Ohne autoritäre Expertise

Der künstlerische Leiter von Bad Ischl/Salzkammergut – Europäische Kulturhauptstadt 2024 wurde abberufen. Was bedeutet das und wie geht es nun weiter? Mario Friedwagner zur aktuellen Lage und zu den Chancen, die im Lernen ohne autoritäre Expertise liegen. 

Die Menschen im Salzkammergut haben Erfahrung im Umgang mit Autorität. Zum einen hatten die Hochwohlgeborenen aus dem Hause Habsburg ihren Sommersitz in Ischl. Zum anderen – und das ist durchaus als renitente Haltung gegen dieses Autoritätsmonopol zu lesen – beansprucht in dieser Gegend «der Klein- und Kleinstkönigreiche», wie Alfred Komarek in seinem Buch Salzkammergut schreibt, «jede und jeder Autorität für sich». Stephan Rabl, der erst im Spätherbst vergangenen Jahres bestellte und Ende März abberufene künstlerische Leiter von Bad Ischl / Salzkammergut – Kulturhauptstadt Europas 2024, hätte das wissen müssen. Es wundert eine*n nachgerade, dass ihm das nicht klar zu sein schien. Aber vermutlich war er einfach ein wenig zu ungeduldig. Und vielleicht auch ein wenig überfordert mit dieser regionalen Komplexität.

Wie auch immer. Kooperation wird im Salzkammergut, wo im Jahr 1868 der erste Arbeiter*innenbildungsverein außerhalb Wiens gegründet wurde, stets großgeschrieben. Diese zentrale Bedeutung des Aushandelns auf Augenhöhe sei auch all jenen mitgegeben, die Rabl in leitenden Positionen nachfolgen werden. Letztlich ist dieser Zugang des Zuhörens einfach eine Frage der Kultur. Der Organisationskultur und damit auch des Managements. Ich sage immer: Ein Freies Radio ist keine Schüler*innenzeitung. Und eine europäische Kulturhauptstadt ist keine Landesausstellung. Wenn wir, wie im Bewerbungsbuch versprochen, einen substanziellen Beitrag leisten und das Regionale mit dem Europäischen verbinden wollen, dann sollten wir bereit sein, unsere Routinen zu hinterfragen und den Initiativen aus Kunst und Kultur ein offenes Ohr zu schenken. Das betrifft in erster Linie die Politik in den Gemeindestuben, aber auch die Platzhirsche in Wirtschaft und Tourismus.

Der Zuschlag, eine europäische Kulturhauptstadt austragen zu dürfen, ist kein Freibrief zur eitlen Selbstgefälligkeit. Er verpflichtet uns vielmehr dazu, die Komfortzonen zu verlassen und neue Wirklichkeiten in das Nervensystem der Region zu laden. «Compete and Consume» mag eine Weile gut funktioniert haben, für eine Zukunft nach der Pandemie werden wir allerdings neue Konzepte brauchen. Die Bereitschaft «ohne Geländer» zu denken, wie es Hannah Arendt nannte, und sich auf eine Zukunft einzulassen, für die es noch keine Erfahrungen gibt, ist eine wichtige Voraussetzung für ein neues Kapitel kultureller Entwicklung im Salzkammergut. Daher sehe ich gerade darin, im Scheitern, eine Chance für den Neubeginn. Erfolgreiche Entwicklung und nachhaltige Transformation beginnen oft mit kleinen Veränderungen, mit wertschätzenden Signalen nach innen, mit Integrität und dem Bekenntnis zu einem echten Miteinander. Als langjähriger Medien- und Kulturmanager würde ich mir daher wünschen, dass das Bewerbungsteam endlich Rollenklarheit findet und den Mitarbeiter*innen der Kulturhauptstadt GmbH gut bezahlte Anstellungsverhältnisse geboten werden. Ich würde mich freuen, wenn auch Alleinerzieher*innen Teilhabe finden, weil nicht nur Vollzeitäquivalente vergeben werden. Und ich würde es schön finden, wenn das bestehende Team alsbald erweitert, Diversität und gesellschaftliche Durchlässigkeit organisiert werden.

Wir haben eigenwillige und großartige Köpfe in der Region, werden aber Menschen mit internationaler Erfahrung brauchen, von deren Wissen in den unterschiedlichen Disziplinen wir lernen können. Auch im Management. Nach dem Abgang von Stephan Rabl wissen wir jetzt, wie es vermutlich nicht gemacht werden soll, und obwohl die Monde verstreichen, bleibt noch Zeit, um herauszufinden, wie es gut und professionell gemacht werden kann. In Summe werden das zwar keine Kultur-Kolonialherrenjahre sondern Lehr- und Lernjahre für alle Beteiligten, aber gerade deshalb finde ich den Zuschlag an Bad Ischl und das Salzkammergut so spannend: Europa findet nicht nur in den Ballungszentren statt. Demokratie wird nicht nur in den Parlamenten verhandelt. Kulturentwicklung ist nicht fancy und hip. Meistens ist es vielmehr ein mühsamer Weg, in einer ländlichen Region eine vitale Kultur der Teilhabe zu entwickeln. Nicht gleich den Sack zuzumachen und die Lösung zu präsentieren, sondern Räume für Prozesse aufzumachen und Lernen ohne autoritäre Expertise zu ermöglichen. 

Gerade das macht für mich Europa aus und gerade das könnte unser Beitrag zu einer Europäischen Kulturhauptstadt sein. Wir, die wir in den inneralpinen Tälern und an den Rändern leben, sind ein Teil davon. Überall dort, wo die Demokratie ernst genommen wird. Hoffentlich auch im Salzkammergut!

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Dieser Text wurde im April 2021 auf dem Blog der KUPF OÖ erstveröffentlicht.

Der Titel Europäische Kulturhauptstadt wird jährlich an mindestens zwei Städte bzw. Regionen vergeben. 2024 wird Bad Ischl/Salzkammergut diesen Titel tragen. Die KUPFzeitung begleitet den Prozess mit einer Serie von Beiträgen.

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