Wille zur Transparenz, Durchsicht, Offenlegung

Gedanken von Katja Haller zur Jurysitzung des KUPF-Innovationstopfs 2007.

 

Bei der öffentlichen Jurysitzung zum KUPF-Innovationstopf 2007 am 26. und 27. April im KunstRaum Goethestraße war ich für das Protokoll zuständig. Folglich trat die KUPF mit dem weiteren Auftrag an mich heran, eine Zusammenfassung der Jurysitzung zu schreiben. Ich verfasste also eine kurze Einleitung, in der ich darstellte, dass der KUPF-Innovationstopf bislang an ein spezifisches Thema gebunden war.

Weiter schrieb ich: Heuer skizzierte die Ausschreibung erstmals mehrere Themenstränge, entlang derer sich die Projekte bewegen können. Aus dem KUPF Büro erfuhr ich, dass beim Regionaltreffen der KUPF im Jahr 2006 aus den Reihen der Mitgliedsvereine der Vorschlag kam, den KUPF Innovationstopf nicht mehr zu einem einzigen Thema auszuschreiben. Durch die Themenvorgabe hätten sich viele potentielle EinreicherInnen eingeschränkt gefühlt. Die Vorgabe sei für einige zu weit weg von Themen gewesen, die regional oder vereinsintern gerade „unter den Nägeln brannten“ und umgesetzt werden wollten. Intendiert war heuer also, die Ausschreibung hinsichtlich unterschiedlicher aktueller Arbeitsschwerpunkte der Kulturinitiativen offen zu halten. Es sollte eine Möglichkeit sein, eigene Arbeitsprozesse und derzeit relevante Themen in Projektform zu gießen. Als zentrale Aspekte aktueller regionaler Kulturarbeit, die die Projekte aufgreifen konnten, waren die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebens- und Arbeitsraum genannt, weiters verschiedene Formen der Vernetzung – sei es regional oder transdisziplinär, der kritische Umgang mit Medien sowie die Auseinandersetzung mit Machtfragen in gesellschaftspolitischen Kontexten. Von Interesse war außerdem die Frage nach der Rolle von KulturarbeiterInnen in einer flexibilisierten Arbeitswelt und die Reflexion von Beschäftigungsstrukturen in der Kulturarbeit. In meinem ursprünglichen Text stellte ich die Jury vor und fasste die persönlichen Kriterien der einzelnen Jurymitglieder auf Basis meines Protokolls zusammen. In diesem Text übernahm ich die Kurzbeschreibungen der Projekte, in denen die EinreicherInnen ihre Vorhaben in eigenen Worten skizzierten. Am Dienstag nach der Redaktionssitzung erhielt ich einen Anruf. Die Redaktionsmitglieder sind mit diesem Text nicht einverstanden. Es soll mehr um den Diskussionsprozess gehen. Ich solle zeigen, dass die KUPF die Projektauswahl sehr ernst nimmt und nicht selbst über die umzusetzenden Projekte entscheidet. Mit diesem Text soll deutlich werden, dass nicht jedes Jahr dieselben Vereine den Projektzuschlag erhalten. Die Kulturplattform OÖ hat den Anspruch, mittels der öffentlichen Jurysitzung und der detaillierten Projektzu- und absagen die Transparenz des Auswahlverfahrens und die Transparenz der Entscheidungen zu erhöhen.

Nun, an diesem schönen, sonnigen Sonntag sitze ich also wieder vor der Tastatur und finde mich schwer hinein, den Text – den ich glaubte bereits fertig zu haben – aufzudröseln und umzuschreiben. Was soll ich wie schreiben?

Gut, also nochmal die Jury:
David Guttner

Autor, Journalist und derzeit karenzierter Radiomacher beim Freien Radio Salzkammergut
Gabriele Heidecker
Freischaffende Künstlerin, Architektin/-vermittlerin, Vorsitzende von FIFTITU%, im Vorstand von 4fff – vier frauen fahren fort und vom Festival der Regionen
Radostina Patulova
Kulturarbeiterin, Philosophin, Mitarbeiterin bei der IG Kultur Österreich und Redakteurin der Zeitung „Kulturrisse“
Gudrun Pechtl
Geschäftsführerin der TKI (Tiroler Kulturinitiativen – IG Kultur Tirol), Projektrealisierungen beim Kulturverein quirlig und im Projekt „Iss es Kunst“
Gerald Priewasser
Vorstandsmitglied beim Festival der Regionen, Projektmanagement Art& Architecture im „Ars Electronica Futurelab“

