Jetzt sind wir endlich (auf dem) Weg!

Die Realität ist heute eine andere, wie du weißt, liebe Kupf! Ein offener Brief.

 

von Birgit Menne

Liebe Kupf!

Vielleicht bist Du transgendered, aber Trans finde ich sowie meistens gut – und du hast einen weiblichen Namen, also rede ich dich an wie eine Freundin, die mit uns bangt. Ich hoffe, dass das alte Solidarprinzip dir noch vertraut ist, somit baue ich auf dein weibliches Ohr, wenn ich dir unsere Eindrücke schildere vom Beginn des ersten Jahres – war da nicht einmal ein Aufruf, ein Versprechen: ein Jahrtausend der Frauen?

In der Zwischenzeit haben wir uns ja überraschenderweise gesehen beim üppigen Empfang in den Redoutensälen: meiner Meinung nach war der Festakt zu „10 Jahre BÜRO FÜR FRAUENFRAGEN“ ja ein gelungener Akt der Selbstdarstellung. Es ist für alle Geschmäcker Sorge getragen worden. Die Gesichtswäsche war auch sehr gelungen. Das 10m lange Büffé bot Heiß&Kalt, Fisch&Fleisch, Kraut&Rüben, Saures&Süßes. Zuvor offerierte die Bühne für jeden Ernstes&Heiteres in bunter, wohlfeiler Abfolge: das Ernste wohlformatiert, damit alles seine Richtigkeit und (Besch)Wichtigkeit hat; das Heitere aus dem Stegreif, denn es durfte auch gelacht werden. So waren wir abwechselnd ernst und staunend, zwischendurch aber auch geschüttelt vor Lachen. Wir haben beim Büffet gar nicht ausführlich drüber reden können: irgendwann muss frau ja auch einmal zulangen! So schreib ich’s dir halt, was mir durch den Kopf gegangen ist.

Ich erinnere mich vor allem an sehr ernst zu nehmende Bemühungen auf der politischen Bühne. Ich habe ja nicht den geringsten Zweifel, dass Frau Lohnecker und Frau Haubner sich unermüdlich und unter Einsatz all ihrer Kräfte für Frauenfragen eingesetzt und damit auch viel erreicht haben. Es wurde dem Frauenbüro ja auch von höchster männlicher Seite für 10 Jahre erfolgreiche Frauenpolitik gratuliert. Die Laudationes der (Alt-)Landeshauptleute Ratzenböck und Pühringer konnten dabei glaubhaft das Vorurteil abschmettern, frauenbewegte frauenzuständige Frauenpolitikerinnen seien womöglich Schreckschrauben (nämlich: Emanzen). Frauenbewegte frauenzuständige Frauenpolitikerinnen würden bis heute ja keineswegs unangenehm auffallen. Im Gegenteil – wie tüchtig waren sie durch ganze 10 Jahre hindurch: Das Frauenbüro war in 10 Aktionsjahren nirgendwo gröber angeeckt!

Erinnerst du dich? Wir bekamen es overhead vorgeführt: Es gelang dem Frauenbüro nachweislich, alle Frauenbelange bei der (regierenden) Stange und unter dem Hut der Allgemeinvertretbarkeit zu halten. Immerhin, der Erfolg nach 10 Jahren kann sich heute auch underwear sehenlassen: Frauen sind endlich auf dem Weg. Auf welchem Weg? Wir meinten vielleicht früher einmal: auf dem Weg zu gleicher Entlohnung für gleich wichtige Arbeit; oder Frauen wären längst auf dem Weg, eine Übermacht in der öffentlichen Präsenz, nämlich die von Mannsbildern, durch weibliche Eigenmacht auszugleichen. Weit gefehlt. Wir hätten es aber wissen müssen: Die Chancen dazu müssen erst erarbeitet werden, sagt(e) mann uns (immer noch). Frauen haben ja keine Mittel in der Hand, kein Know-How. Und wenn, dann sind sie trotzdem irgendwie ungeeignet. Deshalb müssen einstiegswillige Frauen erst Polit-Trainings-Lehrgänge absolvieren um sich zu qualifizieren. Dann müssen sie auch noch gecoached werden. Das heißt, möglichst von männlichen Profi-Politikern ins Schlepptau genommen werden. Ja, solche Frauen hätten schon Chancen!

