Kunstfehler: Kafkaeske Katastrophe

Im Zuge der Coronakrise, die wohl eher als Katastrophe apostrophiert werden muss, griffen mehr Menschen als sonst zu einem Buch. Zumindest anfangs stand Die Pest (1947) von Albert Camus hoch im Kurs. Andere zur Viren-Apokalypse passenden Werke blieben Ladenhüter: Etwa Die Maske des roten Todes (1842) von Edgar Allen Poe. Oder Egon Erwin Kischs Kriegstagebuch Schreib das auf, Kisch! (1922), in dem der «rasende Reporter» auch von einer Pandemie berichtet, die zwischen 1918 und 1920 mit ungefähr 50 Millionen Opfern dem Ersten Weltkrieg den finalen Sargdeckel aufgesetzt hatte: die Spanische Grippe. Der wie Kisch aus Prag stammende Franz Kafka fing sich die Spanische Grippe ebenfalls ein. Anfang des 20. Jahrhunderts galt die Tuberkulose als eine der häufigsten Todesursachen unter Arbeiter*innen. Aber auch ein dichtender Versicherungsangestellter war dagegen nicht immun, und die zweite Influenzainfektion löste bei Kafka höchstwahrscheinlich einen neuen Tuberkulose-Schub aus, an deren Folgen er 1924 mit 40 Jahren verstarb. Es gibt aber noch eine andere Verbindung Kafkas mit der prekären Corona-Gegenwart: Im 1914 geschriebenen und ein Jahr nach seinem Tode erschienenen fragmentarischen Roman Der Prozess hatte Kafka in die Zukunft geblickt: Angesichts alles beherrschender Systeme von Überwachung und Aufsicht formulierte er die Ängste und Paranoia des modernen Menschen, der die Kontrolle über sein eigenes Leben verliert. Mit dem Adjektiv ‹kafkaesk› ist seither das Gefühl gemeint, in eine ausweglose, von anonymen Mächten bestimmte Situation geraten zu sein. Gern übersehen wird, dass Kafkas Schriften auch einen verborgenen komischen Charakter haben. Um einer (post)apokalyptischen Lethargie vorzubeugen, empfiehlt sich, quasi als Ausgleich zur ‹hohen› Literatur, ein Blick auf den US-Stand-up-Comedian Marc Maron, dessen Netflix-Film End Times Fun von 2019 auf prophetische Weise Aspekte der aktuellen Katastrophe humorvoll kommentiert. Und was Kontrolle sowie Einschränkung der Grund- und Freiheitsrechte betrifft, bestätigt sich eine These des französischen Philosophen Michel Foucault: Überwachung funktioniert nicht nur mittels Zwang, sondern vor allem auch durch Anreize zur Selbstdisziplinierung.

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