Was ist „Selbst“

Galia Baeva fragt „was ist selbst?“

 

In einem X-Y Raum unter solchen, wie mich: – Aber ich bin keine Migrantin? – Was bist du dann ? – Ja, ich bin mal anders – manchmal fremd – aber Migrantin ? – Was machst du hier, wenn du keine Migrantin bist? – Ich wollte es mir nur anschauen – oder so – einfach – – Oder willst was sagen? Tut dir was weh? Fühlst du dich leer? Oder fühlst du dich voll, gerade vor dem Ausbrechen? Hast du jemals mit dem Gedanken gespielt deinen Namen zu ändern? Wolltest du deine Aussprache verbessern, damit man es nicht merkt? Oder hast du dir überlegt die Haare heller zu färben? – Die Haare färben?! Woher weißt du das ?!

Jedes Mal, wenn mein Name ausgesprochen wird, dann korrigiere ich sie. Nur um zu helfen. Mein Name ist nicht mal so schwer! Jedes Mal wenn ich jemanden anspreche und er/sie die Augen zusammenzieht als versteht er/sie mich nicht… Oh, das hasse ich! Auch wenn sie es unabsichtlich machen! Jedes Mal, wenn sie meinen Akzent bemerken und erkennen, dann sprechen sie mit mir auf Hochdeutsch. Sie glauben, ich verstehe sie nicht. Aber ich verstehe sie. Nur ich spreche ihren Dialekt nicht. Jjedes Mal, wenn ich in der Straßenbahn angeschaut werde – zuerst die Augen, dann die schwarzen Haare, dann mein Körper – so komisch! „Aber das ist doch normal!“, sagen sie mir. Dann – ich erwarte etwas und ich bekomme es. Erwartungen sind schlecht. Aber das alles – das alles sage ich niemandem. Sie werden es nicht verstehen. Sie können es nicht verstehen. Ich wäre dann integrationsunfähig …

An der Uni. Vor dem Kaffeeautomaten. Zwei sprechen: – Woher kommst du? Wenn ich fragen darf. – Ich bin nicht von DA. Ich bin aus … (Wievielmal wollte ich „Aus Italien“ oder „Aus Spanien“ oder „Aus Israel“ sagen! Dann wäre es leichter – bekannter. Für sie. Und nicht so schmerzvoll. Für mich.) Ich komme aus … Osteuropa. (Da sehe ich schon! In seinem Kopf werden tausende Fragen und „fertige“ Antworten geboren. Er schaut mich an und beginnt zu be-greifen/stimmen: „Osteuropa?! Die Kommunist’n! Warum denn Osteuropa?! Na, klor – früher wor’s ois oans und zua Russlaund oda wie’s damois ghassn hot, oda? Prostituierte aus’n Ost’n, Schmuggla aus’n Osten, Gödföscha aus’n Osten haum ma a nu do! I hob amal ane aus Serbien kennaglernt. Najo, versteh`st? Net so schlecht! Freund vu mia worn letztn Summa in Bulgarien. Des Schwoaze Meer haums net g`seh`n, oba dafia haums a Menge Gaudi g`hobt! De Mädls san dort net so schlecht!, haum’s ma eazöht. Se san jo deswegn higflogn, wegn de Mädls und n‘ Alkohol! Und es muass dort so büllig sei! – „Ja, wo woama?“- Ich komme aus Bulgarien, aber ich sage aus Osteuropa, damit es verständlicher ist. „Dann weiß ich es. Ich habe meine“Verpackung“ bekommen. Ich kriege Hunderte von Etiketten und den Preis drauf – GROSS geschrieben! Damit es verständlicher ist. Für sie. Dann weiß ich es. Ich bin eine Emigrierte. Ich bin eine Migrantin! Eine Andere-Fremde. Ich bin heimatlos.“

Galia Baeva lebt und areitet in Linz

 

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