Supergau

Supergau ist die Salzburger Antwort auf das Festival der Regionen in Oberösterreich. Der Name dieses vom Land Salzburg initiierten Festivals für zeitgenössische Kunst sorgte wegen der negativen Konnotation bereits im Vorfeld für mediale Aufregung. Für die KUPFzeitung vertiefen wir die Debatte mit Beiträgen von Supergau-Jurymitglied Eva Maria Stadler und Kulturbeobachterin Carmen Bayer sowie einer Einordnung von uns als Dachverband Salzburger Kulturstätten.

Standpunkt — Dachverband Salzburger Kulturstätten
Natürlich sind wir gespannt, welche der 160 (inter)nationalen Einreichungen für das Festival Supergau das Rennen machen werden. Sind es lokale Künstler*innen, deren Kunstarbeit auf Partizipation ausgerichtet ist? Werden die Kunst- und Kulturprojekte der Hürde „Alle künstlerischen Arbeiten müssen im Außenraum stattfinden“, wie es in der Ausschreibung heißt, gerecht? „Als Dachverband sehen wir hier die künstlerische Freiheit extrem eingeschränkt und hoffen drauf, dass beispielsweise die vom KEP (Kulturentwicklungsplan) vorgesehenen Residencies für Künstler*innen als Begleitprogramm des Festivals in irgendeiner Form umgesetzt werden – in der aktuellen Ausschreibung waren sie nicht zu finden.“, so Karl Zechenter über die Sinnhaftigkeit des Supergau-Festivals, das in örtlicher Nähe zum Festival der Regionen inhaltlich vager und mit weit weniger Budget viele Fragezeichen in puncto Umsetzung eines langen Kulturentwicklungsprozesses aufwirft.
Detailinfos zum Festival: → supergau.org


PRO
Radikales Land
von Eva Maria Stadler

The countryside is now the site where the most radical, modern components of our civilization are taking place. – Rem Koolhaas, 2020

Im Guggenheim Museum New York läuft aktuell die Ausstellung ‹Countryside› kuratiert von dem niederländischen Architekten Rem Koolhaas. Das Verhältnis von Land und Stadt zu beschreiben ist für die Kulturwissenschaften eine höchst ergiebige Aufgabe. An ihm lassen sich alle radikalen gesellschaftlichen und ideengeschichtlichen Entwicklungen und Veränderungen ablesen. Glaubt man Rem Koolhaas, dann könnte sich mit der Digitalisierung der Trend der Industrialisierung umkehren, das Land wieder in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Das Festival Supergau, das unter der Leitung von Tina Heine und Theo Deutinger im Sommer 2021 zum ersten Mal stattfinden wird, bietet ein Forum für diese Auseinandersetzung: Von welcher Naturvorstellung gehen wir aus? Ist dieser oder jener Baum schon immer da gewesen? Unter welchen Bedingungen leben Pflanzen und Tiere, die wir als gegeben betrachten? Nach welcher Maßgabe ziehen und verschieben wir Grenzen? Was ist unser Anteil daran? Welche künstlerischen Möglichkeiten ergeben sich, wenn theoretisch nicht nur Zentimeter oder Meter, sondern Kilometer zur Verfügung stehen? Inwiefern lassen sich ästhetische Distanz und menschliche Intervention und Gestaltung ablesen? Korreliert die Subjektivierung des Landschaftserlebnisses mit der Robotisierung der Landwirtschaft? Wie verändern Klimawandel und Migration das Bild vom Land? Und auf welche Weise sind Regionen in globale Entwicklungen eingebunden? Supergau lädt eine Reihe von Künstler*innen ein, sich mit Fragen von Land‹schaft›, mit Perspektiven auf Naturen und Horizonte, mit ländlichen Lebensräumen und urbanen Attitüden zu beschäftigen und eigene Sichtweisen darauf zu entwickeln. Tina Heine und Theo Deutinger haben die Jury mit ihrem AußenraumKonzept, das Festival über 1000 km² Flachgau auszuweiten, überzeugt. Mit den beteiligten Künstler*innen gehen sie neue Wege – wir sind gespannt, wohin sie uns führen werden.

CONTRA
Kollateralschäden im Namen großer Vorhaben?
von Carmen Bayer

Das Anliegen von Supergau erscheint widersprüchlich: Ist das Ziel die Förderung zeitgenössischer Kunst am Land, so stellt sich die Frage der Nachhaltigkeit – nicht die ökologische, sondern die strategische: Wie viel Lust an der Kunst bleibt hängen, wenn das Spektakel nach 10 Tagen wieder endet? Aber sei’s drum, Kunst ist kein Monopol der Stadt und das zu fördern ist gut. Punkt? Nein, so einfach ist es nicht. Irgendwie scheint Kultur am Land noch anders zu ticken, partizipativer. Während der Stadtmensch ins Museum geht, mischt die Landbewohner*in gerne mit, wenn endlich mal was passiert, daheim. Das spiegelt auch die Ausschreibung von Supergau wider, wobei die Liebe zum Gau gar ein wenig fanatisch wirkt. Statt die Verbindung von Stadt und Land als durchlässigen Raum zu interpretieren, muss sich der Gau emanzipieren, hervortreten aus dem dunklen Schatten der Stadt. Emanzipieren soll sich das Land, aber bitte ohne Tradition oder schwelende Nostalgie. Und wieder lande ich im Widerspruch. Zeitgenössische Kunst auf Kosten von Tradition – die ganz nebenbei auch ohne Festivals mehr und mehr verloren geht – durchboxen und dabei trotzdem die Partizipation betonen? Wird hier künstlich gespalten, wo es ohnehin schon Gräben gibt? Alles halb so wild, es gibt ja noch Initiativen wie Wahre Landschaft, ORTung oder Podium, die niederschwellig am Miteinander arbeiten. Doch diese Förderinitiativen sind nach dem ‹aus Drei mach Eins Prinzip› im gewaltigen 480.000 € schweren Fördertopf für Supergau verlorengegangen. Da werden Lücken zurückbleiben und treffen wird es jene, welche den strengen Vorgaben, wie etwa der Beschränkung auf den Außenraum, nicht gerecht werden können. Wenn auch die Schlagkraft der Summe nicht von der Hand zu weisen ist – steht sie wirklich für das Anliegen und für das Aus zusätzlicher Sonderförderungen? Gut gemeinte und symbolisch ausdrucksstarke Förderpolitik übersieht oftmals blinde Flecken. In diesem Fall heißt der blinde Fleck Festival der Regionen und findet inhaltlich verwandt und räumlich nebenan statt. Warum also nicht Supergau im Lungau positionieren oder doch lieber mehr freie Förderungen vergeben?

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