Es gibt keine ideale Welt

Das Buch „Um 6 kommt Meier“ von Doris Rögner (Text) und Margit Feyerer-Fleischanderl (Illustration) stellt Andi Wahl vor.

 

Als Mensch mit Kindern muss man sich allabendlich durch ganze Stapel schlechter Kinderliteratur fräsen. Bücher, die ein Klischee nach dem anderen herunterklopfen, Bücher, die die junge Leserschaft aufs Gröbste indoktrinieren und Bücher, in denen zwanghaft versucht wird, sich mit den Kindern gegen die Erwachsenenwelt zu verbünden. (Diese Aufzählung ließe sich wohl noch endlos fortsetzen). Um so dankbarer ist man da für ein Buch wie Um 6 kommt Meier. Dieses Buch ist so wunderbar frei von jeder banalen Effekthascherei. Will Kinder vor allem unterhalten und ist doch so spannend, dass sie sich streckenweise auf die Unterlippe beißen und erwartungsvoll die Augen weiten. Dabei steckt es voll Klugheit und unaufdringlichem Charme – doch das wird einem erst nach und nach bewusst, wenn es ohnehin schon zu spät ist und man sich bereits fesseln hat lassen. Erzählt wird die Geschichte von drei Kindern, die von ihrem (außerirdischen) Babysitter zu einem Planeten mitgenommen werden, auf dem alle Kinderrechte verwirklicht sind und Kinder unter optimalen Bedingungen aufwachsen können. Doch der kritische Blick der Erdenkinder offenbart den dortigen Kindern, dass soviel Fürsorge und Obhut einer sanften Entmündigung gleichkommt. Flux wird der (erfolgreiche) Widerstand gegen diese erstickende Umarmung organisiert und alle Beteiligten erkennen, dass Schutz alleine würdelos ist.

Das wäre eigentlich schon mehr als genug für ein gutes Kinderbuch. Aber Um 6 kommt Meier kann noch mehr. Unter der gekonnt erzählten Geschichte, deren Erzählweise und Bildsprache viel Freiraum für eigene Assoziationen lässt, ist dieses Buch ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Fürsorglichkeit der Besserwisser und für Selbstorganisation. Aber nicht kindgerecht aufgearbeitet oder auf Volksschulniveau heruntergebrochen, sondern aus dem Kindsein selbst entwickelt. Und noch etwas. Das Buch betreibt etwas, was mir schon lange nicht mehr untergekommen ist, und das ich beinahe schon vergessen hätte: Utopiekritik. Denn mit dem scheinbaren Ende aller Utopien ist wohl auch deren Kritik abgeschafft worden. So stellt sich Um 6 kommt Meier auch gegen den neoliberalen Zeitgeist, indem es ihn erst gar nicht beachtet.

Durch die formale Meisterschaft von Rögner (Text) und Feyerer-Fleischanderl (Illustration) ist das Buch für Menschen zwischen 4 und 10 mit Gewinn zu lesen. Erwachsene sollten allerdings aufpassen, dass ihnen ihr Weltbild nicht wie ein Kartenhaus zusammenfällt. PS: Noch ein Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, in der ersten Hälfe des vorigen Jahrhunderts hätte sich in unseren Breiten nicht der Faschismus sondern der utopische Sozialismus durchgesetzt. Und dann lesen sie dieses Buch. Sie werden Augen machen.

Doris Rögner / Margit Feyerer-Fleischanderl: Um 6 kommt Meier Denkmayr, Linz 2003 ISBN-Nr.: 3-902257-55-5, 96 Seiten

Erhältlich um EUR 11,50 im Buchhandel oder bei den Kinderfreunden OÖ, Tel.: 0732/77 30 11 Hauptstraße 51, 4040 Linz, www.kinderfreunde.cc kind-und-co@ooe.kinderfreunde.cc, (incl. Versandspesen)

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