Zu den bestehenden Schwerpunkten in der Ausschreibung legten die einzelnen Jurymitglieder das Augenmerk auf das Verlassen gewohnter Räume und Strukturen, auf feministische Zugänge und Genderfragen. Ein besonderer Schwerpunkt wurde auf die Beteiligung von MigrantInnen und die Selbstrepräsentation minorisierter gesellschaftlicher Gruppen gelegt. In der Diskussion um die eingereichten Projekte war auch die Frage, wie widerständig und konfrontativ Themen angegangen wurden, zentral. Ebenso war die Jury von Beginn an darauf bedacht, in der Auswahl ein insgesamt ausgewogenes Verhältnis zwischen Projekten aus dem regionalen und städtischen Raum herzustellen.

Beim Versuch, aus der Position der neutralen Beobachterin bzw. Protokollantin zu schreiben, bin auch ich mit den Schwierigkeiten konfrontiert, die der Anspruch von Objektivität mit sich bringt. So versuchte auch die Jury neutral, anhand vorab definierter Kriterien und intensiver Diskussionen die förderungswürdigen Projekte auszuwählen. Nicht leicht, denke ich.

Neu war heuer auch, dass die Jurysitzung an zwei Tagen anberaumt war und die Jury dadurch mehr Zeit hatte, sich mit den Projektenzu befassen. In der ersten Juryrunde am Donnerstag abend wurden von den einzelnen JurorInnen an alle Projekte Punkte vergeben. Für die Ablehnung eines Projektes gab es 0 Punkte, für diskussionswürdige Projekte 1 Punkt und für Projekte, die unbedingt in die nächste Runde aufsteigen sollten, waren 2 Punkte zu vergeben. Projekte, die in Summe mehr als 4 Punkte erhielten, blieben im Rennen. Die mit diesem Punktesystem ausgeschiedenen Projekte besprach die Jury, um eine für alle Jurymitglieder schlüssige Begründung der Ablehnung zu formulieren. Es wurde von der Jury darauf geachtet, die positiven Aspekte der Projektkonzepte hervorzuheben. Mich erstaunte diese ernsthafte und zeitintensive Auseinandersetzung mit Projekten, die bereits abgelehnt waren.

Öffentliche Jurysitzung
Am Freitag morgen startete die öffentliche Jurysitzung in die zweite Runde. Der Tag war geprägt von dichten, bei manchem Projekt kontroversen Diskussionen. Es galt, die manchmal sehr unterschiedlichen Meinungen der JurorInnen auf einen Nenner zu bringen. Fand sich in der Diskussion keine eindeutige Entscheidung, wurde abgestimmt. Die Projekte kamen nur dann in die Finalrunde, wenn die Ja-Stimmen überwogen. Beim Protokollieren sammelte ich die Aussagen der Jurymitglieder, auch für die abschließenden Begründungen der Projektzu- und absagen, indem ich versuchte, die Quintessenzen der Wortmeldungen herauszufiltern. Bei jedem abgelehnten Projekt formulierten die JurorInnen sofort anhand des Protokolls ihre Begründung für die Projektabsage. Mein Eindruck war, dass sich die JurorInnen um korrektes Vorgehen und um Fairness bemühten. Sie durchleuchteten jedes Projekt in Bezug auf Inhalt, Konzept und Schlüssigkeit der Umsetzung. Bei manchen Projekten war ich etwas enttäuscht, dass diese nicht genommen wurden. Ihre Ideen, das aus ihnen sprechende Engagement wären es meiner Meinung nach auch Wert gewesen, eine Würdigung zu erfahren. Kein leichtes Unterfangen also, so eine Jurysitzung.

Schade fand ich es, dass ein Projekt aus der Region letztendlich noch aus dem Kreis der finalisierten Projekte ausschied. Die Projektidee war in ein Konzept gegossen, das meiner Meinung nach durch Verve und Witz bestach und regionale Vernetzung anstrebte. Es hätte, so dachte ich, eine Chance verdient. Aber leider: Der KUPF IT verfügt über ein Budgetvolumen von € 90.000,-. Diese Summe stellen die Kulturabteilung und die Sozialabteilung des Landes OÖ für die Projekte zur Verfügung. Dies war der Rahmen, dem die JurorInnen in ihrer Auswahl zu entsprechen hatten. Diese argumentierten für mich nachvollziehbar: besser die finalisierten Projekte so weit als möglich und sinnvoll auszufinanzieren, als vielen Projekten Zusagen mit hohen finanziellen Abstrichen zu geben. Denn darunter würde die Umsetzung leiden.

