Wach(s)tum — Bleiben Sie munter!

Bei Redaktionsschluss dieser Kolumne sind Ausgangsbeschränkungen noch aktiv und wir noch lange davon entfernt, Corona wieder mit Bier zu assoziieren. Viel eher umspült uns der Nebel eines libertären Paternalismus. Freiwillig wurden Grundrechte unter Quarantäne gestellt – zum Schutze der Gesundheit. Wir dürfen uns den Blick auf die stillen Gefahren solcher Krisen nicht trüben lassen. Deshalb lautet mein Appell: Bleiben Sie wach! Was die letzten Wochen durch den Ministerrat gewunken wurde, ist keine juristische Ästhetik, es sind schwere Bürden für eine Demokratie. Die Befristung von Maßnahmen sind Schutzmechanismen, aber kein Garant dafür, Risse zu heilen. Und Risse bilden sich nicht nur in unseren demokratischen Fundamenten, sie bluten auch im Sozialsystem. Wir erfassen den größten Anstieg an Arbeitslosen in der Geschichte der Zweiten Republik, was in Linz aktuell ein Plus von fast 63% bedeutet. Die Caritas verzeichnet doppelt so viel Anfragen in der Sozialberatung und massiv erhöhten Bedarf an Lebensmitteln. Die Armutskonferenz warnt, dass 80.000 Kinder ohne sozialen Schutzschirm dastehen und ihre Familien am Zerbrechen sind. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt (bestehend aus Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotem Kreuz, Volkshilfe) sieht die Stabilität der Strukturen der gesundheitlichen, familiären und sozialen Daseinsvorsorge in ernsthafter Gefahr. Gemeinden, Länder und Sozialversicherungsträger stehen derzeit nicht zu aufrechten Leistungs- und Förderverträgen. Sozialorganisationen werden dadurch in prekäre Situationen manövriert. Corona bedeutet somit mehr, als gesundheitliche Bedrohung durch ein nicht ausreichend erforschtes Virus. Im paternalistischen Nebel der angeordneten Vernunft werden Menschen weiter in missliche Lagen gedrängt, aber auch der Druck auf Institutionen wird massiv erhöht, die Struktur und Expertise hätten, zu helfen. Wirtschaftsnotprogramme klammern das noch weitgehend aus. Ein gefährlicher Domino-Effekt könnte hier in Gang kommen, der an den Grundfesten des Sozialstaates dermaßen rüttelt, dass still, leise und heimlich menschliche Tragödien in diesem Nebel unbemerkt bleiben. Darauf muss unser Augenmerk liegen, dahingehend müssen wir wachsam sein.

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