„Gedenken vermitteln“

Das klingt nach einem Grundkurs in „Hände falten und Klappe halten“, könnte man meinen.

Die Fahrt nach Mauthausen gehört oft zum Pflichtprogramm für Schulklassen. Auf Gedenkstätten als Lernorte werden sehr viele Ansprüche projiziert, schreibt Yariv Lapid (2014: 19). Der Holocaust soll als abschreckendes Beispiel dienen, um die Wichtigkeit der Menschenrechte zu erfassen, erwarten manche Pädagog*innen. Das würde eine Instrumentalisierung der nationalsozialistischen Verbrechen bedeuten. Um einer solchen zu entgehen, weichen Vermittler*innen auf die vermeintlich neutrale Vermittlung von Fakten aus, was dann der den Gedenkstätten zugeschriebenen Aufgabe widerspreche. Gefördert (insbesondere finanziell) werden Gedenkstätten wegen ihrer Aufgabe, die historischen Geschehnisse zu interpretieren. Der Anspruch, lediglich historische Fakten zu vermitteln, sei gar nicht erfüllbar, nachdem die Repräsentation von Vergangenheit «stets narrativen Strukturen, der Selektion spezifischer Daten und der Schaffung von Kohärenz und Bedeutung innerhalb eines bestimmten Diskurses » (ebd.) unterworfen sei: «Die Frage ist folglich nicht, ob wir aus der Vergangenheit Bedeutung und Lehren ziehen, sondern vielmehr, welche Bedeutungen wir schaffen und – was am Wichtigsten ist – wie wir dies anstellen.»

Anfang der 2000er-Jahre begleiteten hauptsächlich Zivildiener Gruppen am ehemaligen Konzentrationslager. Ihre Führungen über das Gelände der Gedenkstätte beendeten sie regelmäßig mit dem «Highlight » der Gedenkstätte, der ehemaligen Gaskammer. Danach applaudierten die Besucher*innen. Didaktisches Werkzeug wurde den Zivildienern damals keines zur Verfügung gestellt. Die zweiwöchige Einführung konzentrierte sich auf historische Fakten. Die Einsicht über die Notwendigkeit einer Professionalisierung der Vermittlungsarbeit an der Gedenkstätte führte dazu, dass 2007 eine pädagogische Abteilung aufgebaut wurde. Der Leiter der Abteilung, Yariv Lapid, entwickelte mit seinem Team ein Vermittlungskonzept. Historisches Wissen ist die Grundlage, nicht das Vermittlungsziel.

Die konventionellen Führungen an Gedenkstätten widersprächen sich, so Lapid (2014: 20) in Form und Inhalt. Auf einer inhaltlichen Ebene werde versucht, eine Auseinandersetzung und Interpretation der historischen Geschehnisse anzuregen. Auf den Schüler*innen laste währenddessen der Druck, sich auf sozial erwünschte Weise zu verhalten. Darüber wache nicht selten ein*e Lehrer*in. «So wird anstelle eines ehrlichen Ringens mit moralischen Dilemmata, für die wir keine klaren Antworten parat haben, der Besuch zu einem «Quiz», in dem von den TeilnehmerInnnen erwartet wird, zu beweisen, dass sie die richtigen Antworten liefern können.»

„Was hat es mit mir zu tun?“

Die historischen Ereignisse sollte man auf einer Bedeutungsebene begreifen lernen. Fragend laden die Vermittler*innen heute zum Nachdenken und Streiten ein. Eine gute Frage wäre dem pädagogischen Konzept entsprechend «eine Frage, die mehr als eine mögliche Antwort hat, eine Frage, die zur Interpretation und kritischen Auseinandersetzung anreizt, eine Frage, die mich auch tatsächlich beschäftigt und die ich nicht stelle, nur um etwas zu sagen.» ( Lapid 2014: 29) Die vorherrschenden, vermeintlich kohärenten gesellschaftlichen Narrative zur Erklärung des Holocaust werden hinterfragt: «In diesen Narrativen fanden die Gräueltaten hinter Mauern, fernab der Öffentlichkeit statt und wurden von Männern verübt, die nicht mit uns verwandt waren.» (ebd.) Unterhalb des ummauerten Lagers in Mauthausen befand sich ein externes, mit Stacheldraht umschlossenes Krankenlager. Gleich nebenan lag das zum KZ gehörende Fußballfeld. Auf diesem trug die SS-Mannschaft Spiele aus, von denen die eine regionale Zeitung berichtete. Was sahen die Zuschauer*innen, während sie anfeuerten und jubelten?

Von den schwierigen Arbeitsumständen der Vermittler*innen zeugen die jüngsten Ereignisse.

Am 5. Mai des vergangenen Jahres wurde die neue Dauerausstellung eröffnet. Laut einer Presseaussendung des Innenministeriums standen 1,7 Millionen Euro Sonderbudget zur Verfügung. Die Entwicklung eines pädagogischen Konzepts für die Dauerausstellung war darin nicht vorgesehen. Die pädagogische Abteilung der Gedenkstätte erarbeitete in einem Workshop mit den Vermittler*innen ein Vermittlungskonzept. Zwei Mal musste die Gewerkschaft intervenieren, bis das Bundesministerium für Inneres den Vermittler*innen die Teilnahme an der Fortbildung bezahlte.
Anfang dieses Jahres schlossen sich mehr als die Hälfte der Vermittler*innen zur sogenannten «Vermittler_ inneninitiative» zusammen. Viele von ihnen haben sich zuvor noch nie gesehen: Eine gemeinsame Organisation gibt es nicht, die Vermittler*innen arbeiten als «Freie».

