es seit 1988, er setzt sich derzeit aus sechs Fachbeiräten zusammen. 1997 wurde – auf Initiative der KUPF – ein eigener Fachbeirat zu regionaler Kulturentwicklung eingerichtet (VI).

“Kulturarbeit in der Gemeinde”

Im Fachbeirat VI wurde diesen Sommer das Programm Kulturarbeit in der Gemeinde beschlossen: Alle Gemeinden sollen bei einer systematischen Kulturentwicklung unterstützt und dazu ermuntert werden, Kunst und Kultur als Mittel und wesentlichen Teil der Gemeindeentwicklung zu sehen. Konkrete Maßnahmen betreffen Organisatorisches (zB Vernetzung, Austausch, digitale Kulturlandkarte), die Qualität (Aus- und Fortbildung, Wettbewerbe, interaktives Kulturportal), die Verantwortung für Inklusion (Kooperationen, Forschung zu Migrationskultur) und für Raumordnung (Gestaltung von Ortskernen und Gewerbegebieten, Nutzung von Leerständen). Die Finanzierung soll zwischen Land und den Gemeinden aufgeteilt werden. Der LKB-Beschluss liegt als Vorschlag bei Kulturreferent Josef Pühringer. Das Vorschlagspaket des LKB liegt derzeit bei Kulturreferent Josef Pühringer, der Ende November (kurz nachdem diese Zeitung erscheint) präsentiert, was damit passieren wird.

„Kultur vor Ort“ in Tirol

Für das LKB-Vorhaben „Kulturarbeit in der Gemeinde“ hat sich die KUPF von einem Vorbild aus Tirol inspirieren lassen. Franz Kornberger berichtet:

„Seit 2013 begleite ich das gemeinsam mit der TKI (der Tiroler Schwesterorganisation der KUPF) entwickelte Projekt „Kultur vor Ort“ in Tirol. Ziel ist es, das kulturelle Potential in der Gemeinde zu stärken und zu nutzen. „Kultur vor Ort“ bietet Gemeinden die Chance, einen Kulturentwicklungsprozess zu starten.

2007 überzeugte die TKI das Land, dass kulturelle Nachhaltigkeit eine Dimension von sogenannten LA21-Prozessen („Lokale Agenda 21“, ein internationales Nachhaltigkeitsprogramm für Kommunen und Regionen) sein müsse. In Folge wurde ein Schulungsprogramm für LA21-BegleiterInnen und KulturreferentInnen entwickelt. Die Stadt Wörgl griff dies als erste auf und startete gemeinsam mit der TKI und mir als Prozessbegleiter einen breit angelegten Kulturentwicklungsprozess, der letztendlich in einem Kulturleitbild mündete und sehr konkrete Auswirkungen auf die kulturpolitische Praxis wie Subventionssteuerung, Transparenz und stärkere Vernetzung hatte.

2010 wurde leider dieser „revolutionäre“ kulturpolitische Ansatz wieder aus den Agenda-Kriterien entfernt, was insbesondere bedeutete, dass diese finanziellen Ressourcen nicht mehr zur Verfügung standen. Aus der Not heraus wurde sodann 2013 das redimensionierte Konzept „Kultur vor Ort“ geboren, das zwar für Gemeinden leistbar ist, aber lediglich ein erster Schritt zu weiteren Entwicklungsprozessen ist – quasi eine Kostprobe, die Hunger auf mehr machen soll.

In der Praxis wird in den interessierten Gemeinden nach ausführlichen Einzelgesprächen mit allen kulturellen Playern in einem eintägigen, partizipativen Workshop an einem Mix aus kulturpolitischer Bewusstseinsbildung, Analyse der kulturpolitischen Ausgangslage und Chancen vor Ort, an konkreten Handlungsoptionen für die unmittelbare und fernere Zukunft gearbeitet. Dass in den ersten Projektgemeinden Inzing und Kematen in Tirol weiterführende Leitbild-Prozesse noch laufen bzw. ein neuer aktiver TKI-Mitgliedsverein entstanden ist, beweist, dass die Kostprobe geschmeckt hat!“

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