Kulturarbeit als Raum für Demokratie

Durch die Coronakrise verlagerten sich gesellschaftliche Debatten und die Arbeit von Kunst- und Kulturinitiativen vom öffentlichen in den virtuellen Raum. Inwiefern der öffentliche Raum eine unverzichtbare Bedeutung für die Verwirklichung freiheitlicher Gesellschaften hat, veranschaulicht Kulturarbeiterin Julia Müllegger.

Für Demokratien stellen die gegenwärtigen Einschränkungen des öffentlichen Raumes eine besondere Herausforderung dar. Die Herausbildung demokratischer Aushandlungsprozesse war und ist mit der Idee des öffentlichen Raumes für alle eng verbunden. In der Antike waren zu Forum und Theater als begeh- und besetzbare Orte auch jene zugelassen, die kein politisches Stimmrecht besaßen. Der Austausch und die Begegnungen in einem sich als öffentlich erst konstituierenden Raum waren wegweisend für ein neues Selbst- und Fremdverständnis. Auch heute spielen öffentliche Räume eine wichtige Rolle für die Belebung und Weiterentwicklung der Demokratie.
Die Definitionen unterschiedlicher Wissenschaftsgebiete für den öffentlichen Raum (siehe auch KUPFzeitung 159/2016) sind vielfältig, beziehen sich aber grundsätzlich auf jene Flächen, die allen unter den gleichen Bedingungen zur Verfügung stehen und entweder im Eigentum einer Kommune, eines Landes oder der Republik sind, wie Straßen, Plätze, Grünanlagen, Dorfkerne etc. Eine Erweiterung erfahren diese durch halböffentliche Räume wie bspw. Einkaufszentren und Bahnhöfe und institutionalisierte öffentliche Räume wie etwa Schulen oder aber auch Vereine. Diese sind gleichzeitig elementare Sozialräume und wesentlicher Baustein für Gemeinwesenarbeit. Öffentlichkeit ist demnach heute die Sphäre, an der alle teilhaben und die von allen gestaltet, geprägt und weiterentwickelt wird. Gerade dort bilden Vereinsaktivitäten und Initiativen einen wesentlichen Bestandteil. Es ist ein Raum, der vielschichtig angeeignet werden kann, der aber nicht in Privatbesitz ist.

Der Verlust des öffentlichen Raums
Zwischen urbanen und regionalen Gebieten können unterschiedliche Ausprägungen von öffentlichen Räumen festgestellt werden. Gemeinsam waren ihnen schon vor der Pandemie erschwerte Bedingungen für die Nutzung. Privatisierungen, leere Ortskerne mit Konsumtempeln an der Peripherie, aber auch der Ausschluss von bestimmten Personen – etwa durch Bettelverbote –, die Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Form von Plakatierfreiheit lassen die Möglichkeiten zu öffentlichem Diskurs und Begegnungen weniger werden.
Fällt dieser Raum weg, beziehungsweise ist er nicht mehr von allen begeh-, besetz- und bespielbar, gefährdet das die Grundlagen demokratischer Ordnungen und Verfahren. Demnach sind regionale Kunst- und Kulturinitiativen von besonderer Bedeutung für Kommunen und den dezentralen öffentlichen Raum.
Die vorübergehende Schließung der Aktivitäten regionaler Kunst- und Kulturinitiativen in der COVID-19-Krise und der dadurch aufkommende Diskurs macht die Schwächen bisheriger Kulturpolitik sichtbar. «Wir leben auch davon», sorgte sich Bundespräsident Alexander van der Bellen Mitte Mai um die aktuelle Lage der Kulturnation Österreich. Gleichzeitig sprach er ausschließlich von den großen, institutionellen Einrichtungen, den Kulturtankern. Wo bleiben in der öffentlichen Wahrnehmung die dezentralen Kunst- und Kulturinitiativen? Auch hier wird ein großer Teil an professioneller, beständiger Kulturarbeit geleistet, noch dazu ehrenamtlich oder unter prekären Arbeitsbedingungen.

Zukunftsszenarien
Hat der Stillstand bedrohliche Auswirkung auf die beschriebenen Funktionen des öffentlichen Raumes? Bleiben eine kurzfristige Störung oder langfristige Maßnahmen? Wie werden Kunst- und Kulturförderung und die Rahmenbedingungen für Kulturarbeiter*innen in den kommenden Jahren gestaltet? Geht die Virus-Krise direkt in die Wirtschaftskrise über und werden die dramatischen Entwicklungen im Kunst- und Kulturbereich durch die Bedrohung persönlicher Existenzen noch verschärft?
Oder werden durch regionales Bewusstsein und Bevölkerungszuwachs in dezentralen Orten veränderte Arbeitsbedingungen und eine neue Kultur der Arbeit möglich? Sorgt der dadurch gesteigerte Bedarf für den Bedeutungsgewinn von Kunst- und Kulturinitiativen als kulturelle Nahversorger?
Lässt uns die Perspektivenlosigkeit und Planungsunsicherheit stumpf gegenüber der Wachsamkeit für demokratische Eckpfeiler einer liberalen Gesellschaft sein? Kulturarbeit und Engagement sind im Sinne demokratischen Verhaltens und liefern demnach einen konstruktiven Beitrag zugunsten von Freiheit und Demokratie. Für die ‹Kulturnation Österreich› rentiert es sich deshalb, diesen Bereich solide zu fördern. Für geistige und wirtschaftliche Umwegrentabilität ist dann gesorgt!

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