Barbarisch!?

Die Entstehung von Feindbildern analysiert Rubia Salgado

 

Eigentlich habe ich vorgehabt, ausgehend von den letzten erschütternden Ereignissen in unserem Nachbarland Italien diesen Text zu schreiben. (Auf die kursive Markierung im Possessivpronomen will ich gleich hier am Anfang als ein von Inhalt besetztes Zeichen besonders hinweisen.)

Ja, ich wollte als eine in Österreich lebende Migrantin über produzierte Feindbilder schreiben, über Auslegungen, die in die Praxis umgesetzt, zu Diskriminierung, Ausgrenzung und, wie es uns in diesem Fall sogar medial vermittelt worden ist, zu unrechten Beurteilungen und Machtmissbrauch führen können. Ausgehend von diesem Fall wollte ich über die Möglichkeiten und Risiken kultureller Betätigungen im Kontext des politischen Widerstandes in Österreich ein paar einführende Wörter schreiben. Meine Gedanken bewegten sich um Wörter wie Einschüchterung, Repression, Ausbeutung, System, Wirtschaftslogik, Ethik, Empörung, Widerstand, internationale Migration, Globalisierung …

Dann erfuhr ich über die noch erschüttenderen Ereignisse in den USA, und zwei weitere Wörter überspitzten alle Zusammenhänge zwischen den bisher (wie es mir jetzt erscheint) noch salonfähigen Wörtern: Zivilisation und Barbarei oder in Bush’s Version: das Gute und das Böse.

Da fällt mir ein historisches Zitat aus einem Text von Montaigne ein:

„Als der König Pirro nach Italien gekommen ist und nachdem er die militärische Formation untersucht hat, welche die Römer ihm gesendet haben, sagte er: Ich weiß nicht, was für Barbaren diese hier sein sollen (denn so wurden alle fremde Völker von den Griechen bezeichnet), aber die Anordnung dieses Heeres, das ich sehe, ist auf keinem Fall barbarisch.”

Kommt Euch dieses Erstaunen gegenüber den unerwarteten Fähigkeiten der sogenannten, so gesehenen, so eingeschätzten, so gestempelten, so stigmatisierten Barbaren nicht bekannt vor? Und hier bildet sich – zum glücklichen Ablauf dieses Textes aber doch zur traurigen Feststellung unserer historischen Wirklichkeit – die Brücke zwischen beiden Ereignissen: Feindbilder: Entstehung, Konstruktion, Vermittlung, Handhabung.

Lebe wohl Österreich!

Linz, 12. September ’01

Rubia Salgado

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