Und wir dachten einmal, naiv wie wir waren, die Männer sollten den Frauen endlich die Chancen lassen, sprich: die Plätze überlassen. Weit gefehlt. Die Dinge liegen, du glaubst es kaum, liebe Kupf, auch in der Frauenfrage ganz anders: Die Frauen selber sollen sich – so der politische Auftrag – erst einmal auf den Weg machen und schauen, wo es für sie Chancen gibt! Sollen einmal selber etwas mitgestalten und mitverantworten (s. im Frauenbürofolder, Seite 2 unter „Ziele“!), damit sie erst einmal richtig hineinwachsen in die Regierungsgeschäfte. Und mitschwimmen (lernen) im Mainstream.

Da gibt es ja nun seit 10 Jahren ein landeseigenes Frauenbüro. Wenn so ein Frauenbüro nicht schon für sich einen Machtfaktor darstellt!? Ehrlich: Ein Frauenbüro ist ja schon fast so viel wert wie die Hälfte des Landtags. Oder eine Landeshauptfrau. Siehe Steiermark. Wir haben halt nun statt einigen entscheidungsfreudigen Power-Frauen in der Öffentlichkeit ein ganzes Frauenbüro für uns alleine. Und das Frauenbüro will ja eine Lobby für Frauen (s. Frauenbürofolder, S. 3) sein! Ich nehme an, für Frauen, die Chancen wollen. Weil Chancen haben Frauen sowieso keine – außer, siehe oben, sie haben das Mitgestalten und Mitverantworten schon verinnerlicht. Also für persönlich motivierte (einzelne) Frauen.

Was aber, wenn sie das Mitgestalten und Mitverantworten im Mainstream der Stammhalter-Politik – aus welchen Gründe auch immer – nicht wollen? Pech gehabt! Seit diesem Frühjahr ist uns die heimliche kleine Genugtuung auch noch genommen. Beim Festakt fürs OÖ. Frauenbüro habe ich mir noch gedacht: Immerhin, das haben die kleinen Männer von der Straße – die F führt sie immer an, in der Einzahl! – nämlich nicht: ein Männerbüro. Die haben nur ihre antiquierten Seilschaften: Wo wir durch Coachingbereitschaft jederzeit andocken dürften, klar! – die Trainierten, Hochleistungsbereiten selbstredend und die formal Tadellosen – nix Fabel, arme misscoachte Sekretärin des Frauenmisisters! Aber Männer setzen sich ja auch mindestens genauso für Frauen ein wie Emanzen, nicht war? Besser sogar. Denn Emanzen sind meist Lesben und das könnte – Klischee hin, Klischee her – dann leicht zu Übergriffen führen? Wie hältst Du’s damit, liebe Kupf?

Siehe hingegen Minister Haupt, der leider sein(e) Hau(p)t wegen Unpässlichkeit nicht zu Markte, sprich! zur Festveranstaltung vom Frauenbüro trug. Wahrscheinlich lag er bereits in den Wehen, denn drei Tage später gebar er in ungeschlechtlicher Hauptgeburt eine kleine, aber feine Männerabteilung mit der anzüglichen Nummer VI/6! Ein Prachtexemplar von Gender-Mainstreaming dieser frischgebackene Junge im Frauenministerium!

Aber wenigstens gehen den großen, hehren Konsensaufgaben, z.B. der marktwirtschaftlichen Durchdringung aller Gesellschaftsbereiche, wegen den restlichen Frauenfragen kaum ein paar Lapperln, genaugenommen sind es Lappalien! durch die Lappen.

