Schlawinereien und andere Nischen

Vielfalt braucht Nischen, Freiheit braucht Nischen, Anderssein braucht Nischen, Entfaltung braucht Nischen. Ein Plädoyer für Nischen! Ich möchte aus gesellschaftlicher Perspektive drei Arten der Nische herausgreifen, bevor ich mich ins «sehnsuchtsreiche Chaos» begebe.

Nische als Schutz: Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen – dauerhaft oder temporär – Bereiche, die es ihnen erlauben, anders zu sein, ein anderes Tempo zu haben, eine andere Wahrnehmung. Sie sind Voraussetzung, um wieder Fuß fassen zu können, Erholungsräume und damit auch wieder Zonen der Entfaltung.

Nische als Quelle: Jeder Trend startet aus einer Nische. Im Sozialbereich begegnet uns das immer wieder, wenn wir neue Produkte oder Arbeitskonzepte entwickeln. Repair- und Generationen-Cafés sind etwa daraus erwachsen. Die Innovationsforschung sieht Nischen als wichtigsten Ursprung neuer Strömungen. In dieser Funktion haben Nischen die größte Aufmerksamkeit, da sie ökonomisch attraktiv sind.

Nische als Zone der Jugend: Sozialarbeit im Grätzl ist oft konfrontiert mit Beschwerden über die Lautstärke von Jugendlichen und Kindern. Bei genauerem Hinsehen ist das – auf Seite der Jugendlichen – meist Überschwänglichkeit, die in weniger dicht besiedelten Strukturen nicht auffällt. Diese Zonen des Ausprobierens, Grenzen Testens und kleiner Schlawinereien wurden mit zunehmender Verdichtung versiegelt.

Nischen sind Gradmesserinnen der Toleranz und somit der evolutionären Entwicklung einer Gesellschaft. Sie sind überlebensnotwendig für ihre Pluralität, ohne sie wird unsere Gesellschaft arm. Normierung muss Raum für Ecken und Kanten lassen, für Unterschiedlichkeit, für Neues. Eine positive Form des Ungeplanten, des scheinbaren Tohuwabohus, das eigentlich Quelle von Innovation und Perspektivenreichtum ist. Oder, um es mit Nietzsche zu sagen: « … man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.» Gerade in unserem facettenreichen Europa wissen wir doch: Es ist der Freiraum der Vielfalt, wonach wir streben, nicht das nivellierte Protokoll des universalen Standards.

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