Neue Rechtsform, neue Arbeit?

Die GmbH war eine der wichtigsten Erfindungen für die Entwicklung des bürgerlichen Kapitalismus – sagen Ökonominnen. Braucht es also eine neue Gesellschaftsform, um ihn zu überwinden? – fragt sich die KUPF-Redaktion. Und hat aus diesem Grund im OTELO Vöcklabruck mit Georg Ottinger gesprochen, dem Obmann der Genossenschaft OTELO eGen, die sich vor fünf Monaten gegründet hat und mit einem neuen Arbeitsmodell experimentiert.

Reden wir zuerst über den Verein. Was sind OTELOs genau?

Es gibt verschiedene OTELOs mit verschiedenen Schwerpunkten. Sie werden durch die persönlichen Interessen der mitgestaltenden Personen definiert. Aber die gemeinsame Idee ist, einen Freiraum aufzuspannen, der durch ehrenamtliche Arbeit und mit Unterstützung der Stadt ermöglicht wird. Im Otelo können einfach und unkompliziert Dinge ausprobiert werden. Finanziell hält uns die Stadt dabei den Rücken frei – sie stellt Gebäude, Heizung, Strom und Internet zur Verfügung. Diese Freiheit ermöglicht das «zwanglose» Spielen mit Themen und das ist – aus meiner Sicht – der einzige Weg wirklich neue Ideen zu entwickeln.

Es geht doch auch um Regionalentwicklung?

Der Konnex mit dem Regionalmanagement war durch den Mitgründer Martin Hollinetz von Anfang an da. Die Grundüberlegung war von einem Bild bestimmt: In einem kleinen Dorf hat man oft noch Zugang zu Werkzeug, kann was mit Holz bauen, schweißen oder ähnliches. Das ist in einem Vöcklabrucker Wohnblock schon seltener der Fall. Otelo hat sich unter anderem aus dem Bedürfnis heraus entwickelt, diese Möglichkeiten auch in einem kleinstädtischen Umfeld zu schaffen.

Man hat das Gefühl OTELOS schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Wie erklärst du dir den Erfolg?

Wir leben in einer Gesellschaft, wo sehr viele Systeme von ihrer Leistungsfähigkeit her im Greisenalter sind. Wo es einen Erneuerungsbedarf gibt und von vielen Menschen wird das auch wahrgenommen. Die Beschäftigung mit den eigenen Interessen und die Erfahrung, dass Arbeit sinnvoll sein kann, ist unglaublich.

Dabei handelt es sich aber um ehrenamtliche Arbeit, um Freizeit, oder?

Bei Otelo in aller Regel ja. Es hat aber bei Projekten immer wieder Ausnahmen gegeben. Man kann das OTELO aber auch für sein berufliches Auskommen nutzen.

Es gibt keine Trennung zwischen ehrenamtlicher und kommerzieller Betätigung?

Es gibt Überschneidungen und im Moment profitieren beide Seiten davon. Ich zum Beispiel nutze die Werkstatt, die ich ehrenamtlich mit aufgebaut habe, jetzt auch für meine Anstellung bei der Genossenschaft. Wobei der Kommerzielle natürlich nicht mehr Anrecht auf Nutzung hat wie der Ehrenamtliche. Deshalb bräuchte eine Firma ein gewisses Mind-Set, um sich hier wohlzufühlen.
Wir hatten in Vöcklabruck aber noch keinen derartigen Fall. Die OTELOs in Vorchdorf und Ottensheim haben da schon eine gangbare Lösung entwickelt, welche wir bei Bedarf adaptieren können. Dort ist das Einbringen auf einer nichtmonetären Ebene die Voraussetzung für kommerzielle Mitnutzung. Zum Beispiel X Mal Staubsaugen und Y Mal Hosting pro Monat, das Teilen von Wissen durch Workshops, als ExpertIn, etc. Was es bei uns aber schon gegeben hat ist eine Firmengründung aus dem OTELO heraus. Als die Strukturen zu klein wurden, entschied sich ein Kollege für die Gründung einer GmbH. Angefangen hat er aber hier im Haus.

OTELO als Verein ist kein Ersatz für ein Erwerbsleben. Ihr habt aber viel darüber nachgedacht, die Trennung zwischen beruflicher und ehrenamtlicher Tätigkeit zu überwinden und schließlich vor fünf Monaten mit OTELO eGen eine Genossenschaft gegründet. Wie kam es dazu?

2011 haben wir begonnen darüber nachzudenken, wie wir eigentlich unsere Arbeit und unser Auskommen gestalten wollen. Wir waren Leute mit unterschiedlichsten Erfahrungen, als Selbstständige, Angestellte oder Leute wie ich, die immer in Projekten gearbeitet haben, aber nie selbständig waren. Martin hatte dann die Idee einer, wie er sie zu Beginn nannte, selbstständig-unselbstständigen Arbeitsform. Man sollte angestellt sein und trotzdem eigenverantwortlich handeln. Nach etwa einem Jahr war dann klar, dass das eine Genossenschaft sein muss.

Das Ziel war also die Vorteile der Selbstständigkeit mit jenen der Anstellung zu verbinden?