Die Realität ist heute eine andere, wie du weißt, liebe Kupf! Das sah frau auch auf der letzten Linzer Frauenmesse. Es gab 50-60 Stände, darunter kaum gesellschaftskritische oder emanzipative wie vom Autonomen Frauenzentrum, vom Frauentreff Rohrbach, von den Frauenberatungsstellen Gmunden, Scharnstein, Ebensee usw. Dafür viel Kommerzielles, aber nicht von Unternehmerinnen, bitteschön: Wasserbetten, Schmuck, Kosmetik und Mode. Darunter auch Kurioses: Ein Stand mit Burschenschafterinnen, die statt in den Uniformhosen ihrer Komilitonen in entsprechenden Rockerln um Mitglieder warben. Was halt gemeinhin so alles mit Frausein assoziiert wird. – Erfreulich hingegen ein Stand von Projektleiterinnen des Landesmuseums, erzählte mir eine Freundin ganz angetan. Früher einmal, da gab es viele Darbietungen auf der Frauenmesse. Kultur und Unterhaltsames. Ich habe den Eindruck, jetzt wird nur mehr verkauft und eingehandelt was das Zeug hält. Mir wird ein bisschen bang, wenn ich mir diese Wende vor Augen führe. Bin ich doch selbst schon aus Altersgründen nicht mehr bereit alles mitzumachen. Auch in früheren Perioden durfte Frauenpolitik und eine auf einer Vielfalt der Stimmen basierende Kultur mit eindeutig mutigeren Projekten sich auch nicht wirklich abgesichert fühlen. Parteiräson und sich breit machende technokratische Sachzwanglogik verhinderten, dass Fraueneinrichtungen über ein Arbeitsjahr hinaus sich abgesichert fühlen durften und von der Selbstaufopferung weg zur Selbstverständlichkeit gedeihen konnten. Oder siehst du das anders, Kupf?

Wenigstens sind mit unseren Einrichtungen noch kaum tragende immaterielle (=“ewige“) Werte und auch keine wirklich materiellen, seien wir uns ehrlich, unwiderruflich in die feministischen Binsen gegangen.

So hatten wir dann doch auch wieder viel zu lachen im Linzer Redoutensaal. Nebenbei gesagt: Ein bisschen erschüttert waren wir schon über den Titel der Veranstaltung „auf dem Weg zur Chancengleichheit“. Im Klartext heißt das nämlich, dass nicht einmal die Chancen für etwas wie Ausgleich oder Gerechtigkeit erreicht sind, geschweige denn etwas wie tatsächlich gleiche Chancen. Da gibt es also erst einmal noch das Nahziel, nämlich gleiche Chancen zu bekommen. Zu diesem Zweck sollen wir „mitgestalten und mitverantworten“. Was sollen wir mitgestalten und mitverantworten? Na was schon! Was schon da ist, sollen wir mitgestalten, bevor wir überhaupt zum Zug kommen. Im Klartext: damit wir eine Chance bekommen zum Mitspielen, lässt man uns gern in den Sandkasten. Wir dürfen eh was dranbauen. Wahrscheinlich aber dürfen wir die fertigen Burgen abstützen helfen und, was sowieso unser ureigenster Auftrag ist: sie beleben! Die Frauen hätten dann auch ihre natürliche Verantwortung wieder zu eigen: für Leben zu sorgen. „Kreativität, Sachverstand und Kooperation der Frauen sind für die Zukunft unseres Landes unverzichtbar. Wir müssen daher die Rahmenbedingungen schaffen, damit Frauen in allen Lebensbereichen ihre Fähigkeiten einbringen können. Das Büro für Frauenfragen ist dabei wichtiger Impulsgeber.“ So unser Landeshauptmann (s. Frauenbürofolder S. 3).

Das Leben im Sandkasten (gemeint sind „Gesellschaft und Politik“ – Kultur ist da schon hineingesiebt!) wäre ja ohnehin öde unter hauptsächlich Buben. Ich glaube, ich gehe da mit dir konform, liebe Kupf. Sie wollen die lieben Mädchen deshalb „ermutigen, die Chancen zu nützen, die sich ihnen bieten“. Wenn wir aber erst auf dem Weg sind zu den gleichen Chancen, wie viel Arbeit des Mitgestaltens und Mitverantwortens in und außerhalb von Büros, in und außerhalb von Leistungszentren (vulgo Sandkästen) müssen wir noch leisten bis wir endlich Chancen haben?

Was werden wir Frauen tun, liebe Kupf, wenn wir dann plötzlich (auf dem) Weg sind?

Birgit Menne

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