Mzungu

Katharina Benedetter über ihren 6-monatigen Aufenthalt in Tanzania.

 

Bisher war ich mir meiner Identität als junge Frau, Studentin und während meiner Reisen im europäischen Ausland auch als Österreicherin, bewusst. Identität ist immer ein multiples Konzept und je nach Kontext ist die eine oder andere Form stärker präsent. Dass ich weiss bin und dies Implikationen birgt, dessen war ich mir durchaus auch schon vor Antritt meines Auslandssemesters bewusst. Die Tragweite dieser Im plikationen die in dieser weissen Identität mitschwingen wurde mir jedoch erst im letzten halben Jahr eröffnet.

Mein Auslandssemester in Tanzania hat meine eigene Wahrnehmung in ein völlig anderes Licht gerückt. Als ich in Dar es Salaam ankam war ich noch ganz und gar in meinem gewohnten Selbstbild verankert, junge Frau, Studentin, aus Europa. Aber schon am ersten Tag kam eine neue Etikette dazu: Mzungu (1) , die Exotin, die Andere. Diese Etikette wurde von Tag zu Tag dominanter, die anderen Identitäten traten in den Hintergrund. Das Tun und Handeln, jede Meinung, einfach der gesamte Mensch wird vom tanzanischen Umfeld mit dem Mzungu-Hintergrund betrachtet und bewertet. Nur selten habe ich Gleichgültigkeit als Reaktion auf meine Anwesenheit erlebt. Entweder begegneten mir die Menschen mit einer Zuneigung, die schon beinahe an Unterwürfigkeit grenzte, oder aber ich erfuhr eine Ablehnung von rabiater Art und Weise, sozusagen Rassismus der umgekehrten Art.

Ich habe wohl noch nie ein solches Spektrum der Extreme als Reaktion erfahren, und alles nur aufgrund meiner Hautfarbe, die hier auf einmal eine ganz andere Botschaft sendet. Weiss wird hier zumeist gleichgesetzt mit reich, gebildet, besser gestellt. Und die tanzanische Gesellschaft fügt sich schön brav in diese von der Hautfarbe und daraus resultierenden Klischees vorgeschriebenen Rollen. Nur selten habe ich andere Mzungus in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder am Markt gesehen. Man bleibt lieber unter sich, denn irgendwie ist man sich suspekt.
 

Doch glücklicherweise gibt es überall Ausnahmen und so gibt es diese auch hier. Menschen die Freunde wurden, mit denen Hautfarben unsichtbar und nicht mehr als primäre Etikette wahrgenommen wurden. Und trotzdem, im Gesamten betrachtet lebte ich noch nie in einer derartig eindimensionalen Identität. Ich war noch nie so weiss und so wenig Persönlichkeit wie hier.

Katharina Benedetter studiert Internationale Entwicklung in Wien und absolviert seit August 2006 ein Auslandssemester in Tanzania.

1) Mzungu (Kiswahili): im Allgemeinen verwendet für Weiße, im Ursprung von kizunguzungu – seltsam, verwirrend

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