Kollateralschaden

 

Eugenie Kain eröffnet ihre Kolumne mit Kollerteralschäden.

Das Festival der Regionen verkündet das Ende der Gemütlichkeit und zwei ein halb Monate später stellt niemand mehr die Frage wo der Schuh drückt, denn eine vollbesetzte Boeing bricht aus der vorgesehenen Flugbahn aus und ein fanatisierter Pilot steuert sie vor laufenden Kameras in den Südturm des World Trade Centers, kein Schnitt, keine Kulisse bewahren vor der Wirklichkeit, in Echtzeit bricht der Feuerball aus dem Hochhaus und es ist ungemütlich und eng.

Zwischen Gut und Böse darf es nichts mehr geben, und wer die Verfechter des Guten sind, muß klar sein. Die Schneise, die eine Motorsense während des Festivals in die Mühlviertler Landschaft geschlagen hat, bekommt plötzlich eine andere Bedeutung jenseits etwas bemühter Originalität. Alles, was uns jetzt im Weg steht, wird umgemäht.

Das Wissen um Zusammenhänge hilft, den Pulsschlag der Geschichte abzulesen. Künstler und KünstlerInnen mit ihrem vielfältigen Sensorium zum Aufspüren bevorstehender und herannahender Veränderungen nehmen die Zukunft der Wirklichkeit als Material, diesen Pulsschlag hör-,sicht- und spürbar zu machen. Ansonsten geht der Trend in die entgegengesetzte Richtung. Aus Versatzstücken der Wirklichkeit wird eine Matrix geformt, um diesen Pulsschlag zu leugnen. Spindoctors haben sich das Wort Kollateralschaden einfallen lassen, als 1999 im Kosovokrieg auf der Straße von Pec nach Murino eine NATO-Rakete die Brücke und einen vollbesetzten Bus zerstörte und ein Gewirr verbogener Stahltraversen, ein völlig ausgebranntes Wrack und 60 Tote hinterließ.

In nächster Zeit werden sie viel in Kauf nehmen, um dem Guten im Krieg gegen das Böse zum Sieg zu verhelfen. Menschenleben sowieso. Und zur Verteidigung ihrer Zivilisation den Verlust unserer zivilisatorischer Errungenschaften. Wir werden eng zusammenrücken, uns mehr gefallen und uns überwachen lassen müssen, um nicht zu den anderen gezählt zu werden, wir werden schweigen und wegschauen sollen und viel nicht wissen brauchen. Ausgeblendet werden differenzierte Analysen komplizierter Zusammenhänge. Eingeblendet allgemein verständliche Redensarten. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Die Gemütlichkeit hat ein End.

Eugenie Kain

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