Ja, ein Hybrid zwischen eigenständig und angestellt. Es war schnell klar, dass ein Verein das nicht leisten kann, weil er einen sehr engen Vereinszweck hat. Du kannst nicht so flexibel reagieren. Die Kommunikation von einem Verein zu einer Firma ist außerdem eine andere als die zwischen zwei Firmen – daher halte ich die OTELO eGen für eine wichtige Erweiterung des OTELO-Netzwerkes. Es geht ja dann doch auch um eine ökonomische Komponente und letztlich um unser Auskommen. Bei einem zweijährigen Projekt mit großem Volumen und einigen Partnern haben wir gespürt, wie die ganze Energie des Vereins davon absorbiert wurde. Viele andere Dinge sind liegengeblieben.

Die Gesellschaftsform alleine bestimmt aber nicht zwingend, ob es ein „gutes“ Unternehmen ist oder nicht?

Ich sehe das ein bisschen so: Wir konnten beim Start der Genossenschaft auf die Erfahrungen aus dem OTELO-Netzwerk zurückgreifen und haben uns ebenfalls der OTELO-Charta verpflichtet. Damit haben wir ein Werte-Set für unsere Arbeit definiert. Ich möchte nun für meine Arbeit innerhalb der Genossenschaft Auftraggeber finden, die ebenfalls ähnlich denken und sich auf eine Zusammenarbeit einlassen.

Kannst du euer Genossenschafts-Modell näher beschreiben?

Die Leute verdienen zurzeit zwischen geringfügig und 1.000 € netto. Jeder stuft sich selbst ein, nach einer Reflexion mit der Gruppe. Das Ergebnis ist ein monatliches Gehalt, als Angestellter der Genossenschaft. Damit das Risiko etwas gepuffert wird, muss eine Kaution hinterlegt werden. Das sind etwa 5 Monats-Bruttogehälter – damit wir als Gruppe etwas Zeit haben zu reagieren, sollte das «Geschäft» bei jemandem nicht laufen. Innerhalb der Gruppe können wir uns mit unseren persönlichen Fertigkeiten helfen und uns bei Schwierigkeiten gegenseitig stützen. Auf mittelfristige Sicht wollen wir eigene Dienstleistungsprodukte entwickeln, welche durch unsere gemeinsamen Fähigkeiten möglich sind.

Wie unterscheidet sich die Genossenschaft von einer GmbH?

Bei einer GmbH sind Kapitalgeber und Angestellte nicht unbedingt dieselben Personen. Du kannst Kapital geben, musst das aber nicht zwingend mit deiner Arbeitsleistung tun. Die Genossenschaft hat hingegen das klare Ziel der wirtschaftlichen, beziehungsweise sozialen Förderung ihrer Mitglieder durch einen gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb. Der Kontext ist unterschiedlich. Die Genossenschaften waren früher eher eine Art Notlösung. Dort, wo gesellschaftliche Systeme gewackelt haben und sich die Leute anders organisieren mussten. Zum Beispiel in Vereinen, wie jenem von Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Aber die Vereine sind bald an ihre legalen Grenzen gestoßen und es entwickelten sich daraus Genossenschaften.

Ihr seid jetzt ein Mitbewerber auf dem Markt. Was bietet Ihr als Genossenschaft an?

Wir sind bunt zusammengewürfelt und haben einen Pool an Dienstleistungen. Es gibt Leute, die Beratung machen oder für Medien arbeiten. Es gibt Webdesignerinnen, Elektronikerinnen, Wissenschaftlerinnen und mehr. Möglicherweise können wir als Genossenschaft durch diese Buntheit Dinge abarbeiten, wo sich andere schwer tun.

Wie funktioniert das mit der Abrechnung?

Wir bilden intern ab, was wir erwirtschaften und das wird dann den Personen zugeordnet. Davon kommt ein Prozentsatz in einen gemeinsamen Topf. Für gemeinsame Dinge, wie beispielsweise eine Supervision. Die Kosten für Buchhaltung, Versicherung, Revision, etc werden anhand des Jahresbruttos aufgeteilt. Darüber hinaus gibt es noch einen freiwilligen Teil. Wenn es uns irgendwann wirklich gut geht, können wir dann hoffentlich auch Stipendien vergeben, für Leute, die sich die Kaution für die Aufnahme in die Genossenschaft nicht leisten können.

Wie weit reicht euer Veränderungsanspruch? Führt der Weg zu einem besseren Wirtschaftssystem gar über eine neue Gesellschaftsform?

Möglich. Wir richten unsere Kraft aber eher nach innen. Die Systeme
welche nicht nachhaltig sind, werden sich entweder transformieren oder selbst entsorgen. Für ein gutes und friedliches Leben braucht es einfach eine Wirtschaftsform, die menschliche Bedürfnisse ins Zentrum stellt. Wir bauen da eher etwas Neues auf, als uns gegen etwas zu stellen. Wir arbeiten mit der Genossenschaft an einem Arbeitsmodell, welches uns erlaubt einer sinnvollen, selbstbestimmten Tätigkeit nachzugehen, die auch unser finanzielles Auskommen ermöglicht und uns hilft eine Balance zwischen (Erwerbs) Arbeit, Ehrenamt, Familie und sonstigen Aspekten des Lebens zu finden. In diesem Sinne hoffen wir mit der Genossenschaft unsere eigenen Bedürfnisse zu stillen. Das mag zunächst etwas egoistisch klingen, jedoch sind auch andere Gruppen eingeladen ähnliches zu tun.

Danke für das Gespräch und alles Gute!

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