Kulturarbeit entwickelt Regionen

Die KUPF arbeitet seit zwei Jahren sehr intensiv und mit ersten Erfolgen an der Öffnung von Struktur- und Regionalentwicklungsfonds für initiative Kulturarbeit. Intention ist nicht nur eine nachhaltige Erweiterung bestehender Kulturförderungen, sondern auch eine inhaltliche Bereicherung regionaler Prozesse durch freie KulturarbeiterInnen.

Seit 2012 beschäftigt sich die KUPF wieder gezielt mit dem europäischen LEADER-Programm. Obwohl von der EU (auch) als zivilgesellschaftlicher Partizipationsprozess intendiert, gelang es in der letzten Leader -Periode in Oberösterreich (2007–2013) nur wenigen Playern der freien Szene, Projektgelder zu lukrieren. Die KUPF hat sich daher intensiv bei der inhaltlichen und formalen Neuausrichtung der nun beginnenden LEADER-Periode ab 2014 eingebracht. Neben der Notwendigkeit, kapitalstarke Ergänzungen zum stagnierenden Kulturbudget zu lukrieren, treiben aber vor allem die inhaltlichen Chancen an. Doch wie kommt die KUPF nach Brüssel und die Kulturarbeit zur Regionalentwicklung?

Europäische Entwicklungen und Kulturarbeit

Die Europäische Union schreibt mit dem Jahr 2014 sowohl ihre Strukturfonds zur nachhaltigen Regionalentwicklung (LEADER, EFRE, etc.) als auch das Kulturförderprogramm Creative Europe neu aus.

Der veränderte Sprachduktus in den neuen EU-Programmen weist dabei auf eine Neuausrichtung des Kulturbegriffs hin. Diese zielt auf Marktorientierung und ein instrumentelles Kulturverständnis ab. Gleichzeitig ist aber auch die Praxis des europäischen Kulturbetriebs im Wandel begriffen: Gemeinnützige Kulturarbeit und kreativwirtschaftliche Selbstständigkeit verquicken sich in der Arbeitswelt vieler ProtagonistInnen. Das Feld der Kulturarbeit und der Kreativität gilt andererseits zunehmend als zivilgesellschaftliches Labor für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaften – etwa für gemeinschaftlich verwendete Ressourcen, für interdisziplinäre Projekte oder schlicht für ein gutes und nachhaltiges Leben vor Ort.

Es lässt sich bei vielen AkteurInnen selbst (sowohl bei den Kulturschaffenden als auch bei manchen FördergeberInnen [1]) also eine der Ökonomisierung entgegenstehende Kulturpraxis feststellen – diese beinhaltet eine Sensibilisierung für gesellschaftliche Partizipation und Nachhaltigkeit jenseits von unmittelbarem Profit.

LEADER etwa ist ein europäischer Topf, dessen Gelder überwiegend aus Brüssel stammen, aber von den politischen Regionen verteilt werden. Der Topf soll ganzheitliche, nachhaltige und von der Bevölkerung intendierte («bottom up») Prozesse und Projekte unterstützen. Genutzt wurde er oft genug aber nur für touristische oder regionalökonomische Zwecke, oft unterstellt wurde eine «politische» Vergabe vor Ort. Die KUPF hat über beinahe zwei Jahre hinweg auf mehreren Ebenen der Verwaltung und der Politik Überzeugungsarbeit geleistet, LEADER gezielt für initiative Kulturarbeit zu öffnen und tatsächlich die Zivilgesellschaft einzubinden. Mittlerweile hat das Land erneuerte Richtlinien, die dies begünstigen, an die LEADER-Regionen und verantwortlichen BürgermeisterInnen ausgegeben. Damit können regionale Kulturinitiativen finanziell als auch inhaltlich vollkommen neue Horizonte anstreben, so sie diese beschreiten wollen und können – Engagement, Bürokratiebegabung und Wille zur Pionierarbeit vorausgesetzt.

Kulturarbeit und regionale Entwicklungen

Doch wie sieht die genannte Überzeugungsarbeit aus, die sowohl KUPF als auch lokale Player leisten mussten und weiter müssen? Die KUPF argumentiert mit einem Kulturverständnis, das anstelle kapitalorientierter Marktvorteile einen «Möglichkeitsraum» im Sinne regionaler kultureller Vielfalt [2] gewährleistet. Denn Kulturarbeit kann und soll jenseits von Verwertungslogik und Ortsverschönerung operieren. Ökonomische Aufwertung oder Rentabilität ist zwar nicht per se ausgeschlossen, aber keinesfalls maßgeblich. Vor allem in der ländlichen Entwicklung erbringt die Arbeit von Kulturinitiativen und Kulturschaffenden solche gesellschaftlichen Mehrwerte. Wenn Kultur auch als spezifische Form der Sinnstiftung und der Selbstartikulation und Kulturarbeit als Entwicklungsprozess, der durch Beteiligung entsteht, dessen Kräfte in die Gesellschaft hineinstrahlen und zu nachhaltigem Wandel führen [3] erkannt wird, hat initiative Kulturarbeit nachweisbar positive Effekte für ländliche Gebiete [4]. Diese lassen sich vortrefflich in Argumente gegenüber den Verantwortlichen pressen.

Ein Ankerpunkt ist dabei die Tatsache, dass viele ländliche Regionen besonders stark von Zersiedelung, Abwanderung, Individualisierung, Vergreisung und Verarmung betroffen sind. Kulturarbeit kann dagegen halten!
 

