FEM.POP – Musik, Betrieb, Geschlecht

Der alternative Musikbetrieb stellt sich oft als progressiv und vorurteilsfrei dar. Dass dem nicht so ist, zeigt das gelungene KUPFInnovationstopf-Projekt FEM.POP von Wolfgang „Fadi“ Dorninger und dem SRA Archiv.

2012 war der KUPF Innovationstopf einem feministischem Ausschreibungsthema gewidmet – unter dem Titel Der gläserne Boden wurde eingeladen, die eigenen Strukturen auf verschrobene Geschlechterverhältnisse abzuklopfen. Und genau das hat FEM.POP nun vollbracht. Das Online-Projekt vereinigt die hohe Kunst der Statistik und vor allem der digitalen Datenvisualisierung mit qualitativen Analysen und unaufgeregten Präsentationen. Und ja: Es handelt sich dabei um ein Kulturprojekt.

Konkret lassen sich unter fempop.sra.at die Geschlechterverhältnisse im alternativen österreichischen Musikbetrieb (soweit vom SRA Archiv erfasst) grafisch darstellen: Wieviele Schlagzeugerinnen gibt es in Oberösterreich? Wie hoch ist der Musikerinnen-Anteil bei Bands aus Wien, dem Burgenland und Tirol? Welche Bands bestehen mehrheitlich aus Musikerinnen?

Dabei erfährt man durchaus interessante Details: So sinkt etwa seit dem Jahr 2000 der Anteil an Veröffentlichungen, an denen Frauen als Musikerinnen beteiligt sind, wieder rasant ab. Zeitgleich scheinen Frauen die weniger sichtbaren Jobs im Hintergrund zu besetzen – der Anteil an Bookerinnen und Agentinnen liegt mittlerweile bei 35 %. Bei den MC’s hingegen bewegt sich der Frauenanteil bei bescheidenen 2 %. Gekrönt wird diese Heidenarbeit noch von einer Reihe qualitativer Interviews (Text+Podcast) mit Musikerinnen (z.B. Vera Böhnisch, Kristina Pia Hofer). Schwerpunkt dabei ist die musikalische Sozialisation von Frauen und das «Erleben» der Geschlechtsproduktion im Musikbetrieb.

FEM.POP ist ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit von Förderinstrumentarien wie dem KUPF-Innovationstopf. Unter «normalen» Bedingungen wohl kaum als förderwürdig erkannt, setzt das Projekt deutliche Zeichen, ist ein wichtiges Tool zur Sichtbarmachung von Musikerinnen und macht den Musikbetrieb an sich zum Thema des kritischen Kulturschaffens.

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Die KUPFzeitung hat die Musikerin Christina Nemec gebeten, ihre erste user experience mit FEM.POP festzuhalten:

Ein Archiv ist nur so gut, wie alle, die mitmachen und ihre Daten frisch halten oder: Warum es Plattformen und Vernetzungstools wie Fem.Pop oder Female Pressure nach wie vor braucht!

Kurz einmal das neu vom SRA (Archiv österreichischer Popularmusik) entwickelte Tool ausprobiert und 20 Treffer für Gitarristinnen in Oberösterreich gefunden: Gabi Kepplinger, Karin Fisslthaler, Kathi Reidelshöfer, u.a. Als Musikerin habe ich selber, muss ich zugeben, meinen Eintrag noch nicht auf den neuesten Stand im SRA Archiv gebracht, wurde aber bereits höflich darauf hingewiesen, meine Daten zu aktualisieren.

Für junge Musiker_innen ist es wichtig, rauszugehen und zu sagen: Hier bin ich! Das mache ich! So fühle ich mich repräsentiert! Ein Archiv ist ja (meist) eine Auswahl, die davon abhängt, wer welchen Datensatz archivierenswert befindet. Wenn es die Möglichkeit gibt, mitzubestimmen, was archiviert werden soll, bietet das – gerade auch im Bereich der Sichtbarmachung von Musikerinnen – große Vorteile.

Weit mehr als eine Datenbank

Beim SRA ging man daran, die aufgebaute Datenbank auf Geschlecherverhältnisse abzuklopfen. Statistiken aus allen Bereichen des Musikschaffens sind auf der Website zu finden. Meist kommt der Frauenanteil auf circa acht bis zehn Prozent. Mit etwas Geduld scrolle ich mich durch die Statistiken und komme an die wunderbaren Interviews mit Musikerinnen, die über ihre musikalischen Anfänge und über ihre Szenen berichten. So macht Archive und Statistiken durchschauen Spaß!

Popmusik und Gender

Seit Mitte der 90er Jahre – inspiriert von den Riot Grrrls – erscheinen nach und nach Textsammlungen (Gender Testcard, Lips Tits Hits Power?, Female Consequences), die sich mit den Ungerechtigkeiten und Stereotypen rund um die Geschlechterverhältnisse im Bereich alternativer Musiken und Pop beschäftigen. Und plötzlich wird das Bild klar: Ja, so geht es mir auch! Oder: Ja, das erlebe ich auch andauernd! Nämlich: Genreklischees und Reduzierung auf bestimme Instrumente und Vocals und Diskriminierungen vor allem auch im Bereich der Technik.
Fanzines wie Nylon, Female Sequences und fiber berichten über Szenen und Musikerinnen aus feministischer, queer-feministischer und antirassistischer Perspektive. Die Möglichkeiten der freien Medien schaffen es, Musikerinnen Platz zu machen – auf Augenhöhe. Ja, und es gibt sie alle, die Tontechnikerinnen, die Metallgitarristinnen, die Technoproduzentinnen, die Autorinnen, die Musiksendungsmacherinnen und die Schlagzeugerinnen.

Fütter mein Ego

Das SRA Archiv für österreichische Popularmusik braucht jede Unterstützung von Musikerinnen, die sich Zeit nehmen, ihre Datensätze zu vervollständigen, damit man irgendwann einmal später genug und repräsentatives Material findet, wenn es darum geht, über lokale Szenen zu berichten und damit niemand mehr sagen kann: «Tut uns leid, wir haben nix gefunden, und die meisten Mädchen haben nur hinter der Bar gearbeitet oder das Catering gemacht.» Wer, wenn nicht wir selber wissen darüber am besten Bescheid – daher: Erzählen wir es ruhig weiter!

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