27 Versuche über den Herbst 2042

In Kitzbühel hörte ich über Oberösterreich, dass man dort gern ein wenig sage. Die Linzerinnen seien gut angezogene Frauen und in Schwertberg gebe es wunderbaren Schnaps. Eine Einheimische meinte im November: Jetzt gehört die Stadt wieder uns. Geisterstadt, dachte ich, als ich vorbei an geschlossenen Läden ging, die Pferde warten nicht mehr vor die Kutschen gespannt, wo sind die Porsches und Maseratis hin. In meinen zwei Monaten als Stadtschreiberin in Kitzbühel brauchte ich eine Weile, die Immobilienpreise auf den LED-Zeilen richtig zu lesen: 2.538.000 Euro, nicht 2.538. Ich hörte Barack Obama davon sprechen, dass jedes Kind die gleichen Chancen haben soll. In Kitzbühel habe ich Hauptschülerinnen und -schüler gefragt, was sie heute in dreißig Jahren machen. Sie haben Seiten aus ihren Heften gerissen und Antworten darauf geschrieben.

 

2042

bin ich 43 Jahre alt, werde viel Geld verdienen und ein eigenes Pferd haben. Ich besuche meine Familie und Freunde in Polen. Ich fange einen Fisch am See. Ich bin Hotelleiterin. Ich werde in der Früh einen Tee trinken und danach in mein Geschäft fahren. Ich bin gerade auf einer archäologischen Ausgrabung. Ich werde hoffentlich mit 30 Mutter sein, ein Haus haben. Ich will Psychologin werden. Ich werde mit meinem Hund spazieren und meinem Kind beim Spielen zusehen. Ich schwimme im See. Ich werde Profifußballer. Ich sitze mit ein paar Freundinnen am Küchentisch und trinke Kaffee. Ich lebe in einem Haus mit meiner Frau und mit meinen zwei Kindern, ich arbeite als Zimmerer. Ich werde in einer Gärtnerei stehen. Ich höre Radio. Ich werde Eislaufen. Ich bin krank und liege im Bett (Fieber). Ich werde ein Architekt sein. Ich stehe in der Früh um sieben Uhr auf, frühstücke in Ruhe, um halb neun gehe ich zu meinem Arbeitsplatz, am Abend habe ich es gemütlich. Ich schaukle mit dem Krokodil. Ich liege im Bett und höre meine eigenen Raps, meine Kinder laufen schreiend durch den Gang und haben Spaß. Ich werde in einem Labor als Pathologin arbeiten. In 30 Jahren möchte ich ein Haus, ein Auto und eine Freundin haben. Ich arbeite in einem Café, habe keine Kinder und wohne in Berlin. Ich füttere meine Viecher. Erste graue Haare, immer noch fit und fröhlich. In 30 Jahren bin ich Lehrer an der Hauptschule Kitzbühel.

 

Ich habe auch Schülerinnen und Schüler der HAK gefragt, was sie in dreißig Jahren machen. Auf jedem Zettel kommen die Wörter essen oder kochen vor, weil es kurz vor Mittag war und sie Hunger hatten.

 

 

Anna Weidenholzer ist Autorin, lebt und arbeitet in Wien und Linz.

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