…Celebrity Migrantinnen oder Praise Song an meine Schwestern

Belinda Kazeem weiß mehrere gute Gründe, sich eine Sonnenbrille zu kaufen.

Es gibt mehrere gute Gründe, um sich eine Sonnenbrille zu kaufen: erstens sind sie praktisch, beim Radfahren fliegen keine Fliegen in die Augen, oder frau kann schnell die Mehrheitsbevölkerung „umfärben“.

…bin seit einem halben Tag wieder in der Stadt. Muss heute viel besorgen und einkaufen gehen, fahr lieber nicht mit dem Fahrrad, und nehme einfach die Öffis. Hab nicht gewusst, dass ich heute nicht besonders dickhäutig bin, sonst hätte ich mir den Kontakt mit der Mehrheitswelt vielleicht erspart…

U6 Nussdorferstraße, eine voll besetze U-Bahn, zwei Fragen nach meiner Herkunft und ein „Ja deutsch sprechen tun sie ja auch so gut“. Zahlreiche Blicke, die mich entweder von oben bis unten anglotzen (nee, dezenter schauen, das haben die Leute hier gar nicht drauf) oder ihre Verachtung nonverbal kundtun. Einige haben sich anscheinend für heute vorgenommen, mich bis zum letzten Winkel meiner Eingeweide zu beforschen. Ganz gierig beginnen die Augen zu glitzern, man/frau stellt sich da ja schon so schöne Sachen vor…ich denk an May Ayims Gedicht „schwarz weiss monolog“ und fühl mich wie im Schaufenster. * U1 Taubstummengasse, und eine sexistische Anmache später – „Nein danke, ich hab keine Lust, mit dir mitzugehen und dir deine Fantasien zu erfüllen.“ – ist klar, dass ich mir schnellstens eine Sonnenbrille zulegen sollte. Klar, Sonne ist noch nicht so stark heute, aber die Vorfreude darauf, die Mehrheitsumgebung ein wenig weiter weg zu rücken und in sattes Braun zu tauchen, lässt mich immer schneller zum nächsten Brillenladen eilen.

…ich such mir ein ganz besonders schönes Modell aus. Fühl mich wie eine der großen Diven, die heute einen relaxten Tag ohne Sorgen hat. Riesige Brillengläser, die die Hälfte meines Gesichtes bedecken und von außen nicht zu durchblicken sind. „Pech gehabt. Hab heut keine Lust auf Neugier oder inter-, trans- oder sonstigen kulturellen Kontakt.“ Einkaufstüten in der Hand, setze ich mir die Brille auf die Nase, nehme mein Telefon zur Hand und rufe meine Freundinnen an, wir lachen, weil ich erzähle, dass bei mir heute wieder Sonnenbrillen-Alarm ist und verabreden uns für 16.00 bei der U3 Schweglergasse. U3 Schweglergasse, Cassandra Wilson’s Sankofa im Ohr, steh ich in der U-Bahn und übe mich in Geduld. Langsam trudeln die Mädls ein und wir lachen, weil sich auch die Anderen vorsorglich eine Sonnenbrille mitgenommen haben.* Fühlt sich gut an, wie wir alle Schwarz, weiblich und „ready for action“ dastehen.

…3 min später, die U-Bahn fährt ein. Wir singen Nina Simones „To be young, gifted and Black“, setzen uns bei drei synchron die Sonnenbrillen auf und stolzieren im Gleichschritt an den Leuten vorbei. Wir lassen uns auf die Sitzplätze fallen und lehnen uns zurück. Wir sind Celebrity Migrantinnen, schwarze Revolutionärinnen, Überlebenskünstlerinnen, alles was wir sein wollen. Ich denk an Audre Lorde und weiß, dass ich nicht das Salz in der Suppe der Mehrheitsbevölkerung bin.
 

  • …Ayim, May (2005): Blues in Schwarz Weiss. Orlanda Verlag.
  • …Cassandra Wilson (1993): Blue Light Til Dawn. Blue Note.
  • …Nina Simone (1969): EP To be young, gifted and Black. RCA
  • …Audre Lorde (1986): Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Orlanda Verlag.

Belinda Kazeem, Studium der internationalen Entwicklung und Theater-, Film- und Medienwissenschaften. Mitglied der Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte und Gegenwart/Pamoja

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