Bitte, Werkzeug mitbringen

Berg heil, sagen die Männer, als sie uns kommen sehen. Grüß Gott, antwortet ihnen die Frau, die ein paar Minuten später am Gipfel ankommt. Vom Plassen ist es weit nach unten. Der Hallstättersee liegt vor uns, so klein, dass ich ihn verdecken könnte, wenn ich meine Beine hebe und die Füße vor ihn halte. Achtung, sagt die Frau, als mein Begleiter sie und ihren Mann fotografiert, danke, das genügt schön, passen Sie auf, ein Foto, mehr brauchen wir nicht. Wir sitzen zu sechst auf dem Gipfel, paarweise, wir kennen uns nicht. Die Frau fragt den Einheimischen nach einem anderen Weg nach unten, ohne Seile, weniger steil. Er holt die Karte hervor, sagt, ich meine nicht, dass es Richtung Gosau besser ist.

Wir Eingeborenen, sagte eine Frau in Hallstatt vor zwei Jahren, der Schrei des Zielers unterbrach sie. Wir Eingeborenen feiern dieses Fest jedes Jahr. Das Schützenmahl ist das größte Fest eines Schützenvereins, die Schützen schießen, danach essen und trinken sie. Begleitet von Musik zog eine Gruppe Männer in Festtagskleidung an uns vorbei, der Schützenzug, in ihrer Mitte bewegte sich der Zieler. Der Zieler sah aus wie ein Harlekin, er schrie und er hatte Schwierigkeiten, geradeaus zu gehen. Wir Eingeborenen halten diese Tradition, sagte die Frau.

Im Herbst ist Hallstatt, wie es ist, nur wenige Urlaubende sind auf den Straßen. An diesem Tag war es eine kleine Gruppe, die nach den Kameras griff, als die Schützen kamen. Zwei Chinesinnen standen beim Souvenirstand, eine griff nach bunten Plastikschuhen mit Blumen darauf. Made in China, sagte sie nach einer Weile und zeigte die Schuhe ihrer Freundin, bevor sie sie wieder zurücklegte.

Fast vier Stunden sind es vom Gipfelkreuz nach Hallstatt. Wie viele Schritte, ich weiß es nicht. Mit jedem Schritt nach unten wird der Plassen höher und der Ort kommt näher, bis der See so groß wie ein Meer wirkt. Im Sommer ist Hallstatt anders, im Sommer ist Hallstatt voll. Nahe der Seilbahnstation hat jemand einen Souvenirstand aufgestellt, es gibt Plastikschürzen mit aufgedrucktem Dirndl oder Lederhose zu kaufen und andere Dinge, die aus der Ferne schwer zu erkennen sind. Am Parkplatz kommt nach einem Anruf innerhalb einer Minute ein Mann, der deutschen Touristen hilft, weil der Schranken nicht öffnet. Er beruhigt die Wartenden beim Ticketautomaten, er erklärt. Ich denke an den handgeschriebenen Aufruf nahe der Bücherei, den ich vor zwei Jahren entdeckt hatte: Friedhofsverschönerung – Bitte, Werkzeug mitbringen. Den alten Mann am vorderen Parkplatz, der als Schaffner verkleidet Autos einweist, habe ich schon länger nicht gesehen. Vielleicht kommt er im Herbst zurück.

 

 

 

Anna Weidenholzer ist Autorin, lebt und arbeitet in Wien und Linz.

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