Es ist damit zu rechen, dass einige ProjekteinreicherInnen enttäuscht sind und dass die KUPF sich Kritik gefallen lassen muss. Es gab ein Projekt mit einer vehementen Gegenstimme in der Jury. In einer intensiven Diskussion in Zusammenhang mit der Projektumsetzung und Projektfinanzierung wurde dieses mit vier zu einer Stimme ausgewählt. Ich hätte mich der einen Stimme angeschlossen – das Argument dagegen fand ich schlüssig. Es gilt also nicht, in einem völlig neutralen Raum zu entscheiden. Die Entscheidung für oder gegen ein Projekt entsteht aus der jeweils subjektiven Haltung und Meinung, die jedes Jurymitglied in den Entscheidungsprozeß einbringt.

Für die Jury versucht die KUPF Personen auszuwählen, die einerseits über städtischen Background verfügen. Andererseits sind in der Jury Personen vertreten, die über Kenntnisse in der regionalen, ländlichen Kulturarbeit verfügen. Zum einen sind in Oberösterreich tätige Personen in der Jury vertreten, zum anderen Personen, die „von außen“ kommen. Da sich die Bedingungen und Herangehensweisen der Kulturarbeit im städtischen und regionalen Raum oft sehr voneinander unterscheiden, erscheint es sinnvoll, eine breit gefächerte Jury mit unterschiedlichen örtlichen Verankerungen und Blickwinkeln einzusetzen. Manche Vereine und deren lokale Verankerung sind den JurorInnen bekannt, manche nicht. Als Herausforderung sehe ich, die Bedingungen vor Ort aus Projektanträgen herauszulesen und einzuschätzen.

So unterschiedlich die EinreicherInnen waren, so unterschiedlich war zum Beispiel auch die Sprache der Konzepte. Bei einem Projekt gab es Zweifel, ob dieses in sehr abstrakter Sprache formulierte Konzept in der Umsetzung auch die AdressatInnen erreicht, die es zu erreichen wünscht. Es bekam dennoch eine Förderzusage, da es eines der wenigen Projekte war, dass die aktive Teilhabe von Migrantinnen umsetzt. Bei einem anderen Projekt wiederum schienen Idee und Wege zur Umsetzung vorerst ganz gut. Die Jury hatte jedoch Bedenken, da weder das Konzept noch dessen Sprache von Bewusstsein hinsichtlich eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen Frauen und Männern geprägt war und lehnte das Projekt aufgrund dessen ab.

Es ist nicht immer leicht, Juryentscheidungen zu akzeptieren. Vor allem, wenn viel Herzblut, Engagement, Arbeitszeit und -energie in der Projektentwicklung steckt. Letztendlich wurden von den 60 eingereichten Projekten die folgenden 11 Projekte zur Realisierung und Finanzierung vorgeschlagen:

capture your city | Stadtwerkstatt Linz | www.stwst.at

Dezentral! Dezentral! | Freies Radio Freistadt | www.frf.at

Gender Clubbing | Kingdom of Illusions | Projektgruppe Gender Clubbing

Hybride Körper – Rhizomatisches Begehren, Postkoloniale Mode und Post-Porno Perfomance | Forum Interkulturalität

Mario & Lisi kochen | Röda Steyr | www.roeda.at
 

MigraZine | MAIZ | www.maiz.at

Pervers und kwir/r* Lexik.on.Action| Kollektiv

Platz!. | KAPU | www.kapu.at

Treff-Punkt Kino | Kulturfabrik Helfenberg

Street Training – city of respect | KunstRaum extended | www.kunstraum.at

Wo sind die Frauen? | Frauenforum Salzkammergut | www.frauenforum-salzkammergut.at

Die Kurzbeschreibungen der Projekte, die einen Einblick in ihre Schwerpunkte und Zugänge geben, sind übrigens auf

Im Laufe der Projektumsetzungen sind weitere Porträts geplant.

Katja Haller ist Geschäftsführerin bei FIFTITU%. www.fiftitu.at

 

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