Krise, Kultur und künstliche Intelligenz

Die Coronakrise zeigt, wie wir das Potenzial der Digitalisierung nutzen können. Branchenübergreifend ergeben sich dadurch Möglichkeiten aber auch Herausforderungen, die Sandra Siedl, Nina R. Grossi und Nina Gusenleitner im Folgenden skizzieren.

Krisen und (digitaler) Wandel
Krisen bedeuten Wandel. Und Wandel bedeutet, dass Führungskräfte, aber auch eigenständige Künstler*- innen, gefordert sind, ihr Business auf diesen Wandel vorzubereiten, um auf sich verändernde Gegebenheiten rechtzeitig reagieren zu können. Nicht erst die Finanzkrise 2008/09 hat gezeigt, dass teils radikale Veränderungen notwendig sind. Noch viel stärker scheint die jetzige Situation unser gewohntes Berufsund Privatleben zu beeinflussen – Ausgangssperren und Versammlungsverbote führen zu einer branchenübergreifenden ‹Zwangsdigitalisierung› in vielen Bereichen. Gerade die Geschwindigkeit dieses Wandels birgt viele Herausforderungen. Gleichzeitig bietet die aktuelle Situation die Chance, Veränderungen in Richtung Digitalisierung auch langfristig auszuschöpfen und neue Technologien sinnvoll zu nutzen. Gerade für die Kulturszene scheint angesichts krisenbedingter Reglementierungen das Beschreiten neuer digitaler Wege als unausweichlicher Schritt – mit all seinen Hürden und Potenzialen.

Die Herausforderung des ‹Going online›
Mit der Distanz zum Publikum haben sich vielfach die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Künstler*innen interagieren, verändert. Anders sind die Möglichkeiten und Formen der Ansprache, Interaktion und Leistungserbringung. Auch die Darstellung des persönlichen ‹Angebots› sowie der eigenen Person müssen neu gedacht werden. Es gilt im virtuellen Raum einen neuen Zugang zum Publikum zu finden, auf alternative Art und Weise auf sich aufmerksam zu machen und künstlerisches Schaffen mit all seinen Facetten an das Publikum weiterzutragen. Wie dies aussehen kann, haben diverse digitale Live-Auftritte von Schauspieler*innen, Musiker*innen und Kabarettist*innen aus dem sogenannten ‹Homestudio› gezeigt. Aber auch die Realisierung von Balkonkonzerten, Online-Malkursen, virtuellen Museumsführungen oder Galerie- und Konzertbesuchen hat eine erweiterte digitale Bühne der Kulturszene geschaffen. Nichtsdestotrotz ergibt sich durch die plötzliche Distanz zum Publikum eine wesentliche Herausforderung für alle jene, die zuvor primär auf die persönliche Begegnung bauten und überraschend mit dem Druck zum digitalen ‹Zwangs-Shift› konfrontiert wurden. Die Voraussetzungen des virtuellen Raums variieren und fordern daher nicht selten eine neue konzeptionelle Herangehensweise. Neben umsetzungstechnischen Details steht hierbei als zentrale Frage im Raum, wie Emotion und die besondere Atmosphäre des persönlichen Aufeinandertreffens von Mensch und Kunst transferiert und damit digital erlebbar gemacht werden können. Zudem geht es auch darum, das Publikum, als mehr oder weniger heterogene User*innengruppe – etwa hinsichtlich Alter, Präferenzen oder Online-Verhalten – adäquat abzuholen. Design, Funktionalität, systembezogene Reaktionszeiten und vieles mehr spielen in Hinblick auf das digitale User*innen- und Interaktions-Interface eine Rolle. Diese Faktoren beeinflussen wiederum die wahrgenommene Benutzer*innenfreundlichkeit und wirken sich letzten Endes auf das Nutzungs- und Konsumverhalten Kunstinteressierter aus.

Das versteckte Potenzial für Kunst und KI
Verbannt ins Homestudio werden vielfach, wenn auch im ersten Schritt aus einer Not heraus, kreative Lösungsansätze entwickelt, um die eigene künstlerische Aktivität weiterhin ausüben zu können. Kreativität und Lösungsorientierung lassen Künstler*innen dabei in eine neue, digitale Richtung aufbrechen und den bisherigen Betrachtungsrahmen wechseln, die Perspektive erweitern und neue Potenziale erkennen. Somit werden auch neue Technologien, wie künstliche Intelligenz (KI), als Hilfsmittel eingesetzt, um der künstlerischen Arbeitstätigkeit in Zeiten von Corona treu zu bleiben. Die US-basierte ‹digital agency› Space150, überließ es beispielsweise einer künstlichen Intelligenz (KI), den neuen Song des US-amerikanischen Sängers Travis Scott zu produzieren. Dazu wurden Fragmente bisheriger Songtexte von Scott zwei Wochen lang in ein KI-System eingespeist, das auf dieser Basis lernte, eigene Textfragmente zu generieren. Danach wurde ein neuronales Netzwerk programmiert, das selbstständig Melodien herstellen kann und den Text automatisch vertont. Der fertige KI-Song nennt sich Jack Park Canny Dope Man von Travis Scott und überzeugt trotz inhaltlicher Absurditäten mit einer durchaus gelungenen Fusion von Ton und Text.

Das Institut für Arbeitsforschung und Arbeitspolitik an der Johannes Kepler Universität Linz ist ein interdisziplinäres Forschungsinstitut, das als Teil des strategischen Programms Arbeitsplatz OÖ2030 den fortlaufenden Wandel der Arbeitswelt beobachtet. → arbeitsplatz-oberoesterreich.at/fuer-unternehmen/ arbeitsforschung-arbeitspolitik

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