Schnelles Fernsehen – Langsames Radio

Reinhold Schachner- Nedherer weis warum Peter Huemer Fernsehen dümmer als Radio findet.

 

Das Fernsehen sei strukturell dümmer als das Radio konstatiert Peter Huemer. Zu dieser Schlussfolgerung kommt der ehemalige ORF-Fernseh- und Radiojournalist in seinem neuen Buch, das auf langjähriger Erfahrung als Gesprächsleiter in beiden Medien basiert. Speed kills – die Fernbedienung der Fernsehapparatur zielt vermeintlich auf die Beschleunigung der Zeit. Läuft auf einem Kanal ein Gespräch mit längeren Nachdenkpausen, so imaginiert man sich neben Homer Simpson auf das Sofa und raunzt mit ihm im Duett: „Laaaaangweiiilig!“ Der Kanalwechsel möge doch Schreiduelle mit Weinkrämpfen in einer Talkshow liefern oder vielleicht ein nicht einmal mit Flügerl bekleidetes Glücksengerl in Quizsendungen präsentieren. Das (Fernseh-)Zeitalter vor dem Siegeszug der Fernbedienung, mit den an ihrem Schlepptau hängenden Kabel- und Satellitenprogrammen, erforderte bei den KonsumentInnen eine noch erhöhte Aufmerksamkeit und Bereitschaft, mitzudenken, insbesondere bei Gesprächssendungen. Da können die Spatzen nur noch „Club 2“ von den Dächern rufen.

Peter Huemer, Mitbegründer und langjähriger redaktioneller Leiter dieses – um mit einem Spruch aus der Fernsehwerbung aufzuwarten – oft kopierten (das Schweizer Fernsehen übernahm gar die Maße des Studioteppichs) und nie erreichten Fernsehformats, des Club 2, hielt vier Vorlesungen im Rahmen der Theodor-Herzl-Vorlesungen zur Poetik des Journalismus. Diese vier Beiträge bilden den Hauptteil (im Anhang befinden sich zusätzlich noch ein paar kürzere Texte von Huemer und einer von André Heller über Peter Huemer) seines Buches „Warum das Fernsehen dümmer ist als das Radio. Reden über das Reden in den Medien“. Darin zeigt Huemer die strukturellen Stärken dieser Diskussionssendung, auf, welche indirekt den technischen Erneuerungen (Fernbedienung; dutzende Kanäle) zum Opfer fiel. Kurz gesagt, die Form der im Club 2 geführten Gespräche war den sich ändernden Fernsehgewohnheiten nicht mehr gewachsen. Der Autor verfällt dabei in keinen nostalgisch verklärten und wehmütigen Ton, sondern wirft ausgehend vom Club 2 einen analytischen Blick auf die Veränderung der Gesprächskultur im deutschsprachigen Fernsehen, auf die Vorzüge des Mediums Radio und geht der Konstruktion von Wirklichkeit in den Medien nach. Huemer wirft dem/der LeserIn keine klobigen medientheoretische Abhandlungen hin, sondern bedient diesen/diese vielmehr mit pointierten und mit kurzweiligen Anekdoten versehenen Essays, denen es nicht an Transparenz und Scharfsinn mangelt. Der Erfolg des Club 2 lässt sich für seinen Mitbegründer anhand zweier Kriterien festmachen. Erstens der Live-Charakter und zweitens das Open End, das es heute im Fernsehen nicht mehr gibt: „Das Open End hatte große Vorteile, da es die Garantie bot, dass Fragen in Ruhe ausdiskutiert werden konnten. Es gab nicht jenen Zeitdruck, der so oft ein Gespräch oberflächlich und gehetzt macht. Natürlich sind die Gespräche dadurch langsamer, oft auch umständlicher geworden“ (S. 48).

Gar nicht umständlich erläuterte und demonstrierte Nina Hagen im Club 2 die Wichtigkeit des weiblichen Orgasmus, was für einen veritablen Skandal sorgte und in die Mediengeschichte einging. Für Huemer ein besonderes Beispiel für das Funktionieren des Club 2. Er verweist diese Aktion der Sängerin aus dem pornografischen Eck (der ORF hielt diese Szene viele Jahre unter Verschluss) und betrachtet dieses Ereignis von einem kulturhistorischen und einem medientheoretischen Standpunkt aus. Diese Hagen-Szene war der beste Beweis dafür, dass chaotische Zustände in einer liberalen TV-Anstalt möglich waren, denn dort sind nach Huemer „Inhaltsfragen oft nicht so wichtig wie Stilfragen“ (S. 28) und der Club 2 konnte als „radikales Demokratiemodell“ (S. 39) den Inhalten dienen.

Natürlich vergisst Peter Huemer bei seinen Betrachtungen von Gesprächskultur im Fernsehen und Radio nicht, auf die Gratwanderung des ORF hinzuweisen. Einerseits hat der ORF als öffentlich-rechtlicher Sender einen Kulturauftrag zu erfüllen (der laut Huemer mit Abstand am besten von Ö1 erfüllt wird), andererseits herrscht ein großer Quotendruck, da der ORF etwa zur Hälfte aus TV-Werbegeldern finanziert werden muss. In diesem Zuge weist Huemer auf den fundamentalen Unterschied zwischen öffentlich-rechtlicher Anstalt und den Privatsendern hin. Die Stärke dieses Buches liegt darin, das Format des Club 2 als Ausgangspunkt für einen Streifzug durch die Gesprächskultur im Fernsehen und Radio zu nehmen, wobei das Radio selbst verhältnismäßig wenig thematisiert wird. Seine Vorzüge werden indirekt einerseits über die Unzulänglichkeiten der Gesprächsführung im heutigen Fernsehen dargestellt, andererseits über die fatale Macht der Bilder bezüglich einer (journalistischen) Konstruktion von Wirklichkeit – sei es bei sexuellen(!) Vorlieben, sei es in der Kriegsberichterstattung.

Reinhold Schachner- Nedherer

Peter Huemer Warum das Fernsehen dümmer ist als das Radio Reden über das Reden in den Medien Picus, Wien, 2003 ISBN 3-85452-781-0, 176 Seiten, EUR 14,90

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