Auf ihrem Blog, online seit Anfang Mai, schreiben sie: «Die Vermittler_innen sind vertraglich nur schwach institutionell eingebunden und (bisher) nicht Teil einer offiziellen Personalvertretung. » Die Vermittler*innen wollen gemeinsam die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit verbessern und vereint gegenüber ihrem Arbeitgeber, dem Innenministerium, auftreten. Ihren Blog nutzen sie außerdem, um ihre «Überlegungen und Vorschläge für die Gedenkstätte als Ort der historisch-politischen Bildung kundzutun.» Etwa jede*r dritte österreichische Schüler*in besucht einmal in seinem Leben die Gedenkstätte in Mauthausen. Die meisten Schulklassen nehmen das Vermittlungsangebot in Anspruch. Die Vermittler*innen machen insofern die «eigentliche» Arbeit an der Gedenkstätte: Sie sind die direkten Ansprechpersonen für die die Hälfte der Besucher*innen und vertreten die Gedenkstätte auf diese Art und Weise gegenüber einer Öffentlichkeit. Die Verträge der Vermittler*innen sind mit einer Verschwiegenheitsklausel versehen. Mit Medienvertreter*innen dürfen sie nur sprechen, wenn sie dafür eine «Sprechfreigabe» von der Pressestelle erhalten. Eine solche Regelung der Kommunikation sei ein völlig üblicher Bestandteil von Verträgen, gibt eben diese Auskunft. Das mag wahr sein. Es entspricht aber nicht dem demokratischen Verständnis, das die Vermittler*innen der Gedenkstätte bei ihren Rundgängen zu vermitteln versuchen.

Aus Vorsicht handelt die Vermittler_ inneninitiative anonym. Sich mit schwierigen, komplexen oder kritischen Fragen zu beschäftigen, ist ihre Aufgabe in der Arbeit mit Besucher*innen. Stellen die Vermittler*innen solche Fragen innerhalb der eigenen Institution, finden sie kaum Resonanz. Als Befehlsempfänger*innen einer Top-Down-Verwaltung geben sie sich nicht zufrieden. Die Vermittler* innen wollen ihre Arbeitsbedingungen mitbestimmten.

Noch im Mai dieses Jahres gelang ein Gesetzesentwurf an die Öffentlichkeit. Die Gedenkstätte Mauthausen solle aus dem Innenministerium ausgelagert und in eine Anstalt öffentlichen Rechts umgewandelt werden. Als Vorbilder gelten die Bundesmuseen. Der Historiker Bertrand Perz befürchtet die Errichtung einer «Low-Cost-Gedenkstätte». Andere sehen Vorteile darin, dass die Gedenkstätte nicht mehr den starren Arbeitsabläufen und Hierarchien innerhalb eines Ministeriums unterliegen müsste.

Die Vermittler*innen kritisieren, dass der Gesetzesentwurf im Stillen im Ministerium ausgebrütet wird. Sie versuchen, eine breite Diskussion über die Zukunft der Gedenkstätte ins Rollen zu bringen. Auf ihrem Blog positionieren sie sich und ihre Arbeit an der Gedenkstätte mit einigen Sätzen, etwa: «Die internationale Gedenkstätte Mauthausen darf nicht nur historisch in ihrer internationalen Dimension begriffen werden – sie ist heute nicht minder eine internationale Gedenkstätte. Eine Neustrukturierung kann nicht alleine im nationalen Rahmen verhandelt werden, eine Internationalität ist auch in die Überlegungen zur Zukunft der Gedenkstätte einzubeziehen. » Oder: «Die internationale Gedenkstätte Mauthausen ist ein öffentlicher Ort, dessen Zukunft öffentlich debattiert und ausverhandelt gehört.» Das sind Sätze, wie sie auf der offiziellen Homepage der durch das Ministerium verwalteten Gedenkstätte stehen könnten. Tun sie aber nicht.

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Quellen:

  • Yariv LAPID (2014): Die Verknüpfung von Gedenkstättenpädagogik und politischer Bildung an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. In: Bundesministerium für Inneres (Hg.): Jahrbuch. KZ-Gedenkstätte Mauthausen / Mauthausen Memorial 2013, Wien: new academic press, S. 17–30.
  • Homepage der Vermittler_inneninitiative: vermittler-inneninitiative.at

Weiterführend:

  • Eine (eigeninitiative) Begutachtung des an die Öffentlichkeit gelangten Gesetzesentwurfs: martinfritz.info
  • Ein Artikel der Vermittler_inneninitiative in der MALMOE: „Reden wir über Verantwortung. Vermittler_innen an der Gedenkstätte Mauthausen- Gusen organisieren sich“: malmoe.org
  • Auch die Vermittler*innen der Oberösterreichischen Landesmuseen haben sich organisiert, die KUPF berichtete in Ausgabe 142: „Wenn sich Sachaufwand organisiert“: kupf.at/medien/zeitung

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