Die bösen Wölfe

Sie sind Extremistinnen und Nationalistinnen. Sie schwärmen von der Überlegenheit ihres Volkes und warnen vor Rassendurchmischung. Sind antisemitisch, misogyn und kämpfen für ein ethnisch homogenes Großreich. Und sie leben mitten unter uns. Aber obwohl viele von ihnen Deutsch besser als irgendeine andere Sprache beherrschen, sind es türkische Faschistinnen von denen Kemal Bozay, Thomas Rammersdorfer, Thomas Schmidinger und Christian Schörkhuber berichten. Genauer gesagt geht es um die in Österreich lebenden Anhängerinnen der „Grauen Wölfe“. Ein Phänomen, das bisher kaum beachtet wurde und sich deshalb ungehindert ausbreitet. Aufbauend auf eine lange Tradition in der Türkei ist diese Spielart des Faschismus ein starkes Identitätsangebot an die vielen orientierungslosen Jugendlichen der sogenannten zweiten und dritten Generation. Also jenen, die in Österreich geboren wurden, perfekt Deutsch sprechen und trotzdem auf vielfältige Hürden der Ablehnung stoßen. Diese Alltagserfahrungen einerseits und die migrationsbedingte Identitätskrise andererseits, bilden den perfekten Nährboden für rechtsextreme Agitation. Weil niemand sonst Antworten auf die Probleme hat, wenden sich immer mehr von ihnen den Grauen Wölfen zu. Wer sonst nichts ist, kann ja immer noch Faschistin werden. Österreichs Politik begegnet dem Phänomen wie gewohnt mit einer Mischung aus Ignoranz und Unwissenheit. Und manchmal auch mit falsch verstandener Toleranz. Nur so ist es zu erklären, dass Graue Wölfe im Linzer Rathaus Propagandaveranstaltungen abhalten dürfen, in Integrationsbeiräten sitzen und auch vereinzelt auf Wahllisten der Großparteien auftauchen. Mit erstaunlicher Naivität werden Migrantinnen immer noch als weitgehend homogene Gruppe wahrgenommen und ihnen damit jede Individualität – im Guten wie im Schlechten – abgesprochen. Das von der Volkshilfe Flüchtlings- & MigrantInnenbetreuung Oberösterreich herausgegebene Buch hält dieser Naivität Fakten entgegen. Es erklärt die Entstehungsgeschichte des türkischen Faschismus, seine zahlreichen Verbrechen und schildert die Strukturen in Deutschland und Österreich. Obwohl der Aufbau der Kapitel streckenweise etwas holprig wirkt, wird schnell klar, was für eine Bedrohung die Grauen Wölfe in der Türkei sind und auch bei uns werden könnten. Abgesehen von Lösungsansätzen – die sich im Buch ebenfalls finden – ist es aber vor allem ein Appell, diese Entwicklung endlich zu erkennen und ernst zu nehmen. Und deshalb ist es auch so wichtig.

 

Kemal Bozay, Thomas Rammerstorfer, Thomas Schmiedinger und Christian Schörkhuber, Grauer Wolf im Schafspelz, Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft, edition sandkorn, Buchverlag Franz Steinmaßl, Grünbach, 2012, 95 Seiten, 19,50 Euro. ISBN 978-3-902427-84-7

 

 

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