Traumjob

Ich hab bye, bye gesagt. Nach über zehn Jahren. Zum Journalismus. Zu dem, was in Österreich darunter verstanden wird: Bussi-Bussi, weggucken und -ducken, Scheinsolidarität, Egotrips, Machtmissbrauch. In diesen Strukturen ist keine Veränderung möglich. Diese Branche ist von Grund auf verrottet.

Der Fall Wolfgang Fellner ist nur die Spitze des Eisbergs. Dass sexuelle Belästigung in der österreichischen Medienbranche Alltag ist, – egal ob im Boulevard oder bei denen, die sich auf Qualität berufen – ist kein Geheimnis. Die ausbeuterischen Strukturen sind der perfekte Nährboden für Übergriffe. Autorin und Podcast-Host Sara Hassan fasste das kürzlich auf Twitter zusammen: «Normalisierte prekäre Arbeit, krasse Ungleichheitsstrukturen mit stark ausgeprägter Unter- und Überbezahlung für bestimmte Gruppen, einer romantisierten Stresskultur, keine kritische Auseinandersetzung mit Machtpositionen und kaum solidarische Aushandlungsorte.» Traumjob, oder?

Als Arbeiter*innenkind und Migrantin ist ein gutes (Arbeits-)Leben in der Medienbranche noch schwieriger möglich. Die einzige Rolle, die bleibt, ist migrantischer Token und ewig dankbar und unterwürfig zu sein. Die elitären Bürgerlichen, mit denen diese Branche durchsetzt ist, haben schließlich das Geburtsrecht, ihre Privilegien zu behalten. Der Rest nur dann, wenn er mitspielt. Wir, die tatsächlich auch von diesem Job leben müssen, ziehen immer am kürzeren Strang. Gratisarbeit und Mindestlohn sind für Rich Kids nicht existenzgefährdend.

Was derzeit rund um Wolfgang Fellner passiert, ist also wenig verwunderlich. Statt die eigenen Strukturen und damit auch die eigene Mittäter*innenschaft zu thematisieren, wird nur auf den bösen Mann im Boulevard gezeigt. Das ist zwar wichtig und längst überfällig, aber auch bequemer und ungefährlicher als die zutiefst neoliberalen Wurzeln anzupacken. Am Ende heißt’s im Medienbusiness: Hauptsache der Lebenslauf stimmt. Kaum jemand hinterfragt öffentlich, wie und auf wessen Kosten sich die weißen Frauen und Männer an den Medienspitzen reproduzieren. Für mich und viele andere bleibt daher der Abschied aus dieser Branche vor allem eins: die gesündeste und beste Entscheidung meines Lebens.

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