‹Generalfahrplan Kultur›

Über den ‹Generalfahrplan Kultur› des Landes Salzburg und wie man nach der Pandemie sonst noch in Kultur investieren könnte. Von Karl Zechenter, Obmann Dachverband Salzburger Kulturstätten.

Ich bekomme Geld dafür, einen Artikel über Geld zu schreiben, der leider folgenlos bleiben wird. Ich stelle hier eine Wette auf: Ich lade den Salzburger Landeshauptmann Haslauer und den Geschäftsführer der SalzburgerLand Tourismus GmbH Bauernberger mit dem Honorar für diesen Beitrag zu einem Mittagessen ein – wenn sie sich melden, um die Umsetzung der am Ende des Beitrags formulierten konkreten Schritte zu besprechen. Weil finanziell gesehen habe ich in den letzten Jahren so oft umsonst gearbeitet, dass es wurscht ist, oder Tofu, wie’s beliebt.

Was ist der Plan? 

In den nächsten drei bis sechs Jahren will das Land Salzburg knappe 475 Millionen Euro in Kulturbauten investieren. Der Name des Pakets: Generalfahrplan Kultur. Um dieses Geld könnte man alle aktuell berufstätigen Kulturarbeiter*innen in Stadt und Land Salzburg über 20 Jahre lang Vollzeit in der allerhöchsten Fair Pay Stufe beschäftigen.

Der Generalfahrplan umfasst über 19 kleinere und größere Bauvorhaben, die die Prioritäten der Kulturpolitik genauso widerspiegeln, wie die Notwendigkeiten von Sanierungen. Der Ausbau-, Neubau- und Umbauplan hat eine Schlagseite Richtung Welterbe, Barock, klassischer Musik und traditioneller Kultur. Allein 335 Millionen Euro, das sind gut 70 % der vorgesehenen Mittel, sind den Salzburger Festspielen gewidmet, die einen neuen Tunnel im Stadtberg erhalten. Ironischerweise brechen sie damit zu dem Gelände durch, das über 40 Jahre zuvor die Freie Szene für sich beansprucht hätte. Ein Durchbruch für die Freie Szene sind die Investitionsvorhaben, soweit man bisher sehen kann, leider nicht. Aber: Es sind Investitionen. Es sind mutige Schritte in schwierigen Zeiten. Es werden wieder Häuser gebaut!

Sie ham a Haus baut …

Schon im Jahr 1971 raunzt der fantastische Realist Arik Brauer über Neubauten, die ihm die Sicht in den Himmel verstellen. Es braucht auch etwas fantastischen Realismus, um an diesem Vorhaben Kritik anzumelden. Macht die Größe des Vorhabens nicht die Kritik kleinlich und die Kritiker*innen letztendlich unglaubwürdig? Der Jubel der Künstler*innen bleibt aus. 

Den Institutionen, den Festspielen, den Museen die Sanierung ihrer brandschutzgefährdeten Räume zu neiden, ist kindisch. Auch ein frisch gegründetes Welterbezentrum und ja, vielleicht sogar ein Sound of Music Museum kann zum Kulturleben von Stadt und Land Salzburg beitragen. Allenfalls muss man sagen, dass die Ausbeute der Freien Szene mit einer Dachreparatur des Programmkinos DAS Kino und einem Probenhaus recht dürftig ausfällt. Letzteres soll für die Freie Szene errichtet werden – bislang laut Plänen der Stadt jedoch ohne die benötigten Werkstätten. Wir bleiben deutlich unter zwei Millionen Euro.

„Haus am See“

Peter Fox singt in festivalsommerlicher Laune über Kinder, ein Altern in Frieden und einen Frauenchor am Straßenrand. Das Haus am See als Sinnbild gutbürgerlicher Idylle. Und diese Idylle ist ziemlich schief. 

Erste Schieflage: Die Freie Szene ist stolz, dass sie nicht mehr rundheraus abgelehnt, sondern in Teilen sogar mittelfristig finanziert wird. Es ist tatsächlich etwas vorangegangen. Aber nur, weil man sich jetzt grüßt, wenn die einen in den Sozialbau und die anderen zur Villa am See gehen, hat sich an der Situation noch nicht viel geändert. Was fehlt ist eine tatsächliche regelmäßige Einbindung und Zusammenarbeit der Freien Szene mit den repräsentativen Institutionen. 

Zweite Schieflage: Salzburg lebt vom Kulturtourismus, aber welche Rolle spielt die Kultur in den Tourismusplanungen? Das müssen wir deswegen umso genauer wissen, weil die Projekte des Strategieplans ‹Tourismus 2013 – 2020›, der ohne Beteiligung von Vertreter*innen der Freien Szene zustande gekommen ist, auf Punkt und Beistrich umgesetzt wurden. 

Ein gewisser Teil der Schieflage mag schließlich damit zu tun haben, dass die Kulturagenden im Land Salzburg zwischen der ÖVP und den Grünen aufgeteilt sind und der Investitionsbedarf im Bereich der von der ÖVP verwalteten Liegenschaften offensichtlich beträchtlich höher ist.

Wir bauen ein Haus

Jetzt haben Sie sicher gedacht, wir hören mit ‹Rauchhaus Song› der Ton Steine Scherben auf, liegen uns alt-68erig in den Armen und schreien «Das ist unser Haus». Aber wir bleiben in den 80ern und sagen mit Blümchen Blau: «Wir bauen ein Haus» und zwar gemeinsam.

Aber das passiert nicht von alleine: Die Bewohner*innen von Sozialbau und Villenviertel treffen sich nur, wenn die Stadtteilarbeit ganze Arbeit geleistet hat. Und auch im Kulturbereich braucht es entsprechende Anreize. Jetzt kommen wir wieder zur eingangs erwähnten Wette, meiner Einladung an LH Haslauer und GF Bauernberger und zur möglichen Folgenlosigkeit des Artikels. Kompliziert wäre es nämlich nicht, Entwicklungen anzugehen, man muss es nur wollen. 

Was zu tun wäre

In einem ersten Schritt müssen endlich die Freie Szene und deren Vertreter*innen einbezogen werden, wenn Touristiker*innen die Mehrjahrespläne für den Kulturtourismus festlegen. Dazu braucht es nur Einladungen und den Willen, sich endlich entgegenzukommen. Der zweite Vorschlag setzt den Gedanken der Kooperation konkret um. Wie wäre es, wenn der Landeshauptmann in den von ihm betreuten Institutionen durchsetzt, dass ein Teil des Programmbudgets oder der Sonderförderungen, die dem Programm der Institutionen dienen, nur zur Verfügung stehen, wenn die Institutionen glaubhaft in Projekten mit Salzburger Künstler*innen zusammenarbeiten. Das wäre das Investitions- und Kennenlernprogramm, das Salzburg tatsächlich braucht. Ich bin relativ leicht zu finden und gespannt, ob sich jemand meldet. Ansonsten kann man diese Ansätze natürlich in ganz Österreich empfehlen. Und Fair Pay auch.

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