Reformschub

Eugenie Kain taumelt im Reformfieberwahn.

 

Das Land taumelt im Reformfieberwahn. Notgedrungen taumle ich mit, denn es herrscht Glatteis und ich bin frühmorgens unterwegs zur Autowerkstätte Vehikel in Wagram. Es fährt ein Bus und die Haltestelle liegt direkt vor der Werkstatt.

Als Autofahrerin weiß die Auskunftsperson nichts über Abfahrtszeiten und Busunternehmen. Im Internet werde ich nicht fündig. Die ÖBB schickt mich in die Warteschleife. Bei der Linzer Postbusauskunft meldet sich eine Männerstimme – aus Wien. Ich frage nach. Die Linzer Stelle wurde vor drei Wochen geschlossen, sagt er etwas ungehalten, das erledigen jetzt wir in Wien, Sie wünschen? Also ich wünsche: Die Abfahrtszeiten des Busses, der von Linz nach Wels fährt und in Wagram hält, beim Vehikel. Meinen Sie Fels am Wagram oder Kirchberg am Wagram? Ich höre die Euros rasseln, meine Euros, denn ich telefoniere untertags vom Festnetz, das kostet, zumal ich ja selbst im Internet nach der Haltestelle Wagram gesucht habe und die lange Wagram – Liste kenne, die der Mann vor Augen haben dürfte. Neben Wagram am Felde kommt noch Wagranskaja in Sibirien, von Wien mit dem Zug je nachdem 77 bis 79 Stunden entfernt. Ich nehme den ESG Bus bis zur Endstation am Stadtrand und mache mich der Lärmschutzwand entlang auf den Weg. Eine gute halbe Stunde Fußmarsch in Wind und Eisregen. Ich erledige, was zu erledigen ist. Bei der Versicherung muss ich ein Auto ummelden, das bedingt neue Nummerntafeln mit dem von EU-Sternchen eingekreisten A. Die Tafeln kosten 163 Euro.

Mein Brotberuf wackelt. Laut neuem Bundesvergabegesetz muss er ab heuer EU-weit ausgeschrieben werden und den Zuschlag bekommt der Billigstbieter. Es steht mir aber frei, dann beim Billigstbieter als freie Dienstnehmerin, als Stundenlöhnerin, anzuheuern, um meine Arbeit fortzusetzen.

Ein Brief soll auf schnellstem und sicherstem Wege nach Wien. Und schon wieder bin ich im Sog einer Reform. Von der Post wird kein Brief mehr innerhalb eines Tages nach Wien befördert. Bringen Sie ihn selber hin, sagt die Frau am Schalter. Mit der Bahn ginge es über Grein und Krems, überlege ich, die Strecke Linz – Wien auf der Westbahn ist stark frequentiert und deshalb nach Logik des Marktes teurer geworden und als gewöhnliche Vorteilscard-Userin darf ich nicht in die neue Lounge, in der sich die ÖBB-VIPs stärken, während ich mich im Zug mit den St. Pöltnern um die Plätze raufen muss. Ich entscheide mich für EMS, der Brief kostet 8 Euro und die Frau am Schalter schreibt Montag auf das Kuvert – damit er am Montag auch wirklich ausgetragen wird.

Mit Schneekanone, Beton und Motorsäge soll die Mayrwiese auf FIS-Strecke getrimmt werden und das ist erst der Anfang. Das ganze Land wird reformiert zum Vaterländischen Schrebergarten von Pokerface Schulterschüssel, der Innenminister sorgt dafür, dass kein Unkraut hochkommt, dafür sondert Khol Weihrauchschwaden ab, damit die Reformierer nicht der Teufel holt. Wir werden sehen.

Eugenie Kain

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