  • Kultur ist ein lokales Bindemittel zwischen den Menschen [5]. Kulturarbeit gewährleistet dezentrale kulturelle Nahversorgung. Sie regt zur zivil-gesellschaftlichen Beteiligung an, sie ermöglicht aktive Teilhabe an der Gemeinschaft und trägt so zum guten Funktionieren des Gemeinwesens bei. Kulturarbeit stimmt also überein mit den bottom-up-Ansprüchen einer partizipativen Regionalentwicklung, wie sie bei Agenda21 und im LEADER-Programm beschrieben sind. Sie bringt auf gut oberösterreichisch d’Leit z’amm und schafft Chancen auf wechselseitige Verantwortung und Zusammengehörigkeit in ländlichen Gemeinden.
  • Kulturarbeit besetzt Räume, setzt diese instand und pflegt sie. Dies können etwa Leerstände, schlecht genutzte öffentliche Plätze oder «Unräume » und «Unplätze» sein. Physische Räume und Kulturhäuser mit zeitgenössischer Nutzung und Experimentiermöglichkeiten stellen zudem wesentliche Anker- und Bezugspunkte für junge Menschen in den Regionen dar. Angesichts von alarmierenden regionalen Abwanderungstendenzen («Brain Drain») nimmt die Bedeutung solcher «Inseln der Urbanität» stark zu. Mit Blick auf die demografische Entwicklung bieten solche «Möglichkeitsräume » die Chance, endogenen Wandel und eine nachhaltige Attraktivierung der Regionen für die Menschen herbeizuführen.
  • Kulturarbeit hält Händchen mit der Kreativwirtschaft: Oft bereitet Kulturschaffen den kreativen Boden, der sich als besonders fruchtbar und innovativ erweist – auch für wirtschaftliche und politische Entwicklungen. Angesichts der Tatsache, dass sich kreativwirtschaftliches und gemeinnütziges Kulturschaffen zunehmend überschneiden, können die gehypten «Creative Communities» nicht ohne Kulturarbeit gedacht werden.

Forderungen

Nicht zuletzt der Zeitgeist fördert momentan das offene Ohr bei denen, die uns vor wenigen Jahren noch kein Gehör schenkten. Die Krise schafft also tatsächlich Möglichkeiten – diese sind vom Diskurs in die Praxis zu führen. Aus der Praxis der Kulturinitiativen und einem gesteigerten Interesse an einer nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaften operiert die KUPF derzeit also mit zwei publiken Forderungen gegenüber Beamten, PolitikerInnen und sonstigen ProtagonistInnen – diese Forderungen sind basal, je nach Region und Körperschaft ergeben sich weitere, modulare Erfordernisse.
 

  • Öffentlicher Zugang zu regionalen Entwicklungsprojekten: Der Zugang der BürgerInnen zu sämtlichen Regionalentwicklungsprojekten muss nicht nur am Papier, sondern seitens Politik/Verwaltung auch aktiv durch Information, Öffnung und echte Teilhabe in der Praxis gewährleistet sein. Das gilt vor allem dort, wo dies bereits seitens der EU verordnet ist, aber regional nicht umgesetzt wurde. Die Mindeststandards für zivilgesellschaftliche Teilhabe im neuen Oö LEADER-Programm (mindestens 51 % Zivilgesellschaft, mindestens 33 % Frauen in den Entscheidungsgremien) sind ein wesentlicher, erster Schritt in diese Richtung.
  • Öffentliche Verfahrensstandards und Finanzsicherheit: Privates Engagement ist in vielen gesellschaftlichen Belangen unumgänglich. Auch Kulturinitiativen und zivilgesellschaftliche Gruppierungen arbeiten überwiegend ehrenamtlich, weswegen für sie die bürokratische Abwicklung und lange Verfahren bei Projektenentwicklungen oft frustrierend und existenzbedrohend sein können. Hier gilt es, mit planbaren und transparenten Verfahrensstandards sowie mit einem «Zwischenfinanzierungstopf » Abhilfe zu schaffen.

 

Für die KUPF ergaben sich aus dem LEADER-Engagement vollkommen neue, ressourcenintensive Herausforderungen und auch viele Lernerfahrungen. Im Sinne einer selbstorganisierten Plattform eines Teils der freien Szene in Oö ist es natürlich ihre Aufgabe, neue finanzielle Horizonte aufzutun. Das Engagement, das ist wichtig, ist aber nicht auf finanzielle Motive reduzierbar. Regionalentwicklung ist aus Sicht der KUPF eine tatsächliche Chance für Kulturinitiativen, mit großer Wirkmächtigkeit Partizipation und Nachhaltigkeit in ihre jeweilige Region zu tragen und neue Stellenwerte in den Kommunen zu erobern.

__

[1] Ratzenböck, Veronika: „Österreichische Kulturdokumentation“ Vortrag, 4.7.12
[2] UNESCO Konvention zur kulturellen Vielfalt, 2007.
[3] Vgl. Tasos Zembylas, Meena Lang: „Gut sein, besser werden. Kulturförderung als normative und administrative Herausforderung“, 2009
[4] Laut einer Untersuchung der EU Kommission leistet Kultur „einen wesentlichen und direkten Beitrag zur Wirtschaft und Gesellschaft in Bezug
auf Einkommen und Beschäftigung. Sie fördert zugleich maßgeblich das soziale Klima sowie die Entwicklung und Pflege des sozialen Kapitals.
(…) Kultur wird eine wesentliche Rolle bei Versuchen zugeschrieben, hochqualifizierte Mitarbeiter anzuziehen und dauerhaft zu beschäftigen.“
Zit. nach Alton, Juliane: „Kultur vor Ort“. In: MOLE #08, 2012
[5] Zembylas/Lang

Jetzt teilen